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Schwule und ihre nicht so coole Frauenfeindlichkeit

Liebe Schwule, was geht mit der ganzen Frauenfeindlichkeit bei euch ab? Es ist nicht cool, wenn ihr das Aussehen oder die sexuellen Aktivitäten eurer Freundinnen schlecht macht.
23.5.13

Liebe Schwule, was geht mit der ganzen Frauenfeindlichkeit bei euch? Ernsthaft. Ich sage ja nicht, dass ihr Das andere Geschlecht lieben sollt und euch Musik von Peaches laut reinziehen müsst, aber könnten ein paar von euch (Betonung auf EIN PAAR) damit aufhören, diese gewisse Verachtung für Frauen an den Tag zu legen? Vielleicht ist es euch nicht einmal klar. Wahrscheinlich denkt ihr, dass es einfach niedlich ist, wenn ihr das Aussehen eurer besten Freundin schlecht macht oder sie (aus Spaß!) Schlampe nennt, aber sorry, das ist scheiße.

So wunderbar die Freundschaft zwischen einem schwulen Mann und einer Hetero-Frau auch sein kann, sie hat auch tendenziell dunkle Seiten. Wir kennen ja alle die „OMG, SCHWULER BESTER FREUND“-Epidemie, bei der Frauen ihre Freundschaften mit Homos fetischisieren und sie wie einen PEZ-Spender voller toller Eigenschaften behandeln, anstatt wie ein, ihr wisst schon, menschliches Wesen mit selbstständigem Charakter.

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Aber worüber nicht so viel geredet wird, sind diejenigen Schwulen, die ihre Freundinnen wie den letzten Dreck behandeln. Wenn sich die scheinbar harmlosen Sticheleien in verbale Misshandlungen verwandeln. Letztes Jahr war ich mit einer meiner besten Freundinnen und ihrem schwulen Freund, den ich vorher erst ein- oder zweimal getroffen hatte, bei ihr zu Hause etwas trinken. Wir hatten ein paar Drinks und echt Spaß, bis der schwule Freund plötzlich anfing, sie anzuschreien: „Du bist eine verdammte Schlampe. Schau dich doch einmal an, du kleine Hure!“

Das sollte wohl „frech“ oder „witzig“ sein, stattdessen war es für alle einfach nur noch unangenehm. Meine Freundin hatte keine Ahnung, was sie machen sollte, also lachte sie es nur weg und hoffte, dass es gleich vorbei und vergessen sein würde. War es aber nicht. Er beschimpfte sie die ganze Nacht, bevor er schließlich auf der Couch einschlief. „Das macht er manchmal“, sagte meine Freundin. „Es ist echt demütigend und ich fühle mich immer scheiße.“

Ähm … ja. Von einem deiner schwulen Freunde vor anderen als Schlampe bezeichnet zu werden, ist auch echt ziemlich unangenehm. Das Traurige ist, dass ich so etwas schon ein paar Mal mitbekommen hatte. Ich habe soziopathische, schwule Monster gesehen, die sich mit netten, unsicheren Mädchen angefreundet und sie kontinuierlich runtergemacht haben. „Ich will nur ehrlich mit dir sein, Baby“, hieß es dann, nachdem sie gerade die letzte Attacke gegen ihre Haare, oder was auch immer sie gerade genervt hat, abgelassen hatten. „Weil man zu Freunden doch ehrlich ist.“

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***

„Bi, diskret, 1,92 m, muskolös, suche nach einem ähnlichen Typen, vielleicht blase ich dir einen, entspannter, normaler Spaß … keine Weirdos, fett oder weiblich, sei größer als 1,75m und melde dich.“

oder

„Italiener hier, Ich bin 1,78m, 65 Kilo, mit 19-cm-Schwanz, melde dich mit einem Bild wenn du auf maskuline Subs stehst. keine weiblichen m und keine Frauen.“

Ich verstehe, dass die „Mann sucht Mann“-Kategorien auf diversen Internetseiten sowas wie das McDonald's für Sexsuchende sein sollen. Du darfst direkt sein und dir schnelle Ficks besorgen, das ist die Idee. Wenn du Überraschungen wolltest, könntest du dich auch einfach in einer Schwulenbar betrinken und schauen, wer zuerst anbeißt. Trotzdem wird mir immer ein bisschen mulmig, wenn ich die ganzen Anzeigen lese, in denen extra nochmal „mask., bitte nichts Weibliches“ geschrieben wird, denn es gibt viele von denen.

Das Problem ist doch, dass Weiblichkeit hier nicht nur als Geschlecht, sondern auch als Eigenschaft bei nicht ausreichend maskulinen Männern diskriminiert wird. Vielleicht würde ich mich deswegen weniger schlecht fühlen, wenn wir nicht immer noch in einer Kultur leben würden, die Schwule, die auf hetero machen, zelebriert. Wenn ich nicht immer noch schwule Freunde hätte, die sich schämen, wenn sie etwas tun, das als typisch weiblich wahrgenommen wird. Denn, wenn weiblich zu sein, etwas Schlechtes ist, heißt das auch, dass es etwas Schlechtes ist, Frau zu sein, ergo ist das Frauenfeindlichkeit. Versteht ihr meine Gleichung?

Die Antwort ist beunruhigend. Der Schwule, der nicht schwul wirkt, gewinnt. Er kriegt einen Einser mit Sternchen und wird zum Klassenbesten gekürt. In der Zwischenzeit werden die „weiblichen“ Schwulen als traurige Klischees angesehen. Die schlechten Äpfel, die ständig vom überbevölkerten Schwulenbaum abfallen.

***

In der Regel fühle ich mich in meiner Haut wohl und muss mir nicht die Prädikate „maskulin“ oder „feminin“ verpassen, denn (GEISTESWISSENSCHAFTSMOMENT, aufgepasst!) Gender ist ein dummes soziales Konstrukt! Trotzdem lebe ich in einer Gesellschaft, in der es Trennlinien gibt und die verschiedenen Arten, ein schwuler Mann zu sein, unterschiedlich bewertet werden. Und solange das passiert, werde ich weiter sehen, wie schwule Jungs scheiße zu ihren platonischen Freundinnen sind, weil sie es irgendwie als ein witziges Spiel sehen. Und ich werde immer noch mit den Zähnen knirschen, wenn mich jemand als „Queen“ bezeichnet. In unserer Kultur sind Jungs halt so.