Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Stuff

Ich habe mich von einem TV-Magier hypnotisieren lassen

Jan Becker ist der Lord Voldemort der Gedankenleser-Szene und hat mich zu einem alles wissenden Übermenschen gemacht.

von Lisa Ludwig
26 August 2014, 9:00am

Alle Fotos: Gergana Petrova

Ich muss mich verdammt zusammenreißen, um nicht zu lachen. Mit zusammengepressten Augen atme ich tief ein und aus, während mir ein selbst ernannter Gedankenleser ins Ohr flüstert. An einen schönen Moment meiner Kindheit soll ich denken, sagt er, und dieses Wohlgefühl mit der Nennung meines Namens verbinden. Ein paar Minuten später werde ich laut meinen Namen rufen, während ich mit ausgestreckten Armen auf einem Bein stehe und auch bei starkem Druck und Geschubse nicht die Balance verliere. Ich bin zu Besuch bei Jan Becker und will mich in die Kunst der mentalen Manipulation, des Gedankenlesens und der Selbsthypnose einführen lassen. Der Mann mit der ungewöhnlichen Frisur betreibt zusammen mit einem anderen Psycho-Coach eine kleine Praxis in Berlin. Für rund 580 Euro pro zweistündiger Sitzung macht er nach eigener Aussage überzeuge Nikotin-Jünger zu Nichtrauchern, unterstützt Menschen beim Abnehmen und in Lebenskrisen und heilt tiefsitzende Ängste und Phobien. Bekannt wurde der „Wundermacher“ dem breiten Publikum durch seinen Auftritt in der Magie-Castingshow The Next Uri Geller, mit der Kraft des Geistes beschäftigt er sich allerdings schon seit seinem 12. Lebensjahr.

Mit offenem Lächeln erzählt er mir davon, wie er Borussia Mönchengladbach durch eine kurze Hypnose auf dem Spielfeld zum Sieg gegen den damaligen Tabellenersten aus Hamburg verholfen hat. Becker ist sympathisch, bietet einem direkt das Du an und spricht mit einem, als würde man sich seit Ewigkeiten kennen. Die Atmosphäre in der Praxis in Berlin-Prenzlauer Berg ist beinahe familiär. Die Geschichten, die er erzählt, wirken nicht auswendig gelernt, auch wenn er sie in dieser Form wahrscheinlich jedem Journalisten erzählt. Dass seine Begeisterung für das Thema Gedankenkontrolle mit einem Buch geweckt wurde, dass er von seiner Mutter nach einem Zahnarztbesuch geschenkt bekam. Dass er nicht mit den Hierarchie-Strukturen in einem regulären Angestelltenverhältnis zurechtkommt, seitdem er bei einer Selbst-Hypnose herausgefunden hat, dass er in seinem früheren Leben ein Ritter war. Dass es ihm trotz stolzen Preisen (knapp 100 Euro für die Beantwortung einer Frage per Mail) nicht darum geht, mit der Unsicherheit anderer Leute Geld zu verdienen, sondern er viel mehr eine Anleitung zur Selbsthilfe gibt. Ich glaube nicht an Magie oder daran, dass jemand in meinem Kopf wie in einem Buch lesen kann. Trotzdem fällt es mir zunehmend schwer, mich von den mitunter durchaus plausiblen Geschichten nicht all zu sehr einlullen zu lassen.

Grundlegend muss man die Arbeit des Mannes mit der einsamen Haarsträhne differenziert betrachten. Auf der einen Seite gibt es da die Überzeugung, dass unser Geist den Körper kontrolliert—auch wenn es uns oft gar nicht bewusst ist. Ich bekomme ein Pendel, soll es einfach nur in der Hand halten und mir dann vorstellen, in welche Richtung es schwingen soll. Als ich am Ende des Experiments „Stop“ denke, kommt es in der Luft zur Ruhe. Becker spricht vom Carpenter-Effekt und dass selbst diese kleine Übung schon unter den Begriff Selbst-Hypnose fällt. Wie stark unser Kopf unser komplettes Verhalten beeinflussen kann, nutzt er auch zur Heilung von Phobien. Statt Schocktherapie gibt es in dem loftähnlichen Altbau selbstinszeniertes Kopfkino: „Du musst dir vorstellen, dass du in einem Kino sitzt. Du kuckst auf die Leinwand und siehst dich selbst in einem sicheren Raum, der durch einen Flur mit einem Raum verbunden ist, in dem sich das befindet, wovor du Angst hast. Diese Distanz ist sehr wichtig. Du kuckst also zu, wie du auf der Leinwand in diesen Raum gehst und ihn sofort verlässt, wenn es unangenehm wird. Wenn du das nächste Mal gehst, stellst du dir das Ganze wie einen Comic vor. Das darauffolgende Mal untermalst du die Szenerie noch mit lustiger Musik. Du musst dem Bild, deiner irrealen Angst, den Schrecken nehmen.“

In seinen eigenen vier Wänden gibt sich Becker sehr zurückhaltend. Wie ein geübter Pädagoge erklärt er, wie er den Leuten helfen kann, und wiederholt dabei immer wieder, dass er nur die Tür im Kopf zeigt, durch sie hindurch gehen muss jeder selbst. Sobald er auf der Bühne steht, verwandelt sich der ruhige Mental-Coach allerdings in einen übermächtigen Magier, der Menschen seinem Willen unterwirft und mit den Erwartungen der Zuschauer spielt. „Meine Bühnenshow ist schon sehr subversiv. Da geht es um surreale Bilder. An einem Punkt stehe ich inmitten von liegenden Frauen und lese ein Porno-Gedicht vor”, gibt er beinahe verschämt zu. Ich verstehe, dass es Mittel und Wege gibt, durch aufmerksame Beobachtung und das Drücken der richtigen Knöpfe herauszufinden, was andere Personen denken oder wie sie sich gerade fühlen. Die Zaubertricks, die Becker auf der Bühne und im Fernsehen vorführt, reizen aber meinen ohnehin nicht üppigen Vertrauensvorschuss vollends aus.

Dramatisch inszenierte, vermeintliche Wunder für die gaffenden Massen—nach einem karitativen Sinn für die Bedürfnisse der Menschen klingt das nicht gerade. Als ich mehrfach nachfrage, wie er es schafft, die Geburtstage komplett Fremder zu erraten, weicht der Hypnotiseur immer wieder aus. Stattdessen will er mir die Möglichkeiten des Gedankenlesens an einem weiteren Experiment verdeutlichen. Er holt sein Smartphone aus der Tasche und gibt den Entsperrungscode ein. Ich sehe nur die Rückseite seines Telefons und versuche, die ungefähre Position seiner Finger zu erahnen. Jetzt bekomme ich das Handy und soll es mit meinem eigenen PIN, seinem Geburtstag und zwei willkürlichen Zahlenkombinationen versuchen. Natürlich funktioniert nichts davon. Schließlich fordert er mich auf, die Augen zu schließen, tief ein- und auszuatmen und die erste Zahl einzugeben, die mir in den Sinn kommt. Ich tippe „1504“, der Code stimmt.

Es sind genau diese Momente, in denen man sich von einem kritischen Realisten—und sei es nur für wenige Momente—in ein dumm glotzendes Kind verwandelt. An Gedankenübertragung glaube ich natürlich nicht, aber: Habe ich tatsächlich unterbewusst mitbekommen, welche Tasten Becker gedrückt hat? Gibt es ein ultimatives Gedächtnis, das wir einfach nur lernen müssen anzuzapfen? Ich mache mir die gedankliche Notiz, in der Redaktion zu googlen, ob es eine App für derartige Zaubertricks gibt. Die rund eineinhalbstündige Sitzung läuft jetzt offensichtlich auf ihren Höhepunkt hinaus. Ich bin verwirrt genug, um keine allzu kritischen Fragen mehr zu stellen, als Jan Becker schließlich mit einem Vorhängeschloss um die Ecke kommt. Er stellt eine willkürliche Zahlenkombination ein, die er mir anschließend per Gedankenübertragung übermittelt. Ich empfange nichts von ihm, absolut gar nichts, trotzdem lässt sich das Schloss öffnen. Er verschließt es erneut und schenkt es mir. Aus dem Jenseits will er mir irgendwann die korrekte Kombination übermitteln. Das wäre dann der Beweis für ein Leben nach dem Tod.

In der Straßenbahn denke ich darüber nach, was ich heute gelernt habe. Dass man Menschen ziemlich leicht ablenken kann, vielleicht. Dass Leute verdammt viel glauben, wenn man es ihnen richtig erzählt. Ich ärgere mich darüber, dass ich so leicht zu manipulieren war und fühle mich ein bisschen wie Harry Potter, der lernen muss, Lord Voldemort aus seinem Kopf rauszuhalten. Obwohl ich ihm diese Gedankenlese-Nummer absolut nicht abnehme und verdammt noch mal herausfinden werde, wie das mit dem Telefon funktioniert hat: Wenn das nächste mal eine riesige Spinne in meiner Dusche auftaucht, werde ich mich in meinen sicheren Raum zurückziehen und Slapstickmusik summen. Vielleicht klappt Selbsthypnose ja auch mit Shampoo im Haar und Schnappatmung.

Folgt Lisa bei Twitter.