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The Magic Hour Issue

So therapiert man traumatisierte Tiere

Von der Ex-Laborkater zum tierischen Missbrauchsopfer—zu Besuch bei einer Tierschützerin, die Hunde und Katzen resozialisiert.

von Lisa Ludwig, Fotos: Frederik Busch
06 Mai 2015, 4:00am


Die Exotic-Shorthair-Katze gehört zu den zutraulichsten von Janas Tieren. Weil sie jahrelang in einem Versuchslabor für Tierfutter gelebt haben soll, kann sie kein Katzenklo benutzen. Alle Fotos von Frederik Busch

Man muss nicht auf Seiten wie heftig.co rumhängen, um mit „unglaublichen" Tierrettungsgeschichten konfrontiert zu werden. Katzen, die aus dem Abwasser gefischt werden und bei einer Mutter-Vater-Kind-Familie einen Platz auf Lebenszeit finden. Hunde, halb verhungert am Straßenrand und dann plötzlich komplett verändert, aufgeblüht, auf einer sonnenbeschienenen Blumenwiese. Da draußen gibt es viele Leute, die sich durch Facebook-Posts rühren und in Tierheimen dazu anstiften lassen, ein gebeuteltes Fellbündel mit nach Hause zu nehmen. Auf Facebook gibt es unzählige Gruppen, die sich nur der Vermittlung von Hunden aus Tötungsstationen und anderen tierischen Notfällen widmen. Adoptiere ein Tier, schenke ihm Liebe und alles wird gut, erzählen diese Geschichten, nur: Den schwierigen Teil lassen sie aus. Das, was zwischen Vor- und Nachher liegt, die Genesungsgeschichte einer Kreatur, die womöglich Furchtbares in ihrem Leben erfahren hat und nun eine Chance auf Besserung bekommt. Liebe heilt alle Wunden? Nicht hier. Die Realität riecht nicht nach frisch gewaschener Kuscheldecke.

Wir befinden uns im Osten Berlins, im unszenigen Teil eines Szenebezirks. Hier leben Familien, Pärchen, WGs, die die ganz große Party schon hinter sich haben. Und eine Frau, deren Lebenssituation für die meisten Leute unvorstellbar sein dürfte. Jana (Name von der Redaktion geändert) nimmt seit rund 20 Jahren tierische Problemfälle bei sich auf. Hunde und Katzen, bei denen es mit ein paar Leckerli und einer Runde Kuscheln nicht getan ist und die deshalb nur schwer vermittelbar sind. Dabei arbeitet sie mit Tierschutzorganisationen, Aufbewahrungsstationen und anderen Aktivisten in ganz Europa zusammen. „Das ist ein extremes Leben, dafür entscheiden sich nicht allzu viele Leute", stellt sie fest, während sie die Katzenkörbe vom Esstisch räumt. Gegenüber der Küchenzeile reiht sich Katzenklo an Katzenklo. Vor dem großen Fenster ist ein Gittergeflecht, im Schlafzimmer stehen mehrere Hundekörbchen. „Alles, was nicht angepinkelt werden soll, müsst ihr aufhängen", ruft uns Jana zu, während sie das große Fenster öffnet, um den Geruch nach Tierfutter, Urin und Streu zumindest etwas zu vertreiben. Mit Hunden, die sich in der Anfangsphase nicht anfassen lassen, kann man schließlich nicht Gassi gehen. Die Mittvierzigerin lebt nicht nur mit, sondern vor allem auch für ihre Tiere. Und das sind ziemlich viele.

Genaue Zahlen sollen wir nicht nennen. Sie kennt genug Leute, die wegen ihrem Engagement plötzlich auf der Straße saßen, weil die Hausverwaltung irgendwann doch ein Problem mit mehreren Hunden in einer Wohnung hatte. Außerdem würde ihr die monatlich anfallende Hundesteuer finanziell das Genick brechen. Wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, das zurechtzubiegen, was andere „Tierliebhaber" verbrochen haben, dem bleibt zum Leben sowieso nicht viel übrig—selbst wenn er wie Jana im Schichtdienst arbeiten geht. Als sie damals, vor 20 Jahren, den ersten bedürftigen Hund bei sich aufnahm, wusste die Tierrechtlerin vielleicht noch nicht, wohin sie die Tierliebe irgendwann einmal führen würde. Aber ihr jetziges Leben aufgeben? Das kommt nicht infrage. „Wir Menschen haben das verbockt und deswegen sind wir auch in der Pflicht, das wieder zurechtzubiegen", sagt sie. Weil es nicht viele Menschen gibt, die mit sozial gestörten Tieren arbeiten können oder wollen, übernimmt Jana die ganz schweren Fälle. Hunde und Katzen, die so traumatisiert sind, dass eine normale Vermittlung für sie erst einmal nicht infrage kommt. Solche, die beim Anblick eines Menschen automatisch die Flucht antreten und sich in vielen Fällen nicht einmal mehr anfassen lassen.


Die Collie-Mischlingshündin versteckt sich im Bad zwischen Dusche und Waschmaschine. Traumatisierte Hunde wie sie finden auch bei Artgenossen keine Sicherheit.

„Bei den traumatisierten Katzen ist es mit dem Umgang zunächst einfacher, weil ich mit denen ja nicht Gassi gehen muss", erklärt Jana, während mich eine dunkle Exotic-Shorthair-Katze mit seidigem Fell interessiert beäugt und sacht um meine Beine streicht. Ganz so, als wollte sie erst einmal meine Reaktion austesten. „Eine Verhaltensstörung bei Katzen hängt oft mit Krankheiten zusammen. Hinpinkeln hat mit Blasenentzündungen zu tun, Steinbildungen in der Blase oder Zahnschmerzen. Sobald das gesundheitliche Problem behoben ist, verhält sich das Tier oft wieder ganz normal." Normal ist bei der schönen Rassekatze allerdings eine Frage der Interpretation. Sie pinkelt ausschließlich in die Dusche oder das Waschbecken. „Wir vermuten, dass sie mal als Futtertester in einem Labor gelebt hat. Dort werden die Tiere darauf trainiert, in Becken zu pinkeln, damit man untersuchen kann, ob der Urin nach der Futtereinnahme den korrekten pH-Wert hat."

Diese Vorgeschichte merkt man der Katze aber kaum an. Deutlich misstrauischer scheint da eine tiefschwarze Kollegin von ihr, die mich von der Küchenzeile aus fixiert. „Die hat sich sehr lange nicht anfassen lassen, weil sie von ihren Vorbesitzern geschlagen wurde", erklärt Jana. Ihre Leidensgeschichte beruht laut der Berlinerin auf einem grundlegenden Missverständnis der tierischen Körpersprache. „Wenn Katzen sich ‚streicheln', reiben sie ihre Köpfe aneinander. Eine Berührung mit den Pfoten bedeutet Angriff." Das noch junge Tier „wehrte" sich gegen die falsch interpretierte Geste, daraufhin wurden die irritierten Besitzer grob—und sahen sich mit einer vermeintlich verhaltensgestörten Katze konfrontiert, die sie nicht weiter tragen wollten.

Zu Beginn unseres Gesprächs ist Jana viel in Bewegung. Räumt Stühle um, macht Kaffee und scheucht einen schwarzen Stubentiger vom Tisch, um uns eine Schüssel mit veganen Fruchtgummis hinzustellen. Die Tiere sind nervös, beäugen den unverhofften Besuch mit weit aufgerissenen Augen und sind hin- und hergerissen zwischen der furchteinflößenden Aussicht, sich mit uns im selben Raum zu befinden, und der, uns nicht mehr im Blick zu haben. Der Großteil entscheidet sich dafür, bei Jana zu bleiben. Nur eine Hündin, langes, seidiges Fell, die rein nach ihrem Foto innerhalb kürzester Zeit vermittelt werden würde, flüchtet vor uns. Der zierliche Collie-Mischling ist erst seit wenigen Tagen in der Drei-Zimmer-Wohnung, wenn sie sich überhaupt aus ihrem sicheren Versteck im Bad—zwischen Waschmaschine, Dusche und weißer Plastikwanne—hervorwagt, schleicht sie mit durchgedrückten Gelenken, den Bauch ganz nah am Boden, durch die Räume. Wie ein nervöser Fuchs, der sich auf seiner Suche nach Nahrung ein bisschen zu nah an die Zivilisation herangewagt hat.

Wirklich glücklich darüber, dass sie endlich einen Menschen gefunden hat, der ihr Gutes will, wirkt sie aber nicht—auch wenn Jana ihr nach einer Woche immerhin schon ein Halsband umlegen kann. „Dieser neue, ängstliche Hund empfindet mich jetzt erst mal für ein paar Wochen lang als total schrecklich. Auch wenn es hier aus unserer Perspektive schöner ist, als zum Beispiel in einem Tierheim im Ausland, möchte der Hund erst einmal wieder weg und leidet. Er hat ja keine Verbindung zu dir und es gibt für einen Hund außer Leckerlis auch keinen Grund, sich dir anzuschließen. Deswegen ist das Risiko, dass das Tier in den ersten Tagen abhaut, ziemlich hoch."


„Selbst wenn er gestreichelt werden möchte, sieht er aus, als würde er geraade verprügelt werden. Das ist gerade für Außenstehende ziemlich schwer zu begreifen", sagt Jana.

So hat Jana auch die Bekanntschaft des dunkelbraunen Rüden gemacht, der aussieht, als wäre irgendeiner seiner Vorfahren ein Schäferhund gewesen. Als Jana mir ein altes Bild von ihm aus Polen über den Tisch zuschiebt, auf dem er deutlich jünger ist, bin ich schockiert. Auf dem Foto: glänzendes, dichtes Fell, aufmerksam aufgestellte Rute und Ohren, stolzer Blick gen Kamera. Neben mir: die optische Entsprechung des sprichwörtlichen „geprügelten Hundes". „Niemand weiß genau, was mit ihm passiert ist. Aber als die Tierschützer vor Ort ihn abgeholt haben, sah er so aus. Ein komplett anderes Tier."

Trotzdem wurde der Rüde an eine Frau in Deutschland vermittelt. In Berlin angekommen nutzte er allerdings die erste Chance, um abzuhauen. Drei Monate und etliche Anfütterungsversuche später konnte Jana den Ausreißer schließlich fangen—mit einer 150 Kilo schweren Wildschweinfalle, die sie sich von einem Jäger geliehen hatte. Als seine Besitzerin ihn aus Angst vor Überforderung nicht zurücknehmen wollte, blieb der Tierschützerin nichts anderes übrig, als das traumatisierte Tier selbst aufzunehmen. „Er hatte am Anfang richtig Probleme mit Sprache, deswegen konnte ich immer nur Summen. Er hat wirklich den ganzen Tag gezittert, gehechelt, gebrochen und Durchfall gehabt, wenn man irgendwas von ihm wollte."

Für die meisten Hunde und Katzen ist die Drei-Zimmer-Wohnung nur eine Durchreisestation. Hier können sie wieder langsam Vertrauen zum Menschen fassen—immer in der Hoffnung, sie soweit zu bekommen, dass sie in eine neue Familie vermittelbar sind. „Oft sind diese Hunde geistige Kastraten ihrer eigenen Art—sie können weder uns noch ihre eigene Art lesen und verstehen. Das ist ja das Abartige. Es gab schon Hunde, bei denen mir klar war, dass das nicht wieder herstellbar ist. Die man nicht normal in eine Situation vermitteln kann, in der sie dann auch glücklich werden." Deswegen darf der braune Rüde aus Polen auch bei ihr bleiben. „Den gebe ich nicht mehr her", sagt sie und krault seinen Rücken.

Jana hat schon viele Tiere gesehen, denen von Menschen Furchtbares angetan wurde, und überspielt die meisten beklemmenden Momente nach traurigen Anekdoten mit einem Witz. Wenn es um den sexuellen Missbrauch von ihren Schutzbefohlenen geht, bekommt aber selbst die abgehärtete Tierschützerin einen Kloß im Hals. „Für mich ist sexueller Kontakt zu einem Tier immer eine Vergewaltigung", erklärt sie. „Für mich spielt da nicht der moralische Aspekt eine Rolle, sondern das Macht- und Abhängigkeitsverhältnis, was zwischen Mensch und Tier besteht. Natürlich kann man sich das herbeireden und Zoophile wie diese ZETA-Leute wissen ganz genau, was sie sagen dürfen und was nicht, aber wenn sich eine rollige Katze an einem Menschen reibt, ist das ein rein hormonell gesteuertes Verhalten, keine Einvernehmlichkeit."


Blind, alt, vom Leben gezeichnet und dann auch an einem Nierenleiden erkrankt. Hunde wie dieser Rüde sorgen für monatliche Tierarztkosten, die oftmals selbst den größten Tierliebhaber abschrecken. Bei Jana finden diese Fälle ein Zuhause auf Zeit—und mancher darf sogar für immer bleiben. Ihr erklärtes Ziel ist aber vor allem die Weitervermittlung.

Wer schon so viel tierisches Leid gesehen hat, wird misstrauisch. Gerade dann, wenn vermeintliche Tierfreunde nur Interesse an einem Tier ganz speziellen Geschlechts haben: „Ich habe es schon häufiger mal gehabt, dass Leute sich für einen großen weiblichen Hund beworben haben. Wenn mein Bauchgefühl mir sagt, dass da irgendwas nicht stimmt, dann sage ich manchmal: ,Die Hündin ist schon vermittelt, von der gleichen Rasse hätten wir aber auch noch einen Rüden.'" Oft genug hört Jana von solchen Leuten dann nie wieder. Manchmal wird sie allerdings mit Tieren konfrontiert, bei denen andere nicht so genau hingeguckt haben. Einmal kam eine Hündin mit genitalen Verletzungen zu ihr. Dem Besitzer wurde ein Haltungsverbot ausgesprochen, seinen beiden traumatisierten Tieren konnte das allerdings nicht mehr helfen. „Man konnte die im Bereich der Hinterhand und der Rute gar nicht berühren. Die haben geschrien ohne Ende."

Weil sie die andere, die tierische Seite solcher vermeintlichen „Liebesbeziehungen" zwischen Mensch und Tier kennt, steht sie mit Zoophilie-Aktivisten, die sich auf die Straffreiheit von Sex mit Tieren berufen, auf Kriegsfuß: „Es ist bei Weitem nicht der Fall, dass das moralisch überholt ist. Sex mit Tieren ist nur deshalb nicht gesetzlich verboten, weil man davon ausgegangen ist, das nicht extra benennen zu müssen. Weil klar ist, dass das unter den allgemeinen Paragrafen der Tierquälerei fällt, dem grundlosen Zufügen von Schmerzen."

Die Tierschützerin hat schon viele Tiere kommen und gehen sehen. Manche mit Problemen, die sich durch einen bloßen Ortswechsel beheben ließen, andere mit wirklich tiefsitzenden Traumata. Jana nimmt sie auf, sorgt für eine „Grundsozialisierung" und versucht dann, sie an eine passende Person weiterzuvermitteln. In der Regel sind die Tiere vier bis fünf Monate bei ihr, dauert die Vermittlung länger, bleiben manche ihrer Mitbewohner auch bis zu neun Monate. Ob ihr das nicht schwerfällt, die Tiere wieder abzugeben, frage ich. „Vom Herzen her würde ich natürlich gern alle Tiere dabehalten, aber wenn man sich entscheidet Tierschutz zu machen, dann gehört das Abschiednehmen dazu", erklärt sie. Da ist sie wieder, diese grundlegende Überzeugung, dass es beim Tierschutz nicht darum geht, das eigene Gewissen zu beruhigen. Das Wohl des Tieres steht über allem und wenn sie jede Katze, jeden Hund behalten würde, wäre kein Platz mehr für neue unvermittelbare Notfälle, die ihre Hilfe brauchen.

Es ist dunkel geworden vor den vergitterten Fenstern. Die meisten Tiere haben mittlerweile das Interesse an uns, dem unbekannten Besuch, verloren. Sie machen auf ihre charmante, wenig subtile Art und Weise darauf aufmerksam, dass sie jetzt schon länger als gewöhnlich auf ihr Abendessen warten. Nur die Collie-Mischlingshündin kauert noch im Bad hinter der Plastikwanne. „Während man mit diesen traumatisierten Tieren zusammenlebt, stellt sich natürlich auch mir immer mal die Frage: Was ist das überhaupt, dass sich Menschen domestizierte Tiere halten? Wenn beschlossen würde, Haustierhaltung generell zu verbieten—ich würde sofort mitmachen", sagt Jana, während wir unsere Sachen zusammenpacken. Man muss sie nicht lange kennen, um zu wissen, dass sie das auch so meint.