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Sex

Darum liken deine Freunde deine Facebook-Posts

Mit der Ausnahme deiner Mutter liken nur wenige Menschen deine Status-Updates, weil ihnen das Ganze auch wirklich gefällt. Verdammt, manchmal liken die Leute deinen Kram nur, weil sie ihn abgrundtief hassen.
2.6.15

Foto: Jason Howie | Flickr | CC BY 2.0 Nur wenige Dinge sind so erfüllend wie ein neuer Like bei einem deiner Facebook-Posts. Und das meine ich vollkommen ernst: Tief in uns drin verursacht es ein warmes und wohltuendes Gefühl, wenn unsere Freunde den Unsinn liken, den wir in den sozialen Netzwerken posten. Und dafür gibt es sogar wissenschaftliche Beweise: In Studien wurde herausgefunden, dass wir nicht nur Dopamin ausschütten, wenn wir einen Facebook-Eintrag erstellen, sondern auch ein Bereich im Gehirn namens Nucleus accumbens auf die gleiche Art und Weise wie bei Gedanken an Sex, Essen und Geld aktiviert wird. Dieser dreckige Cocktail aus künstlicher sozialer Interaktion, dem unechten Gefühl von Erfolg und der Illusion von Beliebtheit löst eine Art jämmerlichen Rausch aus, der schon etwas von einer Sucht hat und uns nach dem nächsten digitalen „Daumen hoch!" streben lassen.

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Das Traurige dabei ist, dass die meisten dieser Likes nur eine Farce sind. Während du dich selbst noch zur zweistelligen „Gefällt mir"-Anzahl bei deinem neuen Profilbild beglückwünschst, sitzt jemand anderes am Computer und denkt grinsend darüber nach, warum er oder sie auf den kleinen blauen Daumen geklickt hat. Mit der Ausnahme deiner Mutter liken nämlich nur wenige Menschen deine Status-Updates, weil ihnen das Ganze auch wirklich gefällt. Verdammt, manchmal liken die Leute dein Zeug nur, weil sie es abgrundtief hassen. Glaub mir, du machst das auch. Es folgen nun ein paar der wahren Gründe, warum deine Freunde bei deinen Facebook-Posts auf „Gefällt mir" klicken.

LOYALITÄT

Ich fange mal mit dem Positiven an: Deine Freunde scheren sich eigentlich gar nicht um das Zeug, das du online postest, aber du selbst liegst ihnen am Herzen. Und genau deswegen klicken sie trotzdem auf „Gefällt mir". Der mikroskopisch kleine Teil deiner Online-Bekanntschaften, für die du dich wahrscheinlich ebenfalls opfern würdest, bekommt einfach automatisch einen Like und vice versa—sogar dann, wenn dir ihre Posts zuwider sind. Wofür sind Freunde denn sonst da?

Das Gleiche gilt für die Leute, denen du eigentlich gar nicht so wichtig bist, sie sich aber trotzdem irgendwie dazu verpflichtet fühlen, so zu tun. Zum Beispiel der Typ, den du mal in irgendeiner Bar kennengelernt, dort ein intensives Gespräch mit ihm geführt und ihn dann nie wieder gesehen hast. Genau dieser Typ wird sich eines Tages mit dir über dein neugeborenes Kind freuen.

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Zwischen dir und einigen fremd gewordenen Bekannten herrscht ebenfalls eine symbiotische Like-Beziehung. Die gegenseitige Beweihräucherung der Internetpräsenz des jeweils anderen geht auch dann noch weiter, wenn man sich im echten Leben schon nichts mehr zu sagen hat. Wenn man diesen Bekannten in der Stadt über den Weg laufen würde, wäre wohl eher eine Flucht oder ein Aus-dem-Weg-gehen angesagt. Man liket sich jedoch bis in alle Ewigkeiten und es fühlt sich irgendwie wie ein tristes Fangspiel an, das nur der Tod beenden kann.

BOSHAFTIGKEIT, VERSION EINS

Wir wissen alle, wie es sich anfühlt, wenn man sich gelangweilt durch seinen Facebook-Feed liest und dann—BÄM—taucht da plötzlich mal wieder irgendein Idiot aus deiner Vergangenheit auf. Aber anstelle der üblichen unerträglichen und maßlos übertriebenen Darstellung seines Lebens bringt er dieses Mal zum Ausdruck, dass er irgendwie traurig ist: „Fühle mich riiiiichtig schlecht :( :( :(" oder so ähnlich.

Hey, endlich mal etwas, das dir zusagt. Das gefällt dir. Dir gefällt, dass das Karma hier gegen sein Immunsystem ankämpft; dir gefällt, dass es sich hier um die perfekte Menge an Leid handelt, die man ohne Schuldgefühle liken kann; am meisten gefällt dir jedoch die fast schon perverse Genugtuung, die dich überkommt, wenn du du dir vorstellst, wie der Typ wirklich davon ausgeht, dass du ihm in seiner Stunde der Hilfsbedürftigkeit zur Seite stehst. Es handelt sich hier einfach um einen herzlichen Ausdruck der Boshaftigkeit, ohne dass dabei jemand zu Schaden kommt. Dafür ein Daumen hoch!

Noisey: Ich wurde auf Facebook von einer Band beschimpft, weil ich ihr Shirt-Design nicht mochte.

BOSHAFTIGKEIT, VERSION ZWEI

Ab und an taucht mal ein Post auf, der so zum Fremdschämen einlädt, dass ein Like auf jeden Fall gerechtfertigt ist. Ich meine, der Verursacher muss ja schließlich für seinen außergewöhnlichen Beitrag zum Untergang der Gesellschaft belohnt werden. Ein klassisches Beispiel ist hier der Trottel, der sich in unerwünschten Status-Updates über seinen schlimmen Freundeskreis auslässt. Dann wird von einem nachtragenden Ort gesprochen, wo „Vertrauen" und „Loyalität" anscheinend nichts bedeuten und die „wahren Freunde" mit jedem Tag weniger werden. Jede Person, die sich negativ zu dieser gequirlten Scheiße äußert, wird voller Stolz als ein weiterer „Hater" abgestempelt und wenn man von so ziemlich jedem gehasst wird, dann muss man ja etwas richtig machen. Oder?

Wenn man es mit einem solchen Berufsidioten zu tun hat, dann ist das richtig lebensbejahend—natürlich nicht im Allgemeinen, sondern auf einem rein egoistischen und persönlichen Level. Selbst wenn deine Moral im Urlaub ist und du—warum auch immer—an einem schamvollen Tiefpunkt deines Lebens angekommen bist, dann stehst du trotzdem noch besser da als dieser überflüssige Einfaltspinsel. In Wahrheit gefällt dir nur, dass du ein besserer Mensch bist. Ein bisschen Boshaftigkeit hat noch niemandem geschadet.

SEX

Oftmals sind es unsere Genitalien, die uns dazu bewegen, etwas zu liken. Neben dem gewissenhaften Favorisieren von Twitter-Nachrichten ist das wohl der einfachste und am wenigsten dreiste Weg, jemandem indirekt mitzuteilen, dass man auch nichts gegen ein Schäferstündchen hätte. Früher gab es auch das sogenannte Anstupsen—diese Funktion existiert zwar auch heute noch, aber keine Sau nutzt sie mehr. Das etwas subtilere „Gefällt mir" kann jetzt dazu verwendet werden, eine Kette an Ereignissen in Gang zu setzen, die im echten Leben letztendlich zum Sex mit deinem Facebook-Schwarm führen wird.

Das Scrollen durch eine Ansammlung an Profilbildern ist vergleichbar mit einem Besuch auf dem Viehmarkt: Jeder User wird genauestens studiert und ein Like ist dann ein klares Zeichen von Interesse. Wenn das Foto nur daraus besteht, wie sich eine Bekanntschaft vor der Kamera zur Schau stellt, dann ist die Intention eines Likes nicht mehr von der Hand zu weisen. Diejenigen, die sich in einer Beziehung befinden, können so Monat für Monat nachschauen, wer gerne mit dem Partner bzw. der Partnerin in die Kiste steigen würde. Und denk immer daran: Freunde lassen die Profilbilder von Freunden nicht mit wenigen Likes verkommen.

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Falls du für eine solch offensichtliche Taktik zu diskret und höflich bist, dann kannst du deinen Online-Flirt auch noch wenig aufpeppen, indem du bei einem Foto auf „Gefällt mir" klickst, in dem das Objekt deiner Begierde nur markiert wurde—am besten ein Foto, auf dem die Protagonisten etwas Spaßiges unternehmen und nicht gerade die Kamera verführen. Auf diese Art und Weise sind deine Intentionen ein wenig mysteriöser und nicht ganz so eindeutig, quasi so nach dem Motto „Hey, mir gefällt, dass du dich amüsierst. Und vielleicht will ich sehr wahrscheinlich auch mit dir schlafen". Das gilt natürlich nur für Fotos, die automatisch in deinem Facebook-Feed auftauchen. Du willst ja schließlich nicht wie jemand rüberkommen, der sich systematisch durch das Leben anderer Menschen wühlt und sich nur die guten Sachen rauspickt—wie ein Perversling, der einen Müllbeutel durchsucht.

Hier noch eine noch subtilere und ausgeklügeltere Vorgehensweise: Like ein aktuelles Erfolgserlebnis oder ein Musikvideo, das dein Schwarm bei Facebook gepostet hat. Damit könntest du einen überschneidenden Musikgeschmack (du willst ficken) oder Freude über gute Prüfungsergebnisse (du willst immer noch ficken) andeuten. Und selbst wenn du nur ein unglaublich süßes Video einer bockigen Baby-Ziege likest, schwingt dem Ganzen immer noch ein Hauch von sexuellem Verlangen mit.

ALKOHOLRAUSCH

Im benebelten Verstand des betrunkenen Facebook-Users werden alle ungeschriebenen Verhaltensregeln über Bord geworfen. Quasi-Fremde sind dann ganz plötzlich alte Freunde und man klickt bei allem auf „Gefällt mir", was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Dabei lässt man auch wirklich nichts aus: Das Titelbild der Mutter deiner Ex-Freundin? Ganz klarer Like! Ein zwei Jahre altes Foto, auf dem du richtig gut aussiehst? Verdammt, das muss ich liken! Ein Typ, den du nicht kennst, trauert um seine verstorbene Großmutter? Scheiße, ich muss ihm jetzt beistehen. Like!

Wenn du dann am nächsten Morgen verkatert aufwachst, befindet sich deine Facebook-Raserei auf deiner Reueliste mit Sicherheit im oberen Bereich. Dein Handy zeigt dir eine unheilvolle Anzahl an Benachrichtigungen an und du beschließt, dass es wohl das Beste ist, diese Benachrichtigungen einfach zu ignorieren.

EHRLICHKEIT

Vergiss deine Skepsis mal für einen Moment und stelle dir vor, wie du im irrelevanten Sumpf von ralligen Fremden und unentspannten Ex-Kollegen wirklich mal auf einen Post stößt, der dir wirklich gefällt. Du willst dann einfach nur deiner aufrichtigen Anerkennung Ausdruck verleihen—ohne irgendwelche Hintergedanken.

Die ganze Sache hat jedoch einen Haken: Wird dein Like dann als Flirt-Versuch angesehen? Mit welcher Frequenz hast du beim restlichen Facebook-Müll der betreffenden Person auf „Gefällt mir" geklickt? Falls du in letzter Zeit ziemlich oft den Like-Abzug betätigt hast, dann nimmt man vielleicht an, dass du verrückt bist und dich durch die Vergangenheit der Post-Urheber stalkst, während du dabei ein Mantra bestehend aus deren erfolgreichsten Facebook-Status runterbetest.

Was, wenn du nicht mal mehr weißt, warum ihr überhaupt auf Facebook befreundet seid? Was, wenn sie sich nicht mehr an dich erinnern können? Scheiße, dann erscheint dein Name in der „Gefällt mir"-Liste wie ein schmerzender blauer Daumen. Vielleicht ist es das Beste, den Post einfach nicht zu liken.

Aber dann wird dir natürlich Folgendes klar: All diese hypothetischen Konsequenzen eines Likes sind eigentlich nur Einbildung. Niemanden interessiert so etwas. Wir freuen uns einfach nur über jeden „Gefällt mir"-Klick. Wenn ein unbekannter Name irgendeinen nichtssagenden Einblick in dein Leben wertschätzt, dann bedeutet dir das genauso viel wie der Like eines guten Freundes.