So fühlt es sich an, vom Blitz getroffen zu werden

Ich bin aufgewacht und konnte nur noch meinen Kopf spüren. Der Rest meines Körpers war leblos und hat nach verbranntem Fleisch gestunken.

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31 Mai 2015, 4:25am

Titelbild via Photopin

Zwischen 2007 und 2014 gab es in Deutschland im Schnitt 130 Personen jährlich, die nach einem Blitzschlag mit Verletzungen ins Krankenhaus mussten und durchschnittlich 90 physisch völlig unversehrte Blitzopfer. Ich für meinen Teil hatte mich bislang noch nicht sonderlich intensiv mit dem Thema befasst und war dementsprechend verwundert, dass man von einem Blitzeinschlag nicht zwangsläufig stirbt. Im Durchschnitt werden in Deutschland jährlich drei bis sieben Menschen vom Blitz getötet, wobei die Tödlichkeit von vielen Faktoren abhängt—wie der Stärke des Blitzes, dem Stromweg durch den Körper oder der Dauer bis zur Ersten Hilfe.

Für Renate K. war 2012 so ein wahnsinniges Jahr, in dem sich ihr komplettes Leben in nur einer 100-Millionstel-Sekunde für immer veränderte und ein Blitz ihr den Sommerabend (und ein paar Wochen danach) versaute. Ich habe ihre Geschichte für euch aufgeschrieben.

Ich komme aus einer Familie von Jägern. Bei uns ist es Tradition, stundenlang im Wald herumzuschleichen und nach Tieren Ausschau zu halten, damit wir uns später ihre Geweihe an die Wände hängen können. Auf so einer Tour waren wir auch Anfang Juli 2012. Es hatte gerade aufgehört zu regnen, die Wolken waren dabei, sich zu verziehen, und die Sonne kam langsam wieder zum Vorschein. Mein Ehemann und ich sind auf unseren liebsten Hochstand in der Nähe von Waisenegg bei Birkfeld geklettert und haben all das Jägerzeug gemacht, das Jäger eben so machen: also hauptsächlich Warten. Wir haben uns beide aus den Fenstern gelehnt und in den Wald gestarrt, als es irgendwann wieder ganz leicht zu regnen anfing. Das Letzte, das ich noch weiß, ist, wie ich mir meinen Hut ein bisschen tiefer ins Gesicht gezogen habe, damit ich nicht nass werde.

Im nächsten Moment war ich in einer Achterbahn. Es hat mich wild durchgeschüttelt, mein Gesicht hat plötzlich wehgetan und alles hat sich gedreht. Erst als ich die Augen öffnete, wurde mir klar, dass mich mein Mann gerade wachrüttelt. Ich war nicht im Prater, sondern saß im Hochstand auf dem Boden mit dem Rücken zu Wand, während mein Mann versuchte, mich mit Schlägen und wildem Schütteln wieder zum Leben zu erwecken. Da ich weder einen Blitz gesehen, noch ein Donnergrollen gehört habe, war meine erste Reaktion lautes Schreien und dann die Frage: „Was ist los?"

„Wir müssen vom Hochstand runter, wir wurden vom Blitz getroffen", schrie mein Mann. Aber ich konnte nicht. Ich konnte mich, abgesehen von meinem Kopf, nicht mehr spüren. Nichts. Alles war taub. Ich bestand nur mehr aus Kopf.

Das ist weder Renate noch ihr liebster Hochstand. Rober Verzo | Flickr | CC BY 2.0

Mein Mann hat meinen lebendigen Kopf und toten Körper daraufhin irgendwie die Leiter—die übrigens der Länge nach aufgebrochen war—runtergebracht und an den Waldrand gezogen, wo er mich auf eine Böschung legte, um das Auto zu holen. Aufrecht sitzen konnte ich zwar noch nicht, aber ich spürte, wie ganz langsam wieder Gefühl zurück in meinen Körper kam.

Ich wollte aber auch nicht wie ein Stück verbranntes Fleisch in der Wiese liegen—vor allem, weil ich meinem Mann diesen Anblick ersparen wollte. Ich dachte nur daran, wie es sich für ihn anfühlen musste, seine betäubte Frau leblos in der Wiese liegen zu sehen. Ich wollte nicht, dass er glaubt, ich sei gestorben. Also habe ich mit aller Kraft versucht, mich aufzusetzen. Im selben Moment läutete mein Handy. Es war mein Sohn. Zu diesem Zeitpunkt war mir selbst noch nicht klar, ob ich diesen Tag überleben würde. Ich hatte keine Ahnung, ob die Taubheit in den nächsten paar Minuten nicht vielleicht in meinen Kopf steigen oder doch noch aufhören würde. Es war ein ziemlich schrecklicher Moment, den ich meinem Sohn ersparen wollte.

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Mein Mann hat mich ins Auto verfrachtet und nach Hause gefahren, wo er mich mit Hilfe seiner Eltern auf einen Sessel gesetzt hat. Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, das ich dabei hatte. Mein Körper war einerseits taub, andererseits hat alles gebrannt. Einerseits war ich völlig apathisch und teilnahmslos, andererseits hatte ich auch Todesangst. Ich dachte, ich würde sterben. Weird Fact 1: Meine Jacke hat keinen Kratzer abbekommen, aber meine Bluse, die ich darunter an hatte, war komplett zerfetzt. Es hat sich dann schnell herausgestellt, dass sich eine blutige, stinkende Brandwunde von meiner rechten Schulter diagonal über meinen gesamten Körper bis zu meiner linken Fußsohle zog. Bis auf die Austrittswunde am Fuß ist heute aber alles gut verheilt.

Renates Brand- & Austrittswunde. Mit ihrer freundlichen Genehmigung.

Nach einem kurzen Anruf war dann relativ schnell alles voller Blaulicht. Zuerst kam ein Rettungssanitäter, dann zwei Rettungsautos mit voller Besatzung, dann zwei Notärzte, und alle haben mich und meinen Mann stabilisiert. Beim Einschlag hatten sich unsere Oberarme berührt, weswegen mein Mann die Restladung vom Blitz abbekommen haben muss. Im Nachhinein erzählte er mir, dass er kurz nur noch schwarz gesehen hatte und mitten auf der Leiter zum Hochstand wieder „aufgewacht" war. Wie er dahin gekommen war, wusste er nicht. Weird Fact 2: Während er einen extrem hohen Blutdruck von 220 zu 200 hatte, hätte ich gar keinen perfekteren haben können: 120 zu 80, wie ein Baby im Tiefschlaf. Wir wurden beide in verschiedene Krankenhäuser verfrachtet, wo wir zwei Tage lang auf der Intensivstation liegen und diverse Tests über uns ergehen lassen mussten. Bis auf die Brandwunden war aber alles OK.

Weird Fact 3: Am nächsten Tag hatte ich am ganzen Körper den schlimmsten Muskelkater meines Lebens. Es gab keine Stelle, die nicht wehtat. Es war, als hätte ich in meinem Leben noch nie Sport gemacht und dann an einem Tag sämtliche Sportarten auf einmal ausprobiert. Dazu kam, dass ich eine Woche lang absolut energielos und träge war. Ich hatte keine Lust auf irgendwas. Ich wollte nicht kochen oder einkaufen oder was auch immer—ich saß nur kraftlos da und wollte mich so wenig wie möglich bewegen. Nach einer Woche ist dann wieder Leben in meinen Körper zurückgekehrt.

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Die erste Zeit danach war trotzdem ziemlich hart. Die Presse hat uns überrannt, aber ich habe alle Anfragen abgelehnt. Ich war so unglaublich froh, am Leben zu sein, dass ich nicht mit den Medien darüber sprechen wollte, wie ich fast gestorben wäre. Ich habe auch von vier Blitzopfern in Deutschland erfahren, die am selben Tag von einem Gewitter tödlich überrascht worden sind. Drei waren sofort tot, die vierte ist im Krankenhaus gestorben. Im Fernsehen habe ich zufällig gesehen, wie der ORF meinen Arzt zu meinem Vorfall befragt. Er meinte, dass die Gefahr noch nicht vorüber ist und dass man auch einige Tage nach einem Blitzschlag noch daran sterben kann. Das musste ich im Fernsehen erfahren.

Ich wurde später oft gefragt, ob ich seit dem Blitzeinschlag irgendwie anders lebe. Nein, tue ich nicht. Mir ist aber bewusst geworden, dass ich mein Leben bis jetzt so gelebt habe, wie es für mich lebenswert ist. Ich habe nichts geändert und will auch nichts ändern. Klar, ich zucke immer noch bei jedem Blitz zusammen und versuche, Gewitter so gut es geht zu vermeiden. Die Angst ist schon noch da. Aber ansonsten hat sich nicht viel getan. Ich kann nicht in die Zukunft sehen, Gedanken lesen oder besser riechen, sehen oder hören.

Es kann nur ein sehr kleiner Blitz gewesen sein, weil ich das Ganze so unbeschadet überstanden habe. Darüber hinaus muss es auch der allererste Blitz gewesen sein, weil zu diesem Zeitpunkt weit und breit kein Gewitter zu sehen gewesen war. Mir haben nach dem Einschlag nicht mal wie im Film die Haare zu Berge gestanden und ich musste auch keine geschmolzene Plomben ausspucken. Zu dem Hochstand bin ich seither nie wieder zurückgegangen.

Auf Twitter fühlt sich Philipp vor Blitzen sicher: @Phimiki


Titelbild: Clay53012 | Flickr | CC BY 2.0