Alle Fotos: Grey Hutton

10 Fragen an einen Menschen mit Down-Syndrom, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

"Ich glaube nicht mehr so wirklich an die Liebe."

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15 September 2016, 7:39am

Alle Fotos: Grey Hutton

"Ich liebe Interviews", sagt Jonas Sippel zur Begrüßung. Das trifft sich gut, dafür sind wir ja schließlich hier.

Jonas ist einer von mehr als 50.000 Menschen in Deutschland mit Down-Syndrom. Sie haben einen Fehler im Erbgut: Das Chromosom Nummer 21 ist dreifach vorhanden statt nur zweimal. Daher auch die Bezeichnung Trisomie 21. Das überflüssige Chromosom beeinträchtigt die Intelligenz, die Folgen reichen von leichten Lernbehinderungen bis zu schweren geistigen Behinderungen.

Der 22-jährige Jonas wohnt mit seinen Eltern im brandenburgischen Rangsdorf. Von dort sei Graf Stauffenberg zur Wolfsschanze geflogen, um das Attentat auf Hitler zu verüben, sagt er. Er liebt Geschichte.

Als er noch nicht mal ein Jahr alt war, musste Jonas am offenen Herzen operiert werden. Probleme mit den Herzklappen sind häufig eine Folge des Chromosomenfehlers. Eine breite Narbe zieht sich bis heute über seine Brust.

Früher wollte er James Bond werden oder nach Dinosauriern forschen. Doch während eines Praktikums beim Berliner Theater RambaZamba, das mit behinderten Menschen zusammenarbeitet, entdeckte er das Schauspiel. In sechs Inszenierungen ist er bisher aufgetreten. Das sei aber erst der Anfang, sagt er, denn er sei ruhmsüchtig.

Auch im Gespräch ist Jonas ganz Schauspieler, er lebt das Drama. "Ein Leben ist eine Chance und die darf man nicht verspielen", sagt er—mit der nötigen Pause in der Mitte des Satzes, so wie Hamlet es sprechen würde.

Stellt man ihm eine Frage, formt er mit den Händen ein Dreieck, schließt die Augen und legt den Kopf in den Nacken. Dann spricht er bedächtig und schnürt komplizierte Gedanken aneinander. Mit eindringlichem Blick und leichtem Nicken unterstreicht er wichtige Aussagen.

Beeindruckend, denke ich. Das sagt aber natürlich viel mehr aus über mich als über ihn. Darüber, wie sehr ich ihn unterschätzt habe. Und machen wir das nicht alle andauernd: Menschen mit Behinderungen unterschätzen?

Nicht aber hier, nicht heute. Bühne frei für Jonas Sippel!

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VICE: Was ist scheiße am Down-Syndrom?

Jonas Sippel: Es ist schon doof. Ich komme beispielsweise oft vom Thema ab, wenn mich etwas nicht interessiert.

Wir mit Trisomie 21 können ja eigentlich nichts dafür, dass wir ein Chromosom mehr haben. Man sagt, dass wir geistig behindert sind. Doch das ist nicht ganz wahr. Ich bin zwar etwas eingeschränkt im Kopf, weiß aber sehr viel über Geschichte. Die Ilias oder die Odyssee kenne ich fast auswendig—und die Nibelungen auch.

Und was würdest du gern können, was Menschen ohne Down-Syndrom können?
Hätte ich keine Trisomie 21, wäre ich nicht derselbe. Aber ich bin ja ich—und das ist auch gut so. Es gibt natürlich viele Sachen, die ich gerne können würde. Die kann aber niemand. Zum Beispiel würde ich gern eine Liga der Superhelden gründen und eigene Superhelden erschaffen.

Nervt es dich, dass man das Down-Syndrom sofort sieht?
Dass man es sieht, ist nicht so schlimm. Aber wenn Menschen einen nur darauf reduzieren, dass man das Down-Syndrom hat, dann bin ich genervt.

Warum lachen Menschen mit Down-Syndrom immer so viel?
Wenn was lustig ist, dann lachen wir auch. Aber nur wenn es lustig ist. Oder wenn wir schadenfroh sind—das ist dann nicht so nett.

Wie einfach ist es für dich, eine Partnerin zu finden?
Das ist schon sehr heikel. Ich warte zwar auf die Richtige, aber ich glaube nicht mehr so wirklich an die Liebe. Früher habe ich Freundinnen gehabt, aber es wurde nie etwas daraus. Das ist vielleicht mein Schicksal und ich bin einfach nicht gemacht für Beziehungen. Womöglich eine mit vielen Frauen. Es soll ja Schauspieler geben, die mehrere Freundinnen haben.

Sollte deine Freundin auch das Down-Syndrom haben oder lieber nicht?
Das ist eine gute Frage. Eigentlich will ich keine Freundin mit dem Down-Syndrom, weil ich es ja selbst habe und das nicht immer einfach ist. Aber es ist schon OK, wenn meine Freundin auch Trisomie 21 hat.

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Wie sieht es bei dir mit Kindern aus?

Ich liebe Kinder und es wäre mein großer Wunsch, selbst Kinder zu haben. Aber man muss das wirklich wollen und danach suche ich noch: Was will ich wirklich?

Würdest du dein Baby vor der Geburt auf das Down-Syndrom testen lassen?
Da geht es ja schon um die Frage Abtreibung oder nicht. Ich würde alles dafür geben, ein Kind zu bekommen—auch, wenn es das Down-Syndrom hätte. Das müsste ich dann aber natürlich mit der Frau abklären.



Was hältst du davon, dass viele ihre Babys abtreiben lassen, wenn sie die Diagnose Down-Syndrom bekommen?
Gute Menschen lieben Kinder, egal ob sie Trisomie 21 haben oder normal sind. Wenn sie ein Kind mit Down-Syndrom abtreiben lassen, das sage ich jetzt ganz offen, dann sind sie schlechte Menschen.

Würdest du dir wünschen, das Down-Syndrom nicht zu haben?
Das wäre natürlich ein Wunder. Aber eigentlich bin ich ja ein ganz normaler Mensch, nur mit einem Chromosom mehr und mit einer Narbe von der Herz-OP. Behindert fühle ich mich nicht. Eher als ob die Hälfte von mir vom Down-Syndrom betroffen ist und die andere Hälfte ganz normal funktioniert.

Wer Jonas Sippel auf der Bühne des Theaters RambaZamba sehen will, findet Termine für Vorstellungen hier.

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