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The Holy Cow Issue

Das Leben und mysteriöse Sterben eines revolutionären afroamerikanischen Bürgermeisters

Chokwe Lumumba stieß revolutionäre Veränderungen für die afroamerikanische Community an. Dann starb er. War sein Tod das Ende eines großen Experiments der afroamerikanischen Befreiung?

von Nathan Schneider
04 Juni 2016, 3:40am

Die Beerdigung von Bürgermeister Chokwe Lumumba, der am 25. Februar 2014 starb. Lumumba arbeitete 40 Jahre lang als Anwalt und schwarznationalistischer Aktivist, bevor er 2013 zum Bürgermeister von Jackson, Mississippi, wurde. Fotos von William Widmer

Aus der The Holy Cow Issue

Am 21. Februar 2014, auf den Tag genau 49 Jahre, nachdem Malcolm X in Harlem den Kugeln eines Attentäters zum Opfer fiel, kam Chokwe Lumumba, der Bürgermeister von Jackson in Mississippi, heim und stellte fest, dass der Strom aus war. Die Lichter in der Nachbarschaft brannten noch. Er rief Freunde an, darunter einen Elektriker, einen Elektroingenieur und seinen langjährigen Leibwächter, doch die Ursache blieb ein Rätsel. Während sie auf Rückmeldung vom Stromanbieter warteten, sprachen sie über die seltsamen Gerüchte, die umgingen. Bei der Eröffnung eines Biosupermarkts in Jackson ein paar Wochen zuvor hatte eine weiße Frau gesagt, bei einer Versammlung ihrer Nachbarschaftsvereinigung habe es geheißen, der Bürgermeister sei tot. Er hustete vielleicht etwas und hatte Bluthochdruck, doch sonst war er quicklebendig. Er hielt an jenem Tag sogar eine Rede in dem Supermarkt.

In dieser Zeit, in der durch die USA ein Aufschrei für die Leben ihrer schwarzen Bürgerinnen und Bürger geht, schaffte es Lumumba in einer Südstaatenhauptstadt an die Macht zu kommen, indem er von Black Power und Menschenrechten sprach. Er baute ein landesweites Unterstützernetzwerk und eine lokale politische Basis auf, nachdem er jahrzehntelang einer der radikalsten und aktivsten Anwälte der schwarznationalistischen Bewegung gewesen war.

Im Februar hatte Lumumba auch der progressiven Journalistin Laura Flanders ein Interview gegeben. Flanders hakte vor laufender Kamera nach, was seine Ziele anging, und der Bürgermeister sprach deutlicher darüber, als er es seit seinem Amtsantritt getan hatte. Er besprach das Kwanzaa-Prinzip des Ujamaa, des gemeinsamen Wirtschaftens, das er bei der Vergabe lukrativer städtischer Infrastrukturaufträge künftig zu befolgen plane; er wollte, dass das Geld an lokale Betriebe in Arbeiterhand ging und nicht an Firmen von außerhalb. Er sprach auch von seiner Idee für den "Kush District", den er und seine Verbündeten als sicheren Ort für ein selbstbestimmtes Leben für Afroamerikaner gründen wollten, angefangen mit 18 Countys um Jackson mit einer großen schwarzen Einwohnerschaft.

Damals war Black Lives Matter noch mehr Hashtag als tatsächliche Bewegung, und der schwarze Aktivist DeRay Mckesson konzentrierte sich noch auf Twitter statt auf den Bürgermeisterwahlkampf in Baltimore. Doch aufmerksame Beobachter sahen Jackson als Vorbild, als Hauptstadt der neuen afroamerikanischen Politik und Wirtschaft, als Ort des Widerstands, der dauerhafter sein konnte als Proteste.

Vier Tage nach dem Stromausfall in Lumumbas Haus rief er seinen 30-jährigen Sohn Chokwe Antar Lumumba an: Er habe ein Engegefühl in der Brust. Chokwe Antar, ein Anwalt wie sein Vater, war im Gericht, doch er eilte zu Lumumba und fuhr mit ihm über die kraterreichen Straßen Jacksons ins St. Dominic Hospital. Es gab Tests und Wartezeiten. Krankenpfleger brachten Lumumba gegen 16 Uhr in ein Zimmer, um ihm einen Tropf zu legen. Als sie fertig waren, lehnte er sich zurück, rief etwas über sein Herz, erzitterte und verlor das Bewusstsein. Weniger als acht Monate nach seinem Amtsantritt war Lumumba tot.

Als sich die Nachricht durch den Stadtrat verbreitete, nahm Kali Akuno das Telefon zur Hand. Akuno war einer der wichtigsten Stellvertreter des Bürgermeisters. Er aktivierte das regionale und nationale Sicherheitsprotokoll des Malcolm X Grassroots Movement, zu dem er, Lumumba und viele andere Mitglieder der Regierung gehörten. Während Sekretäre das Büro des Bürgermeisters ausräumten, versuchten Stadträte schon, sich als Nachfolger zu positionieren. Lumumbas Regierung und Akunos Job waren bereits Geschichte.

An jenem Abend hatte Akuna ein seltsames Gefühl in der Brust. Er hatte selbst ein Herzproblem, genauer gesagt mit der Blutgerinnung. Er wies sich gegen 22 Uhr ins St. Dominic ein und wartete unweit der Leiche des Bürgermeisters auf Hilfe. Dann hörte er Stimmen im Korridor.

"Ich bin froh, dass er tot ist", hörte Akuna. "Keine Ahnung, was er sich eingebildet hat. Er hat versucht, uns in Kuba zu verwandeln." Es gibt gewisse Gepflogenheiten in Mississippi, und Lumumba hielt sich nicht daran. Es gibt Grenzen, die man nicht überschreitet, und Lumumba übertrat sie. Ein County-Beamter sprach im Fernsehen die Frage aus, die sich viele schwarze Menschen in Jackson stellten: "Wer hat den Bürgermeister umgebracht?"

Louis Farrakhan, Anführer der Nation of Islam, half bei der Finanzierung der Autopsie durch Michael Baden, der bereits Michael Brown in Ferguson sowie die exhumierten Überreste von Jacksons bekanntestem Bürgerrechtsmärtyrer Medgar Evers obduziert hatte. Unterstützer vermuteten ein Verbrechen, doch als Todesursache stellte sich ein Aortenaneurysma he­raus, vermutlich ein Ergebnis von Lumumbas Tendenz zu Überarbeitung und Unterernährung. Er hatte sich so sehr bemüht, das meiste aus dieser Chance zu machen und seine Amtszeit bestmöglich auszunutzen, dass er sich selbst geschadet hatte.

Als Akuno zusah, wie Lumumba jenen Februar Laura Flanders ein Interview gab, hatte er den Eindruck, sein Chef sei bereit, die Samthandschuhe auszuziehen, die er beim Umgang mit dem Establishment bis dato getragen hatte.

"Bürgermeister tun meist nicht die Dinge, die wir versuchen zu tun", sagte Lumumba. "Aber Revolutionäre werden normalerweise auch nicht zum Bürgermeister gewählt."


Das Geschäftshaus am Martin Luther King Jr. Drive, in dem sich einst das Malcolm X Center for Self Determination befand, verfällt.

In der Capitol Street im Verwaltungsbezirk von Jackson befindet sich das Old State Capitol, das ehemalige Kapitol von Mississippi. Nördlich der Straße steht der schwarze Geschäftsbezirk der Rassentrennungszeit, Farish Street, so gut wie leer. Es gibt mehr historische Schilder als Fußgänger. Das Old Capitol Museum zeigt Sklaverei sowie die Umsiedlung indigener Stämme—die Stadt wurde nach Präsident Andrew Jackson benannt, zum Dank für seinen Beitrag zu Letzterem. Immerhin waren diese Verbrechen einst Gesetz und Vertrag. Dasselbe lässt sich von den ausbeuterischen Hypotheken sagen, die während der Weltwirtschaftskrise die wenigen Fortschritte für den afroamerikanischen Wohlstand vernichteten, welche die Bürgerrechtsbewegung vor allem in Städten wie Jackson gebracht hatte.

Die Capitol Street wandelt sich schlagartig, wenn man im Westen des Stadtzentrums die Gleise überquert. Leere, überwucherte Grundstücke stehen im Schatten des renovierten King Edward Hotel. Aber trotz der offensichtlichen Armut scheinen Chancen für eine Erneuerung in der Luft zu liegen. Eine ehemalige Kindertagesstätte, einstöckig und frisch in Rot-Grün-Schwarz gestrichen beherbergt das Chokwe Lumumba Center for Economic Democracy and Development. Es hält Wache gegen die Gentrifizierung, die zweifellos bevorsteht, und stellt den sichtbarsten Teil des Erbes des Bürgermeisters dar, der über 40 Jahre in der Stadt gewirkt hat.

Lumumba kam 1971 im Alter von 23 zum ersten Mal nach Mississippi. Er war als Edwin Finley Taliaferro in Detroit geboren worden, doch wie viele, die in den 1960ern den Schwarzen Nationalismus für sich entdeckten, legte er seinen europäischen Namen ab und nahm einen afrikanischen an. Vor- und Nachname wählte er mit Konnotationen zum antikolonialen Widerstand. Während er aufs Kalamazoo College in Michigan ging, trat er einer Organisation namens Republic of New Afrika (RNA) bei. Ihr Ziel war nicht Integration und Wahlrecht, sondern eine neue Nation im Herzen der ehemaligen Sklavereistaaten, wo schwarze Menschen selbstbestimmt leben und sich vom Rassismus sowohl des Nordens als auch des Südens frei machen konnten. Sie sahen sich damit als Teil der Unabhängigkeitskämpfe, die sich damals in Afrika ausbreiteten.

Die Lokalbehörden standen dem feindselig gegenüber. Im August 1971 wurde die RNA Opfer einer Schießerei in einem Haus, das sie in Jackson bezogen hatte. Polizei und FBI rückten mit schwerem Geschütz und einem kleinen Panzer an; bei der Konfrontation starb ein Beamter. Lumumba selbst war an jenem Tag nicht anwesend, doch er blieb in der Folge noch einige Jahre in Jackson, um seine Kameraden in der RNA zu unterstützen. In einem RNA-Dokument von 1973 in den Archiven der Mississippi Sovereignty Commission—der Rassentrennungsbehörde des Staats—wird er als Justizminister der Republik bezeichnet. In dem Dokument wird Wiedergutmachung verlangt: "Wir fordern den Kongress auf, Schwarzen in Mississippi 200 Millionen Dollar bereitzustellen, um im Rahmen eines kooperativen Pilotprojekts Tausende mit neuen Gemeinden, Stellen, Ausbildungen, guter und kostenfreier Behausung und angemessener Nahrung zu versorgen sowie Gesundheitsversorgung zu bieten."

Bei der Eröffnung eines Biosupermarkts in Jackson hatte eine weiße Frau gesagt, bei einer Versammlung ihrer Nachbarschaftsvereinigung habe es geheißen, der Bürgermeister sei tot.

Lumumba kehrte bald nach Detroit zurück, wo er 1975 sein Jurastudium an der Wayne State University abschloss. Malcolm X hatte sich gewünscht, Anwalt zu werden; wie Lumumba später seinem Sohn erzählte, war es sein Ziel, die Art Anwalt zu sein, die Malcolm X gewesen wäre. Er vertrat Black Panther und aufständische Häftlinge. Für Mutulu Shakur—der des Bankraubs, Mordes und der Beihilfe zu Assata Shakurs Gefängnisausbruch angeklagt war—argumentierte Lumumba erfolglos, Shakur sei durch die Genfer Konvention als gefangener Freiheitskämpfer geschützt. (Später vertrat er Mutulus Stiefsohn, den Rapper Tupac Shakur.) In den Augen einiger gewann er an Ansehen; bei anderen wurde er berüchtigt. Ein New Yorker Bundesgericht befand, er habe das Gericht missachtet, indem er den Richter als "rassistischen Hund" bezeichnete. 1988 überzeugte er seine Frau Nubia, eine Flugbegleiterin, mit ihm und den zwei Kindern nach Mississippi zurückzukehren. Er wollte fortsetzen, was er und die RNA Jahre zuvor begonnen hatte.

Jackson hatte sich seit Lumumbas erstem Aufenthalt in den 1970ern auf dieselbe unheilvolle Art verändert wie so viele US-Städte. ("So wie ich das sehe, ist alles südlich der kanadischen Grenze Mississippi", sagte Malcolm X einst.) Die Einführung der Bürgerrechte für Schwarze veranlasste die meisten weißen Stadtbewohner, in die Vororte zu fliehen, während sie gleichzeitig ihre politische Macht und die wirtschaftlich vorteilhaften, urbanen Arbeitsplätze behielten. Von dem daraus resultierenden Verfall der Stadt fühlten sie sich nur bestätigt. Für Hollis Watkins, einen lokalen Bürgerrechtshelden, war die Transformation der Stadt durch den "White Flight", die Flucht der Weißen, einfach "gezielte Sabotage".

Lumumba war 1984 Mitgründer der New Afrikan People's Organization, aus der 1990 das Malcolm X Grassroots Movement (MXGM) entstand. Der erste Ortsverband war in Jackson. Das MXMG hatte das Ziel, den Schwarzen Nationalismus einer neuen Generation von Aktivisten näherzubringen. Erwachsene organisierten und besprachen Strategie, während Kinder mit ihrer Pfadfindergruppe New Afrikan Scouts ins Sommerlager fuhren.

Safiya Omar, Lumumbas zukünftige Stabschefin, kam 1989 nach Jackson. Bei Kundgebungen skandierten sie den alten Sezessionsslogan der RNA: "Free the land!"—dreifach, als Call and Response—gefolgt von dem todernst und unisono vorgetragenen Malcolm'schen Zusatz "By any means necessary"—"Mit allen nötigen Mitteln". Obwohl sie den einheimischen Schwarzen unbekannt waren und vielen Weißen Angst machten, dauerte es nicht lange, bis sie zum Teil der politischen Landschaft wurden.

Nach Lumumbas Tod wurde Kali Akuno zum De-facto-Anführer und Sprecher der Bewegung.

Seit Lumumbas Tod ist Kali Akuno zum obersten Sprecher der Bewegung geworden. Als ich letzten Sommer mit Akuno an seinem behelfsmäßigen Schreibtisch im Mehrzweckraum des Lumumba Center saß, beschrieb er seine Welt als ein Zusammentreffen von "Mächten". In einer Generation, deren Radikale zu unmöglichen Forderungen und affektivem Zorn neigen, ist er ein seltener Stratege. Er denkt in Stichpunkten und analysiert vergangene Fehler ebenso bereitwillig, wie er Zukunftspläne darlegt, wobei er über seinen Kinnbart streicht und seine großen Augen umhersehen, immer auf der Hut vor den Mächten, die ihn umgeben.

Akuno wuchs im L.A.-Viertel Watts der 1970er und 80er in der Black-Power- und Black-Pride-Kultur heran, die aus dem Vermächtnis der Anhänger des radikalen Panafrikanisten Marcus Garvey und der New Afrikans entstanden war. Zu "Akuno" wurde er erst später, doch Kali hieß er von klein auf. Die Erwachsenen in seinem Umfeld sprachen über gemeinsames Wirtschaften und Firmen, die demokratisch von den Arbeitern kontrolliert werden. Sie sprachen über Mondragón, die Genossenschaft im Baskenland, die unter der Franco-Diktatur entstanden war. Während seines Studiums an der UC Davis und auch danach driftete Akuno von einem Genossenschaftsexperiment zum nächsten. Nachdem Lumumba und seine Genossen das MXGM gründeten, beteiligte sich Akuno am Ortsverband in Oakland. Er wurde zu einem der wichtigsten Theoretiker der Organisation.

Hurrikan Katrina brachte ihn in die Südstaaten. Als offensichtlich wurde, wie sehr der Sturm schwarze Viertel von New Orleans verwüstet hatte und dass die Regierung alles nur noch verschlimmerte, wurde das MXGM aktiv. Lumumbas Tochter Rukia, damals Jurastudentin an der historisch afroamerikanischen Howard University, flog so oft sie konnte her, um Freiwilligenarbeit zu organisieren. Akuno zog nach New Orleans und nahm eine Stelle beim People's Hurricane Relief Fund an.

"Wir versuchten, für einen Wiederaufbau für das Volk zu werben", sagte Akuno. "Ein Marshallplan für die Golfküste, der die Ressourcen gerecht verteilt." Doch hauptsächlich mussten sie zusehen, wie der Wiederaufbau zum Vorwand wurde, Sozialwohnungen abzureißen und öffentliche Schulen zu demontieren. Statt Wiederaufbau erlebten sie Vertreibung.

"Katrina hat uns vieles gelehrt", sagte Rukia Lumumba. Die Gruppe dachte darüber nach, wie wichtig Regierungsämter und Grundstücksrechte sind. "Ohne Land bist du nicht wirklich frei."

"Ich bekam nach der Wahl lauter Anrufe von weißen Geschäftsleuten—sie hatten schreckliche Angst", sagte mir der Stadtrat Melvin Priester Jr. "Sie befürchteten, dass er sie behandeln würde, wie sie viele schwarze Menschen behandelt hatten—eine Situation wie in Rhodesien."

Akuno und die Theoretiker des MXGM im ganzen Land fingen an, einen Plan zu erarbeiten. Er wurde 2012 als The Jackson-Kush Plan: The Struggle for Black Self-Determination and Economic Democracy veröffentlicht, ein 24-seitiges, farbig gedrucktes Heft aus Akunos Feder mit Karten, Diagrammen, Fotos und längeren Zitaten von schwarznationalistischen Helden und Heldinnen. Darin wird "ein entscheidender Bruch mit dem Kapitalismus und der Abbau des amerikanisch-kolonialen Siedlerprojekts" gefordert, der in Mississippi im sogenannten Black Belt, der Südstaatenregion mit einer historisch bedingt großen afroamerikanischen Bevölkerung, beginnen soll. Hierzu werden drei Strategien vorgestellt: Versammlungen, die gewöhnlichen Menschen politische Beteiligung ermöglichen, eine unabhängige Partei, die sich den Versammlungen gegenüber verantworten muss, und öffentlich finanzierte Wirtschaftsentwicklung durch lokale Genossenschaften. Alle drei Säulen würden sich gegenseitig stützen und beeinflussen.

2008 ging aus diesen Plänen die Idee hervor, einen politischen Kandidaten aufzustellen. Das MXGM war bereits seit fast 20 Jahren in Jackson aktiv und hatte dort eine solide Basis. Akuno schlug vor, das MXGM solle Lumumba aufstellen und Chokwe Antar—der damals sein Jurastudium in Texas abschloss—in der Zwischenzeit ausbilden, um später auch zu kandidieren. Vater und Sohn waren beide widerwillig, doch Lumumba ließ sich überzeugen.

2009 kandidierte er um einen Stadtratssitz in Jackson und gewann mithilfe der MXGM- und seines Rufs als Anwalt des Volkes. Als Stadtrat stimmte er für den Schutz der Gelder für öffentliche Verkehrsmittel und für die Erweiterung politischer Rechenschaftspflichten. Doch es wurde deutlich, dass die wahre Macht in Jackson—vor allem im Bezug auf den öffentlichen Nahverkehr—beim Bürgermeister lag. Die Aufträge für das Verkehrsnetz gingen immer noch hauptsächlich an Firmen im Besitz weißer Vorstädter. Schwarze Menschen waren in Jackson schon lange die Mehrheit, doch das MXGM sah darin keine Freiheit, solange sie wirtschaftlich benachteiligt waren.

Nia und Takuma Umoja haben die Cooperative Community of New West Jackson gegründet. Die Gruppe kauft seit einiger Zeit verlassene Grund­stücke in ihrem Viertel auf und überträgt sie in einen gemeinschaftlichen Landfonds.

Wenige innerhalb der kleinen Elite Jacksons schenkten dem Jackson-Kush-Plan Aufmerksamkeit, als Lumumba 2013 ums Bürgermeisteramt kandidierte. Er war nur einer von vielen Kandidaten. Der Plan war außerdem noch wenig mehr als Formulierung von Zielen. Die Genossenschaften existierten nicht und die Versammlungen, so sie denn stattfanden, wurden nur von wenigen, meist bereits ohnehin Überzeugten, besucht. Doch Lumumba verstand sich als Repräsentant der Mehrheit, welche die Genossenschaften und Versammlungen eines Tages abbilden sollten. An wichtigen Scheidewegen sagte er oft: "Das Volk muss entscheiden."

Der Wahlkampf bewies, wie viel Lumumba bereits in Jackson und anderswo aufgebaut hatte. Rukia Lumumba mobilisierte MXGM-Unterstützer im ganzen Land. Jonathan Lee, der junge schwarze Geschäftsmann, gegen den Lumumba in der Stichwahl antrat, hatte 334.560 Dollar an Wahlkampfspenden gesammelt, während Lumumbas Kampagne nur 68.753 Dollar hatte. Lee war allerdings in Jackson kaum bekannt—außer vielleicht seinen Freunden in der Handelskammer von Mississippi. Der Einsatz des MXGM und Lumumbas Ruf resultierten in einem haushohen Sieg: Am 21. Mai gewann er bei der demokratischen Vorwahl 86 Prozent der Stimmen. Der Slogan der Kampagne: "One city, one aim, one destiny" (Eine Stadt, ein Ziel, ein Schicksal), war eine Hommage an einen alten Garveyisten-Spruch.

"Chokwe hat die Menschen für sich begeistert", sagte Walter Zinn, ein örtlicher politischer Berater. "Vermutlich mehr als sonst jemand in den letzten 20 Jahren."

Doch nicht alle waren begeistert. "Ich bekam nach der Wahl lauter Anrufe von weißen Geschäftsleuten—sie hatten schreckliche Angst", sagte mir der Stadtrat Melvin Priester Jr. "Sie befürchteten, dass er sie behandeln würde, wie sie viele schwarze Menschen behandelt hatten—eine Situation wie in Rhodesien."

Ein verlassenes Haus in West Jackson.

Für Lumumba und seine Regierung (die voll mit MXGM-Mitgliedern war) war der erste Tagesordnungspunkt Schadensbegrenzung: Man hatte die Straßen und Leitungen der Stadt so weit verfallen lassen, dass sie teils untauglich waren. Die Umweltbehörde EPA verlangte die Instandsetzung des verkommenen Abwassernetzes. Mittel wurden für Reparaturen gebraucht; vielleicht konnte man danach das Geld in die Gründung gemeinschaftlicher Unternehmen stecken, welche die nötigen Arbeiten durchführten. Lumumba nutzte das politische Kapital aus seinem Wahlsieg, um per Volksentscheid eine einprozentige Erhöhung der Mehrwertsteuer durchzusetzen, und erhöhte die Wasserpreise. Dringende Bedürfnisse gingen vor.

"Wir haben in Jackson nicht die Macht gewonnen", sagte Akuno, "sondern eine Wahl. Das ist nicht dasselbe."

Um die Mehrwertsteuererhöhung durchzubekommen, musste Lumumba einer Kommission, die zum Teil vom Parlament des Bundesstaats kontrolliert wurde, Einsicht in die Finanzen gewähren—ein Zugeständnis, das nicht einmal sein konservativerer Vorgänger hatte machen wollen. Er hoffte, später die Bewohner von Jackson dazu bewegen zu können, die volle Kontrolle über ihre Steuereinnahmen zu verlangen, doch aufgrund der Notlage fand er sich vorerst mit der Kommission ab.

Als Direktor für Sonderprojekte und externe Mittel versuchte Akuno, den Jackson-Kush-Plan auf den Weg zu bringen. Ganz gleich, wie lang Lumumbas Regierung währte, er wollte Strukturen erschaffen, die sie überdauerten. Er erarbeitete Pläne für einen 15-Millionen-Dollar-Fonds für Genossenschaften aus Geldern der Stadt, Kreditgenossenschaften und Spenden. Ihm schwebten Kooperativen in Arbeiterhand für alle städtischen Aufgaben vor: Müllabfuhr, Anbau des Essens für Schulen, technische Arbeiten. Lumumba unterstützte dies mit Vorschriften zur Vergabe von mehr Aufträgen an lokale Firmen. Es gab auch Pläne für einen Beteiligungshaushalt, basierend auf Experimenten in Brasilien und New York, der den Menschen in Jackson eine direkte Entscheidung über Mittelvergaben erlauben würde.

Das Pink Potato Cookhouse wurde renoviert und als Gemeindeküche eingerichtet.

Ben Allen, Präsident der Stadtentwicklungsfirma von Jackson, lernte Lumumba kennen und war positiv überrascht. Als er Lumumba zu einer Party in seinem Country Club einlud, nahm dieser an. "Unsere Ängste waren weg", erinnert sich Allen, der weiß ist. "Er wollte mit uns arbeiten."

Die Probleme Jacksons gingen 2013 über Hautfarben hinaus. Eine Investmentfirma in Santa Monica hatte mehr als die Hälfte der Privatgebäude im Stadtzentrum gekauft. Israelische und chinesische Investoren gab es auch. Im Kontrast zur alten Sezessionsstrategie der RNA in den 70ern schmiedete Lumumba Koalitionen, wo er nur konnte. Genossenschaften und Versammlungen wurden dem Ausgleich des Etats untergeordnet, zumindest in seinen Amtshandlungen.

"Als wir dort ankamen, wussten wir, dass wir sichergehen mussten, dass wir an der Stadtentwicklung beteiligt werden", sagte mir Nia Umoja. "Unsere Leute werden sonst nie beteiligt."

Doch drei Meilen stadtauswärts, nur ein paar Blocks vom Zoo, spross langsam ein anderer Samen der Jackson-Kush-Vision. Anfang 2013 zogen die MXGM-Mitglieder Nia und Takuma Umoja mit ihren Kindern von Fort Worth, Texas, in ein kleines Holzhaus in dieser heruntergekommenen Gegend. Sie freundeten sich mit den Nachbarn an, fingen an, den angehäuften Müll wegzuräumen und Hochbeete aufzustellen. Sie erklärten acht Blocks des Viertels zur "Cooperative Community of New West Jackson" und teilten ihre Nachbarn, von denen viele als Farmpächter aufgewachsen waren, für Bauarbeiten und Obst- und Gemüseanbau ein. Diskret kauften sie immer mehr Grundstücke in der Gegend, um sie in einen Landfonds zu übertragen. Sie renovierten verlassene Häuser und strichen sie bunt an. All das war Teil des Plans, der auch ihren alten Freund Lumumba ins Bürgermeisteramt gebracht hatte. Und wie auch Lumumba knüpften die Umojas viele Kontakte.

Sie bauten Beziehungen zu örtlichen Einflussnehmern auf, darunter Bauunternehmer, Pastoren und Politiker—Leute, die selbst Pläne für den Wiederaufbau der Gegend um den Zoo hatten. In Fort Worth war das Gemeindezentrum der Umojas enteignet worden, und so etwas wollten sie nicht noch einmal erleben. Sie würden mächtige Unterstützer brauchen. "Als wir dort ankamen, wussten wir, dass wir sichergehen mussten, dass wir an der Stadtentwicklung beteiligt werden", sagte mir Nia Umoja. "Unsere Leute werden sonst nie beteiligt."

"Seit der Weltwirtschaftskrise gibt es riesiges Interesse", sagte mir Nembhard. "Die Leute verstehen, dass die Hauptwirtschaft für sie nicht viel bereithält und sie Alternativen brauchen." Kooperativen können ihrer Erfahrung nach an den Rändern eines Wirtschaftssystems florieren.

Die Bewegung, die dafür sorgt, dass #BlackLivesMatter ein Twitter-Trend bleibt, wurde durch Schlagzeilen über von der Polizei getötete schwarze Männer angestoßen. Geführt wird sie aber hauptsächlich von Frauen und Homosexuellen. Diese Bewegung interessiert sich auch nicht in erster Linie dafür, ob Polizisten Körperkameras tragen. Ihre Anführerinnen und Anführer verwenden das Wort "Kapitalismus" ohne Furcht und mit Verachtung. (Der Slogan "Black Lives Matter" stammt von Alicia Garza, die Hausangestellte politisch organisiert.) Sie sind überzeugt, dass die Leben schwarzer Menschen erst als wertvoll gelten werden, wenn die gesamte Gesellschaft neue Werte einführt. Wie bei so vielen anderen Bewegungen auch gelangt nur ein kleiner Bruchteil davon in die Nachrichten.

Der Kampf um Bürgerrechte in den 1960ern war da keine Ausnahme, denn es ging nie nur um Bürgerrechte. Malcolm X sprach lieber von "Menschenrechten", und auf dieser Grundlage wollte er auch die USA bei den Vereinten Nationen anzeigen. Martin Luther King Jr. demonstrierte für "Gerechtigkeit und Arbeit"; an dem Tag, bevor er starb, unterstützte er streikende Müllentsorger. "Black power", "black liberation", "black lives"—diese Phrasen sprechen von Forderungen, die viel umfassender sind, als Schlagzeilen oder mythologisierende Rückblicke widerspiegeln. Und eine Verbindung zur Ökonomie bestand dabei immer.

Vor 20 Jahren erkannte Jessica Gordon Nembhard, eine politische Ökonomin am John Jay College of Criminal Justice, eine versteckte Wirtschaft in der afroamerikanischen Gesellschaft. Immer wieder organisierten sich Menschen auf kreative Art in Betrieben, deren Besitz und Führung demokratisch gestaltet waren. Angefangen bei den Genossenschaften, die W. E. B. Du Bois 1907 in Economic Cooperation Among Negro Americans auflistete, rekonstruierte sie eine Geschichte, die bis dahin nur in Fragmenten innerhalb von Familien überliefert worden war, und der man selten viel Bedeutung beigemessen hatte. Das Ergebnis veröffentlichte sie in ihrem Buch Collective Courage: A History of African American Cooperative Economic Thought and Practice. Es gab Genossenschaften für Farmpächter, die bessere Preise erzielen wollten, sowie für Stadtbewohner, um für Bedarfsgüter weniger zu zahlen, und genossenschaftliche Kommunen, die versuchten, eine neue Welt jenseits der Unterdrückung durch Weiße zu schaffen. Wo weiße Banken keine Kredite vergaben, entstanden Kreditgenossenschaften. Diese Bemühungen wurden sabotiert und unterdrückt, doch "es gibt keine Phase in der US-Geschichte, in der Afroamerikaner nicht kooperative Projekte hatten", wie Nembhard mir sagte.

Mitte der 1960er wurde Black Power zuerst unter Landbesitzern und Genossenschaftlern in Lowndes County, Alabama, zur Bewegung, bevor sie sich in die urbanen Zentren ausbreitete. "Das Konzept von Black Power kam von Farmern, die eigentlich unabhängig waren, aber die den Wert kollektiver Organisation und kollektiven Besitzes erkannt hatten", sagte mir Wendell Paris, ein damaliger Bürgerrechtsaktivist und Genossenschaftsentwickler in Alabama und Mississippi. In Städten wurden daraus die bewaffneten Demonstrationen sowie Essens-, Behausungs- und Gesundheitsprogramme der Black Panther.

Jahrelang reiste Paris durch den Süden, um schwarzen Farmern zu helfen, ihr Land zu behalten und kooperativ Wohlstand aufzubauen. Schwarze Farmer in Louisiana erhielten keinen fairen Preis für ihre Süßkartoffeln, also gründeten sie eine Kooperative mit eigenen Märkten—oft in den Nordstaaten. In Alabama gründeten Farmer, die Wucherpreise für Dünger zahlen mussten, eine Genossenschaft, um ihn en gros einzukaufen. Paris half 1967 bei der Gründung der Federation of Southern Cooperatives. Damalige schwarze Aktivisten besuchten Kooperativen in Afrika und Israel. Nach Jahren des Kampfs für das Wahlrecht organisierte Fannie Lou Hamer die Freedom Farm, eine Genossenschaft, die mithilfe der neugewonnenen Bürgerrechte die Ernährungsautonomie sichern wollte. Heute erwacht diese Tradition zu neuem Leben.

"Seit der Weltwirtschaftskrise gibt es riesiges Interesse", sagte mir Nembhard. "Die Leute verstehen, dass die Hauptwirtschaft für sie nicht viel bereithält und sie Alternativen brauchen." Kooperativen können ihrer Erfahrung nach an den Rändern eines Wirtschaftssystems florieren. Die gemeinschaftliche Struktur sorgt dafür, dass Geld innerhalb der Gemeinde bleibt, und dient als Schutz gegen Finanzkrisen. "Genossenschaften können mit fast jeder unserer wirtschaftlichen Herausforderungen umgehen", sagte Nembhard.

Elandria Williams ist Organisatorin am Highlander Center in Tennessee, einem historischen Basislager für Agitatoren und Aktivisten. Williams studiert Beispiele wie die italienische Region Emilia-Romagna, wo Kooperativen Steuervorteile genießen und in Sektoren wie Landwirtschaft, Handwerk und Hightech florieren. Genossenschaften entstehen nicht einzeln, sie brauchen eine Infrastruktur, ein Ökosystem. Deswegen arbeitet sie mit dem Southern Reparations Loan Fund, einem Fonds für neue Kooperativen.

"Wir versuchen zu verstehen, wie eine ganze Wirtschaft aussehen könnte und nicht nur einzelne Firmen", sagte Williams. Dies war ein Grund, warum Lumumbas Wahl so wichtig war.

"Beim Gedanken, dass der Bürgermeister von Jackson einer von uns war und wir ein echtes Beispiel einer schwarzen Stadt aufbauen würden, die das kooperative Gemeinwesen unterstützt, waren wir sehr aufgeregt", sagte Nembhard. Von Schwarzen geführte Genossenschaften wurden davon im ganzen Land inspiriert.

Zum Beispiel bauen Anhänger des verstorbenen Aktivistenpaars James und Grace Lee Boggs ein Netzwerk kooperativer Unternehmen auf den verlassenen Grundstücken von Detroit auf. In New York investiert die Stadtregierung 3,3 Millionen Dollar in neue Arbeiterkooperativen in Industrien wie Hauspflege und Catering. Charles und Inez Barron, langjährige Freunde von Lumumba, wollen ihre Positionen im Unterhaus und im Stadtrat einsetzen, um in einigen der ärmsten Gegenden von New York City Kooperativen einzurichten.

Diese brauchen jedoch Zeit, und die neue Wirtschaft entwickelt sich für die meisten zu langsam. Die Generation von Farmern, die sich in den 1960ern und 70ern in der Federation of Southern Cooperatives organisierte, altert und verstirbt inzwischen, und die neuen Genossenschaften entstehen gerade erst. Die Geschichte der schwarzen Kooperativen ist nicht nur eine der "kollektiven Courage", wie Nembhard schreibt, sondern auch eine des Verlusts. Der Verlust kam in Form der Landespolizei von Alabama, die so lange einen Gurkenlaster kontrollierte, bis das Gemüse in der Sonne zu Matsch geworden war, in Form der Polizeirazzia mit einem Panzer und auch in Form eines Aortenaneurysmas.

Socrates Garrett, der bekannteste schwarze Unternehmer in Jackson, war gegen die Vorgehensweise der Lumumba-Regierung.

Als Chokwe Antar die Leiche seines Vaters im Krankenhausbett liegen sah, beschloss er, fortzusetzen, was Lumumba begonnen hatte. Er sagte nichts; die nächsten Schritte mussten noch mit dem MXGM besprochen werden. Seine Frau war schwanger. Manche hielten ihn für zu unerfahren, doch letztlich stimmte ihm die Bewegung zu. MXGM-Mitglieder im ganzen Land mobilisierten sich wieder. Doch als Lumumba starb, war der Jackson-Kush-Plan kein Geheimnis mehr und die Geschäftsleute der Stadt konnten sich dagegen wappnen.

Socrates Garrett ist der bekannteste schwarze Unternehmer in Jackson. Er gründete 1980 eine Firma, die Reinigungsmittel an die Regierung verkaufte; heute sind seine fast 100 Angestellten auf anspruchsvolle Umweltdienste spezialisiert. Seine Erfolgs­geschichte handelt davon, wie er sich einen Weg durch das weiße Männernetzwerk von Mississippi bahnte, und dazu musste er seine Politik fast vollständig auf seine Geschäftsinteressen reduzieren. Er ist ehemaliger Vorsitzender der Handelskammer und sitzt im Vorstand diverser Wohltätigkeitsorganisationen. Er beschreibt sich als progressiv und unterstützte den letzten republikanischen Gouverneur Haley Barbour. Garrett wurde zur politischen Macht, und er hatte deutlich weniger ideologisches Gepäck als die Mitglieder des MXGM.

"Ich musste Beziehungen zu Politikern knüpfen", sagte mir Garrett. "Wer nicht mit der Regierung Geschäfte macht, gehört nicht zum amerikanischen Mainstream."

Garrett wurde zum Lumumba-Unterstützer, als der Verlauf der Wahl absehbar wurde, doch er wurde bald enttäuscht. Die vom MXGM angeführte Regierung machte keine Politik, wie er sie kannte. "Sie brachten Leute mit verschiedenen Hintergründen ins Amt", erinnerte er sich. "Sie hatten lauter komische Namen, wie Muslime." Man sagte ihm, er werde keine Sonderbehandlung erfahren. Safiya Omar, Lumumbas Stabschefin, bestand darauf, dass er wie jeder andere Auftragnehmer behandelt werde, wovon Garrett sich vor den Kopf gestoßen fühlte—ausgerechnet, als der radikale schwarze Bürgermeister sich zu verrenken schien, um das weiße Establishment zu besänftigen.

"Da bin ich als schwarzer Mann—ich fange bei null an, arbeite mich über 30 Jahre hoch—und dann stimmt mit meinem Geschäftsmodell etwas nicht?", sagte er.

Garrett konnte nicht verstehen, wie Kooperativen es schaffen wollten, große städtische Aufträge auszuführen—brauchte man dazu doch so viele Verbindungen und Ausrüstung. Das Recht von Mississippi sieht nicht einmal Arbeiter- oder Konsumentenkooperativen vor; die Bestehenden müssen sich außerhalb des Staats anmelden. "Das konnte meiner Meinung nach nur in Chaos enden", sagte er. Er sah sich nach einem neuen Bürgermeister um, dem er zum Erfolg verhelfen konnte, und fand Tony Yarber, einen jungen, Fliege tragenden schwarzen Pastor und Stadtrat aus einem armen Viertel. Was ihm an Erfahrung fehlte, machte er durch seinen Willen zur Kooperation wett.

Eine Woche darauf war Chokwe Antar in den Nachrichten. In Clarke County hielt ein Polizist Jonathan Sanders, einen Schwarzen mit einem Pferdekarren, an. Nachdem der Beamte ihn in den Schwitzkasten nahm, starb Sanders. Chokwe Antar übernahm den Fall.

Garrett und Yarber planten diskret den Wahlkampf gegen Lumumba 2017, doch als der Bürgermeister starb, kam ihre Chance unerwartet früher. Die weißen Geschäftsleute, die Bürgermeister Lumumba toleriert und sogar gemocht hatten, waren nicht gewillt, das Risiko mit seinem jungen und wenig bekannten Sohn einzugehen. Jackson Jambalaya, ein meinungsstarker, konservativer Blog, verspottete ihn als "Octavian". Chokwe Antars Plakate enthalten neben reichlich Ausrufezeichen das Versprechen, "die Vision fortzuführen". Yarber hingegen sagte der Jackson Free Press: "Ich verspreche den Leuten nichts als eine gute Regierung." Garrett war sein größter Einzelspender.

Das Ergebnis war das Gegenteil der Wahl ein Jahr zuvor. Die Bevölkerung von Jackson ist zu 80 Prozent schwarz und Chokwe Antar gewann eine solide Mehrheit in schwarzen Vierteln. Doch die weiße Minderheit ging massenhaft wählen, angetrieben von Stimmenwerbung in den wohlhabenderen Gegenden, die zu 90 Prozent für Yarber stimmten. Am 22. April gewann Yarber die Wahl knapp.

Yarber entließ fast alle Mitglieder der vorherigen Regierung. Selbst Wendell Paris, der in Teilzeit an der Entwicklung von Gemeinschaftsgärten auf städtischen Grundstücken gearbeitet hatte, wurde entlassen. Als ich ein Jahr später im Rathaus war, sah ich Yarbers Schwester, eine Polizistin, beim Metalldetektor am Eingang sitzen und auf dem iPhone herumtippen, das man auch Lumumba bereitgestellt hatte.

"Das Gefühl, das wir etwas Großartiges erreichen werden, hat sich irgendwie verflüchtigt", sagte mir Safiya Omari.

Akuno saß in einem verblichenen T-Shirt der Bürger­meisterkampagne und einem Cap mit Che Guevaras Kopf in einem roten Stern auf seiner Veranda und rieb seine zwei kleinen Kinder mit natürlichem Insektenschutzmittel ein. Er erklärte mir, die Erhöhung der Mehrwertsteuer und der Wasserpreise habe einen Teil ihrer Wählerschaft abgeschreckt, doch der Kapitalismus habe ihnen keine Wahl gelassen. Er folgte den Nachrichten über die linke griechische Partei Syriza und ihren Konflikt mit der Troika. "Ich habe das Gefühl, genau zu wissen, welche Gespräche sie hinter den Kulissen führen", sagte er. "Ich habe das schon erlebt."

Auf der anderen Seite der Stadt war Garrett, der sich gesegnet fühlte. Bürgermeister Yarber hat alles wieder zum Alten gewendet. "Gott schickt jedes Mal eine Antwort", sagte er. "Aber ich kann Ihnen versichern, diese Bewegung ist gesund und munter. Und wenn Yarber nicht gut aufpasst, wird sie wiederkommen."

Ein Schrein für Chokwe Lumumba im Lumumba Center.

Im Mai 2014, Monate nach Lumumbas Tod, strömten Menschen aus den ganzen USA und aller Welt zu einer Konferenz namens Jackson Rising auf den Campus der Jackson State University. Sie lernten von Nembhard über die Geschichte der von Schwarzen geführten Kooperativen und stellten sich vor, was aus Jackson hätte werden können—und vielleicht noch werden kann. Lumumbas Konterfei war auf dem Programm zu sehen, mit einer Mitteilung seines Büros aus dem Jenseits: "Unsere Stadt ist erfreut über Jackson Rising und die Aussichten auf Kooperativenentwicklung", hieß es, als sei nichts geschehen. Doch die Unterstützung der Veranstaltung durch die Stadt war abgebrochen, seit Lumumba nicht mehr im Amt war.

Das MXGM entwickelte derweil eine neue Organisation, Cooperation Jackson, um die Arbeit fortzusetzen. Akuno erklärte das vierteilige Programm: ein Kooperativen-Inkubator, ein Bildungszentrum, eine finanzielle Institution und ein Genossenschaftsverband. Bald gab es Pläne, mit der Gründung dreier verzahnte Kooperativen zu starten: eine urbane Farm, eine Catering-Firma (die nach Lumumbas 2003 verstorbener Frau Nubia benannt wurde) und eine Kompostfirma, die den Abfall der Caterer wieder zur Farm brachte. Akuno sammelte Geld von Stiftungen, Entertainern und kleinen Spendern; außerdem würde der Southern Reparations Loan Fund etwas beitragen. Cooperation Jackson fing an, für seinen gemeinschaftlichen Landfonds Land zu kaufen. Die Mitglieder renovierten und strichen das heutige Lumumba Center.

Der heiße Sommer von Jackson wirkte letztes Jahr besonders apokalyptisch. In Charleston, South Carolina, ermordete Dylann Roof neun afroamerikanische Kirchgänger; täglich gab es Meldungen über brennende schwarze Kirchen in den Südstaaten. Rufe wurden laut, die Südstaatenflagge auf dem Kapitol von South Carolina abzuschaffen, doch kaum jemand sprach darüber, dass auch die Flagge von Mississippi die Konföderierten-Flagge noch immer enthielt. Der Oberste Gerichtshof erlaubte die gleichgeschlechtliche Ehe und in Jackson und ganz Mississippi verkündeten Radiomoderatoren, die USA befänden sich in den Klauen des Teufels. Die Freedom Farm, die die Cooperation Jackson hinter dem Lumumba Center angelegt hatte, bestand zunächst nur aus ein paar Ackerfurchen und in der Küche machte Nubia's Cafe seine ersten Gehversuche. Akuno und andere planten eine Parisreise zum UN-Klimagipfel. Die Straße herunter in der Cooperative Community of New West Jackson hatten Nia Umoja und ihre Nachbarn 56 Grundstücke für den Landfonds gekauft. "Wir haben fast alle verlassene Grundstücke vom Spekulationsmarkt genommen", sagte Umoja.

Nach Roofs Massenmord half Chokwe Antar, eine Kundgebung am Kapitol von Mississippi zu organisieren, bei der Lokalpolitiker und Aktivisten eine Änderung der Staatsflagge verlangten. Die Schauspielerin Aunjanue Ellis, flankiert von Leibwächtern in schwarzen MXGM-Shirts, rief zum "Rebranding unseres Staats" und "neuen Geschäftsmethoden" auf. Chokwe Antar führte einen Chant an: "Stand up, take it down!" Dann kam "Free the land!" Und natürlich: "By any means necessary."

Eine Woche darauf war Chokwe Antar in den Nachrichten. In Clarke County hielt ein Polizist Jonathan Sanders, einen Schwarzen mit einem Pferdekarren, an. Nachdem der Beamte ihn in den Schwitzkasten nahm, starb Sanders. Chokwe Antar übernahm den Fall. Der Vorfall wurde kurz zum möglichen Pulverfass für die Bewegung Black Lives Matter, doch schon bald verpuffte die Aufmerksamkeit wieder. Im Januar lehnte eine Grand Jury eine Anzeige gegen den Beamten ab. Die "Rebel Flag" weht noch immer über Mississippi. Der Staat hat außerdem versucht, die Kontrolle über Jacksons Flughafen an sich zu reißen—ein weiterer Schlag für die Selbstbestimmung einer schwarzen Mehrheitsstadt. Doch so viel steht nun fest: Antar wird 2017 erneut ums Bürgermeisteramt kandidieren.

Beim Grillen im Lumumba Center Ende Juni wurde auch über die Flaggenkampagne gesprochen. Akuno lief auf und ab, während er die Diskussion anführte. "Ich halte einige dieser Konföderiertenthemen für nichts als Ablenkung", sagte er. "Sind das wirklich unsere Ziele? Oder haben die Medien es vorgegeben, weil das noch akzeptabel ist?" Das hatte er bereits Chokwe Antar gesagt. Akuno wollte, dass der Fokus auf Kooperativen, Versammlungen und Wahlen blieb—wahre Gegenmacht, gestützt von Autonomie.

"Ob die Flagge oben bleibt oder nicht ändert gar nichts", sagte Stephanie Mingo, Aktivistin für sozialen Wohnungsbau in New Orleans.

"Ich bin kein Fan der Black-Lives-Matter-Sache—denn um ehrlich zu sein, sind unsere Leben eben nicht wichtig", fuhr Akuno fort. "Euer Leben war wichtig, als ihr wertvoller Besitz wart. Heute sind wir kein wertvoller Besitz mehr." Er kümmerte sich kurz um den Grill. "Ich meine damit, wir sollten anderen Schwarzen sagen: 'Lasst uns bei der Realität anfangen.'"

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