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Wir waren mit Indern beim deutschen Holi-Festival

"Holi-Festivals hier fühlen sich an, als würdest du nach Indien kommen und dort lesen: 'Weihnachten-Festival', Mumbai – 26. Februar, Delhi – 30. August."

von Sofia Faltenbacher
31 Juli 2016, 9:40am

Ein Blick über das Holi-Festival in Berlin: Mädchen mit bunten Haarsträhnen und Gänseblümchenkranz—natürlich nicht von der Wiese, sondern aus der Haarschmuck-Abteilung der Drogerie; Männer und Frauen, die ihre grauen Haare oder Glatzen mit Farbe überdecken; Typen, die oberkörperfrei ihre Adonis-Körper spazieren tragen.

Meine Begleitung gehört zu keiner der drei genannten Beispiele. Manaas (25) und Sivakarunjan (26), ihresgleichen findet man hier auch kaum: Inder. Manaas kommt aus dem Norden Indiens und wohnt seit Kurzem in Berlin, Sivakarunjan lebt schon immer hier, hat Familie und Wurzeln in Südindien. Für beide ist es das erste Mal Holi in Deutschland. "Ich war auf sehr vielen Holi-Festivals, in Indien, aber auch in New York und Washington", sagt Manaas. "Aber egal, wo auf der Welt, es waren immer mehr Menschen aus Indien dort als hier."

Für Sivakarunjan (26) ist es das erste Holi in Deutschland. | Alle Fotos von der Autorin

Manaas (25) ist irritiert, aber: "Auf jeden Fall ist es eine Party."

Seit einigen Jahren feiern Menschen überall auf der Welt Holi-Festivals, nicht nur als Veranstaltung indischer Gemeinden, sondern eben als gutbesuchte Events. Als der Trend 2012 in Deutschland ankam, waren viele Inder hier froh. "Wir dachten: Wie schön, jetzt feiern wir Holi auch in Berlin, ein Teil unserer Kultur kommt nach Deutschland", sagt Swapnil (31), der sich im Sri-Ganesha-Tempel in Berlin engagiert und Facebook-Gruppen für Inder in Berlin betreut. "Aber spätestens als ich gemerkt habe, dass die das gar nicht nur an Holi, sondern mehrmals im Jahr machen, war ich nur noch genervt."

Mit dem indischen Holi-Fest habe das kaum etwas zu tun. "Das fühlt sich so an, als würdest du nach Indien kommen und dort lesen: 'Weihnachten-Festival': Mumbai – 26. Februar, Delhi – 30. August, Bangalore – 5. Oktober. Seltsam, oder?" Swapnil selbst würde nie auf ein deutsches Holi gehen. Er schlug Manaas und Sivakarunjan vor, mit mir mitzugehen. Freunde von ihm aus der indischen Community in Berlin, die viel über das echte Holi wissen, aber auch einfach Lust haben, Bier zu trinken und mit Farben herumzuwerfen.

Eine Hüpfburg auf dem Holi in Berlin. "Sowas habe ich echt noch nie auf einem Holi gesehen", sagt Manaas.

Die Veranstaltung, die 2012 in Berlin zum ersten Mal stattfand, gibt es dieses Jahr in 18 deutschen Städten. Die nächsten Stationen: Stuttgart, München, Lübeck. Einer der Veranstalter hatte die Idee von seiner Indienreise mitgebracht, das Event hat mittlerweile jährlich 750.000 Besucher und 2,5 Millionen Facebook-Fans. Auf der Homepage des Holi-Festivals stehen folgende Informationen über den kulturellen Hintergrund des Festes: "Das Vorbild für die Aktion ist das traditionelle indische Fest 'Holi', das vor allem im Norden des Landes gefeiert wird. Das hinduistische 'Fest der Farben' markiert den Frühlingsbeginn in Indien."


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Swapnil hat über dieses Fest mehr zu erzählen als nur zwei Sätze. Er feiert Holi meist in Indien, traditionell am letzten Vollmondtag des Monats Phalguna zwischen Ende Februar und Mitte März. Zwei Tage lang und nur an diesen zwei Tagen—nicht mehrmals im Jahr. Am ersten Tag wird eine Figur verbrannt, die Holika. Die Geschichte hinter dieser Zeremonie ist so komplex wie der Hinduismus selbst, es gibt allein drei verschiedene Geschichten um die Person der Holika.

Eine davon ist diese: Holika war die Schwester eines Königs, der von seinem Sohn verlangte, ihn wie einen Gott zu verehren. Der Prinz weigerte sich und betete weiter treu zu Vishnu. Er überlebte Mordanschläge—Vishnu rettete ihm stets das Leben. Schließlich griff der König zu einer List: Seine Schwester Holika sollte ihn auf dem Schoß halten, denn sie war gegen den Flammentod gefeit. Doch Vishnu beschützte den Kleinen, während der Feuerschutz Holikas versagte und sie starb. So feiert das Holi-Fest den Sieg des Guten über das Böse.

Am zweiten Tag in Indien sind zu Beginn alle weiß gekleidet, in traditionellen Gewändern, und am Ende alle bunt. In Indien fußt gesellschaftlich alles auf Respekt und Hierarchie. Der zweite Tag des Holi-Festes ist der einzige Tag, an dem in Indien viele Angestellte Späße mit ihren Chefs machen können, sie können sogar Polizeibeamte mit Farbe bewerfen. In diesen Stunden sind alle bunt, alle gleich. An diesem Tag werden soziale Gräben überwunden, es geht um Freundschaft und Familie. Für Menschen wie Swapnil ist Holi nicht nur ein wichtiges hinduistisches Fest, sondern auch ein soziales Ereignis.

"Alle nach unten: 10-9-8-7-6 ..." Ruft der DJ in Berlin zum Countdown. Zu jeder vollen Stunde werden hier die Farben nach oben geworfen. Das sieht—zugegebenermaßen—ziemlich geil aus:

Zu jeder vollen Stunde: die Farbexplosion

Wenige Sekunden später sieht es dann aus wie ein Schachtfeld, vor allem, weil Menschen wie die Frau in der Mitte einen Mundschutz tragen

Mit dem indischen Fest Holi hat das Farbenhochwerfen aber nichts zu tun. Dort fange das ganz anders an, erzählt Manaas. "Wir nehmen einen Teller mit Farbe, den wir Thali nennen, und malen ein bisschen Farbe auf die Klamotten eines Familienmitglieds", sagt Manaas und schüttet mir ein Päckchen pinkes Pulver über den Kopf. So geht es den ganzen Tag weiter. "Auf der Arbeit, auf der Straße, jemand kommt angelaufen und auf einmal hast du überall Farbe an den Klamotten", sagt er.

Auch Fremde besprühen sich in Indien gegenseitig mit Farben. "Das passiert hier gar nicht, alle bleiben in ihren Gruppen", sagt er, während wir auf den Pulk vor dem DJ Pult schauen. Das beste Holi-Fest seines Lebens hat Manaas in Kanpur in Indien gefeiert. "Ihr wärt wahrscheinlich sehr irritiert dort, wenn Leute, die ihr nicht kennt, euch plötzlich überall in der Stadt mit Farben jagen würden."

Sivakarunjan postet derweil ein Selfie von uns auf Facebook, darüber schreibt er: "Swapnil hat mich dazu gebracht, Holi im Juli zu feiern". Trauriger Smiley.

Bisschen Farbe, nette Fotos—das Holi-Festival-Konzept geht auf. Auch Sivakarunjan hat ein Selfie mit unserer Autorin für Facebook gemacht

Wir beobachten die Tanzeinlage einer Frau auf der Bühne. Sie trägt einen Sari, macht große Gesten mit ihren Armen und hin und wieder schiebt sie den Kopf schnell von der einen zur anderen Seite, wie man es vom Bauchtanz kennt. Mit dem traditionellen Holi hat das schon deswegen nichts zu tun, weil Musik und Tanz zu Holi gar keine besondere Rolle spielen.

Zumindest sind die Tanzelemente tatsächlich indisch: "Ich habe fünf Jahre lang klassisch indisch getanzt", sagt Sivakarunjan. "Was sie macht, sind auf jeden Fall indische Tanzschritte. Aber die Musik ist eben nicht die klassisch indische und sie bewegt sich viel langsamer", sagt er. Mit indischer Musik habe das hier—Justin Bieber bis Gummibär—nichts gemein. "Auch Goa-Trance nicht", sagt Sivakarunjan und lacht. Das ganze Gerede über Goa gehöre ohnehin zu einem verklärten Indienbild.

Nach einigen Bieren weicht die Skepsis. Wir beenden die Unterhaltung und landen im Getümmel zwischen einer Frau Mitte 30, die einen jungen Spanier mit Zahnspange anmacht. Zwischen Typen mit gewachsten Haaren, in denen die Farbe perfekt hängenbleibt und einer Gruppe Teenies, die ein Riesen-Stofftier dabei hat. Die Zeit verschwimmt zwischen Sonne und Farben. Manaas kommt ravend mit einem weiteren Bier zurück, Sivakarunjan singt mittlerweile laut "Gummibär" mit.

Holi in Deutschland noch einmal zusammengefasst: Bier, Schnaps, Farbe

Manaas hatte sich beschwert, dass die Farbe hier in Deutschland schon nach einer halben Stunde wieder abgehen würde—und in Indien viel länger halte. "Ich war noch nie so weiß auf einem Holi", sagt er. Während ich diesen Text schreibe, ist meine Kopfhaut aber noch immer pink und gelb.

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