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Warum es heuchlerisch ist, sich im September über Lebkuchen bei Coop und Migros aufzuregen

Ja, ist denn schon Weihnachten? Nein, aber Lebkuchen bei 30 Grad ist nicht das Problem.
13 September 2016, 10:30am
Collage von VICE Media

Es gibt Dinge, die sind so sicher wie christdemokratische Politiker, die ihre Ehefrau ohne Kondom betrügen: die Langweiler, die sich Anfang Herbst über Lebkuchen aufregen, die sie im Supermarkt gefunden haben.

Ihre Facebook-Posts mit den wackligen Bildern von aufgetürmten Tirggeln, Spekulatius oder eben Lebkuchen sind ihr Hilfeschrei, um die Kommerzialisierung von Weihnachten anzuprangern. Melodramatisch wird das ganze Elend mit Zeilen wie "Echt jetzt??", "Die fangen immer früher an!" oder "Sorry, aber ICH schwimme noch im See" untermalt.

Die ganze Aufregung basiert wie bei fast jedem Shitstorm auf unreflektierten Wutgefühlen. Das viel relevantere Problem im Supermarkt-Regal interessiert kaum einen Käufer, weil er die direkten Auswirkungen nicht sieht.

Schaut man sich die Obst- und Gemüseauslage an, unterscheiden sie sich kaum nach Jahreszeit. Wir kaufen gedankenlos frische Ware, die hierzulande gerade keine Saison hat oder das ganze Jahr importiert werden muss. Das ist schlecht für die Umwelt: Für ein Kilo Schweizer Freilandbohnen braucht es laut dem WWF etwa 0.1 Liter Erdöl, bis es im Laden ist. Wenn die Bohnen aus Kenia eingeflogen werden, stecken im Schnitt 4.8 Liter Erdöl pro Kilo drin – 4800 Prozent der Menge, die man für Schweizer Bohnen bräuchte.

Neben Bananen sind Äpfel, Avocados und Tomaten mittlerweile das ganze Jahr über erhältlich. Die Konsumenten finden das selbstverständlich. Die letzte repräsentative Studie des WWFs belegt, dass nur eine Minderheit der Schweizer weiss, wann welche Früchte Saison haben. Und das Wissen darüber scheint zu schwinden. Junge Menschen und Männer schnitten in der Umfrage am schlechtesten ab.

Die Nachfrage nach Bananen ist wohl das ganze Jahr hoch, die Aufregung darüber aber klein | Foto von Pexels

Die Schuld für das Unwissen nur bei den Konsumenten zu suchen, wäre falsch. Online stellen Migros und Coop zwar Saisontabellen zur Verfügung. In den Läden selbst, findet man aber keine Hinweise darauf, was gerade Saison hat und was nicht. Die Ware soll schliesslich verkauft werden.

Kommt hinzu, das das Verwirrspiel auch von offizieller Seite befeuert wird. So wird auf der Homepage des Schweizer Obstverbands der Eindruck erweckt, es sei völlig bedenkenlos, Schweizer Äpfel das ganze Jahr über zu essen. Gemessen am Co2-Fussabdruck, kann ein Apfel aus Neuseeland aber von Mai bis Juni die bessere Ökobilanz haben, als einer aus der Schweiz, der im Kühlhaus gelagert wird.

Es gibt noch viel mehr Gründe aufzuhören, Lebensmittel in erster Linie als Lifestyle-Produkte zu betrachten. Es wäre wohl ressourcenschonend, Lebkuchen das ganze Jahr über zu essen. Sie sind mindestens ein halbes Jahr haltbar. Wer versucht Erdbeeren so lange aufzubewahren, wird mit einer Schimmelschicht, belohnt, die als Kopfkissen taugen würde.

Und natürlich haben viele Lebensmittel einen kulturellen Wert, sie bewahren Traditionen. Doch deren Pflege sollte man nicht den Detailhändlern überlassen. Migros und Coop bieten als kommerzielle Unternehmen sowieso schon eine abstrahierte Form dieser Tradition an—und sie halten niemanden davon ab, im Dezember Lebkuchen zu kaufen. Wie durchgedreht wäre es, ihn gar selber zu backen? So ganz ohne unaussprechliche Konservierungsmittel? Das würde die Kulturpflege erst noch mit mehr Bedeutung aufladen.

Um noch die letzte Illusion aller Jahreszeitenfaschisten zu zerstören: Nur weil ihr die Schoko-Weihnachtsmänner noch nicht im Regal seht, heisst das nicht, dass sie noch nicht da sind. Bei den grossen Ladenketten laufen die Nikoläuse schon seit Frühling vom Band. Die Männer in der roten Uniform warten bereits in den Lagerräumen. Sie lauern, allzeit bereit immer früher in Stellung zu gehen.

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