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Popkultur

Ein Opfer von Identitätsdiebstahl spricht

Eine Person hat die Facebook-Bilder und -Namen von mir und meinen Freundinnen benutzt, um Fake-Profile zu erstellen. Ich habe mit einem Typen gesprochen, der darauf hereingefallen ist.

von Ellie Flynn
24 Januar 2015, 5:00am

Gefälschte Social Media-Posts, für die die Identitätsdiebin meinen Namen und meine Bilder verwendet hat

Gestern habe ich einen Artikel darüber geschrieben, wie jemand über die vergangenen acht Jahre Facebook-Bilder von mir und meinen engsten Freunden gestohlen hat, um mit ihnen diverse Profile in sozialen Netzwerken anzulegen und zu betreiben.

Die ganze Geschichte war an sich, obwohl definitiv unheimlich, invasiv und alles andere als nett, gerade noch irgendwie erträglich. Als wir dann aber merkten, dass die Identitätsdiebin unsere Bilder verwendet hatte, um Typen anzuquatschen, mit denen wir nie was zu tun gehabt hatten, wurde es extrem unangenehm. Besonders kritisch war es dann, wenn einem diese Typen im echten Leben über den Weg liefen—so passiert unter anderem am Strand von Kreta, in meiner Uni und im Londoner Nachtleben—und man ihm dann erklären musste, dass die Person, mit der er sich in den letzten Monaten jede Nacht stundenlang unterhalten hatte, nicht wirklich die war, für die sie sich ausgab—also weder ich, noch meine Freundinnen.

Nachdem der Artikel veröffentlicht worden war, kontaktierte mich ein Typ. Er erzählte mir, dass er über die letzten zwei Jahre hinweg in Kontakt mit einem der Fake-Accounts gestanden hatte. Bis vor wenigen Tagen war er noch im Glauben, eine sehr intime, wenn auch räumlich entfernte Beziehung zu einer meiner besten Freundinnen zu haben—eine durchaus turbulente Beziehung, zu der auch gehörte, dass sie ihm in ein anderes Land gefolgt und nach ihrer Heimkehr fast an einer Überdosis gestorben war. Dachte er jedenfalls.

Da seine Erlebnisse sehr persönlicher Natur sind, wollte er anonym bleiben. Die folgende Konversation ließt sich für euch wahrscheinlich ähnlich abstrus, wie für mich.

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Die Korrespondenz zwischen dem Interviewten und der Person hinter dem Fake-Account

VICE: Wann hast du das erste Mal mit dem Fake-Account gesprochen?
Opfer: September 2012. Ich stöberte durch Facebook und sah dieses Mädchen, das mir von einer Party am Wochenende zuvor bekannt vorkam. Es begann mit der ganz einfachen Frage, ob sie an jenem Wochenende in diesem einen Club gewesen war, und sie antwortete: „Ja, ich glaube, wir haben uns unterhalten." Ich stellte das nie in Frage. Ich hätte mir auch nie vorstellen können, das jemand wegen so was lügt. Wir fingen also an, miteinander zu quatschen und verstanden uns ziemlich gut.

Und danach habt ihr noch weiter miteinander geschrieben?
Ja, ein paar Wochen später schrieb sie mir, dass sie in ihrem Studentenwohnheim eine Geburtstagsparty schmeißen würde. Ich sei eingeladen und könnte auch ein paar Freunde mitbringen. Am Morgen der Party schrieb sie mir eine Nachricht, dass sie gerade von London hochfährt und dass sie mir eine Nachricht schicken würde, wenn wir vorbeikommen können. Irgendwann war es 10 Uhr abends und sie hatte auf keine meiner Nachrichten geantwortet. Da ich sie aber nicht so gut kannte, dachte ich mir nicht wirklich was dabei. Ein paar Stunden später rief sie mich dann an und sagte, dass sie einen beschissenen Tag gehabt hatte und jetzt zu Hause sei. Wenn wir noch Lust hätten, könnten wir noch vorbeikommen—ich hatte zu dem Zeitpunkt aber schon andere Pläne. Nach dieser Geschichte telefonierten wir jede Nacht stundenlang miteinander und schickten uns tagsüber unzählige WhatsApp und Facebooknachrichten.

Wie kam es, dass ihr so lange in Kontakt geblieben seid?
Ich hatte damals ein Drogenproblem. Ich war süchtig nach Ketamin. Nachdem ich mich mit diesem Mädchen ein paar Monate lang unterhalten hatte, mich wohl mit ihr fühlte und Vertrauen zu ihr aufgebaut hatte, fing ich auch an, mit ihr darüber zu reden. Sie erzählte mir, dass ihr älterer Bruder an einer Überdosis Keta gestorben war. Von da an wurde unsere Beziehung sehr intensiv. Sie war immer für mich da und half mir. Es schien mir alles so real. Sie war wirklich immer für mich da und ich verbrachte jede Nacht mehrere Stunden am Telefon mit ihr. Es gab dabei aber auch immer wieder unterschiedliche Phasen: Wenn ich wieder Drogen genommen hatte, bekamen wir uns deswegen richtig in die Haare und sprachen manchmal monatelang nicht miteinander. Am Ende ging es aber immer wieder weiter.

Hast du versucht, sie nach dem Reinfall mit der Geburtstagsparty noch mal zu treffen?
Wir hatten für eine Weile keinen Kontakt mehr und dann sagte sie mir, dass sie für ein Praktikum nach New York gehen würde. Ich dachte mir also nicht wirklich was dabei, dass wir uns weiterhin nicht trafen. Wir telefonierten allerdings weiterhin jede Nacht. Dafür hat sie aber immer eine andere Telefonnummer verwendet als die von WhatsApp. Als ich sie einmal darüber anrief, habe ich sie nicht erreicht. Sie meinte, dass sei ihr Firmenhandy. Darauf dürfte ich sie zwar auch anrufen und Nachrichten schreiben, ich sollte es aber lieber beschränken, weil sie ansonsten Ärger mit ihrem Chef bekommen würde.

Hast du jemals in Betracht gezogen, dass sie nicht echt sein könnte?
Ja, seit Kurzem dann schon. Ich habe auch einmal ihr gegenüber meinen Verdacht geäußert, woraufhin sie wirklich wütend wurde—daraufhin hat sie dann eine ganze Weile nicht mehr mit mir gesprochen. Sie war immer ziemlich gut darin, gewissen Fragen von mir aus dem Weg zu gehen. Am Ende hat sie es sogar geschafft, dass ich mich für die Unterstellung echt schlecht gefühlt habe. Ich habe die ganzen Zeichen wohl immer ignoriert und ihre Ausreden ergaben auch durchaus Sinn. Außerdem war dieses Mädchen in meinen schlimmsten Zeiten für mich da. Wir haben uns wirklich super verstanden und am Telefon fanden wir immer Gesprächsthemen. Dank ihr fühlte ich mich gut. Warum hätte ich das alles kaputt machen wollen?

Wann habt ihr das letzte Mal miteinander gesprochen?
Ich bin letzten Sommer weggezogen. Das gefiel ihr gar nicht. Sie flehte mich an, nicht wegzugehen. Ich wusste aber genau, was ich wollte—mir wurde nämlich ein toller Job angeboten. Darum habe ich auch nicht zugelassen, dass sich dieses Mädchen so in mein Leben einmischt und mir etwas, das ich unbedingt machen wollte, ausredet. Wir haben dann eine ganze Weile nicht mehr miteinander gesprochen. Ich versprach ihr aber, mit keinem anderen Mädchen zu schlafen und spätestens im September wieder zurück zu sein. Später sprachen wir auch darüber, vielleicht gemeinsam nach London oder New York zu gehen. Dann rief sie mich eines Tages unerwartet an und stellte mir ein Ultimatum: Dass ich entweder sofort zurückkomme oder sie nie wieder anrufen bräuchte. Ich bin aber hart geblieben. Und weil wir uns danach ständig in die Haare bekommen haben, begann ich damit, sie zu ignorieren. Dann haben wir Ewigkeiten nicht mehr miteinander geredet.

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Die Unterhaltung zwischen dem Interviewten und der Profildiebin, nachdem sie herausgefunden hatte, dass er mit einem echten Mädchen geschlafen hatte.

Oh, ihr habt also seitdem noch mal miteinander geredet?
Sie rief mich an, als ich unterwegs war und beschrieb dabei ganz genau, was ich machte und welche Klamotten ich anhatte. Ich wusste also, dass sie irgendwo in der Nähe sein musste. Sie sagte dann, dass sie sich im Hotel gegenüber aufhalten würde, vor einem Treffen aber zuerst wissen müsse, ob ich mit anderen Frauen geschlafen hätte. Ich erzählte ihr die Wahrheit: Ich hatte Sex gehabt, aber das Ganze war nichts Ernstes. Das hat sie richtig verletzt. Sie heulte am Telefon und sagte, dass sie sich nicht treffen wolle, bis sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Laut ihrer Aussage ist sie dann noch in dieser Nacht nach Hause geflogen.

Was ist danach passiert?
Ich habe versucht, sie aus meinem Leben zu verbannen. Wenn ich weiter mit ihr in Kontakt geblieben wäre, dann hätte sie mich auf jeden Fall wieder um den Finger gewickelt. Im Oktober bekam ich einen Anruf von ihr und sie sagte, dass sie unter schweren Depressionen leide und Heroin nehme. Sie wusste, dass es in meiner Familie auch schon Heroinsüchtige gegeben hat, und deswegen traf mich das richtig schwer. Sie drohte damit, sich eine Überdosis zu verabreichen. Das hielt ich für einen Bluff und deswegen meinte ich auch, dass sie das ruhig machen solle. Danach habe ich eine Zeitlang nichts mehr von ihr gehört und bekam deshalb ziemliche Panik.

Ich schrieb die letzte Person an, die etwas auf ihrer Facebook-Timeline gepostet hatte—inzwischen weiß ich, dass es sich dabei auch um ein Fake-Profil handelt. Da wurde mir dann erzählt, dass ihre Mitbewohnerin sie mit einer Überdosis in ihrem Zimmer aufgefunden hätte. Ich fühlte mich schrecklich und alle ihre „Freunde" fingen an, mir hasserfüllte Nachrichten zu schreiben und mir die Schuld zu geben. Ein paar Wochen später redete sie dann plötzlich wieder mit mir und gestern teilte sie mir mit, dass sie sich mit mir auf nichts mehr einlasse wolle, wenn ich diesen Sommer wirklich auf Reisen gehe. Sie sagte, dass sie ihr Facebook-Profil löschen werde und dann habe ich deinen Artikel gelesen.

Hast du seitdem noch mal versucht, sie zu kontaktieren?
Ich schrieb ihr eine Nachricht, aber es kam noch keine Antwort. Auf Twitter und Instagram folgt sie mir ebenfalls nicht mehr, mir bleiben also keine anderen Optionen. Ich würde jetzt wirklich gerne noch mal mit ihr reden, denn ich habe viele offene Fragen.

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