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Sex

Willkommen im Masturbations-Club e. V.

Dort geht es quasi zu wie im Fight Club—man(n) haut sich bloß nicht auf die Fresse, sondern spielt mit dem eigenen oder anderen Penissen herum.

von Mish Way
21 September 2015, 10:16am

Wertvoller Tipp | Foto: torbakhopper | Flickr | CC BY 2.0

Als Paul Rosenberg, der Gründer von Rain City Jacks, mir erklärt, was genau ein Masturbations-Club ist, bin ich sofort eingeschüchtert. Als Frau habe ich direkt ein Szenario von 60 nackten Männern im Kopf, die mit Erektionen herumlaufen, onanieren und an sich selbst oder mit anderen herumspielen. Irgendwie hat das Ganze für mich mehr etwas von einem Albtraum. Wenn ich natürlich wirklich bei einer der beliebten Masturbationsveranstaltungen von Rain City Jacks dabei wäre, dann würden mich die dort anwesenden Männer kaum bemerken oder erst gar nicht an mir interessiert sein. Männer gehen dorthin, um mit anderen Männern zusammen zu sein und um das Thema Onanie in einem männlichen Umfeld zu erforschen.

„Die Energie von Masturbations-Clubs konzentriert sich zwangsläufig extrem auf das körperliche Vergnügen und den Penis", erzählt mir Rosenberg. Der Druckvorlagen-Manager eines großen Innendesign-Unternehmens betreibt Rain City Jacks nun schon seit 2005. „Das Besondere dieser Erfahrung ist die Offenlegung von dem, was eigentlich immer versteckt gehalten wird. Hier teilt man etwas im Allgemeinen sehr Privates, nämlich die eigenen Masturbationsgewohnheiten."

Rosenberg ist außerhalb von Chicago aufgewachsen und war die meiste Zeit seines Lebens professioneller Schauspieler und Sänger. Mit Masturbations-Clubs kam er zum ersten Mal im Jahr 1985 in Berührung, als er in einem fiktionalen Artikel des Honcho-Magazins die Beschreibung einer durchorganisierten Onanie-Party las. „Dieser Artikel hat mich richtig angemacht", meint er. So wie damals jeder hübsche Schwule hatte auch Rosenberg in den 70er und 80er Jahren eine Menge Sex. Dazu kam dann noch ein Haufen Gras und der regelmäßige Konsum von LSD. 1991 traf er dann nach einem 12-stufigen Entzugsprogramm seinen heutigen Ehemann und aus Arbeitsgründen zogen die beiden schließlich nach Seattle. Aufgrund ihrer früheren Erfahrungen in Chicagoer Masturbations-Clubs waren die zwei Männern dann jedoch sehr enttäuscht darüber, dass es in Seattle kein solches Etablissement gab, denn dieser Umstand war für die offene Ehe der beiden doch ein beträchtlicher Dämpfer.

„Badehäuser und schnelle Nummern waren einfach zu finden, Onanier-Kumpels und -Clubs hingegen eher rar gesät", erklärt Rosenberg. „Deshalb habe ich schließlich selbst einen gegründet."

Paul Rosenberg | Foto: bereitgestellt von Paul Rosenberg

Rosenberg rief eine Yahoo-Gruppe ins Leben (die auch heute noch aktiv ist) und die Reaktionen waren durchaus positiv. Die erste Maturbationsveranstaltung wurde schließlich in einem Hotelzimmer abgehalten—sieben Typen auf engem Raum. Mit der Zeit führte die hohe Nachfrage dann dazu, dass sich das Ganze zu einem richtigen Unternehmen entwickelte. Heute ist Rain City Jacks ein erstklassiger Onanier-Club, der schon mehr als 300 Events veranstaltet hat. Im Durchschnitt bedeutet das drei Veranstaltungen pro Monat mit 60 regulären Teilnehmern. Rosenberg zufolge wissen nur wenige Männer, dass es solche Einrichtungen überhaupt gibt.

Auch wenn man annimmt, dass die Masturbations-Clubs so beliebt wurden, weil im Zuge der AIDS-Welle der 80er Jahre die Angst vor einer Ansteckung beim Geschlechtsverkehr so groß wie nie zuvor war, existiert diese Art des sexuellen Spiels laut Rosenberg schon seit der Frühgeschichte—und zwar aus Lust und nicht wegen der Angst vor Geschlechtskrankheiten oder HIV.

„Es handelt sich hier um einen einzigartig offenen und unvoreingenommenen Ort, an dem heterosexuelle Männer gerne neue Dinge ausprobieren und in Kontakt mit homo- sowie bisexuellen Männern kommen." - Paul Rosenberg

„Wir machen das, weil wir zusammen masturbieren wollen, und nicht, weil wir Angst davor haben, krank zu werden", versichert er mir.

„Masturbations-Clubs sind nur ein kleiner Teil von dem, was ich als Schwulen-Bonding bezeichnen würde", erklärt Rosenberg. „In diesen Etablissements sind mehr heterosexuelle Männer unterwegs als an jedem anderen Ort, wo Männer in einem sexuellen Kontext miteinander agieren. Einige dieser Männer sind entweder noch nicht zu einem Coming-Out bereit oder fangen gerade erst damit an, ihre Sexualität zu erforschen. Trotzdem glaube ich, dass viele von ihnen wirklich heterosexuell sind und eben nur den Wunsch haben, zusammen mit anderen Männern entspannt zu onanieren ... Deshalb würde ich das Ganze auch nicht sofort als ‚schwul' bezeichnen. Die meisten Leute, die in solche Clubs gehen, sehen sich als homosexuell an, viele aber auch nicht. Es handelt sich hier um einen einzigartig offenen und unvoreingenommenen Ort, an dem heterosexuelle Männer gerne neue Dinge ausprobieren und in Kontakt mit homo- sowie bisexuellen Männern kommen."

Rain City Jacks ist ein erstklassiges Onanier-Spa. Rosenberg zufolge bildet sich jeden Abend eine Warteschlange vor der Tür und es gibt immer Neulinge. Jeder Gast (der Jahresbeitrag liegt bei 25 Dollar) zeigt dann entweder seinen Mitgliedsausweis oder zahlt die einmalige Registrierungsgebühr. Es gibt Schließfächer, wo man seine Klamotten und Wertsachen sicher verstauen kann, und für die Unerfahrenen wird eine Einführungstour angeboten. Das sieht dann normalerweise so aus, dass sich ein erprobtes Mitglied des Clubs mit einem Neuankömmling 15 Minuten lang hinsetzt und das Prozedere erklärt. Des Weiteren kommt bei Rain City Jacks ein Armband-System zum Einsatz, durch das jeder Teilnehmer gleich erkennt, wie die anderen Anwesenden zum Thema Interaktion stehen.

„Ein rotes Armband bedeutet ‚Fass meinen Penis nicht an'. Ein grünes Armband bedeutet hingegen ‚Du brauchst gar nicht erst fragen, jeder darf meinen Penis berühren'. Wenn man kein Armband trägt—wie es übrigens die meisten Mitglieder machen—, dann heißt das einfach ‚Frag mich, bevor du meinen Penis berührst'. Die Grundregel besagt, dass nichts ohne Einwilligung geschehen darf. Die Armbänder sind da quasi eine Art Abkürzung."

Das Zimmer ist mit bequemen Möbeln und Betten ausgestattet, die mit frischem Leinenstoff überzogen sind. Um den Komfort zu gewährleisten, sind außerdem Gleitgel, feuchte Wischtücher, Küchenrollen und Mülleimer immer in Reichweite. Das Licht ist gedimmt und über die Lautsprecher wird Instrumental- oder Elektro-Musik gespielt (dabei sind weibliche Vocals laut Rosenberg eher unerwünscht).

„Auf den Sofas sitzen zwei bis sechs Männer nebeneinander und spielen mit übereinander liegenden Beinen an sich selbst oder mit den anderen herum", erzählt Rosenberg. „Dabei läuft alles sehr entspannt ab. Trotzdem ist man extrem fokussiert. Die meisten Männer wollen nicht schnell zum Höhepunkt kommen, sondern die Zeit hier lieber voll auskosten und genießen. Keiner ist nach einer Stunde schon wieder weg." In den Duschen sind viele Hautpflege- und Reinigungsprodukte zu finden. Selbst für Mundwasser ist hier gesorgt. Frische und saubere Handtücher gehen nie aus. Im Grunde handelt es sich hier um den Himmel der männlichen Masturbation. Wenn doch schon ein solch wohltuendes, einladendes und auf Vergnügen ausgerichtetes Szenario geschaffen wird, warum nutzen dann nicht mehr Männer das Ganze aus?

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„Jüngere Männer verbinden Sex immer noch mit Eroberung und dem Start des Erwachsenenlebens", erklärt Rosenberg. „In unserer Kultur ist Selbstbefriedigung auch heute noch unglaublich verschrien. Man hält das Ganze nicht für echten Sex und bezeichnet es als Übung oder gar als Vergnügen für Versager. Der schlechte Ruf ist allgegenwärtig und meiner Meinung nach stellt das den ersten Angriff auf die sexuelle Identität und das körperliche Selbstwertgefühl eines Kindes dar, den wir ausführen. Selbst wenn sich das Ganze nur in einer freundlich gemeinten Ablenkung von der Erforschung und Stimulation des eigenen Körpers manifestiert, so lautet die Botschaft doch immer ‚Lass das!'. Natürlich machen wir das Ganze dann trotzdem, aber das Stigma gegenüber Masturbation wird uns schon in jungen Jahren eingetrichtert. So lange ein Mann das hier für Masturbation hält, so lange wird er es auch mit negativen Dingen assoziieren. Je jünger er ist, desto empfänglicher wird er für diese Wertung sein."

Zwar ist dieses Stigma für Männer nicht von der Hand zu weisen, aber trotzdem existiert daneben noch die Vorstellung, dass Jungs eben Jungs sind und dass Masturbation zu deren sexuellen Entwicklung einfach dazugehört. Und obwohl sich die Dinge für Frauen langsam ändern, so wird ihnen doch immer noch eine ganz andere Sichtweise zum Thema Selbstbefriedigung beigebracht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Masturbations-Club für Frauen auch nur einen Bruchteil der Beliebtheit von Rain City Jacks erreichen würde. Dem stimmt Rosenberg zu. Ist das eine biologische Schlussfolgerung? Männer laufen mit einem Körperteil herum, das durch Steifwerden Erregung signalisiert und gepackt werden kann, während man bei Frauen davon ausgeht, dass sie sich ständig (oder aber auch nie) im erregten Zustand befinden.

„Vielleicht ist das nur ein natürlicher Ausdruck unserer sexuellen Realität—viel visueller geprägt und mit Fokus auf dem Genital. Masturbations-Clubs für Frauen existieren da nicht wirklich", meint Rosenberg. Es gibt zwar Einrichtungen für Pärchen, aber dort sind dann trotzdem immer noch 80 Prozent der anwesenden Leute Männer. „Ich glaube, dass Gruppen-Onanie den Frauen viel bringen würde."

„Was mir immer wieder auffällt, ist die glückliche Friedlichkeit, die meine Gäste an den Tag legen. Es ist schon bemerkenswert, wie wenig Verbitterung, unerwünschte Aggressionen und Konkurrenzdenken hier herrschen. Wenn die sexuellen Wünsche eines Mannes erfüllt werden, dann wird er ganz klar lockerer. Am Anfang ist alles noch total intensiv, aber dann erfüllen Entspannung und Zufriedenheit den Raum", erzählt Rosenberg.

„Jeder, der auch nur ein kleines bisschen Interesse an dem Ganzen hat, sollte es meiner Meinung nach einfach mal ausprobieren. Nur so kann man wirklich selbst erfahren, was einem ein Masturbations-Club—oder irgendetwas anderes—bieten kann. So ändern sich dann auch die vorgefassten Meinungen der Leute, die zum ersten Mal durch unsere Türen gehen."