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Die Mütter des Cirque du Soleil

In dem berühmtem Zirkus treten eine Menge Frauen auf—und das üblicherweise am späten Abend. Wir haben uns mit den Zirkusmüttern und ihren Kindern getroffen, um herauszufinden, wie sie diesen Balanceakt meistern.

von Mitchell Sunderland
28 November 2015, 5:00am

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Mehr als zehn Jahre ist die kanadische Clownin Shannan Calcutt oben ohne in Zumanity von Cirque Du Soleil aufgetreten. Die freizügige Zirkus-Show (Tagline: „18 +: Rated Cirque") wird so gut wie jeden Abend im „New York, New York"-Hotel in Las Vegas aufgeführt. Calcutt besucht regelmäßig die Proben, um sich an ihre Stichwörter zu erinnern und ihre Szenen aufzufrischen. Nachdem sie allerdings eins ihrer Kinder auf die Welt gebracht hatte, unterbrach ihr Körper ihre Arbeit. An einem Abend, so erinnert sich Calcutt, rannte eine andere Artistin hinter ihr den Flur runter. „Shannan, du hast du deine Milch vergessen!", schrie sie.

Calcutt hatte Backstage Milch für ihr Baby abgepumpt und die Flasche zurückgelassen. Das war weder für die Clownin noch die Mitartistin überraschend. Viele Frauen treten in dem Zirkus auf, in der Regel am späten Abend, und ihr Arbeitsalltag kommt der Kindererziehung oft in die Quere.

„Wir haben hier einen Babyboom—jede Frau in meiner Gruppe und der Darstellergruppe wurde nacheinander schwanger", sagt Kristina, eine Cirque Du Soleil-Darstellerin, die sechs Monate Mutterschaftsurlaub bekommen hat. „Sie haben mir mein Korsett umgenäht und es in ein Puppenkleid verwandelt, damit es den Bauch verstecken konnte. Ein paar Frauen sind bis in den siebten oder achten Monat hinein [weiter aufgetreten], aber meine Rolle—da ich die Stoffpuppe bin—erfordert eine Menge Rückenverbiegungen und Spagate."

VIDEO: Kiffende Mütter

Während die meisten amerikanischen Unternehmen Müttern bis zu drei Monaten Mutterschaftsurlaub erlauben, gibt der Cirque du Soleil zusätzlich vor der Geburt des Babys manchen Frauen unbezahlten Urlaub unterschiedlicher Dauer. Das hängt jeweils von der Empfehlung des Arztes ab. Eine Luftakrobatin legt vielleicht eine einjährige Arbeitspause ein, wohingegen eine Clownin nur fünf Monate lang nicht auftreten kann. Durch diesen Ansatz werden alle Beteiligten geschützt und viele Mütter finden das ausgesprochen familienfreundlich.

„Cirque du Soleil—und seine Mutterschaftsregelung—arbeitet mit jeder werdenden Mutter, um ihr Wohlergehen und ihre Sicherheit zu gewährleisten. Die Sicherheit des Kindes hat dabei höchste Priorität", heißt es von der Personalabteilung des Unternehmens in einer Mitteilung an Broadly.

Für Kristina ist diese Regelung selbstverständlich. Auch wenn sie wie eine ganz normale junge Mutter aussieht, ist sie während der späten 1990er im Cirque Du Soleil großgeworden. Sie begleitete ihren Vater, ebenfalls Akrobat, 1996 auf die internationale Quidam-Tour des Zirkus. Mehr als zehn Jahre lang besuchte sie die Tour-Schule des Cirque und lebte aus sechs Koffern. Mit 16 trat sie dann selbst als Darstellerin dem Ensemble bei.

„Ich kann mich an keinen anderen Lebensstil erinnern", sagt sie.

Mit 17 begann Kristina einem anderen Akrobaten zu daten, der Anfang 20 war und mit ihrem Vater zusammen auftrat. Letztendlich heirateten sie und zogen dann vor drei Jahren mit ihren Eltern nach Las Vegas, um bei Zarkana im Aria Hotel aufzutreten. Während der Show trägt Kristinas Vater ihren Mann über die Bühne.

„Die Jungs bilden Pyramiden und schleudern einander durch die Luft. Mein Vater ist die Unterperson und mein Mann der Flieger", erklärt Kristina Backstage. „Seine ganzen Freunde machen darüber Witze: ‚Du hast deinen Schwiegersohn in der Hand!'"

Kristinas 21 Monate alte Tochter Nika wird sehr wahrscheinlich der Familientradition folgen. Auf der Bühne im Theatersaal des Aria trägt sie eine pinke Fellweste und sitzt lächelnd im Scheinwerferlicht auf einem Holzfass. Wenn Nika ihre Füße durch die Luft wirbelt, leuchten ihre Sketchers auf. Unsere Fotografin holt ihre Kamera heraus und Nika lächelt sie sofort an und winkt zu ihr rüber.

Im Backstage-Bereich platziert Kristina später einen Yoga-Ball vor Nika. „Willst du auf den Ball?" fragt Kristina. Nika springt hoch, während Kristina auf dem Boden liegt und den Ball über sich rollt. Nika strampelt mit den Beinen und lacht. „Boing!" ruft Kristina. „Boing! Boing!" Im Hintergrund können wir Leute schreien hören. Kristina kichert: „Das ist ein Clown-Workshop."

Kristinas Mutter arbeitet ebenfalls für den Cirque als Produktionskoordinatorin von Zarkana (davor arbeitete sie als Buchhalterin bei Quidam) und demensprechend orientiert sich Nika an dem familiären Ablaufplan. Das Baby wacht gegen Mittag auf und geht nach Mitternacht schlafen. „Für so junge Kinder ist unser Tagesablauf wahrscheinlich ziemlich toll", sagt Kristina. Sie weiß allerdings, dass sich das ändern wird, sobald Nika in die Schule kommt. Kristina steht momentan selbst morgens zwischen sechs und sieben auf, um zur Uni zu gehen. Sie hat erkannt, dass die Karrieren der Frauen im Zirkus kürzer sind als die der Männer. Sie studiert jetzt Rechnungswesen.

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„Von Frauen wird erwartet, dass sie beweglicher sind", erklärt Kristina. „Männer müssen stark sein und wir müssen zwischen Stärke und Beweglichkeit balancieren, was mit dem Alter um einiges schwieriger wird."

Die Luftakrobatin Noara tritt seit 13 Jahren mit einem hängenden Reifen in der Cirque-Show O auf. Jeden Abend trägt sie eine blaue, geflochtene Perücke und schwebt über den Bühnenpool der Show. Sie kennt kein anderes Leben als den Zirkus. Während ihrer Kindheit in Brasilien erlebte sie mit, wie ihre Eltern als tourende Clowns arbeiteten. Das Auftreten und dabei Kinder großziehen liegt ihr also im Blut, und seit sie 2002 nach Las Vegas gezogen ist, ist ihr die Stadt als ein Ort, an dem man leichter Zirkusleben und Familie unter einen Hut bringen kann, ans Herz gewachsen. Es hilft, dass ihr Mann ganz normale Arbeitszeiten hat, sodass er nachts immer für das Baby da ist.

Zwar gehört Kraft nicht zu den entscheidenden Elementen einer Clown-Darbietung, doch Calcutt sagt, ein Kind zu kriegen habe ihre Performance anderweitig beeinflusst. „Nach Ellas Geburt schlief ich jede Nacht nur drei bis vier Stunden, und dann ging ich auf die Bühne. Ich war so müde. Ich weiß noch, mein Clown-Partner Nick sagte dann immer: „Schlafentzug ist eine Form von Folter", sagt Calcutt. „Es ist ein Balanceakt—verzeih das Zirkus-Wortspiel, aber es ist wirklich wahr. Die Zeiteinteilung ist das schwierigste."

„[Der Cirque] ist eine Lebensweise", fügt Noara hinzu. „Das hier ist unser Leben, und wir sind stolz darauf."





Alle Fotos von Amy Lombard