Jeder Mensch ist eine Sexbombe

Jeder Mensch ist eine Sexbombe

Auf der Hütteldorfer Straße ist mein liebstes Graffiti. Jeder Mensch ist eine Sexbombe, steht da. Das Sex ist in einer anderen Farbe und einer anderen Schrift.
15.1.16

Maximilian Zirkowitsch ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Als Bezirkowitsch hat er im Wien-Wahlkampf die Einwohner erfreut, die Medien verstört und Armin Wolf verärgert, weil er mit dem angeblichen Wolf-Sager „Ich kenne diesen Mann nicht" auf Facebook warb. Sein Wahlkampf in Wien Fünfhaus warf Fragen über Satire in der Gemeindepolitik auf und gab Antworten, die uns noch mehr irritierten. Ab sofort ist Maximilian Zirkowitsch zurück im Rampenlicht—und zwar mit dieser zweiwöchentlichen Kolumne auf VICE. Also: Lies, du Opfa!

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Der erste Gedanke ist natürlich eine Frage. Wie ein Archäologe stehe ich davor und versuche herauszufinden, was zuerst dastand. Hat vielleicht ein junger Mensch kurz vor dem Ausbruch der Pubertät an die Wand gekritzelt, was er sich wünscht? Hat sich ein anderer junger Mensch mit etwas mehr Esprit daran gemacht, etwas zu schreiben, das uns alle erfreut? Oder haben wild entschlossene Politaktivist_innen ihrem Unmut über die Herrschenden Luft gemacht und eine Drohung an die Wand geschrieben, um auch aus dem letzten Proleten von Rudolfsheim noch den revolutionären Furor herauszukitzeln? Und wer war die bourgeoise Sau, die das Sex ergänzt hat?

Gerade waren wir noch Pulverfässer, klandestine Zellen, geheim und gefährlich im Untergrund, schon lachen wir über uns und den peinlichen Anspruch, ständig alles zu kritisieren. Zumindest diejenigen unter uns, die deutsch lesen können. Vielleicht hat auch jemand mit voller Absicht zwei Stifte verwendet, einmal mit links und einmal mit rechts geschrieben. Hat er oder sie das mit Absicht getan? Damit ich mir meinen Kopf zerbreche, damit ich mich frage, ob ich lieber eine Sexsau bin oder eine Bedrohung für die bestehende Ordnung? Pfui! Das muss sich doch nicht ausschließen.

Vielleicht ist auch das Schwarz ausgegangen, dann hat er oder sie mit Blau weitergeschrieben und dann ist ihm oder ihr eingefallen, dass da ja noch ein zweiter schwarzer Stift im hinteren Fach vom Rucksack ist. Der liegt da schon seit mindestens eineinhalb Jahren drin und eigentlich denkt man nie daran, aber erst gestern, als er oder sie die Wohnungsschlüssel nicht gefunden hat und schon leicht beschwipst war, da hat er oder sie den ganzen Rucksack ausgeräumt, Stück für Stück: das Geldbörsl, einen Notizblick (spiral, kariert, ziemlich vernudelt), eine Cappy g'spritzt 0,5l Saftflasche mit Orangeade drin, eine grüne Haube, Kopfhörer, Tabakbrösel, ein Feuerzeug mit Katzenbabys drauf (leer), ein Feuerzeug von der Freiwilligen Feierwehr Öd im Winkel (fast leer), einen Kugelschreiber, der genauso aussieht, wie der Kugelschreiber von der Kassiererin beim Zielpunkt mit der sie immer die Flaschenbons entwertet hat, ein Stoffsackerl, weil man weiß ja nie, Taschentücher (parfümiert), ein winziges Sackerl Gummibärli, ein Handyladekabel, die Zeitung von gestern (Sudoku fast fertig) und ein schwarzer Edding.

Mist, kein Schlüssel. Er oder sie war vorhin nur eine Kleinigkeit trinken. Es ist nicht einmal spät geworden. Aber weils direkt auf der Hütteldorfer Straße keine coolen Lokale gibt, musste er oder sie in die Stadt fahren. Zum Glück gibt's die U3. Irgendwo im 6. oder 7. waren sie dann auch. Er oder sie hat ausnahmsweise irgendwann auch Schnaps getrunken. Nur einen, weil jemand was zu feiern hatte. Und dann noch einen for the road, wie die Kellnerin sagte. Haha, lustig. Und jetzt steht er oder sie leicht beschwipst da, findet den Schlüssel nicht und alles ist irgendwie scheiße. Morgen wird er oder sie etwas an die Wand schreiben. „Fickt euch alle" oder so!

Bei der U3 Schweglerstraße steht: „Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust" Ganz so kitschig muss es nicht sein. Aber irgendwie so. Jetzt muss er oder sie aber erst mal rein in die Wohnung. Zum Glück sind die Mitbewohner_innen, Julia, Karsten und Ari, da. Sie machen ihm oder ihr auf. Bevor er oder sie sich hinlegt, packt er oder sie noch die breiten Filzstifte ein, die Julia immer für ihre gschissenen Flipcharts verwendet, rot, blau, grün und schwarz. Morgen Nacht wird gekritzelt! Mit Kopfweh aufwachen und gleich wissen, woher es kommt (der Schnaps!), nützt gar nichts. Abends ist das Kopfweh weg. Nachdem die WG sich gemeinsam einen anstrengenden Film angesehen hat, geht er oder sie nochmal raus auf die Straße.

Es war so ein Film, den nicht einmal das Schikaneder am Nachmittag zeigt. Menschen fickten darin ziemlich gelangweilt. Einmal ist eine Frau explodiert. Ur gut, das ist sie, die Idee! Gar nicht so blöd, diese skandinavischen Film Noir-Parodien! Und dann ist dieser scheißschwarze Scheißstift von Julia leer. Bestimmt, weil sie wieder Flipcharts zur Filmauswahl gestaltet hat. Egal, dann mit der Blau weiter. Da fällt ihm oder ihr ein, dass er oder sie ja noch einen Stift im Rucksack hat. Zum Glück hat er oder sie den Rucksack auf der Suche nach dem Schlüssel ausgeräumt. Dabei hat er oder sie auch gleich die alte Zeitung weggeschmissen. Das Sudoku war praktisch eh schon gelöst.

Zumindest stell ich mir das alles so vor vor meinem Lieblingsgraffiti. Ich wars nicht.