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Sex

Ich habe eine Seitensprung-Website für Verheiratete benutzt, um meine Frau zu betrügen

Dabei habe ich vor allem gelernt, dass sich dort viele Hochstapler, Sugar Babys und Leute mit bizarren sexuellen Fantasien aufhalten. Wie überraschend!

von Anonym
27 Februar 2015, 11:00am

Screenshot der deutschen Ashley-Madison-Seite

Wenn man nach Artikeln über Ashley Madison—eine Dating-Website für Verheiratete—sucht, dann findet man eigentlich nur irgendeine der zwei Variationen, die es davon gibt. Da haben wir zum einen die Artikel von einem Journalisten, der sich „ausschließlich zu Recherchezwecken" bei der Seite anmeldet, sich im Zuge seiner Recherche mit ein paar Frauen trifft, dann nicht einmal den Anstand besitzt, um wirklich mit diesen Frauen zu schlafen, und schließlich diese Recherche dazu benutzt, irgendwelche lausigen Schlüsse über die Frauen zu ziehen, die auf so einer Website unterwegs sind. Zum anderen gibt es aber auch noch die Artikel, die von einer Frau geschrieben wurden, aus deren Ehe die Luft raus ist, sie deswegen die Seite nutzt, so vielleicht wieder Sex hat und daraus dann einen wertvolle Lektion fürs Leben lernt. Dieser Artikel hier gehört zu keiner der beiden Kategorien.

Mein Hintergrund: Ich bin um die 40, Dozent an einer englischen Hochschule, fester Bestandteil meiner örtlichen Gemeinde, verheiratet und Vater. Dazu bin ich noch sexsüchtig—beziehungsweise würde ich mich als sexsüchtig bezeichnen, wenn Sexsucht für mich eine tatsächliche Krankheit wäre und nicht nur ein Begriff zur Pathologisierung von Menschen, die eben auf Sex und vor allem auf die abgedrehten Variationen davon stehen. Ihr könnt mich jetzt als total subjektiv bezeichnen, aber ich gehe davon aus, dass viele Menschen tief in sich drin sexsüchtig sind—ein paar Leute sind einfach nur zu verklemmt, um das zuzugeben. Wenn ich die letzte Aussage irgendwie untermauern wollte, dann würde ich sagen, dass meine Frau in diese Schublade gesteckt werden kann. Das wäre jedoch gelogen. Sie steht genauso auf Sex wie jeder andere Mensch auch, aber aus irgendeinen komischen Grund will sie nur mit mir schlafen.

In der Vergangenheit habe ich schon gewisse Erfolge mit Tinder gefeiert. Ja, ich bin ein Scheißkerl, aber ich bin auch ein Scheißkerl, der nicht erwischt werden will. Ich habe schnell herausgefunden, dass man bei Tinder-Dates doppelt so viel lügen muss: Ich musste meine Frau bezüglich meines Vorhabens anschwindeln und meinen Tinder-Bekanntschaften ebenfalls etwas vorflunkern. Ich bin zwar ein guter Lügner, aber es kann auch ganz schön anstrengend sein, ständig etwas vorzutäuschen. Ashley Madison erschien mir deshalb als der perfekte Weg, beide Probleme anzugehen. Jeder, der mich auf der Website erkennt, ist moralisch gesehen genauso verdorben wie ich und wird mich deshalb wohl auch nicht auffliegen lassen. Und falls ich mich wirklich mit einer Frau treffen sollte, dann müsste ich mir keine Ausrede für die Diskretheit des Dates ausdenken.

Also habe ich ein Profil bei Ashley Madison erstellt, ein dezentes Foto hochgeladen und mein Guthaben aufgeladen—alles in der Hoffnung, vielleicht doch noch auf andere verheiratete Sexsüchtige zu treffen. Folgendes habe ich bei dem Ganzen gelernt:

Man will dich oft über den Tisch ziehen

OK, das ist jetzt keine große Überraschung. Eine Website voller Männer, die Sex haben, aber dabei nicht erwischt werden wollen, ist für Betrüger ein wahres Schlaraffenland. Die meisten dieser Hochstapler haben jedoch die Finesse dieser berüchtigten „nigerianischen Prinzen" und sind dementsprechend ziemlich leicht zu erkennen. Ihr größter Fehler besteht wohl darin, dass sie Fotos von Pornostars als Profilbild hernehmen. Ihnen ist anscheinend nicht bewusst, dass die meisten AM-User wahrscheinlich mehr Zeit mit dem Schauen von Pornos verbringen als mit ihren Kindern. Einige dieser Profile versprechen dir sofort den ganzen perversen Scheiß, der dich so anmacht. Andere haben einen längeren Atem und so entwickeln sich tage- oder vielleicht sogar wochenlange Gespräche. Die Erstgenannten sind einfach zu erkennen, die Zweigenannten eher nicht so—da wird richtig viel Mühe reingesteckt und ich bin nicht gerade stolz, wenn ich zugeben muss, dass auch ich am Anfang ein paar Mal fast darauf reingefallen wäre und erst kurz vor knapp den Braten roch.

Aber egal für welchen Weg sich die Betrüger entscheiden, am Ende läuft es meistens auf das Gleiche raus: entweder die Anmeldung bei einer „Ticket-Seite" oder ein Webcam-Date. Diese Ticket-Seiten sind angeblich ein Service, mit dem sie anonym deine Identität überprüfen können, um sich zu schützen. Der Haken? Dazu musst du deine Kreditkartendaten an einen osteuropäischen Hochstapler übermitteln, der dazu noch Spyware auf deinem Computer installiert. Die Webcam-Dates soll komischerweise nie per Skype, sondern immer über eine „tolle" Website ablaufen, wo man sich ein Profil erstellen kann. „Baby, natürlich ist das keine Masche. Du kannst mir vertrauen." Wichtigste Ashley-Madison-Regel: Wenn es zu gut erscheint, um wahr zu sein, dann trifft das auch zu.

Wenn es sich nicht um einen Betrüger handelt, dann wahrscheinlich um ein Sugar Baby

Wenn du auf das Profil einer attraktiven Frau unter 25 stößt und sie sich nicht als Betrüger herausstellt, dann ist sie sehr wahrscheinlich auf andere Dinge aus. Und ich finde, dass das irgendwie gerechtfertigt ist: Warum sollte sie einfach so mit einem dickbäuchigen, verheirateten Mann schlafen, wenn sie das auch mit einem muskulösen, braungebrannten Kerl in ihrem Alter machen könnte, der sich dazu wahrscheinlich auch noch die Eier rasiert? Warum sollte sie dich einem solchen Typen vorziehen, wenn es da nicht noch andere Vorzüge gäbe? Manche Männer glauben, dass ihnen diese leicht beeindruckbaren, jungen Dinger sofort um den Hals fallen, wenn sie die Restaurantrechnung und deren Taxi nach Hause bezahlen. So funktioniert das Ganze allerdings nicht. Sugar Babys wollen Geld, sie wollen shoppen gehen und sie wollen alleine in das Taxi einsteigen, das du ihnen bestellt hast.

Wenn sie unter 25, hübsch und kein Sugar Baby ist, dann wird es auf jeden Fall richtig komisch

Auch wenn dir bewusst ist, dass die attraktiven Unter-25-Jährigen Gift für deinen Geldbeutel sind, wirst du ihnen trotzdem nachsteigen. Immerhin kommen sie der Porno-Fantasie, wegen der du dich eigentlich bei der Seite angemeldet hast, schon ziemlich nahe. Ab und an ignorierst du dein Urteilsvermögen und schickst ihnen den Zugangsschlüssel zu deinen Fotos und dazu noch eine Nachricht, die zwar schon sexuell interessiert, aber auch nicht zu komisch erscheinen soll. Die meisten Frauen werden dich ignorieren, vor allem dann, wenn du ihnen mitteilst, dass du nicht ihren Sugar Daddy spielen willst. Diejenigen, die trotzdem zurückschreiben, werden sich allerdings irgendwann auf jeden Fall als ziemlich durchgeknallt herausstellen.

Diese Frauen werden dir Nachrichten zukommen lassen, die so geschmacklos sind, dass es dir erstmal die Sprache verschlagen wird. Einmal schwärmte mir eine junge Frau von ihrem „jung aussehenden" Körper vor und schickte mir dann Fotos von sich zusammen mit ihrem ehemaligen Liebhaber—ein ehemaliger Liebhaber, für den sie den Badeanzug seiner Tochter anziehen musste und die Beiden dann im Bett von besagter Tochter Sex hatten. Eine andere Bekanntschaft hatte keine Lust auf ein traditionelles Date in einem Restaurant mit ein paar Drinks, sondern verriet mir direkt ihre Adresse, damit ich zu einer ausgemachten Zeit durch ein von ihr offen gelassenes Fenster in die Wohnung klettern und vortäuschen könnte, sie vergewaltigen zu wollen. Inzest-Rollenspiele fallen für mich jetzt nicht wirklich unter die Kategorie „Spaß", genauso wenig wie vor der Polizei erklären zu müssen, dass ich einfach nur den Wunsch einer Frau nach einer vorgetäuschten Vergewaltigung erfüllen wollte. Ich habe beide Angebote höflich abgelehnt.

Aber selbst wenn die Dinge keine solchen extremen Ausmaße annehmen, habe ich dennoch den Eindruck, dass Sex seit dem Jahrzehnt, in dem ich geheiratet habe, immer ... experimenteller geworden ist. Das hier ist jetzt weit von einer wissenschaftlichen Studie entfernt und vielleicht stehen AM-User einfach nur auf gewisse Dinge, aber es scheint so, als seien Hinternversohlen, Haareziehen, Fesselspiele und sogar Würgen inzwischen weit verbreitet—wenn nicht sogar allgegenwärtig. Analsex darf man auch nicht vergessen. Als ich damals Anfang der 90er Jahre meine Jungfräulichkeit verlor, war Analsex noch eine Großstadtlegende. Man kann jetzt vielleicht Internet-Pornos dafür verantwortlich machen, aber das Arschficken ist nun quasi immer ein Thema, egal ob du darauf stehst oder nicht.

Wo wir gerade von Pornos sprechen ...

Manchmal wird es einfach richtig komisch, das Alter spielt dann keine Rolle

Nach ein paar Monaten hat man schon ein gutes Repertoire an witzigen „Meine schlimmste AM-Begegnung"-Anekdoten angesammelt, was ein nützliches Werkzeug sein kann, wenn man irgendwann dann doch mal auf eine halbwegs normale Person trifft und das Eis brechen will. Diese Begegnungen erkennt man eigentlich ziemlich schnell: Das sind dann zum Beispiel User, die in Wirklichkeit anders aussehen als auf den Fotos oder die gleich mit irgendwelchen durchgepeitschten sexuellen Wünschen um die Ecke kommen. Meine Anekdote toppt jedoch alles. Ich schrieb E-Mails mit einer jungen, attraktiven Amerikanerin, die sich gerade im Vereinigten Königreich aufhielt. Schließlich tauschten wir Handynummern aus und unsere Nachrichten bekamen schnell einen sehr sexuellen Touch. Schon bald schickten wir Nacktbilder hin und her und gingen zum Telefonsex über. Wir machten ein Treffen aus und ich verbrachte die ganze Zugfahrt damit, ihr immer versautere Nachrichten zu schreiben. Beim Umsteigen klingelte mein Telefon und ihre Nummer war auf dem Display zu sehen.

Sie: „Hey Daddy! Was machst du so?"

Ich: „Ich steige um. Und du?"

Sie: „Ich halte gerade meinen großen Schwanz in der Hand."

Ich: „Bitte?"

Sie (die Stimme verändert sich von Sopran zu Bass): „Du hast schon richtig gehört, Daddy. Ich spiele gerade mit meinem großen Schwanz herum."

Ich persönlich habe kein Problem mit der Vorstellung, dass das Geschlecht ein soziales und kein biologisches Konzept darstellt—niemand weiß das so genau. Nur weil du einen Penis hast, heißt das nicht automatisch, dass du auch ein „Mann" bist. Es wurde jedoch recht schnell klar, dass dieser Typ sich nicht einem anderen Geschlechtskontinuum zugehörig fühlte. Er stand einfach nur darauf, verheirateten Männern etwas vorzuspielen. Allerdings muss man ihm zugute halten, dass er mir selbst nach der großen Enthüllung noch angeboten hat, zu mir ins Hotel zu kommen und mir einen zu blasen. Dieses Angebot habe ich jedoch ebenfalls höflich abgelehnt.

Wenn man nur gründlich genug sucht, dann findet man auch auf Ashley Madison normale Frauen

Das hier soll jetzt keine blanke Werbung sein. Ich habe Stunden, ja eigentlich Tage damit verbracht, Dutzenden Frauen eine Nachricht zukommen zu lassen. Und das war ein ziemlich teurer Spaß: Man muss sich sogenannte „Credits" kaufen, mit denen man dann den Kontakt herstellen kann, und als ich das Ganze mal grob durchgerechnet habe, kam ich ich zu dem Ergebnis, dass es dich gut 1,50 Pfund kostet, einer Frau überhaupt Hallo sagen zu können. Ich habe also nicht nur Stunden meiner Familienzeit dafür geopfert, um anderen Frauen charmante Gesprächsanfänge zu schicken, ohne dass meine eigene Frau davon etwas mitbekommt, ich habe dazu noch richtig viel Kohle dafür hingeblättert. Ich schätze, dass ungefähr 80 Prozent der Nachrichten komplett ignoriert werden und die restlichen 20 Prozent in eine der oberen Kategorien fallen. Wenn man allerdings dran bleibt, in ganzen Sätzen schreiben kann, relativ gut aussieht und kein Psychopath ist, dann kann man mit Hilfe von AM auch normale Frauen kennenlernen.

Meine ersten paar Treffen fühlten sich eher wie Bewerbungsgespräche als Dates an. Wir vereinbarten, uns auf einen Kaffee zu treffen, und machten einen Ort aus, der diskret genug war, um nicht zusammen gesehen zu werden, aber gleichzeitig öffentlich genug erschien, damit es jemandem auffallen würde, wenn einer den anderen erwürgen wollte. Bei einem dieser ersten Dates war ich zu früh dran. Sie kam herein und wir wussten beide innerhalb von Sekunden, dass da nichts laufen wird. Sie beschwerte sich über ihren nachlässigen Ehemann, ich erfand irgendeine Geschichte darüber, dass meine Frau frigide wäre, und so tauschten wir uns höflichkeitshalber eine Zeit lang über unsere tristen Ehen aus. Dann ging ich, stieg in den Zug und versuchte vor ihr, die unumgängliche „Danke, aber ich passe"-Nachricht zu schicken. „Da ist kein Funke übergesprungen" oder „Die Chemie hat einfach nicht gestimmt" ist bei Ashley Madison einfach nur eine höfliche Ausdrucksweise für „Wir werden niemals Sex haben".

Nach mehreren solcher Begegnungen fing ich an zu glauben, dass AM mehr eine Art Therapiesitzung darstellt, und dort eh keine Bettgeschichten zusammenkommen. Einige der Frauen, mit denen ich mich getroffen habe, forderten mich vehement dazu auf, nach Hause zu gehen und meine sexuelle Frustration rauszulassen, indem ich meine Frau mal so richtig hart durchnehme. „Sie wird es lieben", sagten sie. Dabei hatte ich ihnen schon lange und breit erklärt, dass meine Frau im Bett zahm wie sonstwas ist und meine und ihre Bedürfnisse kilometerweit auseinander liegen. Andere rannten schreiend davon, als sie nicht mehr nur auf einem Computerbildschirm, sondern im echten Leben mit fleischlicher Liebe konfrontiert wurden. Wenn man jedoch Ausdauer beweist, dann wird sich letztendlich alles fügen.

Artikel über Ashley Madison enden normalerweise immer mit einer moralischen Lektion. Die lautet dann in etwa „Fremdgehende Frauen suchen bloß die Aufmerksamkeit ihrer überarbeiteten Ehemänner"—oder irgendein anderer patriarchalischer Bullshit. Meine Lektionen sind viel einfacher: Meide Sugar Babys, verrate niemals deine wahre Identität und sei dir bewusst, dass es auch mal länger dauern kann. Es kostet zwar mehr Geld und ist auch zeitaufwendiger als damals während des Single-Lebens, aber wenn du nicht aufgibst, dann kann dir Ashley Madison wirklich dabei helfen, irgendwann auch noch den letzten Rest deiner kaputten Ehe zu zerstören.