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Popkultur

Was darf man während der Flüchtlingskrise eigentlich auf Facebook posten?

Muss man es wirklich posten, wenn man Flüchtlingen hilft und darf man online überhaupt noch über Dinge abseits der Flüchtlingsthematik sprechen?
8.9.15
Grafik: VICE Media

Die alte PR-Grundregel „Tu Gutes und rede darüber" nehmen sich in den letzten, turbulenten Tagen viele Helfer zu Herzen. Das Internet ist voll von gefühlsgeschwängerten Postings, emotionalen Erlebnisberichten von Begegnungen mit Flüchtlingen und herzerwärmenden oder -zerreißenden Fotos von Menschen, die am Westbahnhof ankommen und sich nach langer Tortur endlich wieder ein bisschen in Sicherheit wiegen können.

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Ein paar Menschen finden diese Flut an Hilfsbereitschafts-Postings aber nicht ganz so super und sind genervt davon oder sehen dahinter nichts als reine Selbstprofilierung. Einer davon ist Autor und Zeichner Clemens Haipl, der am Samstag auf seiner Facebook-Page Folgendes gepostet hat:

Dazu gibt es im Netz wahrscheinlich in etwa so viele Meinungen wie es User gibt. Das Posting wirft aber eine durchaus spannende Frage auf—und sie ist weder mit einfachen Abwehrreaktionen noch dem Löschen aller derartiger Meinungen zur Gänze beantwortbar.

Ich glaube, dass die Flut an positiven Postings zum Flüchtlingsthema einen ziemlich großen Beitrag zu dem öffentlichen Meinungs-Umschwung leistet, der in der letzten Woche passiert ist. Positive Postings und kleine Erfolge von öffentlichen Personen und Bekannten, die Flüchtlingen helfen und bewegende Einzelschicksale posten, stecken an—im positiven Sinne.

Man erfährt, wo und wie man helfen kann und wird angespornt. Solche Postings lassen außerdem Hoffnung schöpfen, und auch, wenn es ziemlich kitschig klingt, geben sie einem den Glauben an ein Österreich, das nicht von Fremdenhass und irrationaler Angst bestimmt ist, wieder zurück. Und von genau diesem Österreich möchte man ein Teil sein. Das ist die tatsächliche Kraft von Social Media—auch, wenn das natürlich niemals ganz ohne Eitelkeit und Selbstdarstellung geht.

Meiner Einschätzung nach waren vor dieser letzten Stimmungswende viele Menschen, die ich kenne, verdrossen—inklusive mir selbst. Die selbsternannten „Asylkritiker" haben vor allem auf Facebook so laut geschrien, dass man kurz wirklich denken konnte, sie seien jene starke Mehrheit, als die sie sich gerne darstellen.

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Jetzt, wo eine Welle der Hilfsbereitschaft durch das Land und durch die sozialen Medien geht, wird offensichtlich, dass sie lediglich eine laute Minderheit, aber noch lange nicht die eine bestimmende Kraft im Land sind. Die Hilfsbereitschaft, die momentan in der Zivilbevölkerung herrscht und das Ausbleiben von Besucherströmen zum FPÖ-Fest in der Kandlgasse sind Symbole für eine Haltung, die ich bis vor sehr kurzem noch nicht für möglich gehalten hätte—und von denen ich genauso überrascht war wie das rechte Lager.

Der Vorwurf, dass sich Menschen, die ihre guten Taten online stellen, dadurch nur selbst profilieren wollen, bahnt sich spätestens seit Til Schweigers Vorhaben, ein Flüchtlingsheim zu bauen, ebenso seinen Weg durchs Internet, wie die eben genannten emotionalen Postings. Aber natürlich wirft es ein gutes Licht auf eine Person des öffentlichen Lebens, wenn sie für ihre Ideale eintritt, nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes wählt und im Stillen wartet, bis das Flüchtlingsthema nicht mehr so stark präsent und polarisierend ist. Die, die sich äußern, steigen im Ansehen der engagierten Zivilgesellschaft, sinken aber auch im Ansehen aller anderen. Und ganz ehrlich—auch, wenn ein bisschen PR-Kalkül dahinter steckt, ist das in diesem Fall einfach scheißegal, solange eben der Sache damit gedient ist. Zumindest macht es die Handlung an sich—also die Hilfe für bedürftige Menschen—nicht schlechter.

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Auf der anderen Seite stehen derzeit viele Facebook-User irgendwo zwischen Betroffenheit und Alltag und wissen nicht so recht, wie sie pietätvoll mit der Situation umgehen sollen und gleichzeitig ihr Leben trotzdem nicht auf Pause zu schalten.

Jedes Mal, wenn ich einen Song oder ein Bild, das nicht weniger mit Flüchtlingen zu tun haben könnte, auf Facebook posten will, überlege ich einen Moment lang, ob das eigentlich OK ist. Dürfen wir zeigen, dass wir Spaß und ein verdammt gutes, privilegiertes Leben haben, während sprichwörtlich vor unserer Haustür Menschen ankommen, die nichts mehr haben?

Es hat natürlich einen bitteren Beigeschmack, wenn man durch die Timeline scrollt und zwischen zwanzig Postings zu Flüchtlingen ein Urlaubsbild vom Strand in Bali oder einen naiv im Raum stehenden, semi-lustigen YouTube-Link sieht.

Aber die Frage, die man sich stellen muss, ist, worum es uns geht—tatsächliche Hilfe offline oder durchgehende Andacht online. Müssen Menschen in jeder Sekunde ihres Online-Lebens Anteilnahme zeigen? Geht es uns dann nicht erst recht wieder nur darum, was wir in der Öffentlichkeit darstellen und dass unser Bild auf Facebook und Twitter perfekt zu der Nachrichtenlage passt? Oder sollte nicht vielmehr im Vordergrund stehen, konkret zu helfen? Und wenn ja, muss man dann nicht auch in Kauf nehmen, dass Menschen eben auch noch ein anderes Leben abseits dieser Hilfe haben?

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Natürlich kann man fordern, dass Menschen in Zeiten von Flüchtlingskrisen auf Facebook-Eitelkeiten verzichten—egal, ob nun deshalb, weil man sich mehr Zurückhaltung bei der Hilfe oder einfach mehr Pietät bei der Selbstdarstellung wünscht.

Aber Facebook zeichnet sich dadurch aus, dass wir hier alles posten, was uns in unserem Alltag so beschäftigt. Also wieso nicht Facebook dazu nutzen, um anderen zu zeigen, dass man hilft? Warum nicht Einfluss auf sein Umfeld nehmen, Freunde motivieren, das Bisschen Öffentlichkeit, das man zur Verfügung hat, für eine gute Sache nutzen, damit mehr Leute zu der Sache finden? Die #ShowYourFaceChallenge ist nur eine von vielen Online-Aktionen, bei der Leute Gesicht zeigen und Farbe zur Flüchtlingsthematik bekennen (wie zuletzt auch Bundespräsident Fischer).

Ich finde es jedenfalls ziemlich super, neben der Offline-Hilfe auch Online-Überzeugungsarbeit zu leisten. Auch, wenn die Flut an Postings groß ist und die Kommentare darunter lediglich aus „Du bist so toll!" bestehen, sollte man mit dieser Form der momentanen Überpräsenz leben können. Weil es wichtig ist, dass die guten Vibes, die derzeit unsere Newsfeeds bestimmen, bleiben und immer mehr Menschen dazu bewegen, ihren Mund aufzumachen und lauter als die Flüchtlingsgegner zu sein.

Der Punkt ist, dass ich im sozialen Netz gute, ehrlich gemeinte Botschaften sehen will. Zu dieser Ehrlichkeit gehört es auch, seinen Alltag weiterzuleben und nicht so zu tun, als würde dein Leben nur noch aus Andacht bestehen. Klar könnte man verlangen, dass Menschen sich zusammenreißen—aber damit würde man eben gleichzeitig sagen, dass jeder von uns bessere PR-Eigenarbeit leisten und sich politikermäßig inszenieren sollte. Deshalb sind auch gelegentlich Urlaubsfotos OK, solange das nicht das Einzige ist, das dein Leben bestimmt und der beigefühte Hashtag nicht #imonaboat lautet. Mit ein wenig Empathie geht alles. Genauso, wie die Postings der Helfer notwendig sind, sind auch „normale" Posts auf eine gewisse Art und Weise notwendig. Denn wenn mich etwas zu mehr Hilfe bewegt, dann sind es echte Menschen, denen ich glaube, was sie posten.

Verena auf Twitter: @verenabgnr