Physiker erklären uns, wie rum Klopapier hängen soll

An der Wand oder zum Nutzer? Zu dieser großen Frage haben so ziemlich alle westlichen Toilettennutzer eine Meinung. Aber wer hat denn nun Recht?

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16 Juni 2016, 12:20pm

Neulich war ich in meinem Badezimmer und habe die Klopapierrolle ausgewechselt. Ich habe nicht wirklich aufgepasst, was meine Hände machen, und am Ende war sie dann „falsch herum", sodass die „Abreißstelle" zur Wand zeigte und nicht auf mich. Ich habe mir nicht wirklich viel dabei gedacht. Wen interessiert's? Es gibt doch wohl keine richtige oder falsche Art, wie man eine Toilettenpapierrolle aufhängt, oder? Tja, anscheinend gibt es sogar sehr viele Leute, die der Meinung sind, es gebe hier ein Richtig und ein Falsch. Eine dieser Personen ist meine Freundin.

"Das Klopapier muss andersrum!", sagte sie, als sie sah, was ich getan hatte. Als ich sie fragte, warum, sagte sie: "Ich weiß nicht, aber so macht man es einfach nicht."

Die Frage, wie herum das Toilettenpapier zu hängen hat, ist eins dieser Themen, über das irgendwo im Internet durchgehend jemand diskutiert. Die Debatte hat ihren eigenen Eintrag auf knowyourmeme, und ein schockierend langer Eintrag der englischsprachigen Wikipedia widmet sich ebenfalls diesem Thema; der deutsche Eintrag ist um einiges kürzer, aber enthält immerhin den faszinierenden Verweis auf eine dritte Aufhängvariante: senkrecht, um mit Links- oder Rechtsabriss die politische Haltung auszudrücken. Doch zurück zu der Vorwärts-Rückwärts-Debatte: Alle paar Jahre verkündet eine Website, sie habe mithilfe eines bisher ignorierten Beweisstücks die Frage ein für alle Mal gelöst. Letztes Jahr grub die Huffington Post das ursprüngliche Patent für Toilettenpapier aus, um zu zeigen, dass der Erfinder, ein Mann namens Seth Wheeler, vorgesehen hatte, dass die Rissstelle der Rolle dem Verwender zugewandt ist.

Und die "Präzedenzfälle" scheinen diese Sichtweise auch zu unterstützen. Zusätzlich zu dem eben erwähnten Patent gab es noch einige Werbekampagnen der amerikanischen Toilettenpapier-Marke Cottonelle zu dem Thema. In einer davon zitierte die Firma eine Studie, laut der 74 Prozent aller US-Amerikaner ihr Toilettenpapier lieber "überhängend" und nicht "herunterhängend" sehen. Wenn wir uns schon darauf konzentrieren, welche Variante die (von der Debatte anscheinend am meisten besessenen) Amerikaner präferieren, können wir auch gleich Kid Rock fragen, denn er ist der amerikanischste Amerikaner, der jemals in Amerika wandelte. In Rocks Musikvideo "You Never Met a Motherfucker Quite Like Me" wischt sich der rappende Redneck aus Detroit den Arsch mit einer Rolle Klopapier ab, auf der "Radiohead" steht. Und die Rolle hängt vorwärts.

Aber gibt es auch einen wissenschaftlichen Grund, warum die Toilettennutzer der westlichen Welt eine Richtung der anderen vorziehen? Um diese Frage gebührend zu beantworten, habe ich mich an den ehemaligen theoretischen Physiker Brian Wecht gewandt, der sowohl an der Harvard University als auch am MIT geforscht und an der Queen Mary University of London doziert hat, bevor er sich in Vollzeit seiner YouTuber-Karriere als eine Hälfte des Musik-Comedy-Duos Ninja Sex Party gewidmet hat. Er erklärte mir, dass dieselben physischen Prinzipien am Werk sind, ob die Rolle nun vorwärts oder rückwärts hängt. Seine offizielle Einschätzung: "Es ist egal."

"Wenn etwas rotiert", erklärte er, "dann erzeugt das Rotationsenergie, eine Form der kinetischen Energie." Die Kraft, die für die Rotation benötigt wird, nennt sich Drehmoment. In diesem Fall liefert deine Hand, die an der Rolle dreht oder am Papier zieht, das Drehmoment. Er fuhr fort: "Ob du die Rolle nun zur Wand oder nach vorne gewandt aufhängst, du musst dieselbe Rotationsenergie auf die Rolle übertragen und das erfordert dasselbe Drehmoment. Die Lage ist ja einfach nur gespiegelt, das heißt, an der erforderlichen Energie ändert sich nichts."

Ich wollte noch eine zweite Meinung einholen und wandte mich an Nicholas DiBella, einen Philosophie-Doktoranden an der Stanford University, der am MIT Physik studiert hat. Wir telefonierten, kurz nachdem er seine Doktorarbeit erfolgreich verteidigt hatte, die mithilfe der Mengenlehre und Wahrscheinlichkeitsrechnung gegen die metaphysische Konvention argumentiert, unsere Welt sei einfach aufgebaut—laut DiBella ist sie stattdessen durchaus sehr komplex. Zwar war er mit Wecht einig, was die physische Symmetrie der unterschiedlich aufgehängten Klorollen anging, doch er hatte noch eine Ergänzung: "Wenn du menschliche Fähigkeiten einbeziehst, kommt Asymmetrie ins Spiel."

"Normalerweise wollen sich die Leute nur minimal anstrengen, wenn sie auf die Toilette gehen", sagte er. "Und das bedeutet, dass sie am Papier reißen"—anstatt die Rolle zu drehen. "Sie reißen tangential zur Rolle—von links nach rechts. Wenn das Toilettenpapier vorn hängt, gibt das den Leuten einen größeren Bewegungsfreiraum beim Reißen; sie haben mehr Platz, ihren Arm zu rotieren."

Debatten wie diese sind letztendlich idiotisch. Trotzdem sind sie vielleicht beim Zusammenleben mit anderen Menschen unvermeidbar, und gleichzeitig erzählen sie uns mehr darüber, wie wir über unsere Toilettenaktivitäten sprechen. Dieser Auffassung ist Professor Harvey Molotch von der New York University. Molotch ist Stadtsoziologe, Experte für industrielles Design und Mitherausgeber eines akademischen Buchs über Toiletten, das Toilet: Public Restrooms and the Politics of Sharing heißt. "Ich habe in meinem langen Leben schon viele, viele Interviews über Toiletten gegeben", sagte Molotch, der 76 Jahre alt ist. "Aber diese Frage hier hat mir vorher noch niemand gestellt."

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Laut Molotch gibt es einen Grund für unsere zutiefst persönlichen, oft eigentümlichen Toilettenüberzeugungen. Er erklärte mir, Leute, die Badezimmer entwerfen, würden Toiletten und Zubehör oft als "Tabuprodukte" bezeichnen. "Diese Dinge sind nicht so leicht zu besprechen—selbst mit Kunden und erst recht mit Unbeteiligten", sagte er. Dieser "verbotene Diskurs", wie Molotch dazu sagt, ist einer der Gründe, warum wir uns überhaupt noch mit Klopapier abgeben, obwohl inzwischen einige Produkte erhältlich sind, die dem Papier eigentlich überlegen sind. Dinge wie Feuchttücher, Bidets und umweltfreundliche Stofflappen "können sich nur schwer auf dem Markt positionieren, weil niemand beschreiben will, wofür sie gedacht sind", sagte Molotch. "Toilettenpapier wird allgemein sehr vage beworben. Man darf nie zeigen, wo es eigentlich angewendet wird: am Arsch."

Als ich Molotch bat, die Klopapier-nach-vorne-Tradition zu analysieren, stellte er die Vermutung an, dass sie ihren Ursprung im Hotelgewerbe haben könnte. "Hotels hängen das Papier gerne mit der Rissstelle nach vorn auf, damit sie sie umfalten oder kleine Origami-Kunststücke damit machen können, sodass erkennbar ist, dass geputzt wurde", sagte er. "Im Grunde ist es eine kleine Kunstausstellung, die dir vermitteln soll: 'Keine Sorge, dieses Scheißhaus ist sauber.'"


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Molotch hat zwar Verständnis für die verbreitete Konvention, doch persönlich passt ihm das vorwärts gerichtete Papier gar nicht in den Kram. "Ich orientiere mich nach Effizienz", sagte er. "Und wenn das Papier hinten hängt, spare ich damit ungefähr fünf Zentimeter." Diese Methode orientiere das Papier "an der Wand und nicht im Raum".

Doch so stur er bei der Frage im eigenen Bad bleibt, kann Molotch trotzdem gut nachvollziehen, warum das Thema weltweit so viele interessiert. "Es ist eine witzige Frage", sagte er. "Es schwingt etwas Ungezogenes mit—ein Thema, über das sonst nie jemand redet, wird angesprochen und zugänglich gemacht."

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