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Kann denn Schießen Sünde sein? Die Geschichte der Rambo-Videospiele

Wir haben uns angesehen, was Rambo-Gaming technisch zu bieten hat und hatte. Und ja, es leuchtet blau.
31.3.14

Die kalte Kriegsmaschine und Einmannarmee, John Rambo, wurde mit Rambo: The Videogame endlich auf den letztgenerativen Konsolen und am PC wiederbelebt. Kann man aber diesem Railshooter, der auf der PS3 mit dem richtigen Equipment (Move- und Sharpshooter-Controller) zu einem Lightgun-Automaten mutiert, das Prädikat „besonders wertvoll" verleihen?

Genau so hat nämlich im Jahr 1988 die Filmbewertungsstelle Wiesbaden den Kinofilm Rambo 3 beschrieben. Technisch betrachtet ist Rambo: The Video Game ziemlicher Müll. Stallone war zwar noch nie ein weltgewandter Feschak, doch so plastikoid und anatomisch entstellt, hat man den Gewalt-Porno-Protz noch nie gesehen. Außerdem ruckelt und stottert die Low-End-Grafikengine auch an allen Ecken und Enden.

Viele Spieletester mussten deshalb sofort ihre Abscheu in die Kritiker-Kloschüssel kotzen und hakten diese neue Rambo-Spiel als unzumutbare Moorhuhnjagd ab. Allerdings entgeht einem dann ein durchaus feingeschliffener Railshooter mit einem hervorragend ausgeklügelten Score-System. Es gibt massig Skills und Perks freizuschalten sowie die „Trautman Challenges", um das Waffenarsenal und die Punktezahl zu verdoppeln. Wer Call of Juarez: Gunslinger kennt, weiß, wie viel Potential in solchen Details steckt. Also ganz nach dem alten Motto der Arcades: Nur der Highscore zählt! Entsprechend vergebe ich an Rambo: The Videogame 4 von 5 Kopfschüssen, die man sich am liebsten selber setzen möchte.

Aber das ist noch nicht annähernd die ganze Gaming-Geschichte dieser Franchise. Der legendäre Rambodarsteller Sylvester Stallone zählt ja mittlerweile schon stolze 67 Jahre. Ganz so viele Jahre weist die Rambo-Softothek jedoch noch nicht auf. Es wundert auch kaum, dass der erste Teil First Blood nicht „versoftet" worden ist. First Blood punktet mehr thematisch durch eine sozialkritische Darstellung des Kriegsveteranen, der in die Verachtung heimkehrt. Er tötet auch nur eine einzige Person, und das in erzwungener Notwehr—nur Rambos Stein gewinnt gegen einen Helikopter. Das aktuelle Rambo: The Videogame versucht diesen pazifistischen Zug umzusetzen, indem es Bonuspunkte fürs erfolgreiche Entwaffnen von Polizisten vergibt.

Ich stelle mir kurz bildlich eure Verwirrung vor: „Pazifistischer Duktus und Rambo?" Klar, Rambo kennt man als muskelbepackten Übersoldaten, der mittels leichtem Maschinengewehr eine Hundertschaft von Gegnern ummäht, mit Explosionspfeilen den halben vietnamesischen Dschungel samt seiner Bewohner sprengt und mit dem Buschmesser Hälse filetiert. Dieses Rambobild wurde vor allem durch den zweiten und dritten Kinofilm geprägt und diese haben eben auch als Grundlage für die zahlreiche Videospielumsetzungen gedient.

Der erste Spieletitel, in dem das Bandana muskulös um den Kopf geschnürt wird, stammt aus dem Jahr 1985 und erschien für den Heimcomputer Commodore 64. Johnny wuselt in Rambo: First Blood Part II als ein grobpixeliger Sprite durch den Dschungel. Spielerisch orientiert sich der Spieletitel an dem Arcadespiel Commando von Capcom. Auf dem Weg ins Gefangenencamp sammelt man ein Arsenal, befreit die POWs, kapert einen Hubschrauber, erledigt in einem Dogfight den russischen Hind-Hubschrauber und fliegt gemütlich zurück zur Heimatbasis.

Man sieht, dass die Handlung von Rambo 2 sehr authentisch umgesetzt wurde. Führt man sich das Spiel heute zu Gemüte, kann man nur entsetzt sein über den harschen Schwierigkeitsgrad und die nahezu unverschämte Kürze des Spiels. Es dauert gerade mal 15 Minuten, das Spiel durchzuspielen—also wenn man die Steuerung internalisiert und sich die richtigen Taktiken angeeignet hat. Einzig die coole Chiptunes-Intromusik von Martin Galway kann heute noch begeistern.

Für IBM-kompatible MS-Dos-Rechner kam dann doch allen Ernstes auch ein waschechtes Text-Adventure mit dem gleichen Titel raus. Anstatt wie alle anderen Entwickler ein an Action ausgerichtetes Computerspiel zu erzeugen, entschied sich Angelsoft 1985, ein textbasiertes Abenteuer im Stil von so Genreklassikern wie Zork von Infocom zu programmieren. Rambo und literarische Ergüsse? Wie ein kurzer Blick in die Komplettlösung des Spiels verrät, bedeutet das eher dumpfe Eingabekommandos wie „Hide", „Wait", „Eat rice", „Kill guard" etc.

Das familienfreundlichste Videospielunternehmen der Welt namens Nintendo hat Rambo 1987 auch sein Seal of Quality gegeben. Schlicht Rambo betitelt, wandelt man hier auf den Spuren von Zelda 2 und mutiert zum Action-Adventure-Star. Das Modul offenbart einige surreale Spielsituationen. So kämpft Rambo mit einer riesigen Spinne, was weder Sinn noch viel Freude macht.

Ähnlich surreal ist der Semi-Fun Fact, dass am Ende der damaligen VHS-Versionen von Rambo 3, in dem in Afghanistan im klassischen Reggean-Ära-Hollywood-Stil der Kalte Krieg ein bisschen taut, die ursprüngliche Danksagung lautete: „Dedicated to the brave Mujahideen fighters". Rambo, ein Terroristensympathisant?!

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Rambos Ausflug auf die Nintendo-Konsole blieb ein Soloakt. Ganz anders verhielt es sich auf den Konkurrenzprodukten von Sega. Für das Master System erschienen 2 Spieletitel. Die Nachfolgekonsole, Sega Mega Drive, bekam auch ein Rambo-Spiel gespendet und in den Zockerhallen ballerte Rambo fröhlich auf der Lindbergh-Plattform um sich. So hielt politisch eigenartig positionierte Ideologie und militaristisch entschuldigte Gewalt Einzug in die Unterhaltungsmedien.

Wer wirklich lachen möchte, sollte auf den Score Thread der Rambo-Spiele schauen. Wo anderswo nur stumm Highscores eingegeben werden, sind hier Fans vor Jahren schon mit Trolling-Geschützen und witzigen Comments aufgefahren, dass es eine Freude war.

Der Arcadetitel von Lindbergh und das zweiterschiene Spiel für das Master System sind Vertreter des Lightgun-Genres und der Weg für Rambo: The Video Game war geebnet. Schade, dass im neuesten Teil manche der essentiellen Szenen der Filme fehlen. Mir geht der Scherz mit dem „blauen Licht" schon etwas ab und auch, dass Rambo im ersten Teil weint und ein Stück Menschlichkeit bewies. Aber vielleicht kommt es in einem Rambo-Spiel gar nicht darauf an.

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