Dr. James Fallon ist ein Psychopath und lässt das Ganze echt unterhaltsam erscheinen

Ein Interview mit einem Mann, für den Mitgefühl ein Fremdwort und Manipulation ein Hobby ist.

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07 Oktober 2014, 2:55pm
„Roc, du hast mich an einem guten Tag erwischt", erzählte mir Dr. James Fallon. Die Pferde waren schon den ganzen Morgen lang auf der Rennbahn zu seinen Gunsten galoppiert. An diesem Tag ist auch sein bester Freund aus der College-Zeit gestorben. Fallon hat davon erst vier Stunden vor unserem Treffen erfahren. 

„Ich warte noch darauf, dass es mich trifft", behauptete er. Ich lächelte tapfer und zog meine Augenbrauen hoch. Er erwiderte das Lächeln und zuckte zusätzlich mit den Schultern. Wir wussten beide, dass es ihn nie treffen würde. 

„Wenn ich mein Verhalten genau analysiere", verriet mir der Neurowissenschaftler später, „ist streng genommen alles eine Lüge. Wirklich alles. Auch wenn ich denke, dass ich nie lüge, lüge ich doch die ganze Zeit. Ich komme zwar wie ein freundlicher Mensch rüber, aber ich will eins klarstellen: Ich bin nicht so nett, wie man denkt."

2006 untersuchte Fallon die Gehirn-Scans von psychopathischen Mördern und verglich sie dann zufälligerweise mit einem Scan seines eigenen Hirns. Die charakteristische Abschaltung der emotionalen Regionen war nicht zu übersehen. Er fand selbst heraus, was für seine Freunde und seine Familie schon seit Jahren feststand: Fallon war ein Psychopath. Er betont jedoch gerne, dass er „sozial eingestellt" ist. Der 66-jährige, dreifache Vater ist glücklich verheiratet, in seinem Beruf sehr erfolgreich und hat keine Vorstrafen. 

Die Aggressionen, den Narzissmus, die Gefühllosigkeit, das typisch rücksichtslose Verhalten von Psychopathen—Fallon behauptet, dass er das alles ausschalten kann. Sein Charme hingegen ist immer präsent. In seinem Zuhause in Irvine, Kalifornien, begrüßte er mich wie einen alten Freund. Er telefonierte gerade mit seinem Buchmacher aus Jersey, einem zwei Meter großen, 140 Kilo schweren Ex-Mafiosi namens Big Moe. „Er heißt eigentlich Joey", schmunzelte Fallon. „Er glaubt, wir leben immer noch im Jahr 1965." Ich habe diesen Mann vor einer Minute kennen gelernt und schon bringt er mich zum Lachen und ich fühle mich wohl. 

Wir nahmen unsere Getränke mit in den Garten, wo wir den Monarchfaltern dabei zusahen, wie sie in den Seidenpflanzen auf Nahrungssuche gingen. Das ist eine der Lieblingsbeschäftigungen des Wissenschaftlers. Er merkte an, dass die verschiedenen Jahreszeiten bei den Insekten ganz unterschiedliche Verhaltensweisen hervorrufen. „Wenn sie unten in Mexiko und hier oben in Monterey in den Bäumen umherfliegen, dann sind sie sehr soziale Tiere. Wenn sie aber dazwischen wegen Futter und Sex zu Rivalen werden, dann töten sie auch. Ein Tier, aber doch zwei sehr unterschiedliche Verhaltensweisen."

„Roc, du kannst mich alles fragen", fügte Fallon noch hinzu und breitete seine Arme aus. „Ich bin allerdings etwas eingeschränkt. Meine Mutter und meine Frau leben schließlich noch." „Machen wir nach dem Tod der Beiden dann noch ein Interview?", fragte ich scherzhaft. „Na klar", lachte er. „Das wird dann aber ein ganz anderes Gespräch."

VICE: Für Psychopathie gibt es viele Definitionen. Was sind die ausschlaggebenden Faktoren?
James Fallon: Der Kern von Psychopathie besteht im Grunde aus fehlendem Mitgefühl und tiefgreifender Manipulation, um das zu bekommen, was man will. Man muss nicht sadistisch veranlagt sein, so wie es viele Leute annehmen. Redegewandtheit ist auch kein Muss, obwohl man die oft bei Psychopathen beobachten kann. Ihre Gedanken nehmen nämlich nicht zuerst noch den Weg durch das limbische System [das Emotionszentrum im Gehirn], was alles verlangsamt. 

Machst du beim Sprechen Pausen, um authentischer zu wirken?
Manchmal. Ab und an denke ich mir auch Sachen aus, damit es so wirkt, als ob ich falsch liege. Ich baue ein paar Unwahrheiten ein, um dann später sagen zu können, dass ich da ja einen Fehler gemacht hätte. Das lässt mich zugänglicher und glaubwürdiger erscheinen. 

Du baust sehr schnell ein gutes Verhältnis zu anderen Menschen auf. 
Ja. Hier will ich aber ein bisschen langsamer machen. Ich versuche, mich zu fragen: „Verhalte ich mich jetzt noch natürlich?" Meine Herausforderung besteht inzwischen darin, mich selbst zu manipulieren. Kann ich Leute dadurch überraschen, dass ich total ehrlich bin?

In deinem Buch schreibst du jedoch auch, dass du durchs Lügen eine gewisse Wirkung erzielen möchtest.
Ja, natürlich. Ich habe auch schon absichtlich in die entgegengesetzte Richtung gelogen. Wenn ich zum Beispiel einen 20 Pfund schweren Thunfisch fange, dann sage ich, dass er nur 15 Pfund wiegt. Irgendjemand wird dann sagen: „Nein, der war doch viel größer." So manipuliert man die Menschen. Ich erinnere mich an dieses sehr witzige Buch aus den 70ern namens How to Cheat at Tennis. Ein Tennisfeld sollte eigentlich ein perfektes Rechteck sein, aber du kannst es manipulieren. Zeichne die Linien neu und mache ein Parallelogramm daraus. So bescheißt du deine Gegner. 

Das muss aber so subtil geschehen, dass sie es nicht merken. 
Genau. Und dann packst du natürlich auch noch die offensichtlichen Tricks aus. Wenn sie am Anfang des Matches einen Ball ins Aus schlagen, sagst du, dass er drin war. So kannst du dann später bei Bedarf das Gegenteil behaupten. Man lügt also zuerst im Bezug auf eine Sache, um dann später etwas gut zu haben. Genau das mache ich. Irgendwie ist das Ganze nur ein Spiel—ein Scherz, den man dir trotzdem übel nehmen kann. Ich habe das nie böse gemeint, für mich war das immer nur Spaß. 

Was es für die Anderen auch ein Spaß?
Nicht immer. Irgendwie ist das ja so, als würde ich andere Menschen intellektuell schikanieren und Spielchen mit ihnen treiben. Das Ganze hat eine dunkle Seite. In den letzten zwei Jahren wurde mir bewusst, wie oft ich das eigentlich mache. Ich habe aber nie schwächere Menschen ausgenutzt. Weißt du, was ich meine? Ich will fair spielen. 

Ist das ein moralischer Standpunkt? Moral ohne Mitgefühl kann man sich nur schwer vorstellen. Woher kommt dein Sinn für Moral?
Wenn man von Priestern, Nonnen und seinen Eltern katholisch erzogen wird, dann macht man nie etwas Falsches. Lügen, Betrügen, Stehlen, Mädels an den Arsch fassen—all das habe ich nicht getan. Dieses Verhalten war jedoch Teil eines Zwanges. Ich bildete mir ein, dass jegliches Verhalten perfekt und im Einklang mit dem Universum sein musste. Alles musste eine gewisse Symmetrie haben. 

Also waren die Regeln an sich Zufall? Wenn man dich anders erzogen hätte, wäre diese Vorstellung dann trotzdem zu deinem Ideal geworden?
In Indien habe viel Zeit mit einer Psychiaterin verbracht. Sie sagte: „Jim, du bist eigentlich ein natürlicher Buddhist. Du hast kein Mitgefühl für einzelne Menschen, sondern für die Menschheit. Das ist sehr buddhistisch." Wenn man mich buddhistisch erzogen hätte, dann wäre wohl alles noch viel einfacher gewesen. 

Was hat den Katholizismus so suboptimal gemacht?
Mit den strengen Regeln hatte ich kein Problem. Ich habe es einfach nur ins Extreme getrieben. Da liegt das Problem. Du sollst nicht lügen, stehlen und betrügen—all das erschien mir so selbstverständlich. Man sagte mir immer: „Mein Gott, Jim. Mach mal langsam." Es erschien mir unsinnig, das Ganze mit dem Konzept der Moral zu verknüpfen. Der Zwang zur Perfektion war mir einfach angeboren. Die erste Sache, an die ich mich erinnern kann, ist folgende: Mit zwei oder drei Jahren bin ich schlafen gegangen und als ich meine Augen schloss, habe ich es gesehen … hast du jemals ganz oben im Norden gelebt?

Das Polarlicht?
Ja. Wenn man ganz in den Norden reist und ein heftiger Sturm wütet, dann ist Aurora borealis  direkt über dir. Das Ganze hat etwas echt Dramatisches. Du fühlst dich wie ein Zuschauer im Theater und der silberne Vorhang fällt. So war es jedes Mal, wenn ich die Augen zumachte. Die Farblosigkeit und die Dunkelheit verschwanden erst, als es immer näher kam. Wie durch einen Trichter kam es immer schneller auf mich zu. Das Ganze verdichtete sich dann zu etwas, das sich jedes mal so anfühlte, als würde das gesamte Universum auf meine Stirn treffen. Es machte dann Ping! Es war federleicht. Das ist das tollste aller Gefühle, weil es unendlich und gleichzeitig winzig klein ist. Genau so lief es jede Nacht ab. So wurde mir vielleicht schon sehr früh eine Art Leitmotiv vorgegeben, das mich so auf das ganze Universum und die Perfektion fokussieren ließ. 

Wann hast du damit aufgehört, dich so auf die Moral zu fixieren?
Mit 19 oder 20 hat sich plötzlich alles geändert. Ich dachte nicht mehr, dass alles ein moralisches Problem sei, sondern das eben nichts mehr ein moralisches Problem darstellt. Selbst wenn ich mir jetzt das Gefühl dieses Lichts wieder in meine Erinnerung rufe, hat es inzwischen überhaupt nichts mehr mit Moral zu tun. 

Welcher Religion gehörst du an?
Ich bin agnostischer Atheist. Ich manipuliere Menschen, aber ich tue es der Ethik wegen. Ich sehe es nicht unbedingt als moralische Streitfrage, aber eine gewisse Schönheit wohnt dem schon inne. 

Du klingst fast wie der Gott des Alten Testaments, der erscheint, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Das habe ich so ja noch nie gehört. Das gefällt mir. Ich kann mich mit der Persönlichkeit des Gottvaters identifizieren, der immer zur richtigen Zeit interveniert, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Er tut das leidenschaftslos. Es ist sehr wichtig, dass sein Handeln emotionslos ist.

Ich kann mir vorstellen, dass das in vielen Situationen von Vorteil ist. Es scheint dir dabei zu helfen, den Tod deines Freundes zu verarbeiten.
Ja, ich habe keine Gemütsschwankungen. Ich kann mich daran erinnern, dass wir viel Spaß zusammen hatten. Er war ein interessanter Mensch, aber irgendetwas in mir kann einfach keine emotionale Verbindung aufbauen. Du kannst es objektiv sehen—ich sollte niedergeschlagen sein, bin ich aber nicht.

In gewisser Weise hört sich das befreiend an. Würdest du gern Empathie empfinden können?
Nein, ich bin ziemlich zufrieden mit mir. Ich liebe meine Frau sehr. Außerdem: Eigentlich hat jeder Mensch etwas von einem Psychopathen in sich—na ja, nicht jeder, aber die meisten Menschen. Sie sind keine kategorischen Psychopathen, aber sie legen psychopathische Verhaltensweisen an den Tag.

Sie sind Teil des Spektrums?
Auf jeden Fall. Wenn du dem auf den Grund gehen würdest, was die Menschen wirklich über all die anderen Menschen denken, mit denen sie interagieren, wäre es brutal! In gewissem Sinne sind diese Verhaltensweisen also gar nicht psychopathisch, weil so viele Menschen sie an den Tag legen.

Denkst du, dass das Verhalten eines Individuums konsequent ist, oder kann derselbe Mensch—je nach Umwelt—moralisch miteinander in Widerspruch stehende Verhaltensweisen an den Tag legen? Die Befehlshaber in Auschwitz zum Beispiel sind ja abends zu Frau und Kind nach Hause gegangen. Wie passt das zusammen?
Deshalb ist es so schwer festzustellen, ob Hitler tatsächlich ein Psychopath war. So ist das bei einem Großteil der Nazis. Sie standen ihren Familien nahe. Sie haben Mitgefühl empfunden. Das haben sie alle. Sie waren keine Psychopathen. Wenn man das Konzept von Hannah Arendt zugrunde legt, dass jeder einzelne einen kleinen Beitrag geleistet hat, dann bedeutet das, dass sie wirklich überzeugt gewesen waren, ethisch einwandfrei zu handeln. Ich bin sicher, dass sie überzeugt davon waren, der Welt einen Dienst zu erweisen—wie der Norweger Anders Breivik. Ich habe sein Manifest gelesen. Er war zurechnungsfähig.

Er war kein Psychopath?
Nein, nicht wirklich. Er empfand Empathie, aber er hatte eine Vision. Das Problem ist, dass es das Gleiche ist, was auch Gandhi, Mutter Teresa und Nelson Mandela getan haben. Sie haben daran geglaubt, dass sie die Welt verändern werden, auch wenn sie die Gefühle anderer dafür mit Füßen treten müssen. Ihnen war klar, dass alles seinen Preis hat. Um die Kinder dieser Welt zu retten, hat Mutter Teresa andere Menschen wie Dreck behandelt. Gandhi hat seine Familie andauernd übergangen, Mandela auch. Sie haben Gutes getan, auch wenn das, was sie getan haben, für ihr unmittelbares Umfeld brutal war. Ihr Verhalten kann man zum Teil als psychopathisch bezeichnen. Aber es ist einfach eine andere Form von Empathie.

Wie stellt sich das alles im Gehirn dar?
Aus neurowissenschaftlicher Sicht wird jedes Verhalten verstärkt. Jedes Verhalten läuft im Gehirn durch den Nucleus accumbens. Dort läuft alles zusammen: Dopamin, Endorphine, Acetylcholin, Oxytocin, Vasopressin. Das ist die Hedonismuszentrale. Jede Verhaltensweise, die in irgendeiner Weise verstärkt werden kann, muss im Gehirn durch diesen kleinen Punkt geleitet werden. Jeder Mensch sucht sich etwas anderes aus. Manche sind kaufsüchtig, andere sind esssüchtig, wieder andere drogensüchtig. Alles eine Frage der Verdrahtung.

Im Grunde genommen sind wir Sklaven unserer Hormone.
Haargenau. Wenn ihr uns also Verhaltensweisen ansehen, die wir für böse halten, dann zeigt sich, dass sie gar nicht böse sind, weil sie alle durch den Nucleus accumbens laufen. Jeder Mensch wird durch denselben Mechanismus angetrieben. Wirklich bösartig ist nur jemand, der sich davon lösen kann. Wenn du in der Lage bist, etwas aus reinem Kalkül zu tun, dann fällt das in die Kategorie böse.

Weshalb sollten wir es denn tun, wenn es keine Belohnung gibt?
Eben. Weshalb? Wenn jedes Verhalten durch den Nucleus accumbens läuft, bedeutet das, dass es keine Boshaftigkeit und keinen freien Willen gibt. Statt dem Bösen gibt es einfach Verhalten, das wir nicht gutheißen. Das ist ein Dilemma, ich weiß nicht, wie man die Ordnung in einer zivilisierten Gesellschaft aufrecht erhalten und eine gemeinsame Grundlage finden soll. 

Um die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, müssen wir die Illusion von einem freien Willen aufrecht erhalten?
Ich glaube schon. Es ist wichtig, die Illusion aufrecht zu erhalten. Schon witzig—im Rahmen eines Experiments habe ich angefangen, meine Frau besser zu behandeln. Ihr gefiel das. Da ich ehrlich mit ihr sein kann, habe ich ihr gestanden, dass ich keine ehrlichen Absichten habe, dass es bloß ein Spiel ist. Sie sagte: „Ist mir doch egal. Du behandelst mich besser. Was dahinter steht, ist mir wirklich egal." Das habe ich nicht verstanden. Es sollte doch um die Motivation gehen.

Wie gestaltet sich deine Beziehung zu Frauen im Allgemeinen?
Ich habe viele gute Freundinnen. Sie gehen gern mit mir weg, auch wenn ich schrecklich aussehe. Es spielt aber keine Rolle, weil ich mich verhalte, als ob es mir egal wäre—es ist mir ja auch egal—und sie finden das großartig.

Wieso ist das so? Was glaubst du?
Es geht um die sexuelle Anziehungskraft. Wenn du niemanden brauchst, kannst du alle haben. Sie wollen an deine Gene heran. Du kannst mich nicht haben, also willst du mich haben. Das ist vielleicht ein bisschen zu glatt und einfach, aber es stimmt wahrscheinlich. Immer wenn ich dieses Gespräch mit meinen guten Freundinnen führe—die alle sehr intelligente Neurowissenschaftlerinnen sind—müssen sie dagegen ankämpfen, wütend zu werden. Obwohl sie wissen, dass ich damit Recht habe.

Ihre Emotionalität macht sie blind?
Ich sehe gern dabei zu, wie meine Freundinnen, die alle so intelligent sind, dauernd gegen ihre Gefühle ankämpfen müssen. Sie wissen es ja besser, aber sie fordern es trotzdem heraus. Sie wollen ja, dass ich sie quäle. Sie wollen sich widersetzen. Die meisten Männer sind immer auf ein sexuelles Abenteuer aus. Sie werden einer Frau alles erzählen, um sie ins Bett zu bekommen. Aber wenn ein Mann widerwillig ist und einer Frau sagt „Du kriegst heute Abend mit Sicherheit keinen ab", dann flippt sie aus.

Wie sähe die Welt aus, wenn alle Menschen so wären wie du?
Das wäre schlecht für Menschen wie mich. Ein Gedankenexperiment: Eliminieren wir alle aggressionsbezogenen Gene und alle psychopathischen Charakterzüge—als Spezies wären wir am Ende. Wenn alle wären wie Jimmy Carter, würden wir es nicht lange machen. Jeder aggressive Mensch könnte die Welt beherrschen. Menschen behaupten, dass es wunderbar wäre, wenn überall Frieden herrschen würde, Peace and Love. Ihr Idyll würde meiner Meinung nach das Ende der Menschheit bedeuten.

Du hast darüber geschrieben, dass an Konfliktschauplätzen aggressive Gene möglicherweise zunehmen. Trifft auch das Gegenteil zu? Wird Aggression in den stabilen westlichen Gesellschaften herausgezüchtet? 
Ich denke schon. Ich möchte das nicht Verweiblichung nennen—aber hier in Kalifornien hat man das Gefühl, dass niemand verliert. Man kommt so gut miteinander aus, dass es keine Konkurrenz gibt. Für die Spezies als solche ist das eine schädliche Entwicklung. Aber es wird immer eine Dynamik geben zwischen dem, was gut für die Spezies ist, und dem, was gut für das Individuum ist. Diese zwei Kräfte werden immer zueinander im Widerspruch stehen. In gewisser Weise brauchen wir Psychopathen. Wir brauchen keine ausgemachten, gefährlichen Psychopathen, aber wenn psychopathische Charakterzüge vorherrschen, wird das häufig mit Führungsqualität in Verbindung gebracht. Man findet sie bei Präsidenten, Premierministern und risikofreudigen Menschen. Sie tun Dinge zum Schutz vor Aggressoren. 

Was sie im eigenen Interesse tun, schützt gleichzeitig die Gesellschaft?
Deshalb sollten Menschen wie Jimmy Carter diese Positionen nicht einnehmen. Obama hängt da ein bisschen zwischen den Stühlen.

Ist er zu soft?
Er ist nicht psychopathisch genug. Fast alle großen Anführer und Führungspersönlichkeiten zeichneten sich durch eine große Anzahl psychopathischer Charakterzüge aus. Wenn sie den Psychopathic Personality Inventory-Test machen würden, wäre das Ergebnis ziemlich eindeutig. Letztlich führt diese Diskussion zu weit und ich bin da nicht kompetent genug. Du schon.

Was meinst du damit?
Siehst du, an dieser Stelle ist es mir gelungen, dich zu manipulieren. Ich glaube nicht wirklich, dass du kompetent genug bist, um diese Diskussion weiter zu führen, aber trotzdem habe ich es behauptet. Ich denke nicht, dass du kompetent genug bist. Ich bin es übrigens auch nicht.

Sprechen wir über deine Gehirnscans: In den Hirnregionen, in denen Emotionen verarbeitet werden, zeigt sich bei dir keine Aktivität beim Vorhandensein von emotionalen Stimuli. Diese Hirnregionen werden aber sicherlich für etwas anderes genutzt, oder?
Vermutlich werden sie genutzt, um mein schlechtes Benehmen zu hemmen. Man kann das mit Sicherheit irgendwie testen. Man müsste Menschen wie mich nehmen und uns die Möglichkeit geben, etwas Schlechtes zu tun. Wir müssten uns dann selbst davon abhalten. Man müsste prüfen, ob diese Regionen dabei im Scan aufleuchten. Das ist ein gutes Experiment.

Ich bin mir sicher, dass du keine Schwierigkeiten damit hättest, Versuchspersonen zu finden. Ich weiß, dass du viele Menschen kennst, die ziemlich hart drauf sind. 
Das stimmt. Viele Menschen nehmen Kontakt mit mir auf, Menschen, die auf Messers Schneide leben. Ich kann ihnen zwar keine medizinischen Ratschläge erteilen, aber sie scheinen mich als Gleichgesinnten zu sehen. Es ist fast wie eine Bruderschaft der Psychopathen. Sie sind in der Regel ziemlich aufrichtig. Diejenigen, die nicht aufrichtig sind, sortiere ich aus. Ich spreche sie auf etwas an und sie rasten aus. Ich kann Menschen schnell aufspüren, ich habe da meine Möglichkeiten und Kontakte. Wenn Menschen sich verstellen und versuchen, mich hinters Licht zu führen, dann habe ich Mittel und Wege, um herauszufinden, wo sie sich zu jeder Tages- und Nachtzeit aufhalten. Sie hauen dann sofort ab.

Welches Ziel hast du im Leben?
Ich versuche ernsthaft, mich selbst davon abzuhalten, andere Menschen zu manipulieren. Ich versuche, mich von all dem zu befreien.

Weshalb?
Weil ich mich selbst auf diese Weise besiegen kann. Ich bin mir selbst der stärkste Gegner. Wenn ich mich selbst besiegen kann, habe ich gewonnen. 

Aber dann ist das Spiel vorbei. 
In gewisser Weise. Dann habe ich mich schachmatt gesetzt, aber trotzdem können Ausrutscher vorkommen, so wie vorhin mit dir.

Dein Kommentar, wegen dessen du dich quasi selbst bloßgestellt hast?
Genau, weil ich da nicht ehrlich war.

Und das war kein Ablenkungsmanöver?
Nein. Ich versuche, ehrlich zu sein. Für mich ist der Versuch interessant, mich selbst zu manipulieren. Die größte Belohnung für einen Sieg wäre wohl das vollständige Verschwinden des Ego.

Das Universum, das dir gegen die Stirn tippt?
Genau.

Wie würde das aussehen?
Wahrscheinlich hätte ich eine existenzielle Erleuchtung. Allerdings ist der Ego-Trieb sehr stark ausgeprägt, fast unerträglich. Die Herausforderung ist es, sich davon frei zum machen. Wenn es nach mir ginge, würde ich mein Ego ablegen, um etwas wahrhaftig Gutes tun zu können. Um des Guten willen. Es geht mir aber darum zu beweisen, dass ich es kann. Es geht mir nicht um die Tat. Es dreht sich nur um sich selbst und wird dadurch verlogen. Aber als persönliches Ziel ist es in Ordnung. Es ist das interessanteste Spiel, dass ich mir ausdenken könnte.

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