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Ein Graffiti-Writer erklärt, wie man in Minuten eine ganze U-Bahn zubombt

Bei Planung, Durchführung und Flucht wollen eine Menge Dinge beachtet sein.

von Marcus Thompson
05 Februar 2015, 11:45am

Irgendwo auf der Strecke der Berliner U-Bahnlinie U3 hält eine U-Bahn für wenige Minuten an—dieses Zeitfenster ist für fünf Graffiti-Sprayer ausreichend, um einen ganzen Wagen zu bemalen, bevor der Zug zum nächsten Bahnhof weiterfährt. Direkt nach der Fertigstellung verschwinden sie über die Gleise wieder und lassen ein Kunstwerk zurück, das 48 Stunden lang durch die Stadt fährt—danach allerdings wieder entfernt wird und für immer weg ist.

Die Typen, die in dem obigen Video den Zug „bomben" (das Video wurde letztens auf Facebook hochgeladen und innerhalb kürzester Zeit über Hunderttausend Mal abgespielt), treten in einer Street-Art-Disziplin an, die schon immer zur Speerspitze der Szene gehört hat.

Heutzutage sind besprühte U-Bahnen eher selten geworden. Bedenkt man allerdings die Präzision, die Fähigkeiten und die Schnelligkeit, die man bei erhöhtem Risiko unter Beweis stellen muss, dann bleibt das Bemalen von Zügen auch weiterhin die prestigeträchtigste Aktivität der meisten Graffiti-Künstler dieser Welt.

Ich habe mich mit „Grisal" (einem der Sprayer aus dem Video) unterhalten und mir dabei erklären lassen, wie man einen Zug bombt.

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Alle Fotos bereitgestellt vom Interviewpartner

VICE: Hey. Kannst du für Laien noch mal erklären, wie sich das sogenannte Train-Bombing von anderen Street-Art-Disziplinen unterscheidet?
Grisal: Train-Bombing ist eine ganz eigene Form der Street Art. Es ist viel gefährlicher. Wir sprühen nicht auf eine von der Stadt bereitgestellte Wand—wenn wir geschnappt werden oder das Timing falsch einschätzen, dann sind wir am Arsch.

Zuallererst mal braucht man dazu richtig viel Mut. Des Weiteren sind viel Geschick und Effizienz notwendig, denn man arbeitet unter hohem Zeitdruck. Schließlich kommt noch dazu, dass deine Arbeit normalerweise nur 48 Stunden lang durch die Stadt fährt. Es handelt sich quasi um eine mobile Ausstellung und du veränderst für diesen Zeitraum das Gesicht der Stadt. Natürlich wäre es super, wenn das Piece für immer mit dem Zug herumfahren würde, aber schon alleine die Erinnerung macht mich glücklich. Das ist wie eine Sucht.

Das glaube ich dir sofort. Führe uns doch bitte kurz durch das Video.
Ein paar Typen betreten eine Berliner U-Bahn-Station. Sie ziehen die Notbremse, damit der Zug länger stehen bleibt. Um weiterfahren zu können, muss der Zugführer aus seiner Kabine aussteigen und die Notbremse wieder lösen. Das alles dauert normalerweise drei oder vier Minuten. So viel Zeit hatten wir dann auch zum Sprühen.

Der Style und die Vorlage sind bei solchen Pieces recht einfach gehalten. Beim Train-Bombing hast du viel zu wenig Zeit, um irgendwelche wilden und ausgefallenen Sachen zu machen. Deshalb hält man sich besser an simple Block-Motive und lässt das eigentliche Geschehen für sich sprechen.

Wie sieht die Planung für so etwas aus?
Als Erstes müssen wir einen passenden Ort finden. Am wichtigsten sind dabei die Fluchtwege, aber man muss auch die Standorte der Kameras bedenken oder wie viele Leute sich dort zu einer bestimmten Zeit aufhalten und wo man sich verstecken kann, falls etwas schief geht. Wir haben den U-Bahn-Fahrplan genauestens studiert und die Fluchtrouten festgelegt. Manchmal muss man vorher auch Löcher in Zäune schneiden, um schnell irgendwohin abhauen zu können. Dieses Mal hatte ich aber einen Schlüssel für die U-Bahn-Station und alle Türen der Bahnwärterräume, also mussten wir uns darum keine Sorgen machen.

Es ist immer ziemlich knifflig, ein Train-Bombing in dem U-Bahn-Hof und nicht im Tunnel zu machen, denn da ist das Risiko viel größer und es dauert nur wenige Minuten, bis die Polizei auftaucht. Im Bezug auf den Style ist das Piece nicht wirklich aufwendig: einfache Blocks, eine Outline, mit Chrom ausgemalt und dazu noch Highlights.

Hat alles so geklappt, wie ihr es wolltet?
Wir machen das jetzt schon eine ganze Weile, also weiß jeder schon genau, was er wo und wie zu tun hat. Allerdings haben wir in diesem Fall eine Minute länger gebraucht als geplant. Das hätte schwerwiegende Folgen haben können, denn in diesem Kontext ist das eine lange Zeit.

Ich weiß zum Beispiel, dass die Polizei 30 Sekunden nach dem Bombing im Bahnhof ankam. Normalerweise versteckt man die Sprühdosen, die Handschuhe, die Masken und—am allerwichtigsten—die Speicherkarten der Kameras irgendwo in der Nähe und kommt dann am nächsten Tag wieder, um alles einzusammeln. Das geht natürlich nur, wenn alles ordentlich geklappt hat und man nicht irgendwo in einer Gefängniszelle sitzt.

Eignen sich gewissen Bahnhöfe besser als andere?
Natürlich. Das ist auch extrem wichtig. In einigen Stationen filmen die Kameras nur in eine Richtungen, in anderen sind 360-Grad-Kameras installiert. Eine Station oberhalb der Erde ist im Normalfall immer besser, weil es dort mehr Fluchtwege gibt und nicht nur die zwei regulären Ausgänge.

Man muss sich immer denken: „Aus welcher Richtung kommen die Polizisten? Wo könnten sie dich aufhalten?"

Wie haben die Fahrgäste reagiert?
Die meisten sind ganz entspannt geblieben. Sie haben eine Weile gebraucht, bis sie verstanden haben, was da gerade passiert—im Video ist ja auch zu sehen, dass ein paar die Türen aufmachen, um zu schauen, was abgeht. Manche haben sich natürlich darüber beschwert, dass die U-Bahn nicht weiterfährt, aber die Verzögerung dauerte ja nur fünf Minuten und es machte den Fahrgästen nicht wirklich etwas aus.

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Waren sie beeindruckt?
Einige auf jeden Fall.

Was passiert, wenn man beim Train-Bombing erwischt wird?
Nun, dann wirst du erstmal verhaftet. Deine Adresse wird notiert, deine Fingerabdrücke genommen und dein Vorstrafenregister überprüft. Dann wirst du wegen schwerer Sachbeschädigung angeklagt und es droht eine saftige Geld- oder sogar eine Freiheitsstrafe.

Zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt es selten, es sind eher die Zugführer oder die Fahrgäste, die ausflippen.

Bist du schonmal nur ganz knapp entkommen?
Einmal waren wir unterwegs und gerieten in einen Hinterhalt von fünf Polizisten mit zwei Schäferhunden. Ich und der andere Sprüher sind über die Gleise entkommen und wurden nicht verfolgt, weil ein Zug einfuhr. Ich meine, man riskiert schließlich nicht sein Leben, nur um zwei Graffiti-Künstlern nachzujagen.

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Wurde bei dieser Aktion jemand anderes erwischt?
Sie packten sich einen Typen, der Schmiere stand. Aber letztendlich ließen sie auch ihn wieder laufen, weil sie ihm nichts anhängen konnten. Abgesehen davon wurde aber noch nie jemand geschnappt. Wir haben auch direkt nach unserem Werk keine Videoaufnahmen des Ganzen dabei, denn das wäre extrem gefährlich—die Polizei durchsucht nämlich im Normalfall sofort jeden in der näheren Umgebung.

Wie ist die Reaktion auf das Video ausgefallen?
Es ist ja jetzt nicht so, dass wir das Video nur gemacht haben, um einen zufälligen Akt der Sachbeschädigung zu zeigen. Es handelt sich hierbei um eine Kunstform, die perfekt zu der Musik passt, die im Hintergrund läuft. Wir leben einen Lifestyle, der mit dem konsumorientierten System, das uns umgibt, überhaupt nichts gemeinsam hat.

OK. Letzte Frage: Worin genau liegt der Reiz des Train-Bombings?
Der Adrenalinrausch und der Respekt machen süchtig.

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