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Wie der IS mit Raubkunst seinen Terror finanziert

Kunsthändler Christoph Leon im Interview über die Terrorfinanzierung mit Raubkunst, das Ausmaß der Zerstörung des Weltkulturerbes und Sammler, die sich hinter Mauern verstecken, weil ihr Keller immer noch besser ist als die Presslufthämmer des IS.

von Markus Mena
05 März 2015, 3:01pm

James Gordon | Wikimedia Commons | CC BY 2.0

Letzte Woche veröffentlichte der IS ein Propaganda-Video, in dem die Dschihadisten mit Vorschlaghämmern auf jahrtausendealte Kunstschätze losgehen. Das Video ist mit islamischen Gesängen unterlegt und zeigt, wie Anhänger des IS einzigartige assyrische Statuen vom Sockel stoßen, ihnen die Köpfe abschlagen und ein Relief mit dem Presslufthammer zertrümmern. Manche Stücke waren über 3000 Jahre alt.

Zwar weisen Experten darauf hin, dass einige davon Fälschungen waren, aber bei weitem nicht alle. Die Aktion wird daher mit der Zerstörung der riesigen Felsbuddhas in Afghanistan verglichen, die die Taliban 2001 in die Luft gesprengt haben. Der IS begründet die Zerstörung vor-islamischer Kulturgüter damit, dass der Prophet Mohammed laut Überlieferung nach der Eroberung Mekkas ebenfalls 360 Statuen aus altarabischer Zeit zerstören ließ.

„Auch wenn diese Dinge hier Milliarden von Dollar wert sind, für uns sind sie absolut nichts", ruft in dem Video ein Bärtiger mit erhobenem Zeigefinger in die Kamera.

Gelogen. Schätzungen zu Folge verdient der IS hunderte Millionen Dollar mit dem Handel geraubter Kunstwerke, etwa aus der altgriechischen Stadt Dura Europos am Euphrat. Laut internen Dokumenten der Dschihadisten, die dem irakischen Geheimdienst in die Hände fiel, brachte der Antikenraub dem „Islamischen Staat" allein in der Region Al-Nabuk westlich von Damaskus 36 Millionen Dollar ein.

Dem Basler Antikenhändler Christoph Leon wurden bereits Kunstgegenstände angeboten, die vom IS geraubt wurden und die er an Sammler in Europa verkaufen sollte. Der promovierte Archäologe hat 40 Jahre lang Museen in Westeuropa und Amerika mit Kunst versorgt. Seine Spezialität sind exklusive und teuren Stücke. Der 75-jährige Leon war früher selbst in Verkäufe von Antiken verwickelt, die angeblich aus Raubgrabungen gestammt haben sollen, als Objekte, die vor 1970 in Sammlungen gelangt waren, sowohl nach den Vorgaben der UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt als auch internationaler Handelsrichtlinien aber legal waren. Er selbst bestreitet daher jegliche Vorwürfe und setzt sich heute außerdem für einen sauberen Kunsthandel ein. Und Leon hat sich bereit erklärt, mit uns über ein besonders heikles Thema zu sprechen, das in der verschworenen Gemeinschaft der Kunsthändler lieber totgeschwiegen wird: die ,Blutantiken' aus dem Gebiet des Islamischen Staats.

VICE: Herr Leon, was sagen sie zu dem Video, das gerade zirkuliert und die Zerstörung wertvoller Artefakte durch den IS zeigt?
Christoph Leon: Meine Kontakte im Libanon haben mir von der Zerstörung der Artefakte schon vor drei, vier Wochen erzählt. Sie hatten gehört, dass die Museen von Mossul und von Rakka, der Hochburg des IS, ausgeraubt und die Skulpturen dort zerstört wurden.

Könnte der IS sie nicht auch auf dem Kunstmarkt verkaufen statt sie zu zerstören?
Der IS hat sehr viele Stücke verkauft, auch in Europa. Die aus dem Museum kann man im Westen natürlich nicht verkaufen, aber in die Golfstaaten. Dagegen können wir im Westen nichts machen. Es gibt Golfstaaten wie Katar, die den IS unterstützen. Auch wenn das hier niemand zur Kenntnis nimmt. Das sind wirklich einmalige Stücke, die würden sicher Millionen Euro einbringen. Dann landen sie eben in den Museen dieser Golfstaaten. Hauptsache, sie sind in Museen und sind geschützt. Stattdessen haben die IS-Leute alles kaputt gemacht. Das ist an Dummheit nicht zu übertreffen.

Ist es denkbar, dass die Bruchstücke der zerstörten Kunstwerke aus dem Museum jetzt trotzdem noch verkauft werden?
Nein, das hat keinen Wert mehr, die Stücke sind zerstört.

Liefert der IS trotzdem weiter Kunst aus seinem Einflussgebiet nach Europa?
Der IS beherrscht zum Teil Gebiete, wo die großen Kulturstätten des alten Mesopotamiens liegen. Die haben erkannt, dass ihm damit ein großes Gewinnpotenzial in die Hand gefallen ist. Solche archäologischen Objekte erzielen auf den internationalen Märkten zum Teil sehr hohe Preise. Der IS hat die Kulturstätten förmlich ausgeraubt und mit dem Geld Waffen, Munition und so weiter für den Krieg eingekauft. Die Kunstobjekte wurden zur Mittelbeschaffung benutzt und gingen der Wissenschaft damit komplett verloren. Das ist ein ungeheurer Kulturverlust, weil dort zum Teil die Stätten der Weltkultur liegen. Ich erinnere nur an Babylon und Dura Europos. Da ist ein Aderlass erfolgt, der nicht zu übersehen ist, und er ist eine echte Katastrophe. Der Forschung bleiben eigentlich nur noch die Objekte übrig, die heute in den Museen westlicher Länder aufbewahrt sind. Die Ausgrabungsstätten sind vernichtet, die Stücke aus dem Kontext gerissen, es wird nicht dokumentiert, wo und wie sie gefunden wurden. Die meisten Stücke kriegt nie ein Wissenschaftler in die Hand. Da geht es darum, dass sie schnell verkauft werden und möglichst schnell Geld in die Kriegskasse spülen. Die Artefakte versickern einfach im legalen oder halblegalen Markt.

Wie muss ich mir das Ausrauben der antiken Stätten vorstellen?
Die haben systematische Ausgrabungen oder Raubgrabungen vorgenommen. Sie haben nach Plan die Erde umgepflügt, um an neue Antiken zu gelangen. Sie haben Museen ausgeraubt. Satellitenbilder von Dura Europos zeigen, dass unter dem IS wirklich metertiefe Löcher gegraben und die Antiken aus der Erde gerissen wurden. Die Grabungen scheinen sehr gut organisiert. Da sind die Bauern beteiligt, die zum Teil bei den alten Grabungen noch mitgemacht haben und die die Gebiete genau kennen und wissen, wo was zu finden ist. Die kriegen dann einen kleinen, sehr kleinen Prozentsatz des Verkaufserlöses ab.

Rekonstruktionsarbeiten nach der Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan 2001, aufgenommen im Oktober 2008. Foto: Carl Montgomery | Flickr | CC BY 2.0

Welche Rolle spielt der Kunsthandel neben den anderen Einnahmequellen des IS?
Der Antikenhandel ist eng mit dem Drogen- und Waffenhandel verbunden. Das ist absolut vergleichbar, es sind zum Großteil auch die gleichen Leute, die das betreiben. Die Stücke werden in Kisten verpackt, mit Zeitungspapier eingewickelt. Dann kommen sie zu Zwischenhändlern in Damaskus und im Libanon. Die nehmen dem IS alle Stücke ab und werden zu 100 Prozent von ihnen direkt gesteuert. Dann geht es über die Flughäfen von Beirut, Damaskus oder anderen Mittelmeer-Flughäfen in den Westen. Sie transportieren die Stücke über die Häfen und Yachthäfen mit Schiffen. Sie werden mit Lastwagen in Gemüsetransporten hergebracht. Die Zöllner in Nahost werden geschmiert. Es gibt wahnsinnig viele Möglichkeiten.

Was passiert dann mit den Kunstwerken?
Bei uns tauchen die Stücke bei einschlägigen Auktionshäusern oder Kunsthändlern auf. Eine Zeit lang wurden sie offen in Online-Katalogen beworben. Sogar bei Ebay wurden lange sehr viele Objekte angeboten, aber die sind mittlerweile verschwunden. Zwischenhändler, Händler und Auktionshäuser sind jetzt vorsichtiger, man kriegt solche Stücke nur noch unter der Ladentheke.

Gibt es keine Zertifikate, keine Papiere zu den Stücken? Wie kann das den Auktionshäusern entgehen, dass es sich um Raubkunst handelt?
Das einzige Papier, das dabei ist, ist das Zeitungspapier, in das sie eingewickelt sind. Und sie fallen auch auf, weil sie keine Provenienz haben, also keiner sagen kann, wo sie herkommen, wer sie schon besessen und begutachtet hat. Es werden sicher auch alte Sammlungen aufgelöst, aus denen solche Stücke kommen könnten, aber das ist dann auch dokumentiert. Gerade die Provenienz spielt eine große Rolle und kann bis zu 75 Prozent des gesamten Preises ausmachen. Wenn Sie ein Stück aus einer guten alten Sammlung haben, dann bringt das viel mehr Geld als ein Stück, das keine Provenienz hat. Aber das merkt man bei genauerem Hinsehen sehr schnell.

Die Händler und Auktionshäuser, die die Stücke verkaufen, wissen also genau, was sie da tun?
Die wissen das alles. Da darf man sich keiner Illusion hingeben. Ein Kunsthändler weiß immer, woher was kommt, wer ihm was anbietet und wo der das herhat. Das sind Erfahrungswerte. Ein Kunsthändler, der sagt, ich weiß nicht wo das herkommt—das ist unglaubwürdig.

In welchem Rahmen bewegen sich die Preise, zu denen die Stücke verkauft werden?
Von 300 bis 400 bis vielleicht 20 bis 30 000 Euro für ein teureres Stück. Aber die Masse macht es aus. Wenn Sie ein paar hundert Mal was für 350 Euro verkaufen, kommt auch was zusammen.

Können Sie in etwa einschätzen, wie viel der IS mit antiken Kunstobjekten insgesamt verdient hat?
Nein, das ist unmöglich, aber es ist sicher sehr viel Geld. Der Islamische Staat verdient ja am Drogenhandel auch enorm. Auch mit dem Ölverkauf—das sind ja die Haupteinnahmequellen. Wenn es sich nicht lohnen würde, würden die das nicht machen. Das sind knallharte Rechner. Die Grabungen kosten ja auch schon einiges. Wenn wir uns die Buddeleien in Dura Europos anschauen, die nachgewiesen sind durch die Satellitenbilder, dann müssen da schon enorme Mengen rausgekommen sein. Denn da ist jeden Meter eine Grube, ganz systematisch. Und das 100-fach oder 300-fach. Da kommt was zusammen.

An welcher Stelle in der Handelskette kriegt der IS sein Geld?
Der Zwischenhändler bringt das Stück nach Europa oder Amerika und dort haben sie noch mal Zwischenhändler. Die bieten das dann den Verkäufern an, also Auktionshäusern oder Kunsthändlern. Die Verkäufer und Auktionshäuser müssen das Geld dann nach dem Verkauf abliefern. Sie geben es ihrem Zwischenhändler, der wiederum seinem Zwischenhändler, je nachdem, wie lange die Kette ist. Jeder behält seinen Anteil ein. Und der letzte Zwischenhändler in Damaskus oder im Libanon gibt das Geld dem IS, der jedoch alles unter Kontrolle hat. Wie beim Drogenhandel.

Wie bezahlt ein Käufer so ein teures Stück?
Per Banküberweisung wäre lächerlich. Viel zu indiskret. Im Kunstmarkt wird bar bezahlt.

Das heißt, ich bekomme vom Händler oder Auktionshaus 20 000 in bar und die geben das dann bar weiter bis mein Geld direkt beim IS landet?
Es gibt viele Varianten, die suchen sich immer die sicherste. Und die ist die Barzahlung.

In welche Länder werden diese Stücke verkauft?
In alle westlichen Länder, auch nach Deutschland, Österreich und die Schweiz. Oder in die Golfstaaten. Gerade jetzt suchen sie dort Investoren für Luxus-Wohnungen, da wollen sie passende, hochklassige Kulturstätten einrichten, zum Beispiel Museen für Weltkulturen in Abu Dhabi und Dubai. Im Rahmen dieser Entwicklungspläne wandern auch Stücke, die der IS geraubt hat, dorthin. Wenn diese Pläne jetzt auch aus anderen Gründen um Jahre zurückgeworfen wurden.

Und die Menschen in Europa und den USA, die solche Stücke kaufen, gehen die offen damit um?
Nein, das sind oft Sammler, die ihre eigenen Sammlungen aufbauen, ohne das zu zeigen. Natürlich übt diese mesopotamische Kunst eine unglaubliche Faszination auf viele aus, aber sie halten ihre Stücke geheim. Ich habe in Deutschland Sammler gesehen, die in ihren Häusern eine zweite Mauer eingebaut haben, um dahinter ihre Sammlungen aufzubewahren, nur damit sie von der deutschen Steuer nicht entdeckt werden.

Was ist deren Motivation? Denen muss ja auch bewusst sein, dass ihr Geld einen furchtbaren Krieg unterstützt.
Das ist die Faszination für diese alte Kultur. Wenn sie mal so eine Keilschrifttafel haben, dann interessiert die Leute ja brennend, was darauf steht. Und ein schöner neuassyrischer oder neu-babylonischer Rollsiegel, das ist einfach furchtbar interessant. Die Darstellung der Naturgötter darauf, das ist faszinierend, das ist die Faszination der Antike.

Und dafür wird in Kauf genommen, dass man eine Terrororganisation unterstützt?
Wissen Sie, das ist eine Gewissensfrage, wie man's damit hält. Man redet heute von Blutantiken. Das Blut klebt nicht an den Antiken sondern: das Geld, das die Antiken bringen, vernichtet Menschenleben. Manche wollen die Stücke auch retten. Sie sagen sich: dann kaufe ich dieses Stück jetzt, einfach damit es erhalten bleibt.

Kriegen Sie denn manchmal auch solche Stücke angeboten?
Ja, aber ich rühre diese Sachen nicht an, wenn die keine Provenienz haben. Ich hab mir welche angeschaut aber nie gekauft.

Wie läuft sowas ab?
Da klingelt das Telefon, ein Zwischenhändler, den Sie kennen, sagt: pass mal auf ich hab dieses und jenes hier. Dann sagen Sie, komm mal vorbei. Dann kommt er mit einem Koffer oder einer Tasche. Dann frage ich: Wo kommt's her, woher hast du das? Dann weiß ich schon, wenn er lügt und dann nehme ich das nicht.

So schnell erkennen Sie, dass es sich um ein IS-Stück handelt?
Ja. Das sagt einem die Erfahrung.

Gab es durch diese IS-Ausgrabungen in den letzten paar Jahren nicht ein Überangebot an solchen Stücken? Hat man am Markt gemerkt, dass der IS gräbt?
Ja, ein ausländisches archäologisches Institut hätte sich das nie an Grabungen leisten können, weil der Aufwand viel zu groß und die Grabungen viel zu teuer sind. Außerdem müssen diese Objekte im Grabungsland bleiben. Aber der IS hat einfach die lokale Bevölkerung engagiert und gewusst: Wenn sie soundso viel Geld investieren, dann kommt bei Funden ungefähr soundso dabei raus. Wie bei einem Investment.

Wird denn jetzt noch weiter gegraben?
Natürlich wird weiter gegraben, das ist ja das Schreckliche, dass diese Kulturvernichtung dermaßen komplett ist und nicht aufhört.

Erobert der IS gezielt bestimmte Gebiete, weil dort vermutlich Antiken zu finden sind?
Nein, das findet im gesamten Kontext der IS-Eroberungen statt. Sie haben Gebiete erobert, wo eben sehr viele antike Stätten liegen.

Gab es so etwas auch schon vor dem IS?
Man muss unterscheiden: Zur Zeit von Saddam Hussein war der staatliche Antikendienst hervorragend organisiert. Da herrschte Ordnung, da waren die antiken Ausgrabungsstätten strengstens geschützt. Das ist eben eine Merkwürdigkeit. Nachdem er ermordet wurde und die Schiiten an die Macht kamen, zerfiel das ganze System. Bei der Besatzung haben die Amerikaner ja auch diesen furchtbaren Fehler gemacht, dass sie nicht in der Lage waren, das Baghdad-Museum zu schützen, das eines der schönsten und besten Museen in diesem Kulturbereich war. Alles ist ausgeraubt und teilweise zerstört worden. Tausende von Objekten sind weggekommen und wurden teilweise in den Westen verkauft.

Gab es jemals etwas Vergleichbares in der Geschichte?
Nein. In dieser Form nicht.



Titelfoto: James Gordon | Wikimedia Commons | CC BY 2.0