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Popkultur

Ist 'Turist' jetzt ein Familiendrama oder eine Comedy?

In Östlands genial inszeniertem Skiurlaub werden Geschlechterrollen und Ikea-Tristesse von einer Lawine überrollt. Am Ende stehen wir verachtet, feige und frierend auf der Straße.
21 Januar 2015, 9:20am
Bilder von © Filmladen Filmverleih

Skifahren stellt man sich immer spaßiger vor, als es ist. Am Ende bricht man sich ja doch nur alle Knochen. In Turist oder zu deutsch Höhere Gewalt, ein Film von Ruben Östlund, ist es ähnlich: Jeder Lacher tut auch irgendwie weh.

Rasch steigende Temperaturen können die Lawinengefahr erhöhen. Und irgendwie muss eine Geschichte ja ins Rollen kommen. Deshalb klingt an diesem mondänen Skiort irgendwo in Frankreich das berühmte Motiv aus Vivaldis „Sommer" über die schneebedeckten Glitzerhänge. Am Kravatl gepackt fühlt man sich von dieser heftigen musikalischen Interpretation mit Akkordion—anstatt der statt Violine—und gibt in der Einleitung des Films den Takt vor. Zu diesem Zeitpunkt ist noch alles möglich: Sehen wir ein Familiendrama, einen Horrorfilm oder wird es am Ende doch noch Comedy?

Eine ganz normale schwedische Jungfamilie befindet sich auf Skiurlaub und hier eine absichtlich etwas anders wertende Aufreihung: Mutter, zwei Kinder, Vater. Papa Tomas arbeitet viel, sogar im Urlaub vibriert das Iphone, und Mama weiß einem anderen Paar in der schicken Hotellobby zu erklären: „Wir sind hier, weil Tomas unheimlich viel arbeitet. Aber die nächsten fünf Tage kümmert er sich nur um seine Familie."

© Filmladen Filmverleih

Ob Papa das überhaupt möchte, wird nicht in Frage gestellt. Kaum haben sie einen Tag verhaltenen Spaß auf der Piste¸ geschieht das Unglück, das keines ist. Eine Lawine stürzt über die Familie, die sich, auf einer Restaurantterrasse sitzend, gerade noch über Parmesan unterhalten hat. Alles geht sehr schnell, der Spuk ist bald vorbei, es stellt sich heraus, es war nichts weiter als eine gigantische Wolke Schneestaub—kann man wieder abklopfen. Den Schrecken wird man nicht so leicht wieder los. Wo war eigentlich Papa?

Papa ist davongelaufen. „Du hast dein Iphone und Handschuhe geschnappt und bist so schnell wie möglich von mir und den Kindern weggerannt", wird seine Frau Ebba sagen und ihn wieder und wieder mit seiner Schuld konfrontieren. Ihr Mann sträubt sich, will den Vorfall anders erlebt haben, und am liebsten nicht darüber sprechen. Obwohl nun etwas Schreckliches zwischen ihnen steht, versucht das Paar zur Routine zurückzukehren.

In seinen Bildern lässt Östlund eigentlich nicht viel Platz für Interpretationen. Das französische Tourismus-Kleinod ist überschaubar und hübsch anzusehen. Die Innenaufnahmen fühlen sich an, als hätte man im elektronischen Ikea-Katalog näher rangezoomt um die Materialien zu sehen: Die Familie liegt beim Nachmittagsschläfchen auf dem Massivholz King-Size-Bett, die kuschelige Wäsche, die an ihren Körpern klebt, kommt aus ein und derselben Farbgruppe – ein Bild wie aus einem Guss, eine designte Idylle, die Zahnbürsten vibrieren nebenan im dunkelgrau gefliesten Badezimmer, es fehlt an nichts.

© Filmladen Filmverleih

Es gab Zeiten (im Film), da musste diese Funktionswäschetristesse noch in die Luft gesprengt werden, als ungehorsamer Akt wider die Konvention. Heute hat man die Norm längst akzeptiert, gesprengt wird kontrolliert, nämlich Lawinen, sonst nichts. Dass es in den kontrollierten Gemütern trotzdem heftig brodelt, ist klar.

Aber Turist schafft es, uns trotz der engmaschigen Bilder Möglichkeiten zu liefern, diese unterdrückten Gefühle zu erspüren. Es beutelt einen empathisch durch, wie bei der ärgsten Soap-Opera: Hat Ebba das Recht ihrem Mann gnadenlos Vorwürfe zu machen? Möchte ich mit Tomas Mitleid haben?

Individuen werden verschluckt und irgendwo am Pistenrand schlotternd wieder ausgespuckt. Am nähesten geht einem die wunderbare Inszenierung der puren Verachtung, wie sie jeder von uns jederzeit erleben könnte. Wenn dieser Moment der Verachtung ins Leben tritt, ist nichts mehr wie es war. So sehr man sich auch bemüht, es gelingt nicht, ihn zu vergessen. Welche Taten oder Nicht-Taten wir bei anderen Menschen verachten ist subjektiv und besonders schmerzvoll, wenn es sich dabei um jemanden handelt, den man liebt.

© Filmladen Filmverleih

In Turist hat Tomas seine Pflicht als Vater—und als Mensch—nicht wahrgenommen, die da wäre bei Kindern und Frau zu bleiben, komme was wolle. Auch hier muss man auf etwas Größeres schließen. Die Rolle des Mannes als Beschützer der Familie vor Gefahren von Außen ist nämlich nicht so leicht wegzuradieren. Weshalb es irgendwie wie ein paradoxes Happy End wirkt, dass Mutter Ebba auch eine Situation herbeiführt, in der sich ihr Mann wieder als Glitzerheld inszenieren und aus der erdrückenden Last der Schuld herausbuddeln kann. In Wirklichkeit rettet sie ihren Mann am Ende und nicht umgekehrt. Jetzt fröstelt mich ein bisschen, obwohl ich den Film eigentlich richtig lustig fand.