Meine Freundin, die Präparatorin

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Meine Freundin, die Präparatorin

Sarah arbeitet bei Gunther von Hagens und hat täglich mehr mit dem Tod zu tun als die meisten von euch ihr Leben lang. Wir haben sie besucht.
7.3.16

Bevor ich Sarah kennenlernte, kannte ich ihre Knie. Sie waren in einem Zine einer Freundin. Dass ich sie heute noch erkenne, liegt an ihren auffälligen Tätowierungen: Zwei schwarze Rosen sind auf ihre Knie gestochen. Sarah, die ich Jahre später über Freunde das erste Mal auf einer Party treffe, wirkt auf mich wie eine Frau, die etwas zu verbergen hat. Sie hat dunkle Augen, eine freundliche Stimme und eine besondere Anziehungskraft, die von ihr ausgeht. Doch mit ihrem Beruf geht sie offen um: Sie arbeitet als Präparatorin bei Gunther von Hagens. Der Erfinder der Plastination wird von der Presse auch gerne „Dr. Tod" genannt. Das liegt nicht nur daran, dass er Menschen unsterblich macht, indem er ihre Körper künstlich für die Nachwelt konserviert, sondern auch an seiner bizarren „Leichenkunst".

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Seit 20 Jahren schockiert der Mann mit dem Hut nun schon mit seiner umstrittenen Wanderausstellung „Körperwelten", die plastinierte Leichen zeigt. Der gehäutete Körper wird dargestellt: darunter auch Schwangere, missgebildete Föten oder Menschen beim Sex. Seit zehn Jahren ist in Guben, einer deutschen Kleinstadt an der polnischen Grenze, seine Produktionsstätte Plastinarium untergebracht. Das ist der Ort, an dem Sarah arbeitet. Um von Hagens ist es ruhig geworden, der 71-Jährige leidet an Parkinson und hat sich weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen, doch in Guben wird weiter produziert. Aus gespendeten Körpern werden hier medizinische Lehrpräparate für das Ausland hergestellt.

Bei der Plastination, die von Hagens 1977 an der Universität Heidelberg entwickelt hat, wird Zellflüssigkeit durch Kunststoff ersetzt. Seine Plastikmodelle sind aus Forschungsperspektive legitim, sie dienen der Ausbildung. Doch einen Menschen so präparieren, dass er seine eigene Haut trägt, ihn reitend auf einem toten Pferd zu präsentieren, hat nicht viel mit einem Grundkurs in Anatomie zu tun. Frivolisiert der Arzt damit den Tod, die Ruhe in Frieden? Nach dem Bezirk Berlin-Mitte: Ja. 2014 untersagte er zunächst seine Dauerausstellung, da sie dem Bestattungsgesetz widerspreche. Das Mensch-Museum wurde trotzdem eröffnet. Wie es jedoch weitergeht, ist unklar, denn im Dezember hat sich auch das Oberverwaltungsgericht dagegen ausgesprochen. Der Prozess geht aber weiter und das Museum bleibt bis zu einer endgültigen Entscheidung auch weiterhin geöffnet.

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Auf dem Weg nach Guben, ist mir etwas mulmig. Von Berlin aus sind es etwa zwei Stunden Zugfahrt. Ich komme an einem Bahnhof im Niemandsland an. „Wenn Sie mehr sehen wollen, laufen Sie nach Polen", sagt der Taxifahrer freundlich, ein älterer Mann mit gräulichem Haar. Als ich ihn frage, ob er schon einmal im Plastinarium war, schüttelt er den Kopf.

Meine erste Erfahrung mit dem Tod mache ich in der ehemaligen Hutfabrik mit einer geflügelten Giraffe, die sich an eine Palme klammert. Sie ist in guter Gesellschaft: In der Tierschau steht neben ihr eine Zweite in Scheibchen geschnitten und die Dritte hat einen dreigeteilten Schädel. Als ich in der Halle auf Sarah warte, muss ich tief durchatmen. Es liegt ein merkwürdiger Geruch in der Luft. Ich bekomme einen Hustenanfall, mir wird schlecht. Mit meiner Kamera lenke ich mich ab, mache ein paar Probeaufnahmen.

Nach ein paar Minuten geht es mir wieder besser, da kommt auch schon Sarah. Wir gehen an menschlichen Plastinaten, transparenten Körperscheiben, Feuchtpräparaten in Gläschen und einzelnen Körperteilen und Organen vorbei. In einem gläsernen, lichtdurchfluteten Raum warten die Obduktionstische, an dem die anatomischen Lehrmittel bearbeitet werden. Die Körper, die als Grundlage dienen, stammen seit 1982 aus einem eigenen Spendenprogramm.

Bis zur Präparation liegen die Körper, die Sarah und ihre Kollegen mit Pinzette und Skalpell bearbeiten, ein Jahr in einem Formalin-Bad. Der Wirkstoff stoppt die Verwesung und konserviert zugleich. Nach der kompletten Prozedur, die etwa 1.500 Arbeitsstunden dauert—von Aceton-Bad über Imprägnierung—, bestehen die Präparate zu 70 Prozent aus Kunststoff. Ich habe mit Sarah über ihre Arbeit mit dem Tod gesprochen.

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Sarahs Arbeitsplatz

VICE: Sarah, du arbeitest als Präparatorin. Wie bist du dazu gekommen?
Sarah: Ich habe einen Künstler kennengelernt, der Tierpräparator werden wollte. Als er mir davon erzählt hat, war ich fasziniert. Ich wusste gar nicht, dass das ein Beruf ist. Handwerklich und künstlerisch war das genau das Richtige für mich. Also habe ich alle Präparatoren in Berlin angerufen, bis ich eine Stelle hatte, wo ich ein Jahr gelernt habe.

Ist es schwierig, in diesen Beruf zu kommen, wenn es kaum Ausbildungsplätze gibt?
In Deutschland gibt es genau eine Schule für Tierpräparation, die ist in Bochum. In Norwegen sieht es dagegen besser aus, dort habe ich einem Künstler assistiert. Als ich erfahren habe, dass es in der Nähe von Berlin eine Präparationsstätte gibt, habe ich mich dort beworben und wurde eingeladen.

Wie kommt es, dass es nun Menschen sind, die du präparierst?
Beim Probearbeiten war es noch eine Schlange, die ich bearbeitet habe, doch ich habe keine Berührungsängste, auch nicht bei Menschen. Ich habe einen antispeziesistischen Ansatz.

Die Probeschlange

Was ist das Besondere an deiner Arbeit?
Man hat die Möglichkeit, sich bis ins kleinste Detail mit dem menschlichen Körper auseinanderzusetzen.

Das Werkzeug

Was ist das Unangenehmste daran?
Den ganzen Tag mit Formalin in der Nase zu verbringen. Dagegen hilft Minzöl.

Verstehen deine Freunde und deine Familie deinen Berufswunsch?
Ich war schon immer ein Sonderling, da war keiner sehr überrascht.

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Was machst du jetzt gerade genau?
Gerade arbeite ich an den Füßen eines Ganzkörperpräparats und entferne Fettgewebe (das ist gelblich) mit einem Skalpell, um Strukturen heraus zuarbeiten wie Muskeln, Nerven oder Gefäße.

Rot sind die Venen, gelblich ist das Fett

Hast du dabei Gestaltungsmöglichkeit?
Wir arbeiten nach einem Präparationsplan, der vorgibt, wie das Modell aussehen soll. Das sind vor allem Lehrpräparate, die zur Ausbildung von Medizinstudenten in Ägypten, Iran oder Irak dienen.

Weißt du etwas über die Körperspender?
An der Haut sehe ich ungefähr, wie alt sie sind. Am Körper kann man es nicht ausmachen, es kommt immer darauf an, wie sportlich sie waren. Manchmal entdeckt man auch Krankheitsbilder wie Krebsmetastasen. Den Namen oder andere Angaben kenne ich nicht, das ist auch ein Schutz für uns.

Wie gehst du mit dem Tod um, wenn er dir täglich begegnet?
Ich weiß, dass ich einmal sterben muss. Für mich ist es etwas Normales, nichts Schlimmes. Ich lebe einen entspannten Nihilismus.

Wirken die Körper manchmal abstrakt auf dich?
Man hat wie bei einer Operation immer nur eine kleine Fläche aufgedeckt, an der man präpariert. Man beschäftigt sich in erster Linie mit der Anatomie, manchmal vergisst man dann, dass es einmal ein Mensch war, an dem man arbeitet.

Sarah zeigt mir ein Organpaket, ihre Hände halten die Lungenflügel

Ihr arbeitet aber auch an sogenannten Organpaketen. Kannst du mir den Aufbau erklären?
Hier oben ist die Zunge, der Rachenbereich, Muskeln, die Speicheldrüse, die Schilddrüse, Fett, der Herzbeutel, in dem das Herz liegt; das wird in Zombie- und Vampirfilmen oft falsch dargestellt, die beiden Lungenflügel, das Zwerchfell, die Leber, dahinter die Blase, der Magen—aufgrund seiner Größe kann man darauf schließen, wie dick ein Mensch war—darunter ist der Darm, er ist 7 Meter lang, der Zwölffingerdarm, der Dickdarm, der After … Hier sieht du die Aorta, sie kommt vom Herzen, die Speiseröhre. Man sieht deutlich, wie viel Fett um die Nieren liegt, um sie zu schützen, daneben die Nebenniere, die für Adrenalin sorgt, der Harnleiter zur Blase und hier teilt sich die Aorta in die Beine auf …

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Was fasziniert dich an der Arbeit mit dem menschlichen Körper?
Der menschliche Geist kann die Komplexität oft nicht fassen. Das merkt man besonders an Reaktionen von Besuchern. Vor ein paar Wochen erzählte mir einer, er wäre selbst lieber mit Marshmallows gefüllt [als sich vorzustellen, dass sein Inneres genauso aussieht]. Zu verstehen, dass das, was er sieht, echt ist, dass man aus Fleisch und ein paar Organen besteht, die den ganzen Organismus am Leben erhalten, überfordert. Ich finde es spannend, wie der Körper all die Jahre automatisch funktioniert. Ich sehe es, aber ich kann es auch nicht begreifen.

Aber du erklärst es mir doch gerade.
Ja, aber zu glauben, dass es in mir genauso aussieht—das möchte man nicht wahr haben.

Hat deine Arbeit dein Leben nachhaltig beeinflusst?
Bei mir ist etwas passiert, ich habe ein stärkeres Körperbewusstsein entwickelt und Konsequenzen gezogen. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, wie meine Kollegen an den ausgestellten Raucherlungen vorbeilaufen, um zum Rauchen zu gehen.

Lungen

Hast du seitdem mehr Angst vor Krankheiten?
Seitdem ich in diesem Beruf tätig bin, lebe ich aufgeklärter und kenne mich besser mit Infektionsrisiken und Krankheitsbildern aus—ich habe vieles gesehen. Ich versuche, auf mich zu achten, aber ich habe auch über Krankheiten erfahren, die tödlich verlaufen können, das hat mich geprägt.