Popkultur

So können Internetbekanntschaften dein Leben verändern

Viele Menschen haben dem Internet einige ihrer engsten Freunde zu verdanken. Alles, was es braucht, ist ein bisschen Mut.
13 Mai 2016, 5:00am

Foto von Calvin Klein

Von den Kulturpessimisten unter uns heißt es immer wieder, dass uns das Internet asozial macht. Wir kapseln uns ab, hängen nur noch einsam vor unseren Bildschirmen und werden zu Einsiedlern, die nicht mehr wissen, wie zwischenmenschlicher Kontakt funktioniert. Aber das Internet kann auch den genau gegenteiligen Effekt haben: Es kann dazu führen, dass Menschen zusammenfinden, die sich im normalen Leben niemals kennengelernt hätten—und dennoch essentiell füreinander sind.

Es gibt viele Arten von Internetbekanntschaften: Tinder-Dates, die meistens wahlweise in einem One-Night-Stand oder einem Desaster enden, Zweckgemeinschaften wie WG-Mitbewohner oder das Pendant zu den Brieffreundschaften, die unsere Eltern früher geführt haben: Die Menschen, mit denen man ewig in Kontakt steht, bevor man sie im echten Leben trifft. Natürlich weiß man nie, was einen erwartet, wenn man einen Menschen trifft, von dem man lediglich das perfekt inszenierte Online-Ich kennt. Aber manchmal werden daraus Freunde fürs Leben. Alles, was man dafür braucht, ist ein bisschen Mut, um sich zu treffen und kennenzulernen. Wir haben Geschichten gesammelt, die zeigen, was aus Internetbekanntschaften werden kann.

Der YouTube-Kommentar

2012 war ich auf einem Konzert, auf dem gefilmt wurde, und auch ich war in dem Video, das die Veranstalter nach dem Konzert auf YouTube stellten. Jemand postete "The girl at 0:33 looks stunning" darunter und ich konnte mir natürlich nicht verkneifen, diesem Typen zu schreiben. Danach haben wir ein halbes Jahr miteinander geschrieben und uns beide Hals über Kopf ineinander verliebt—obwohl wir uns noch nie gesehen hatten. Also so richtig. Ein paar Wochen nach der ersten Nachricht beschlossen wir dann, uns sehen zu müssen. Wir haben uns auf einem Festival getroffen, zum ersten Lied eines Sängers, den wir beide lieben und dessen Lieder wir uns die Monate davor immer geschickt hatten. Es war ein bisschen wie in einem kitschigen Film, wir waren beide nervös, ich wollte am liebsten heulen vor Freude. Das ganze Festival haben wir miteinander verbracht, danach ist jeder wieder in seine Richtung gefahren, knapp 700 Kilometer liegen zwischen uns.

Wir haben in den letzten Jahren darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn einer in die Stadt des anderen zieht, uns zu unterschiedlichen Zeitpunkten gesagt, dass wir uns lieben, während der andere es zu diesem Zeitpunkt nicht so empfunden hat, haben gestritten und waren beleidigt, hatten beide Beziehungen und haben uns in den letzten Monaten eigentlich nur angeschwiegen, durchbrochen durch Nachrichten wie "Ich bin immer noch da"—"Ich weiß". Bis heute haben wir uns insgesamt 20.000 Nachrichten auf Facebook geschickt, er hat sein Studium abgeschlossen und arbeitet, bei mir haben sich so viele Dinge getan, dass ich gar nicht wüsste, wo ich anfangen soll. Diesen Sommer treffen wir uns wieder. Es gibt wenige Menschen, die mich besser kennen als er, und wenige Menschen, die mir näher und wichtiger sind. Und das alles, diese Geschichte, habe ich einem Kommentar auf YouTube zu verdanken.

Die Mail

Ich wollte Musik machen, seitdem ich denken kann. Während meiner Schulzeit war ich immer wieder in diversen Bands, habe Songs geschrieben, ein paar Auftritte gehabt. Es lief gar nicht so schlecht, aber ich zweifelte immer wieder sehr an mir selbst und meinem Können. Es kann verdammt anstrengend und schwierig sein, auf der Bühne zu stehen—viel anstrengender, als man denkt. Und als Mädchen in einer Band? In der Kleinstadt, in der ich damals noch gelebt habe, gar nicht mal so einfach. Ich wollte mehr, ich wollte alles Mögliche ausprobieren, mit verschiedenen Musikrichtungen und meiner Stimme experimentieren. Alles gar nicht so einfach, wenn man nicht genau weiß, wie. Als ich nach Wien gezogen bin, dachte ich, dass es das jetzt war. Musik machen war vielleicht einfach nicht meine Bestimmung, also konzentrierte ich mich auf mein Studium und auf die Arbeit. Drei Jahre habe ich keinen einzigen Song geschrieben, die Gitarre lehnte verstaubt an der Wand und jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging, wurde ich wehmütig, aber mir fehlte jegliche Inspiration. Zwar nahm ich immer wieder mal den ein oder anderen Coversong für Soundcloud auf, aber ich hatte auch keine große Lust, mehr daraus zu machen. Bis ich eines Tages eine Mail von irgendeinem Kerl in meinem Postfach hatte.

Er hatte mich über Soundcloud gefunden und suchte eine Sängerin für sein Electropop-Projekt. Anfangs war ich skeptisch, und zwar so sehr, dass ich die Mail über eine Woche lang ignorierte. Bis ich mich eines Tages doch dazu entschloss, ihm zu antworten. Wir arrangierten ein Treffen, von dem ich nicht allzu viel erwartete. Doch wir verstanden uns auf Anhieb gut, mochten die gleiche Musik, hatten ähnliche Vorstellungen von „gut" und „scheiße". Seitdem, und das ist jetzt schon über ein Jahr her, machen wir gemeinsam Musik. Wir sind gute Freunde geworden und verbringen ziemlich viel Zeit miteinander. Ich schreibe wieder Songs, probiere verschiedene Richtungen aus und wir sitzen bis spät in die Nacht über unseren Projekten. Ich lerne viel von ihm. Musik machen füllt uns beide vollkommen aus. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ohne ihn und ohne unser Projekt wäre. Verrückt, wie eine Mail dein Leben verändern kann.

Das Fake-Profil

Vor ein paar Monaten war ich auf einer Party und habe dort mit einem Typen getanzt, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Wir haben weder Nummern ausgetauscht, noch wusste ich seinen Namen—was die Suche nach ihm ein bisschen schwierig machte und wahrscheinlich daran lag, dass wir beide von der Party schon ein bisschen mitgenommen waren. Ich fragte mich also durch die Menschen auf der Party—und alle wussten zwar, von wem ich rede, aber niemand wusste so genau, wer der Typ war. In den darauf folgenden Tagen habe ich also sämtliche meiner Stalking-Skills angewendet—ohne Erfolg. Ich erinnerte mich aber noch dunkel daran, dass sich besagter mysteriöser, gutaussehender Typ auf der Party lange mit einem Bekannten von mir unterhalten hat. Ich wusste, dass das so ziemlich meine letzte Chance war, gab mir die Blöße und fragte ihn, wer dieser „schöne Hipster" (Zitat Ende) war, mit dem er so lange geredet hatte.

Er sagte mir seinen Vornamen, legte aber gleich die traurige Info nach, dass er von ihm keine aktuelle Nummer habe und dass der schöne Hipster auch nicht auf Facebook sei. Zwei Wochen später erhielt ich eine Nachrichtenanfrage auf Facebook und dachte schon, ein fremder Typ würde mir in der Hoffnung auf die große Liebe mal wieder „Hey Chica! ;)" schreiben. Und ja, es war zwar ein fremder Typ, dessen Profilbilder ganz offensichtlich völlig absurde Stock Photos waren, der sich aber als der Typ von der Party herausstellen sollte, der mir so in Erinnerung geblieben ist. Wir schreiben seitdem schon wochenlang, haben uns getroffen, uns Geschichten erzählt und Wein getrunken. Wer weiß, was daraus noch wird.

Der beste Freund

Meine Geschichte läuft ein bisschen anders ab als die klassischen „Menschen lernen sich im Internet kennen, schreiben und verlieben sich unsterblich"-Storys. Einen meiner heute besten Freunde habe ich vor Jahren im Urlaub kennen gelernt. Es fing an wie eine perfekte Liebesgeschichte, die man seinen Enkeln erzählt: Wir haben uns kennengelernt, sofort verstanden und sind auch nach dem Urlaub in regem Kontakt geblieben, obwohl wir in verschiedenen Ländern wohnen. Ich dachte erst, dass ich mich in ihn verliebt hätte und wir irgendwann unausweichlich zusammenkommen würden. Je länger wir Kontakt hatten, umso mehr habe ich gemerkt, dass das keine Verliebtheit ist, sondern dass sich hier eine echte, wunderschöne Freundschaft anbahnt.

Der besagte Urlaub ist nun über sechs Jahre her. Ich treffe meinen Freund von Zeit zu Zeit—er besucht mich oder ich ihn. Wir skypen oft und schreiben uns täglich. Das Absurde daran ist, dass ich kurz, bevor wir uns treffen, immer total nervös bin—wie vor einem ersten Date. Aber wenn wir uns dann sehen, ist es, als wären die Monate, die oftmals zwischen den Treffen vergehen, nie passiert. Obwohl die meisten Internet-Bekanntschaften anders herum verlaufen und man sich zuerst online und dann in persona trifft, hat mir das Internet in diesem Fall geholfen, aus einer netten Urlaubsbekanntschaft eine Freundschaft werden zu lassen, die noch viele Jahre andauern wird.

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