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Selfie-Sticks und Absperrgitter: Wenn Flüchtlinge auf Touristen treffen

Der Fotojournalist Jörg Brüggemann ist im August 2015 auf die griechische Insel Kos gereist, um den ersten Kontakt zwischen Flüchtlingen und Touristen zu dokumentieren.

von Jörg Brüggemann
19 März 2016, 4:05am

Als die Flüchtlingskrise im August 2015 anfing, auch weltweit für Schlagzeilen zu sorgen, machte sich der Fotojournalist Jörg Brüggemann auf, um auf der griechischen Insel Kos zu dokumentieren, wie syrische, irakische, afghanische und pakistanische Flüchtlinge zum ersten Mal auf britische, schwedische und deutsche Urlauber treffen.

Seine Gegenüberstellung lässt ein bedrückendes und bedeutendes Thema in einem ganz neuen Licht erscheinen. Verzweiflung trifft auf Luxus—und zwar ohne Mittelsmann in Form von Politikern oder Medien, hinter dem man sich verstecken kann. Griechenland wird ein drittes Hilfspaket geschnürt, der drohende „Grexit" will einfach nicht verschwinden und die Flüchtlingskrise ist in vollem Gang. Derweilen genießen die Europäer weiter ihre Schirmchendrinks, verdrücken ihre Gyros-Portionen und umgehen am Strand gekonnt die ganzen angespülten Schwimmwesten.

Wir haben uns mit Brüggemann getroffen, um über das westliche Sprichwort von der Unwissenheit als Segen zu reden und um mehr darüber zu erfahren, wie die traditionellen Formen des Fotojournalismus uns abstumpfen lassen und alles kaputt machen.

VICE: Hey Jörg. Du bist ja nach Kos gereist, um den ersten Kontakt zwischen Flüchtlingen und Touristen zu dokumentieren. Haben diese beiden Gruppen viel miteinander kommuniziert?
Jörg Brüggemann: Das war schon etwas Besonderes. Auf Lesbos gibt es dort, wo die Flüchtlinge ankommen, nicht viel Tourismus. Auf Kos ist das jedoch anders und deswegen war das Ganze auch so faszinierend anzusehen. Diese beiden Gruppen prallen nirgendwo anders so direkt aufeinander. Da die Insel so klein ist, kann man sich auch nicht wirklich aus dem Weg gehen—und so kam es auch zur Kommunikation. Diese Kommunikation war dabei nicht immer verbal, sondern oftmals hat man sich einfach nur gegenseitig angeschaut und wollte verstehen, was der jeweils andere da macht.

Haben die Touristen dann auch irgendwie versucht, den Flüchtlingen zu helfen?
Einige Leute sind auf die Flüchtlinge zugegangen und haben ihnen Dinge wie Wasser oder Spielsachen gegeben. Die meiste Hilfe kam jedoch von den Leuten, die auf Kos leben und dort die Hotels und Restaurants betreiben. Aber auch die griechischen Anarchisten und Linken zeigten viel Einsatz. Dazu kamen dann noch die Touristen, die sich freiwillig für den Hilfsdienst eingeschrieben hatten. Ich habe zum Beispiel ein Foto von diesem Niederländer geschossen, der wartende Flüchtlinge ziemlich rabiat zurückdrängt. Er hatte sich gemeldet, um Lebensmittel, Shampoo und andere Hilfsgüter zu verteilen.

Obwohl die Gegensätze in meinen Fotos doch recht extrem anmuten, wollte ich eigentlich vor allem zeigen, wie sich die Flüchtlinge und die Touristen die gleiche Insel teilten und dabei im Grunde gar nicht mal so unterschiedlich sind. Eigentlich wird Kos von den Flüchtlingen auf die gleiche Art und Weise genutzt wie von den Urlaubern, wenn sie beim Warten auf die Registrierung beispielsweise in der Sonne liegen oder zusammen rumhängen. Flüchtlingskinder, die nicht schwimmen können, nutzen Schwimmwesten, während Touristenkinder, die nicht schwimmen können, eben Schwimmreifen benutzen. Ich habe sogar fotografiert, wie Flüchtlinge Selfies am Strand machen. Sie kommen halt aus einem Land, in dem jetzt Krieg und Schrecken herrschen, aber im Grunde sind wir alle gleich. Und genau das zu zeigen, war mir unglaublich wichtig.

Deine Fotos vermitteln auch eine gewisse Ignoranz sowie fehlendes Mitgefühl der westlichen Welt. Ist das so beabsichtigt?
Ja, auf jeden Fall. Ich will aber auch die Frage in den Raum werfen, wer für dieses fehlende Mitgefühl verantwortlich ist. Wenn man sich immer nur mithilfe der Massenmedien informiert, dann ist man dem Ganzen natürlich nicht direkt ausgesetzt. Deshalb ist es auch noch mal etwas ganz Anderes, wenn man von Angesicht zu Angesicht mit der Flüchtlingskrise konfrontiert wird. Da sind dann plötzlich Emotionen im Spiel und man kann diese Menschen auch wirklich nachvollziehen.

Die Touristen haben ganz unterschiedlich auf die Flüchtlinge reagiert. Viele Urlauber hatten ihren zweiwöchigen Urlaub ja schon lange im Voraus gebucht, das ganze Jahr dafür gespart und sich richtig darauf gefreut. Als sie dann ankamen, waren jedoch plötzlich auch die ganzen anderen Menschen da ... Wahrscheinlich hat man durch die Nachrichten schon so ein bisschen mitbekommen, was auf der Insel los ist, und wollte dem Ganzen dann auch eher aus dem Weg gehen. Das finde ich auch vollkommen in Ordnung. Wenn man sich allerdings nicht mit den Flüchtlingen auseinandersetzen will, dann kann man sich auch einfach ein Hotel auf der anderen Seite von Kos buchen, wo nicht so viel los ist.

Es gab allerdings auch Leute, die die schrecklichen Bilder in den Nachrichten gesehen hatten, und daraufhin aus reiner Neugierde nach Griechenland gekommen sind. Und dann hatten wir da natürlich auch noch die Menschen, die nach Kos reisten, um dort mit anzupacken und zu helfen. Diese Mischung fand ich richtig interessant und irgendwie ist sie auch eine Metapher dafür, wie die Welt auf dieses Chaos reagiert.

Herrschte zwischen dir und den anderen Fotojournalisten eine Art Konkurrenzdenken?
Ja, und das hat mich richtig überrascht. An einem Morgen bin ich zum Beispiel richtig früh aufgestanden, um am Strand auf die ankommenden Boote zu warten. Und dann waren da schon acht andere Fotografen. Wir haben uns schließlich nebeneinander aufgestellt und die Boote abgelichtet, aber irgendwie ging da viel mehr ab, als die Anderen mitzukriegen schienen. Als das nächste Boot ankam, ging ich deswegen ein paar Schritte zurück und fotografierte die ganze Szenerie von 20 Meter weiter hinten. Ich wollte zeigen, wie die Medien der dritte Akteur in diesem Spiel sind. Die Fotografen fanden es allerdings gar nicht mal so cool, dass ich sie mit ablichtete, weil sie noch richtig traditionelle Vorstellungen vom Fotojournalismus hatten—so von wegen der Fotograf darf die Szene nicht beeinflussen und so weiter. Das tut er jedoch schon und meiner Meinung nach machen sie sich nur selbst was vor, wenn sie das Gegenteil behaupten. Wenn eine Gruppe Fotojournalisten die Ankunft von Flüchtlingen dokumentiert, dann hat das auf jeden Fall einen Einfluss auf diese Menschen—einige der Flüchtlinge sind zum Beispiel direkt vom Boot gesprungen und weggerannt, weil sie dachten, dass es sich bei den Leuten am Strand um Polizisten handelte.

Die Art der Krisendokumentation, bei der immer nur gezeigt wird, wie schwer es die Leute haben, ist zwar wichtig und auch notwendig, aber sie verliert meiner Meinung nach immer mehr an Wirkung. Ich meine, wir werden mit Bildern und Videos des Elends regelrecht überschüttet und deswegen klickt man sich irgendwann nur noch gelangweilt durch die Fotos von leidenden Familien und sterbenden Kindern, weil einen das ja nicht persönlich betrifft.

Munchies: Das Essen der syrischen Flüchtlinge—zu Tisch im Benjamin Franklin Village

Und wie genau unterscheiden sich deine Fotos von dieser Art der Dokumentation?
Man findet sich in Tourists vs. Refugees einfach viel schneller wieder, weil man ja auch selbst dieser Tourist am Strand sein könnte. Dazu sind meine Fotos vielleicht nicht ganz so bedrückend wie die des normales Krisen-Fotojournalismus, aber sie fesseln dich trotzdem und ziehen dich voll mir rein—diesen Aspekt finde ich sehr interessant.

Mehr von Jörg Brüggemanns Arbeiten findest du auf seiner Website.

Das Interview führte Francesca Cronan.