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Der VICE Guide to Geistige Gesundheit

Weibliche Hormone können deiner psychischen Gesundheit übel mitspielen

Die Beziehung zwischen weiblichen Hormonen und psychischer Gesundheit kann dich manchmal auf wirklich dünnes Eis führen.

von Nell Frizzell
30 April 2015, 6:00am

Foto: Hey Paul Studios | Flickr | CC BY 2.0

Stimmungsschwankungen, Depressionen, Müdigkeit, Erschöpfung, Reizbarkeit, Nervosität, verringerte kognitive Fähigkeiten, Aggression, Wut, Schlafstörungen und Heißhungerattacken. Einer der unterhaltsameren Aspekte davon, eine Gebärmutter zu haben, ist, dass all diese Dinge einfach als Teil des Deals gelten. Das ist euer Schicksal. Sorry, Mädels, aber wenn ihr die Dreistigkeit besitzt, ein biologisches Wesen zu sein, müsst ihr euch damit abfinden, auch das Psychologische erleiden zu müssen.

Das Verhältnis von weiblichen Hormonen zur psychischen Gesundheit zu untersuchen, ist für Frauen wie mich eine mit Steinen gepflasterte Wanderung auf Messers Schneide. Denn auf der einen Seite sollten wir uns Zeit nehmen uns mit diesem Scheiß auseinanderzusetzen. Wie Gloria Steinem in If Men Could Menstruate schreibt, wäre das andere Geschlecht betroffen, würden „Ärzte wohl kaum zu Herzattacken forschen, vor denen Männer nun hormonell geschützt wären, sondern vor allem zu Krämpfen."

Wir sind kein „anderes" oder gar zweites Geschlecht und diese Geschichte ist den Einsatz unserer Zeit und Aufmerksamkeit wert, von Geld ganz schweigen. Auf der anderen Seite bin ich mir als Frau, die weint, sich die Haare absäbelt und dann zwei Tage später, wenn das Blut in ihre Kloschüssel tropft, merkt, dass doch wieder nur das nervige Progesteron Schuld an allem war, im Klaren darüber, wie riskant es ist, Frauen aufgrund unserer Hormone irgendwie schwächer darzustellen..

Nein, wir Frauen sind nicht biologisch minderwertig, weil unsere Hormone sich auf die psychische Verfassung auswirken. Aber es wäre verdammt nett, wenn unsere psychische Verfassung zur Abwechslung mal ernst genommen würde.

Ich kannte mal einen Mann, der, nachdem er Monate lang unter Depressionen, Gewichtszunahme, Heulattacken und fehlender Konzentration gelitten hatte, endlich zu einem Endokrinologen ging, wo man ihm sagte, dass er einen so starken Testosteronüberschuss habe, dass sein Körper begonnen habe, Testosteron in Östrogen umzuwandeln. „Östrogen?", fragte er. „Wie das Zeug in der Pille? So fühlt sich das an?" So fühlt sich das an. Er ist der einzige Mann, den ich wahrscheinlich je treffen werde, der weiß, wie es ist, von Wellen weiblicher Hormone durchgeschüttelt zu werden, und er beteuerte mir in vollstem Ernst, dass es ihn überhaupt nicht wundern würde, wenn die Verhütungspille eigentlich entwickelt worden wäre, um die Selbstmordrate unter Frauen zu erhöhen.

Wo wir gerade beim Thema Tod sind: Eine Freundin von mir ging einmal zu ihrem Hausarzt, weil sie ihr prämenstruelles Syndrom sich wie eine Psychopatin fühlen ließ, worauf hin er sie „mit halbgeschlossenen Garfield-Augen ansah und sagte, ‚Die meisten von Frauen begangenen Morde werden verübt, während sie unter PMS leiden.'" Mit diesen Worten entließ er sie. Die Sache war für ihn damit erledigt.

Die erste Frage ist natürlich die nach dem Warum. Warum wirken sich Hormone auf unseren Gemütszustand aus? Worin genau besteht der Ebbstrom der zwischen Hirn und Gebärmutter zu fließen scheint?

Die Antwort ist: Wir wissen es nicht. „Die genaue Ätiologie von PMS ist noch nicht bekannt," schreibt Nick Panay, der Vorsitzende der britischen National Association for Premenstrual Syndrome. „Die zyklischen Aktivitäten der Eierstöcke und die Auswirkungen von Östradiol und Progesteron auf die Neurotransmitter Serotonin und γ-Aminobuttersäure (GABA) scheinen aber zentrale Faktoren zu sein." Kurz ausgedrückt scheint der monatliche Zyklus dieser unerlässlichen Reproduktionshormone, die in verschiedenen Stadien in das Baby-Fabrikations-System ausgeschüttet werden, die Art, wie Signale unser Gehirn passieren, zu beeinflussen.

So können zum Beispiel Veränderungen in der Funktionsweise der Neurotransmitter die Chemie und Mechanik jenes großen, feuchten Blumenkohls beeinflussen, der für unser Denken verantwortlich ist. Oder, so meinen wir zumindest, da, wie Panay schreibt, „die raschen Schwankungen der Östradiol-Konzentration nicht nur in der prämenstruellen, sondern auch der pränatalen und perimenopausalen Phase, zu diesem Dreiklang hormonbedingter depressiver Störungen führen—oft in derselben, prädesponierten Person." Und prädesponiert sind die einen natürlich mehr als die anderen.

Als eine Art Arbeitshypothese definiert Panay PMS als „ein Leiden, das sich in unangenehmen körperlichen, psychologischen oder Verhaltenssymptomen äußert, denen keine organische oder psychiatrische Erkrankung zu Grunde liegt." Natürlich können bei manchen Frauen auch tieferliegende psychologische Leiden hinter den PMS-Beschwerden stecken. Aber bei vielen von uns ist das nicht der Fall. In der Definition heißt es weiter, dass die Symptome regelmäßig während der Lutealphase eines Menstruationszyklus auftauchen und „sich bis zum Ende der Menstruation drastisch verringern oder ganz abklingen." Für manche Frauen ist das aber noch nicht das Ende der Geschichte, für manche von ihnen schlagen die Symptome in eine seltenere, noch weniger untersuchte Krankheit um: die sogenannte prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS).

Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM; „diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen") beschreibt PMDS in seiner vierten Auflage als „nicht zuordenbare depressive Störung." Was ja schon mal total hilfreich ist. Zu den Symptomen zählen Depressionen, ein verringertes Interesse an sonst üblichen Aktivitäten, Lethargie und entweder Schlafsucht oder Schlaflosigkeit. Es ist, in anderen Worten, die Art Veranstaltung, die nur zu leicht als Depression, bipolare Störung oder irgendeine anderen psychische Krankheit fehldiagnostiziert werden kann. Das einzige Alleinstellungsmerkmal besteht laut Psychologen wie Jean Endicott von der Abteilung Klinische Psychologie an der Fakultät für Psychiatrie der Columbia University darin, dass die Symptome von PMDS zyklisch in Verbindung mit der Menstruation auftreten und abklingen, sobald die Blutung beginnt.

Der monatliche Zyklus dieser unerlässlichen Reproduktionshormone, die in verschiedenen Stadien in das Baby-Fabrikations-System ausgeschüttet werden, scheint die Art, wie Signale unser Gehirn passieren, zu beeinflussen.

„Das Seltsamste ist, dass es sofort aufhört, wenn ich zu bluten anfange," erzählt mir die Künstlerin und PMDS-Betroffene Charley Feltham in einer Email aus Cornwall. „Ich fühle mich buchstäblich 30 Minuten oder eine Stunde später wieder völlig normal." Während der zehn Tage vor ihrer Periode verliert sich Charley allerdings komplett. „Gerüche werden stärker, Geräusche lauter, Dinge, die mich sonst nicht stören, werden zu gewaltigen Problemen, ich werde sehr ungeschickt und mir passieren permanent Missgeschicke, ich bin völlig erschöpft und emotional. Je näher meine Periode rückt, um so stärker wird das alles und verbindet sich mit einem extremen Selbsthass, manchmal bis hin zu Suizidgedanken. Ich schaue in den Spiegel und mein ganzes Gesicht sieht anders aus, verzerrt und nicht mehr wie ich. Es klingt verrückt; und es fühlt sich verrückt an."

Aber diese Art „Verrücktheit" fühlt sich für ca. fünf Prozent der menstruierenden Frauen nur allzu vertraut an. Der Anteil könnte sogar noch höher sein—die National Association for Premenstrual Syndrom beziffert ihn auf 5 bis 8 Prozent, mit der Anmerkung, dass sehr wahrscheinlich nicht alle Fälle gemeldet werden, vor allem unter ethnischen Minderheiten. Wenn man also meint, dass der Grund, warum wir so wenig über PMDS wissen, damit zu tun hat, dass so wenig Menschen darunter leiden, solltet ihr euch vor Augen führen, dass nur 6 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien unter Diabetes leiden. Und davon haben wir alle schon mal gehört.

Zu Charleys großem Glück war ihr Hausarzt bewandert genug um PMDS diagnostizieren zu können und verschrieb ihr die Verhütungspille Yasmin für drei Monate am Stück mit nur minimalen Unterbrechungen. „Nach sechs Wochen waren meine Symptome allesamt verschwunden und ich fühlte mich wie ein komplett anderer Mensch," sagt sie. „Ich litt aber immer noch unter starken Angstattacken, die von den Hormonen noch verstärkt wurden, also nahm ich am Ende einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), der eine ganze Weile lang sehr gut half. Es war auf eine Weise bizarr und gleichzeitig toll—als hätte ich jetzt die Bestätigung, dass es an den Hormonen lag und nicht daran, dass ich einfach ein massives Arschloch war."

Leider sind wir Tiere aus Fleisch und Blut, die in einer sozialen Welt unterwegs sind und manchmal erwachsen psychische Probleme aus dem Zusammenspiel von externen und biologischen Auslösern.

In seinen Behandlungsrichtlinien für PMS schreibt Nick Panay: „Für Frauen mit PMS stellen neuere Verhütungspillen möglicherweise ein effektives Behandlungsmittel dar und sie sollten als eine der ersten pharmazeutischen Interventionen angesehen werden." Aber auch wenn die Kombipillen ein erster Schritt in der effektiven Behandlung von PMS und PMDS sein können, sind sie bei weitem nicht die einzige Behandlungsmöglichkeit. Es deutet viel darauf hin, dass Serotonin bei PMS und PMDS eine zentrale Rolle spielen könnte, und es sind bereits eine Reihe von SSRIs (eine Art Antidepressiva, die den Spiegel des Neurotransmitters Serotonin erhöhen) für deren Behandlung verwendet worden, die zu besseren Ergebnissen geführt haben als das zum Vergleich verabreichte Placebo.

Die andere Option ist die Hysterektomie. Aber obwohl ein Teil der Frauen das sicher ernsthaft in Betracht ziehen würden, ziehen andere vor, es zunächst mit Änderungen ihres Lebensstils, einer kognitiven Verhaltenstherapie, Progesteron-Behandlungen oder Antidepressiva zu versuchen. Denn, wie so oft, kann eine gesunde Ernährung, Sport, Stressreduktion und das Vermeiden von Kohlenhydraten, Koffein und Alkohol dazu beitragen, die Auswirkungen von PMS und PMDS zu verringern.

Natürlich ist es alles andere als einfach, die psychischen Auswirkungen unserer stetig fließenden, durcheinander wirbelnden und sich verändernden Hormone zu behandeln. Es ist nicht einfach damit getan, kein Brot mehr zu essen oder weniger Tee zu trinken. In einer Studie von 2011 mit dem Titel Hormone-Specific Psychiatric Disorders: Do They Exist? schrieb Margaret Altemus: „Bei der Bestimmung hormonell bedingter Syndrome gibt es mehrere erschwerende Faktoren. An erste Stelle stehen die natürlichen Schwankungen der Reproduktionshormone, z.B. während der Pubertät, dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft, dem Stillen und der Wechseljahre, während der diverse hormonelle Veränderungen gleichzeitig ablaufen können." Amen.

„Es gibt die unglückliche Tendenz psychiatrische Symptom allein auf Schwankungen des Östrogenspiegels zurückzuführen, anstatt ein komplexeres Zusammenspiel hormoneller Veränderungen in den Blick zu nehmen," schreibt sie weiter. Wir können nicht einfach ein Hormon herausgreifen, einen Neurotransmitter, ein Organ oder einen Bereich des Gehirns und ihm die komplette Schuld geben. Wenn es nur so einfach wäre! Leider sind wir Tiere aus Fleisch und Blut, die in einer sozialen Welt unterwegs sind und manchmal erwachsen psychische Probleme aus dem Zusammenspiel von externen und biologischen Auslösern. Wer kann schon sagen, ob eine postpartale Depression von einer hormonellen Veränderung, Schlafmangel, schlechter Ernährung, Stress, den veränderten Lebensumständen oder chronischen Schmerzen herrührt, wenn du mit allergrößter Wahrscheinlichkeit gerade alle sechs davon gleichzeitig erlebst? Woher sollen wir wissen, ob die junge, menstruierende Frau, die an Selbsthass und Angstgefühlen leidet, ein Opfer ihrer sich verändernden Hormone, sozialen Konditionierung, schlechten Beziehungen oder finanzieller Unsicherheit ist, wenn sie wahrscheinlich allen vieren gleichzeitig ausgeliefert ist?

Wie können wir die Ursachen von den Symptomen unterscheiden, wenn unsere Ärzte, Partner, Freunde und Kollegen beide all zu oft als „Frauenprobleme" belächeln.

Wie mir Dr. Venktraman Chandra Mouli von der WHO Anfang dieses Jahres in einem Interview sagte: „Menstruationsprobleme bringen keinen um. Also ist es den Leuten im Großen und Ganzen egal—von den Frauen, die darunter leiden, mal abgesehen." Wobei sie natürlich durchaus zum Tod von Leuten führen können. Und Frauen in der Tat darunter leiden. Und nicht nur in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen, wo das Leiden auch von der Verwendung von Baumrinde, Sand, Lumpen und Zeitungspapier anstelle von Tampons und Binden herrührt. Menstruationsprobleme töten Frauen auch wegen des Schadens, die sie unserem Gemüt zufügen können. Wie Panay schreibt, ist „PMS auch weiterhin wenig untersucht und wird in vielen Fällen schlecht behandelt. Es kann einen beträchtlichen Grad an Leiden nach sich ziehen und gelegentlich sogar zum Tode führen."

Wenn du also befürchtest, dass die Wut und Verzweiflung, die Frustration und der Selbsthass, das Leiden, der Hass auf deine Mitmenschen, die innere Unruhe und das allgemeine Pech, das durch die vom Mond gelenkten Wasser deines Körpers strömt, dir irgendwann zu viel werden könnten, führ' ein Tagebuch. Versuch', ein paar Monate lang zu notieren, wann du was fühlst, und wenn du dann zum Arzt gehst (und du solltest unbedingt zum Arzt gehen), hast du etwas Konkretes in der Hand, was du ihm oder ihr zeigen kannst. Lass deine Schilddrüse untersuchen. Frag nach den Nebenwirkungen deiner Verhütungspille. Mach Sport, ernähre dich gesund, und schlafe genug. Lass dir von keinem deine Hormone als „einfach nur Hormone" klein reden und habe nie, aber auch nie, Angst dir Hilfe zu suchen.

Dein Körper und dein Geist sind wundervolle Dinge. Auch wenn sie sich manchmal wie richtige Arschlöcher verhalten.

Nell auf Twitter: @NellFrizzell

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