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Sex

In Venezuela ist Sex zu einem wahren Luxus geworden

Wenn ein einzelnes Kondom schon knapp 70 Euro kostet, muss man richtig gut betucht sein, um sich gegen Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten zu schützen.
24.3.16

Alle Fotos: María Andrea Villasmil

„Es macht mir nicht mehr so viel Spaß, mit meiner Freundin zu schlafen, weil ich nicht mehr in ihr kommen kann. Ich muss da inzwischen echt vorsichtig sein. Mein Sexleben wurde komplett auf den Kopf gestellt", erzählt mir Francisco Araujo, ein 24-jähriger Bauingenieur aus Venezuela. „Ende letzten Jahres musste ich sogar einen Verwandten aus Miami darum bitten, mir Kondome zu schicken, denn in den Läden hier findet man keine mehr."

Venezuela ist nicht nur eines der gefährlichsten Länder der Welt, sondern auch eines der wirtschaftlich schwächsten. Dank einer explosiven Mischung aus Hyperinflation, strengen Preis- und Währungsregulationen, enttäuschenden Ölverkäufen und vielen furchtbaren Regierungsentscheidungen ist es hier zum Normalzustand geworden, dass sogar ganz alltägliche Dinge Mangelware geworden sind. Da muss man sich auch schon mal stunden- oder tagelang anstellen, um irgendetwas abzugreifen—wenn die Waren denn überhaupt in den Regalen ankommen. Dieser Umstand wirkt sich natürlich auch auf den venezolanischen Alltag aus. Ein Beispiel: Da man nur schwer an Verhütungsmittel rankommt, ist vielen Venezolanern die Lust auf Sex vergangen.

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„Früher habe ich noch Grindr genutzt, weil man so immer recht schnell einen Sexpartner gefunden hat. Das ist in den letzten Jahren jedoch immer seltener geworden, denn es mangelt an Kondomen. Inzwischen benutze ich meine aufgehobenen Pariser nur noch, wenn ich wirklich nicht mehr anders kann", erklärt mir der 28-jährige Alejandro Bohorquez. „Ich versuche entweder, meine Lust zu unterdrücken, oder habe gar keinen penetrierenden Sex. Da ich mir keine Geschlechtskrankheit einfangen will, ziehe ich es tatsächlich vor, keinen Geschlechtsverkehr zu haben. Sicher ist sicher."

Im Februar 2016 wurden der Organisation StopVIH Dokumente zugespielt, in denen steht, dass in den venezolanischen Bundesstaaten Amazonas, Anzoátegui, Aragua, Bolívar, Carabobo, Lara, Miranda, Monagas, Nueva Esparta, Sucre, Táchira und Distrito Capital eine alarmierende Knappheit an Verhütungsmitteln herrscht. Das bedeutet, dass fast die Hälfte der venezolanischen Bevölkerung keinen oder nur sehr beschränkten Zugang zu Kondomen hat. Dieser Umstand führt dann wiederum dazu, dass die von NGOs unternommenen Schritte gegen HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten quasi wieder zunichte gemacht werden. Dabei hat Venezuela von allen südamerikanischen Ländern die dritthöchste AIDS-Ansteckungs- sowie eine extrem hohe Teenie-Schwangerschaftsrate.

Auf vielen Instagram-Accounts werden Verhütungsmittel angeboten

Falls man jedoch total scharf auf ein Kondom oder die Pille sein sollte und dazu noch das nötige Kleingeld besitzt, dann ist es im Normalfall schon möglich, da etwas zu machen. In Venezuela gibt es aufgrund der hohen Nachfrage und des mangelhaften Angebots für alles zwei Preise—egal ob nun Autoreifen, Milch, Zahnpasta, Toilettenpapier, die Pille, Kabelfernsehen oder Flugtickets. In anderen Worten: einen offiziellen Preis und einen Schwarzmarktpreis. Wenn man beispielsweise wirklich die Nerven besitzt und sich stundenlang anstellt, um im Laden eine Flasche Shampoo zu kaufen, dann wird man dafür rund 80 venezolanische Bolívar [gut 11 Euro] auf den Tisch legen müssen. Auf dem Schwarzmarkt wird man hingegen immer sofort an Haarwaschmittel kommen, aber das kostet dann dementsprechend auch gleich ganze 2000 Bolívar [gut 280 Euro].

Wenn man einen Dealer kennt, dann kann einem das immens weiterhelfen, denn ein Dealer kommt so ziemlich an alles ran. Und wer nicht das Glück haben sollte und die Telefonnummer eines solchen Menschen eingespeichert hat, der kann sich dann immer noch an diverse Facebook-Gruppen, Instagram-Accounts oder Websites wie etwa MercadoLibre wenden. Einige dieser Dienste bieten ihre Hilfe sogar rund um die Uhr an—quasi eine Art 24-Stunden-Lieferservice. Für diesen Artikel habe ich mich jedoch speziell damit auseinandergesetzt, wie schwierig es als Venezolaner mit einem aktiven Sexleben ist, unterschiedliche Verhütungsmittel zu besorgen.

Kondome

Nachdem ich ganze 12 Apotheken durchforstet hatte, musste ich ernüchtert feststellen, dass ich nirgendwo Kondome finden konnte. Die drei auf dem Foto abgebildeten Exemplare habe ich von Freunden geschnorrt, die sich ein paar Pariser aus besseren Zeiten aufgehoben hatten. In Sachen Verhütungsmittel sind Gummis aber trotzdem auch weiterhin noch der geläufigste und „kostengünstigste" Vertreter: Im normalen Einzelhandel bezahlt man pro Präservativ 500 Bolívar [knapp 70 Euro], auf dem Schwarzmarkt verzehnfacht sich dieser Preis dann.

Motherboard: Diese smarten Kondome leuchten, wenn sie eine Geschlechtskrankheit entdecken

Da unsere Regierung das böse Konsum-Imperium der USA schon immer als den Teufel angesehen hat, ist es doch ganz schön, dass das Kondom, das man in Venezuela am einfachsten bekommt, „SEX USA" heißt. Ich rate allerdings dazu, die Nase zuzuhalten, wenn man die Verpackung öffnet, denn die Teile riechen wirklich furchtbar. Ich ziehe meinen Hut vor den Menschen, die dieses Präservativ tatsächlich schonmal in den Mund genommen haben.

Das Kondom ganz rechts wurde „Momentos" genannt und damit erlebt man auch sicherlich schönere Momente als mit dem Kondom ganz links. Mal ehrlich, wenn ich schon so viel Geld für einen Gummi hinblättere, dann will ich auch nicht von einer 90er-Jahre-Shakira mit abwertendem Blick angestarrt werden. Da geht doch sofort die ganze Stimmung flöten.

Das Chavista-Kondom

Beim Chavista handelt es sich ebenfalls um ein Kondom, aber die Hintergrundgeschichte macht das Ganze erst so richtig interessant. Das Chavista wurde nämlich von der chinesischen Regierung in Auftrag gegeben, um das venezolanische Problem der fehlenden Präservative zu lösen. Hierbei muss man bedenken, dass zwischen Venezuela und China viele Handelsverträge geschlossen wurden (China ist Venezuelas zweitwichtigster Handelspartner), aber soweit ich weiß, handelt es sich beim Chavista um das einzige Verhütungsmittel, das die Chinesen speziell für uns produziert haben. Auf der Packung findet man neben den Worten „Bolivarian Government of Venezuela" auch einen Hinweis, dass man den Gummi nur ein einziges Mal benutzen kann—sehr hilfreich!

Auch hier war es mir nicht möglich, ein Exemplar in irgendeiner Apotheke oder Drogerie zu finden, und ich musste mir das abfotografierte Chavista von einem Kumpel besorgen.

Die Pille

Die Pille ist in Venezuela zwar unglaublich begehrt, aber trotzdem kann man sie in keiner Apotheke kaufen. Hier werden einem nur die oben genannten Dealer weiterhelfen. Und ja, das ist wirklich genauso dubios, wie es sich liest.

Laut Daniela Parra, einer 29 Jahre alten Apothekerin, ist der landesweite Mangel an Medikamenten um 70 Prozent gestiegen—und das gilt auch für die Pille. „Unsere Kundinnen wären auch bereit, richtig viel Geld zu zahlen, aber leider haben wir wirklich nichts da. Ich gebe ihnen dann oft den Rat, es auf dem Schwarzmarkt zu versuchen, wo die Pille zwar oftmals sogar noch sicherer ist, aber eben auch zehn- bis zwölfmal mehr kostet als bei uns. Ich weise sie außerdem an, immer auf das aufgedruckte Verfallsdatum zu achten", erzählt sie mir.

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„Wenn ich die Pille in keiner Apotheke finden kann, dann warte ich immer darauf, dass mein Kontakt bei MercadoLibre Nachschub bekommt. Dann kaufe ich bei ihm ein", meint die 24-jährige María Betsabé. „Ich weiß, dass das nicht gerade ideal ist, aber was soll ich denn sonst machen? Außerdem zahle ich lieber den zehnfachen Preis, als gar keine Pille zu haben."

Slipeinlagen

Mir ist schon bewusst, dass Slipeinlagen kein Verhütungsmittel sind, aber in Venezuela handelt es sich dabei dennoch um eine heiß begehrte Ware. Und natürlich ist das Ganze—genauso wie Tampons—nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Aufgrund der Knappheit ist die venezolanische Regierung irgendwann sogar auf die brillante Idee gekommen, Workshops zu veranstalten, bei denen den Venezolanerinnen beigebracht werden soll, wie man eigene Slipeinlagen herstellt. Ihr habt richtig gelesen: Anstatt die Importbedingungen zu lockern, damit mehr grundlegende Waren ins Land kommen können, will unsere Regierung lieber, dass die Frauen hier ihre eigenen Slipeinlagen basteln.

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„Jeden Dienstag stelle ich mich an, um regulierte Produkte einzukaufen. Dabei warte ich lieber sechs Stunden, als die Preise des Schwarzmarkts zu zahlen", erzählt mir Gladys Parra, eine 56 Jahre alte Hausfrau. „In Venezuela ist ja auch so schon alles richtig teuer. Da spare ich mir lieber Geld als Zeit."