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Ein Betreuer erzählt vom Alltag in einem Schweizer Asylheim

„Hört der Flüchtling nicht auf oder wird er handgreiflich gegenüber einem Angestellten, wird die Polizei verständigt und er muss die Nacht im Container verbringen."
4.3.16

Foto von Pixabay

Nur Menschen, die es mit der Einsiedelei sehr Ernst nehmen, kamen in den vergangenen Monaten um das Thema Flüchtlinge herum. Im vergangenen Sommer dominierten die „Scheinflüchtlinge" aus Eritrea und das angebliche „Asylchaos" die Schlagzeilen, im Herbst mauserte sich unser Nachbar Deutschland zum Vorbild in Sachen Willkommenskultur und nach Silvester sinnierte gefühlt halb Europa darüber, wie viel Vergewaltiger in jedem Flüchtling steckt. Es scheint, als ob zum Flüchtlingsthema bereits alles gesagt und geschrieben wurde.

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Vielfach waren es dabei die grossen Fragen, die aufgeworfen wurden: Ist es eine Gefahr für Europa, wenn auch in diesem Jahr wieder eine Million Flüchtlinge einwandern? Bringen Flüchtlinge den Terrorismus vermehrt nach Europa?

Seltener hören wir Geschichten von Menschen, die persönlich in ihrem Alltag mit Flüchtlingen zu tun haben. Sei das, weil sie ihnen Deutsch beibringen, in Flüchtlingscamps für sie kochen oder sie bei sich wohnen lassen. Noch seltener lesen wir Geschichten von Menschen, die auf der anderen Seite, jener der Behörden, direkt mit Flüchtlingen zu tun haben. Von den Menschen, die die Antworten auf die grossen Fragen im Kleinen umsetzen. Ich habe mich deshalb mit einem Zivildienst-Mitarbeiter eines Asylheims getroffen und ihn von seinem Alltag erzählen lassen.

Ich arbeite seit fünf Wochen im Rahmen meines Zivildienstes im Asylheim. Zur Zeit beherbergen wir etwa 90 Flüchtlinge. Die meisten davon sind junge Männer, die alleine in die Schweiz gekommen sind. Man kann sich unser Heim eigentlich wie eine Jugendherberge vorstellen. Es gibt etwa 30 Zimmer und ein paar Wohnungen für Familien. In den Zimmern stehen Stockbetten, es gibt Gemeinschaftsbäder und einen Speisesaal.

Zu Anfang holen wir die Flüchtlinge beim Migrationsamt ab und bringen sie hierher. Meistens haben sie nicht mehr als einen Rucksack oder einen Koffer und ihr Smartphone dabei. Danach werden ihnen ihre Zimmer zugeteilt. Bei der Zimmerzuteilung achten wir vor allem darauf, dass Flüchtlinge mit der gleichen Nationalität zusammen wohnen. Dadurch können sie sich untereinander verständigen.

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Die meisten Flüchtlinge gelangen über das Mittelmeer und Italien in die Schweiz. Foto von Irish Defence Forces | Flickr | CC BY 2.0

Danach können Sie eigentlich tun und lassen, was sie wollen. An sich können die Flüchtlinge kommen und gehen, wie sie möchten. Da unser Heim aber weit ausserhalb der Stadt liegt, sind ihre Ausflugsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Von unserer Seite her offerieren wir ihnen die Möglichkeit, jeweils dienstags und freitags für ein paar Stunden in die Stadt zu fahren. Wir stellen Ihnen einen Fahrdienst hin und zurück. Dabei legen wir aber grossen Wert auf Pünktlichkeit. Wenn sich jemand verspätet, fährt der Bus ohne ihn ab, egal wo er sich gerade befindet. Sie müssen schliesslich lernen, pünktlich zu sein.

Solange sich die Flüchtlinge an die Hausregeln halten, gibt es eigentlich auch keine Spannungen zwischen ihnen und den Helfern. Es kommt manchmal vor, dass Flüchtlinge aggressiv auffallen, dann werden sie von einem Helfer zurechtgewiesen. Hört der Flüchtling nicht auf oder wird er handgreiflich gegenüber einem Angestellten, wird die Polizei verständigt und er muss die Nacht im Metall-Container in der Stadt verbringen. Verursacht er schwere Körperverletzungen, kommt er sofort ins Gefängnis.

Einmal gab es einen extremen Fall, bei dem ein Flüchtling schon bei seiner Ankunft aggressiv eingestellt war. Er pöbelte herum und rempelte ständig Mitarbeiter an. Irgendwann kam es zu einer kleinen Prügelei zwischen einem Mitarbeiter und dem Flüchtling, die damit endete, dass der Flüchtling sich den Finger an die Kehle setzte und die Bewegung einer Köpfung in Richtung des Mitarbeiters machte.

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Später fand man heraus, dass dieser Flüchtling einen anderen Flüchtling in der Stadt niedergestochen hatte. Danach kam er für zwei Jahre ins Gefängnis. Mittlerweile ist er wieder bei uns, aber er ist seitdem nie mehr gewalttätig geworden oder sonst irgendwie aufgefallen. Wir vermuten zwar, dass er manchmal dealt, aber das ist sehr schwer nachzuweisen.

Es gibt einige im Heim, bei denen wir Drogen vermuten. Man merkt es manchen einfach an, wenn sie am Vorabend etwas konsumiert haben. Aber mehr als sie zu durchsuchen können wir auch nicht tun. Falls Angestellte einen Flüchtling beim Dealen sehen, wird das intern durchgegeben, damit alle ein Auge auf ihn werfen können. Allerdings möchten wir eine gewisse Vertrauensbasis zu ihnen aufbauen, deswegen können wir nicht wegen jedem kleinen Verstoss zur Polizei rennen.

Da wir die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft nicht durchsuchen, wissen wir auch nicht, was sie bei sich führen. Wenn Verdacht besteht und wir bei einer Durchsuchung verbotene Gegenstände wie zum Beispiel Messer finden, werden diese konfisziert. Es ist auch schon vorgekommen, dass die Polizei vorbeikam und Flüchtlinge mitnahm. Einmal gab es sogar eine Razzia. Aber bei derartigen Polizeieinsätzen bestand bisher immer ein dringlicher Verdacht. Einfach so ist die Polizei noch nie vorbeigekommen.

Ansonsten herrscht innerhalb unserer Heimes ein ziemlich guter Umgang. Mir ist zwar aufgefallen, dass Flüchtlinge deutlich respektvoller mit Helfern umgehen, als mit anderen Flüchtlingen, aber ich spüre da keinen Machtkampf. Die Flüchtlinge wissen natürlich, dass wir für sie verantwortlich sind, aber ich fühle mich ihnen nicht übergeordnet und mir wird auch umgekehrt mit Respekt begegnet.

Sascha auf Twitter: @saschulius

VICE Schweiz auf Twitter: @ViceSwitzerland