Fragen, die das neue Strache-Video aufwirft

Strache hat sich am Donnerstagabend mit einer „Videobotschaft zum Einwanderungschaos" wieder an das Volk gewandt.
30.10.15

Nachdem sich Heinz-Christian Strache erst vor ein paar Wochen in einem Video als Bundespräsident inszenierte und sich knapp sieben Minuten über die Zustände in Österreich echauffierte, hat er sich am Donnerstagabend mit einer nicht ganz so staatsmännischen „Videobotschaft zum Einwanderungschaos" wieder an das Volk gewandt. Ich habe mir das Video angeschaut, nochmal angeschaut und auch ein drittes Mal angeschaut. Trotzdem blieben einige Fragen ungeklärt.

Hat Strache ein Facebook-feature von dem wir nichts wissen?

Dass Strache als einer der wenigen österreichischen Politiker mit Social-Media-Kanälen auch tatsächlich umgehen kann, wissen wir. Was ich nicht wusste, ist, dass er anscheinend ein Feature hat, von dem sonst niemand weiß. Strache hat nicht nur Facebook-Freunde, sondern sogar Facebook-Unterstützer. Ich will das jetzt auch.

Will Strache mit dem Video nur ablenken?

Strache wurde verklagt und verurteilt, weil er unrechtmäßig eine Karikatur von Bernd Weidenauer modifiziert und auf seiner Facebook-Seite verwendet hat. Das Urteil hat er zwar in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag veröffentlicht, es ging aber weit weniger viral als seine Videobotschaft. Vielleicht hat sich Strache also auch nur an das Volk gewandt, um davon abzulenken, dass nicht nur die von ihm genannten rotschwarzgrünen Politiker ein bisschen Dreck am Stecken haben und um dafür zu sorgen, dass er nicht nur mit einem für ihn eher unrühmlichen Urteil im Netz vertreten ist.

Wo sitzt Strache da überhaupt?

Im Gegensatz zu seinem letzten Video ist Strache dieses Mal etwas volksnäher und weniger staatsmännisch unterwegs. Anstatt in einem mit Rosen geschmückten Marmorsaal, sitzt er auf einer schwarzen Ledercouch in einem—passend zum Thema—etwas chaotisch anmutenden Büro. Ich bin mir nicht sicher, ob das nun bei ihm zu Hause oder in der Parteizentrale ist. Brennend würde mich aber noch interessieren, wer der Herr mit den beiden Damen auf dem Foto im Hintergrund ist. Ist das Haider oder Strache selbst? Und was sammelt Strache da eigentlich alles auf seinem Kasten?

Hat die Oktoberrevolution bereits stattgefunden?

Stellenweise war ich mir beim Betrachten des Videos nicht ganz sicher, ob Strache und seine Gefolgschaft nicht schon die Macht an sich gerissen haben und das Ganze nur eine versteckte Rede an die Nation ist. Hat es einen heimlichen Putsch gegeben und ist das ständige Betonen vom demokratischen Zur-Wehr-Setzen nur ein gefinkeltes Ablenkungsmanöver? Irgendwie wirken auch die beiden schlampig ins Eck gestellten Österreichfahnen so, als würde man nur mehr auf die Lieferung der neuen Nationalflagge warten.

Hat Strache den größten Schlepperring überhaupt aufgedeckt?

Viel wurde in den letzten Monaten über das Schlepperwesen diskutiert und geschrieben. Aber vermutlich hätten sich selbst die kühnsten unter euch nicht vorstellen können, dass die größte Schlepperorganisation vom österreichischen Parlament aus operiert. Dank Strache wissen wir das jetzt auch. Wieder etwas, das uns die Lügenpresse verschwiegen hat, die stattdessen nur von Fällen berichtet, wo Verfahren gegen Fluchthelfer wegen dem Vorwurf der Schlepperei eingestellt werden (wie etwa im Fall von Robert Misik). Tsss! Gut, dass Strache das richtigstellt.

Was soll ein Gesichts-Screening aller Flüchtlinge besser machen?

Gesichts-Screenings können Sinn haben. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Stadionverbote durchzusetzen, Straftäter auszuforschen oder vermisste Personen zu finden. Sprich immer dann, wenn bestimmte Personen in einer größeren Menschenmasse erkannt werden sollen. Warum aber nun ein Gesichts-Screening bei allen Flüchtlingen durchgeführt werden soll, was genau das wem genau bringt und wen Strache dabei finden will, ist mir hingegen nicht klar. Wahrscheinlich hat das Wort im Zusammenhang mit Grenzsicherung und Überwachung einfach cool geklungen.

Was wird uns eigentlich alles verschwiegen?

Wusstet ihr, dass von den zehntausenden „illegalen Flüchtlingen", die täglich in „unser österreichisches Heimatland" strömen, 90 Prozent junge muslimische Männer sind—die meisten von ihnen potentielle Islamisten, die uns als Ungläubige verachten—und dass eigentlich nur 15 Prozent davon aus Syrien kommen, weil alle anderen gefälschte Pässe haben? Nein? Ich bisher auch nicht. Strache hingegen hat da offenbar weitaus bessere Quellen.

Laut Strache wird außerdem viel von „Gewalt, Übergriffen und Zerstörung durch Bürger und Polizisten" berichtet. Leider wird nicht ganz klar, ob nun Bürger und Polizisten von diesen Dingen berichten, oder gar schon selbst als zerstörerischer Mob durchs Lande ziehen. So genau kann man das aber auch nicht sagen, weil man sich das alles ja freilich nur „hinter vorgehaltener Hand" erzählen kann. Denn wer das öffentlich ausspricht, verliert sofort seinen Job, wird diffamiert und muss eigentlich auch schon fast um sein Leben fürchten.

Schuld an dem ganzen Chaos sind übrigens nicht nur die unfähigen Regierungspolitiker. Vielmehr ist das Ganze ein durchdachter Plan von menschenrechtsbrechenden „weltfremden Willkommenskultur-Fanatikern" und mittlerweile nicht mehr nur linkslinken, sondern sogar „totalitären Gutmenschen" um—ja, um was eigentlich zu tun? Die Regierung zu stürzen? Ein linkslinkes, totalitäres Willkommenskulturregime aufzubauen? Ich weiß es nicht. Auch da ist Strache uns vermutlich um einige Insider-Informationen voraus.

Verliert Strache jetzt seinen Arbeitsplatz?

Nachdem Strache das jetzt alles öffentlich ausgesprochen hat, müsste er seiner eigenen Logik zufolge jetzt eigentlich bald arbeitslos sein. Da er aber auch hier vermutlich eher nicht rechthaben dürfte, werden wir ihm wahrscheinlich doch noch ein bisschen länger zuhören müssen.

Paul auf Twitter: @gewitterland