Warum im reichsten Land der Welt die ärmsten Menschen für den Fußball sterben

Während Fußball-Fans nach Brasilien schauen, sterben in Katar Tausende Bauarbeiter bei den Vorbereitungen der FIFA WM 2022. Marcus Strohmeier war vor Ort und hat sich in die Quartiere und Baustellen eingeschleust.

|
08 Juli 2014, 2:15pm

Baustelle im Schatten der Luxusbauten. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des ÖGB

Jetzt, wo die gesamte Aufmerksamkeit der Fußball-Welt gerade auf den Spielen, Verletzungen und Schiedrichtern liegt und die Medien ihren Monat der Narrenfreiheit genießen, in dem man ungestraft seine derbsten Schlagzeilen und ältesten Vorurteile auspacken darf, sind die Voraussetzungen eigentlich denkbar schlecht, um sich mit den Skandalen rund um die WM 2022 in Katar zu beschäftigen.

Es ist zirka so, wie wenn man Pizza bestellt hat, es an der Tür klingelt und die Person, die davorsteht, fragt: „Haben Sie vielleicht fünf Minuten, um über Gott zu reden?“ Nur mit dem Unterschied, dass sich die Probleme in Katar um real existierende Menschen drehen.

Seit das Emirat den Zuschlag für die Austragung der FIFA-WM 2022 erhalten hat, wird nach erprobtem Großveranstaltungsmuster die gesamte WM-Infrastruktur unter Hochdruck aus dem Boden gestampft. Dafür sorgen Hunderttausende Bauarbeiter aus Nepal, Indien und Pakistan, die im reichsten Land der Welt unter sklavenähnlichen Bedingungen leben. Aber nicht nur das—sollte es wie bisher weitergehen, werden bis zur Eröffnung des Fußball-Events, das sich als Völkerfest versteht, über 4.000 Menschen gestorben sein.

Wie viel Aufklärungsarbeit noch nötig ist, bewies im vergangenen Jahr auch Franz Beckenbauer, der nach seinem Besuch in Katar mit dem von Marie Antoinette inspirierten Spruch „Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen“ für Aufregung sorgte (auch deshalb, weil er im Gegensatz zu Marie Antoinette mit ihrem „Sollen sie doch Kuchen essen!“ den Satz wirklich gesagt hat).

Seither haben sich zwar einige Stimmen empört zu Wort gemeldet und gegen die verharmlosende Positiv-PR des Kaisers protestiert. Gelegentlich rückt die Problematik auch für kurze Zeit in den Fokus der Internet-Öffentlichkeit, wie vergangenen Oktober in diesem Reddit-Thread.

Trotzdem ist es von Seiten der FIFA anhaltend still und Katar immer noch der offizielle Austragungsort der WM 2022. Wie so oft überdauern die Parteien mit den besseren Strukturen und der breiteren Öffentlichkeit die ephemerischen Shitstorms ziemlich unbeschadet.

Um herauszufinden, wie die Lage vor Ort tatsächlich aussieht, wenn man nicht gerade eine der weltweit prominentesten Fußball-Figuren ist, die mit Pressebegleitung eine dramaturgisch perfekt durchgetaktete Katar-Führung erhalten, habe ich mich mit  Marcus Strohmeier, Leiter des internationalen Referats beim Österreichischen Gewerkschaftsbund, unterhalten. Er setzt sich im Namen des ÖGB für eine Neuauslosung des WM-Austragungsortes ein und war kürzlich selbst vor Ort, um sich die Lager der Bauarbeiter aus der Nähe anzusehen.

„Wir haben uns als Touristen getarnt ins Land begeben und uns dort mit den Arbeitern getroffen“, erzählt Strohmeier. „Die Nepalesen haben uns einen Besuch auf der Baustelle und in den Arbeiterquartieren organisiert—alles illegal, natürlich. Die Bedingungen vor Ort waren der absolute Wahnsinn.“

Die Arbeiter werden täglich um 5:00 Uhr morgens abgeholt und zur Baustelle gefahren—ihre Schicht dauert von 6:00 bis 18:00 Uhr, mit einer Stunde Pause. Im Sommer betragen die Außentemperaturen hier regelmäßig 50 Grad, denen die Arbeiter ohne Schutz ausgeliefert sind, während sie mit minimaler Sicherung über Holzplanken balancieren. Eine ausreichende Wasserversorgung gibt es auf den Baustellen nicht. Auch in den Quartieren sind die Arbeiter sich selbst überlassen—die Baufirmen stellen den Arbeitern keine Kantine zur Verfügung, Nahrungsmittel und Wasser müssen selbst eingekauft und zubereitet werden. „Nachdem einige den ganzen Tag kaum etwas getrunken haben, trinken sie abends 2 bis 3 Liter Wasser auf ex. Das hält der Körper nicht aus, viele sterben einfach an einem Herzinfarkt“, berichtet Marcus Strohmeier.

Allein 400.000 Nepalesen arbeiten auf derartigen Baustellen. Seit Beginn der Arbeiten vor drei Jahren sind rund 1.200 Nepalesen gestorben. Das macht im Durchschnitt zirka einen Todesfall pro Tag. Bezüglich der indischen und pakistanischen Todesfälle gibt es keine offiziellen Zahlen, da beide Botschaften strikt jede Auskunft verweigern—„um die Qataris nicht zu verärgern“, wie Strohmeier meint.

Das offizielle Katar reagiert auf solche Vorwürfe mit Wut und Unverständnis. „Wir sind ein kleines Land und wir schaffen Arbeitsplätze“, beteuert die katarische Menschenrechtsbehörde. Unfälle, selbst die mit Todesfolge, werden mit dem Baualltag erklärt. In Brasilien kamen zum Vergleich während der Bauarbeiten für die aktuelle WM 2014 weniger als 10 Menschen ums Leben.

Für Besucher mit Kamera wird PR-wirksam das Sicherheitsschild rausgehängt.

Für den Vorsitzenden des Menschenrechtsausschusses in Katar, Herr Dr. Ali, sind auch die Unterschiede in Kultur und Entwicklungsstand: „Sie müssen wissen, wir haben uns von einem Beduinenstamm in die heutige Gesellschaft entwickelt. Dadurch haben wir eine eigene Auslegung von Menschenrechten. Es braucht Zeit, um uns anpassen.“ Eine universelle Auffassung der Menschenrechte lässt Dr. Ali als Argument nicht gelten.

Dass die Arbeiter ungenügend mit Wasser versorgt werden, obwohl Katar das reichste Land der Welt ist, und Sicherheit am Arbeitsplatz nur für Besucher mit gezückten Fotokameras in der Form von Schildern wortwörtlich hochgehalten wird, habe demnach mit fehlendem Unrechtsbewusstsein und noch ausstehendem Umdenken zu tun.

Währenddessen wurden in einigen Arbeiterbaracken inzwischen selbstorganisierte Küchen eingerichtet, um sich gegenseitig ein bisschen zu entlasten. Ohne Arbeitsteilung und abwechselndes Kochen wäre das Leben für viele noch schwerer zu ertragen. Die Quartiere selbst sind zirka 10 Quadratmeter groß; darin stehen sechs Stockbetten auf 8 Quadratmetern. 20 bis 30 Arbeiter teilen sich ein Klo und eine Duschkabine, die sie, genau wie alles andere, selbst reinigen müssen.

„Da Nepal das ärmste Land der Welt ist—die Arbeiter verdienen dort 60 bis 70 Euro im Monat—kommen die Arbeiter natürlich nicht freiwillig“, sagt Strohmeier. „Sie werden mit 300 Euro angelockt und wenn sie in Katar ankommen, erfahren sie, dass sie doch nur noch 180 Euro verdienen werden. Aber was sollen sie machen? Wenn der nepalesische Arbeiter in Katar ankommt, gehört er bereits einem Qatari. Und der Arbeiter darf erst wieder ausreisen, wenn der Qatari gegenzeichnet.“

Strohmeier spricht damit das in Katar nach wie vor herrschende Kafala-System für Einwanderer und ausländische Gastarbeiter an—ein auf der arabischen Halbinsel verbreitetes Bürgschaftssystem aus der Beduinenzeit, das ursprünglich sicherstellen sollte, dass jeder Besucher einem Beduinen zugeteilt wurde, der dann auch für seinen Gast haftete und dessen Verpflegung, Unterkunft und Kosten trug.

Heute regelt das Kafala-System auch das Arbeits- und Aufenthaltsrecht aller Personen nicht katarischen Ursprungs und ist als solches zum Druckmittel der Qatari gegen die große Mehrheit an Zuwanderern geworden. Zwar wird im Fall von Arbeitsunfällen immer wieder eine „Kafala Amnestie“ für verletzte Arbeiter gefordert, aber insgesamt gibt es nicht mehr als Versprechungen, das System vorsichtig zu reformieren. Eine Abschaffung kommt für Katar nicht in Frage.

Auf Seite 2 geht's weiter mit dem Aufstand der Arbeiter, der Kühlung von Katar und wie das Emirat es schafft, einen Fußball-Hype vorzutäuschen.

Baustelle im Schatten der Luxusbauten. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des ÖGB

Das bekam auch schon der marokkanische Nationalfußballer Abdeslam Ouaddou zu spüren, als er sich weigerte, den Vertrag mit Katars Erstligisten zu brechen, um dem lokal zweitplatzierten Club zum Erfolg zu verhelfen und vom Sohn des Emirs an der Ausreise gehindert wurde. Der Fall wurde zum Rechtsstreit, den Abdes Ouaddou am Ende gewann (nicht ganz unironischerweise mit Unterstützung der FIFA).

Die Vehemenz, mit der Katar auch im Fall prominenter Betroffener das Kafala-System als Machtinstrument in Migrationsfragen durchsetzt lässt erahnen, wie es in weniger berühmten und medienwirksamen Fällen zugehen muss.

„Ich habe vor Ort Fälle miterlebt, in denen sich ein nepalesischer Arbeiter weigert, für 180 Euro zu arbeiten. Sie haben ihn einfach aus der Baustelle rausgeworfen—jetzt sitzt er im Land fest und kann nicht ausreisen, weil der katarische Besitzer die Papiere nicht für ihn unterschreibt. Den interessiert das überhaupt nicht.“ Am Flughafen werden die Arbeiter abgewiesen—hinzu kommt, dass sie mit Hilfe eines modernen Kamerasystems überall im Land geortet werden können.

„Die biometrischen Kameras sind an Restaurants, Hotels und jeder Straßenkreuzung installiert. Die Polizei kann die nepalesischen Arbeiter ganz bequem im ganzen Land orten. Eigentlich ist das ein totaler Überwachungsstaat.“

Dieselbe Hochtechnologie spielt, in der Form von Handys, allerdings auch den Arbeitern in die Hände. „Langsam bekommen die Qataris Angst, weil es 400.000 Nepalesen im Land gibt, die alle Handys haben und sich gegen die Qataris zusammenschließen könnten. Deshalb fangen sie an, sich Leute aus Ghana und Kenia zu holen, um einen Aufstand zu vermeiden.“ Inzwischen planen die Nepalesen, einen gemeinsamen Fonds einrichten, in den jeder einzahlt und aus dem im Notfall Rückflüge bezahlt werden können. „So wie das die Arbeiter bei uns vor Hundert Jahren getan haben“, sagt Strohmeier.

Ghana hat mittlerweile eine offizielle Warnung gegen die Arbeitsabwanderung nach Katar ausgesprochen. Eine vergleichbare Verlautbarung gibt es in Nepal nicht—zum Teil wohl auch aus praktischen Gründen. Jährlich kommen auf dem örtlichen Arbeitsmarkt 550.000 junge Arbeitssuchende neu hinzu. „Die nepalesische Regierung kann sich nicht leisten, auf die Gehälter aus Katar zu verzichten“, sagt Strohmeier.

Die Beträge, die die Gastarbeiter nach Hause schicken, machen insgesamt rund ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts von Nepal aus. Pro Tag verlassen zirka 1500 Nepalesen das Land in Richtung Saudi Arabien, Europa, Russland und eben auch Katar. Insgesamt arbeiten aktuell zwischen 500.000 und 1 Million Nepalesen im Ausland, wobei die Dunkelziffer unbekannt und die Zahl der nepalesischen Immigranten in Indien hier nicht eingerechnet ist.

Von den gut 2,1 Millionen Einwohnern Katars sind nur etwa 300.000 autochtane Qataris; der Rest untersteht dem Kafala-System. Es ist also nicht ganz falsch, wenn der katarische Menschenrechtsausschuss das Problem in den strukturellen Gegebenheiten sieht—unklar ist man sich eher darüber, ob der kulturelle Umgang damit als Ausrede für den Status quo oder als Ansporn für dessen Änderung gelten sollte.

„Ich möchte die Qataris ja nicht in Schutz nehmen“, sagt Strohmeier, „aber der Emir weiß höchstwahrscheinlich nicht mal, was hier alles passiert, nur weil er vielleicht dubiose Baufirmen beauftragt hat.“ Undurchsichtige Strukturen, unklare Zuständigkeiten und die Aufgliederung in diverse Subfirmen machen es fast unmöglich, Verantwortliche ausfindig zu machen. „Es gibt hier im Bauwesen definitiv Substrukturen, die sehr abstrus sind. Aber die FIFA müsste Druck machen.“

In der Zwischenzeit findet ein völlig anderer Diskurs über das Bauwesen rund um Katar 2022 statt: Dabei geht es jedoch nicht um die Situation der Arbeiter, sondern um die noch ungeklärte Frage, ob die WM im Sommer ausgetragen wird—immerhin stellen bis zu 50 Grad die Veranstalter auch vor eine logistische Herausforderung.

Katar sieht das Wetter aber nicht als Problem, weil für die Spieler und Stadionbesucher extra eine „Kühlkette“ eingerichtet: Vom Flughafen über die Busse und Hotels bis hin zu den offenen, nichtüberdachten Stadien selbst soll das gesamte WM-Erlebnis auf 35 Grad abgekühlt werden—immer noch stattlich, wenn man den begleitenden Alkoholkonsum bedenkt, aber zumindest nicht mehr ganz so gefährlich.

Für die Dauer der WM wird Katar aller Voraussicht nach in ein arabisches Disney-Land voller künstlich hochgezogener (und heruntergekühlter) Attraktionen verwandelt. Wer schon in Bezug auf Sotschi an ein potemkinsches Dorf aus Pappkulissen und PR-Fassaden dachte, wird an der Synthetizität von Katar seine Freude haben.

Der Rest wird für diese Freude schuften müssen und in kleinteiliger Arbeit dafür sorgen, dass wir unser Selbstverständnis einer um die Welt ziehenden, exotistischen Event-Kultur, die auf der Suche nach immer neuen Plätzen und spannenden Orten komplett künstliche Stilblüten treibt und gleichzeitig die sozialen Probleme vor Ort weiter verfestigt, aufrechterhalten können.

„LTI“ steht für „Life Threatening Injuries“—die sich selbst, wenn die Zahlen korrekt sind, bereits auf das Vierfache der WM in Brasilien belaufen.

Dass die Strukturen, die im Zuge eines solchen Monsterprojekts geschaffen werden, keine nachhaltigen Verbesserungen bringen, ist ebenso offensichtlich, wie es den Betreibern egal zu sein scheint.

„Als ich in Katar war, fand gerade eine Fußballmatch statt. Die Menschen standen Schlange an den Kassen. Wir waren echt überrascht, weil da Tausende anstanden. Wir dachten, wir hätten den katarischen Fußball unterschätzt. Und dann sind wir weiter zu den Kassen gegangen und haben gesehen, dass die Leute sich nicht anstellen, um für Tickets zu bezahlen—stattdessen bekamen sie Geld von den Kassierern. Die Schlangen waren voll mit Bauarbeitern, die von ihrer Arbeit freigestellt wurden und zehn Euro dafür ausgezahlt bekamen, um sich das Spiel anzusehen. Sie wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, haben die jeweiligen Fanartikel bekommen und dann gab es Vorschreier, die die jeweilige Mannschaft angefeuert haben.“ Einheimische fand er im Publikum—ebenso wie unter den Spielern—keine. „Qataris interessieren sich für Autorennen und Pferdepolo, nicht für Fußball“, sagt Strohmeier.

Markus auf Twitter: @wurstzombie

Mehr VICE
VICE-Kanäle