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Leichenbräute und Zwangsabtreibungen: Wie Chinas Ein-Kind-Politik immer noch Leben zerstört

Chinas Ein-Kind-Politik hat eine lange Schreckensliste erschaffen, auf der neben Kinderhandel auch Kindermord, Genderzid, das Zurücklassen von Säuglingen und Zwangsabtreibungen stehen.

von Camille Standen
03 April 2013, 3:13pm


Nie Lina wurde verhaftet, weil sie schwanger war, (Bild: All Girls Allowed)

In China stehen Frauen am Rande der Gesellschaft und das ist noch freundlich ausgedrückt. Sicherlich hast du schon von der Ein-Kind-Politik gehört, die jahrelang Familien dazu brachte, aktiv das schönere Geschlecht zu vernachlässigen—eine jahrtausendealte Bevorzugung von Jungen in der chinesischen Gesellschaft führt dazu, dass Paare eher zu einem Jungen als  zu einem Mädchen neigen, wenn sie sich aufgrund der hohen finanziellen Strafen für mehrere Kinder nur eines leisten können. Vorhersagen deuten darauf hin, dass es in China bis zum Jahr 2020 zwischen 30 und 40 Millionen weniger Frauen als Männer geben wird, was für viele Bewohner der Volksrepublik wohl eine Menge Einsamkeit bedeutet.

Durch dieses katastrophale Verhältnis von Mann zu Frau sehen sich viele Chinesen gezwungen, zu drastischen Maßnahmen zu greifen. Es wird ein Anstieg im Handel mit Kindern und Kinderbräuten, sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland, verzeichnet. Andere Eltern sind so entschlossen, ihre Söhne zu verheiraten, dass sie angefangen haben, „Geisterhochzeiten“ zu arrangieren, bei denen Frauenleichen ausgegraben und neben verstorbenen Junggesellen wieder verbuddelt werden, damit diese zumindest im Jenseits eine Braut haben. Das sind, denke ich, Konsequenzen, mit denen man normalerweise nicht rechnet, wenn man Sozialpolitik betreibt.

Vor ein paar Wochen wurde bekannt gegeben, dass die für die Ein-Kind-Politik verantwortliche Organisation—die Familienplanungsbehörde—mit dem Gesundheitsministerium zusammengefasst werden soll. Dies könnte positive Veränderungen im System herbeiführen, sobald die korrupten Familienplanungsbeamten nicht mehr die Bestrafungen verwalten, die Familien bis zu einem Sechsfachen ihres jährlichen Einkommen gekostet haben, weil sie mehrere Nachkommen hervorgebracht hatten. Trotzdem gibt es auch weiterhin mögliche Probleme, am offensichtlichsten die Tatsache, dass Beamte in den Krankenhäusern stationiert sein werden, was Frauen ohne Geburtserlaubnis (yep, Geburtserlaubnis) davon abhalten könnte, Pflege und angemessene Behandlungen zu suchen.


Ma Jihong wie sie ihre Familie im Krankenhaus vorgefunden hat. (Foto: Mas Familie)

Diese invasive Methode der Populationskontrolle—die Antwort auf das Erbe Mao Zedongs—hat eine lange Schreckensliste erschaffen, auf der neben Kinderhandel auch noch Kindermord, Genderzid, das Zurücklassen von Säuglingen und Zwangsabtreibungen stehen, alles von Familien durchgeführt, die verzweifelt versuchten, die Kinderquote zu erfüllen. 2009 kam heraus, dass chinesische Frauen für 56 Prozent aller weiblichen Selbstmorde der Welt verantwortlich sind. Auch wenn es nie einfach oder auch ratsam ist, die Ursache eines Selbstmordes festzustellen, drängt sich einem doch das Gefühl auf, dass eine Regierung, die Frauen im Zugang zur Mutterschaft beschränkt, und eine Gesellschaft, die sie wie Bürger zweiter Klasse behandelt, vielleicht etwas mit der Dimension dieser Zahl zu tun haben könnte.

Im Juni 2012 war eine chinesische Frau namens Feng Jianmei im siebten Monat schwanger. Feng und ihr Ehemann—beide Bauern—konnten es sich nicht leisten, die umgerechnet knapp 5.200 Euro Strafe für ein zweites Kind zu zahlen. Sie wurde deshalb von Regierungsbeamten in einen Van getragen und in ein Krankenhaus gebracht. Ihre Augen waren verbunden, während sie gezwungen wurde, Dokumente zu unterzeichnen. Fünf Männer standen im Raum, als ihr ein chemischer Wirkstoff zur Abtreibung injiziert wurde. Fengs Geschichte ist nicht ungewöhnlich. Das einzig Außergewöhnliche war, dass internationale Medien darüber berichteten, weil ein Foto von ihr und ihrem tot geborenen Kind durchs Internet kursierte (Achtung!). Während die Welt mit einem Aufschrei reagierte, wurden Feng und ihr Mann, Deng Jiyuan, in China verachtet. In ihrem Heimatort wurden Straßenproteste von der Regierung veranstaltet und Banner von einer Brücke gehängt, auf denen stand: „Schlagt die Verräter, treibt sie aus der Stadt.“

Deng Jiyuan war gezwungen, sich zu verstecken, nachdem er von gemieteten Schlägern und Beamten bedroht wurde, weil er die Geschichte seiner Familie weitererzählen wollte. Feng durfte das Krankenhaus in der gesamten Zeit, die sie dort war, nicht verlassen. Als ihr Fall vor Gericht kam, bekam die Familie schließlich umgerechnet 8700 Euro Entschädigung.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich im letzten Monat, als ein 13 Monate alter Junge, der ohne Geburtserlaubnis auf die Welt gekommen war, von einem Regierungsbeamten mit  einem Minibus überfahren wurde. Elf Beamte waren mit der Absicht, die Eltern davon zu überzeugen, die Gebühr für das dritte Kind zu zahlen, im Minibus aufgetaucht, aber anscheinend entstand ein Handgemenge, in dem das Kind erst fallen gelassen wurde, bevor es dann getötet wurde. Während die Regierung schnell bei der Hand war, dies als einen Unfall zu titulieren, strömten in Wenzhou Demonstranten vor der Bezirksregierung zu Protesten zusammen.


Familienplanungsbeamte nehmen Zhong Xuexiang am 21. Januar fest (Bild: Zong Xuexiang)

Kat Lewis, die für die Zwangsabtreibungshilfegruppe All Girls Allowed arbeitet, erklärte mir die Situation detaillierter. „Wenn es um die Aufdeckung von Ungerechtigkeiten geht, gibt es in China eine Menge Schande. Die Mehrheit der Frauen in China wird mehr als eine Abtreibung haben. Verhütung ist nicht gerade sehr verbreitet in ländlichen Gebieten, denn die Regierung erhält mehr Geld, wenn Familien schwanger werden und Strafen für extra Kinder zahlen müssen. Oder aber die Regierung führt eine Abtreibung durch und berechnet den Frauen dann manchmal noch eine Gebühr dafür und für die Entsorgung der fetalen Überreste.“

Kat erzählte mir weiter, was mit Fengs Familie außerhalb vom Rampenlicht der Medien passiert war. „Die Regierung erklärte ihrem Mann, dass er gefeuert würde, wenn er mit den Medien sprach. Sie erklärten der Familie außerdem, dass die Hälfte der 8700 Euro Kompensation vom Ehemann durch Arbeit für die Regierung verdient werden müsse.“

Ein anderer Teil der Politik, über den wenig berichtet wurde, ist Kat zufolge die regelmäßige, vaginale Untersuchung von Frauen auf dem Land. „Es ist invasiv und unfreiwillig, wenn sie an der Kontrolle nicht teilnehmen wollen, werden sie diszipliniert“, erzählte sie mir. „Wenn festgestellt wird, dass sie schwanger sind, werden sie mit Bußgeldern und Jobverlust bedroht. Eine Frau, Mei Shunping, bezeugte (unter dem Pseudonym Liu Ping), dass sie zu fünf Abtreibungen gezwungen wurde, drei fanden nach Kontrollen und zwei, weil sie von Kollegen gemeldet wurde, die mit Kollektivstrafen bedroht wurden, falls eine Frau schwanger ist.“


Cao Ruyi im Krankenhaus, in dem sie gegen ihren Willen festgehalten wurde. (Bild: NTDTV)

Obwohl Mei bei der Kongressanhörung 2011 erzählte, dass „der Tag meiner fünften und letzten Abtreibung ... der traurigste meines Leben“ war, gaben einige Bezirksregierungen letztes Jahr bekannt, diese Schwangerschaftskontrollen noch auszuweiten. Auch in Apple-Fabriken in China sollen solche Tests durchgeführt worden sein. Und auch wenn Medienenthüllungen vielleicht nicht so wirken, als würden sie gerade viel helfen, ist es doch schwierig, einen anderen Weg zu sehen, um die Situation für chinesische Frauen zu verbessern. Feng Jianmei bekam nur deshalb eine Rückmeldung von der Regierung, weil ihre Geschichte in der Öffentlichkeit publik wurde, und soziale Netzwerke waren ein starker Antrieb für Gerechtigkeit, denn für die chinesische Bevölkerung ist es schwieriger, die Version des Staates zu akzeptieren, wenn sie gegensätzliche Informationen aus erster Hand bekommen.

In einem anderen Fall—dem von Cao Ruyi—verbreitete der Ehemann sofort die Pläne der Beamten, eine Zwangsabtreibung durchzuführen, und entzündete einen Aufschrei, der es schaffte, das Leben des Kindes zu retten. Aber wenn manche Quellen staatlich erzwungene Abtreibungen auf 10 Millionen pro Jahr schätzen, wird klar, dass die eine oder andere Twitter-Kampagne auf lange Sicht nicht genug sein wird.