Stuff

Ein Interview mit einer Hexe

"Um mir zu schwören, dass ich meine Identität niemals wieder verleugnen werde, habe ich mich selbst geheiratet. Von diesem Tag an wurde ich in meinem Dasein als Hexe absolut akzeptiert."

von Sascha Britsko
23 Juli 2016, 4:00am

Alle Fotos von der Autorin

Alle Fotos von der Autorin

Ich halte mich für einen skeptischen Menschen. Ich hinterfrage vieles, glaube nicht auf Anhieb, was mir gesagt wird und möchte für jede rätselhafte Erscheinung eine rationale Erklärung finden. Es fällt mir schwer, an überirdische Mächte zu glauben, und seit ich alle Staffeln Mentalist gesehen habe, tue ich mich mit der Wahrsagerei besonders schwer. "

Da ich mich aber nicht nur als skeptischen, sondern auch als offenen Menschen verstehe, der gerne bereit ist, sich eines Besseren belehren zu lassen, traf ich mich mit Calluna. Calluna ist eine Hexe, die in der Nähe von Biel in der Schweiz lebt. In einem Interview erklärt sie mir, wie das Leben als Hexe so ist und wieso sie sich zuerst selbst heiraten musste, bevor sie als Hexe in ihrem Dorf anerkannt wurde.

VICE: Wie definiert sich eine Hexe in der heutigen Zeit?
Calluna: Ich behaupte, dass jede Frau in der heutigen Zeit eine Hexe ist. Denn eine Hexe besteht immer aus der sogenannten Dreifaltigkeit. Die erste Facette ist die Jungfrau, sie wird durch die Farbe Weiß symbolisiert. Diese Facette spiegelt die Unschuld und Reinheit wider. Mit der ersten Blutung zeigt sich die zweite Facette, die passend mit der Farbe Rot symbolisiert wird: die Mutter. In dieser Facette geht es um das Nähren.

Die Hexe kann Kinder bekommen, diese nähren und lehren. Das zeichnet ihr Basis-Chakra aus. Die dritte Facette heißt "die alte Weise" und wird in der Farbe Schwarz dargestellt. In dieser Phase wird die Frau ruhiger und hat die Zeit, ihre Weisheiten weiterzugeben. Eine Hexe setzt ihre hellsichtigen, hellfühlenden, hellhörenden und sprechenden Begabungen zum Wohle aller ein. Genauso mächtig sind jedoch auch die schattenhaften Seiten. Es gilt, diese vor dem Einsetzen dieser Entwicklung zu transformieren und lichtvoller zu machen. Doch auch die Schattenseite, welche vom Teufel—respektive von der männlichen Energie—beherrscht wird, gehört zu unserem Dasein, um die Mitmenschen zu spiegeln. Wir sind alle stets Opfer, Täter und Helfer, um miteinander stetig vollkommener zu werden.

Wann hast du gemerkt, dass du eine Hexe bist?
Ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Damals wohnte ich in Biel am See. Und jedes Mal, wenn ein Gewitter aufzog, rannte ich zu diesem wunderschönen, großen Leuchtturm nicht weit von unserem Haus und tanzte um ihn herum. Ich hatte keine Angst, ins Wasser zu fallen, denn ich war genauso stark wie der Wind. Der Wind und ich waren eins. Dort spürte ich zum ersten Mal meine Kraft und den Bezug zu den vier Elementen. Mir war damals natürlich noch nicht klar, dass das etwas mit Magie oder dem Hexendasein zu tun hatte.

Danach zeigten sich meine Kräfte immer stärker. Ich konnte sehen, was in den Herzen meiner Eltern vorging und artikulierte mit fünf Jahren schon fast wie eine Erwachsene. Das war für mich normal, aber meine Eltern machten sich Sorgen. So etwas passte einfach nicht in jene Zeit, also unterdrückte ich es. Ich konnte mich auch mit Tieren unterhalten und sah Geisteswesen, was im Erwachsenenalter noch viel ausgeprägter wurde und ich erst dann wirklich verstand.

Wie ging es weiter?
Mit 18 Jahren fing ich an, Karten zu lesen und meine Kräfte kamen wieder zum Vorschein. Damals musste ich noch in eine Buchhandlung gehen, um ein Kartenset zu kaufen. Die Verkäuferin machte große Augen, als ich sie nach der Blauen Eule von Mademoiselle Lenormand fragte und reichte mir die Karten, welche sie erst bestellen musste, unter dem Tisch durch—so verpönt war Wahrsagerei damals noch.

Ich hatte wirklich keine Ahnung, was ich da tat, legte aber einer Freundin die Karten. Ich sagte ihr, dass in den nächsten drei Monaten ein Familiengeheimnis per Post aufgedeckt werden wird. Wir haben nur darüber gelacht und sahen es als Spielerei an. Drei Monate lang passierte nichts und irgendwie war ich auch erleichtert. Einige Tage später rief mich die Freundin aber an und sagte, die Post, von der ich erzählt hatte, sei gekommen. Alles, was ich gesagt hatte, hat sich bewahrheitet. Ich fühlte mich für dieses große Unglück schuldig und verbrannte das Kartendeck im Wald.

Ich konnte es natürlich nicht lassen und habe mir ein paar Monate später wieder ein Deck zugelegt. Ich habe mir bestimmte Regeln aufgestellt, nach denen ich noch immer Karten lege. Zum Beispiel, dass ich nie in die Karten einer Drittperson schaue, wenn diese nicht weiß, dass ich es tue. Das wäre eine persönliche Grenzüberschreitung.

Ich sehe auch Dinge wie Todesfälle immer ganz klar in den Karten. Aber diese erwähne ich nicht, auch bei Geburten sehe ich es nicht als meine Aufgabe, diese vorauszusagen. Geburt und Tod sind uns vorbestimmt. Für mich ist das die höchste, göttliche Form von materialisierter Energie und es ist nicht an mir, diese Dinge den Menschen zu erzählen.

Welche Aufgaben hat eine Hexe?
Im Allgemeinen sehe ich es als meine Aufgabe, den Menschen zu helfen. Ich habe gemerkt, dass ich im Rahmen einer Seelenlesung unterstützend wirken kann. Viele können fast nicht mehr wahrnehmen, wie ihre Seele leben möchte, was sie ihnen erzählen möchte. Die Verbindung zum höheren Selbst ging durch zu viel Verstandesarbeit verloren. Viele leben heute nur noch im Kopf und nicht mehr mit der Seele.

Ein Leben im Einklang mit der Natur, mit dem Jahreskreis, kann harmonisierend und heilend wirken. Ich zelebriere auch das keltische Handfasting, ein Hochzeitsritual auf freikirchlicher Ebene. Eine für das Ehepaar und für mich sehr tiefgehende und besinnliche Art, sich das Ja-Wort zu geben.

Was passiert bei diesen Ritualen?
Die Jahreskreisfeste sind stets dem entsprechenden Element gewidmet. Wir säen im Frühling, wenn die Luft herrscht. Dies ist der Start eines neuen Jahreskreises. Für diese Anlässe setze ich immer die entsprechenden Farben ein, die die Räucherungen unterstützen. Die passenden, nie verneinenden Worte. Momentan befinden wir uns im Element Feuer, welches dem Wachstum und der Aktivität entspricht. Also sicherlich ein wildes Ritual, nicht wie im Winter, wenn wir eben im Element Erde sind und ruhen.

Jede Zeremonie hat eine klare Logik entsprechend dem Leben, welches erst gesät wird, dann wächst, geerntet wird und schlussendlich wieder ruht. Ich habe zum Beispiel schon mit einem Klienten einen Stein begraben. Wir haben die Sorgen des Klienten dem Stein übergeben und den Stein beerdigt.

Den Stein haben wir so lange in der Erde gelassen, bis der Klient seine Probleme bewältigt hat. Danach gruben wir den Stein wieder aus und reinigten den Platz, an dem er begraben war von der schlechten Energie, die der Stein abgab. Dieses Ritual entspricht dem Rhythmus von Leben und Tod. Altes ablegen und Neues ernten. Der immer wiederkehrende Kreislauf. Dies ist ein altes Ritual, welches auch Indianer noch heute so zelebrieren.

Bist du eine "böse" oder eine "gute" Hexe? Wodurch zeichnet sich das aus?
Ich bin beides. Aber "böse" und "gut" sind wertende Bezeichnungen und ich werte sehr ungern. Deshalb ändere ich diese Begriffe in "schattenhaft" und "lichtvoll". Die meiste Zeit über bin ich lichtvoll, denn ich versuche, den Menschen zu helfen. Aber du kannst natürlich auch jemandem helfen, wenn du denjenigen vor den Kopf stöß t. Manchmal braucht man einfach eine Lektion.

Vor dieser Seite von mir habe ich großen Respekt. Sie ist sehr mächtig und wirkt viel schneller als die Lichtseite. Die aggressive Seite in uns, das Wütende und Erzürnte, wird von uns stets unterdrückt. Wenn wir jedoch im Gleichgewicht sein wollen, müssen wir auch die schlechten Gefühle rauslassen. Jedes Gefühl, jeder Gedanke von uns ist machtvoll und magisch. Zuerst ist stets der Gedanke, dieser wird zum Wort und das Wort zur Handlung. Dies gilt für jeden.

Was waren bisher deine größten Errungenschaften?
Ich habe keine Nation gerettet und Krebs kann ich auch nicht heilen. Aber ich habe persönliche Erfahrungen gemacht, die mich geprägt haben. Maßgebend war für mich der Moment, in dem ich mich entschlossen habe, dazu zu stehen, was ich bin: eine Hexe. Um mir zu schwören, dass ich meine Identität niemals wieder verleugnen werde, habe ich mich selbst geheiratet. Ich habe ein großes Ritual zelebriert und Freunde dazu eingeladen. Ich habe mir einen Ring gekauft und "Ich liebe mich" auf die Innenseite des Rings eingravieren lassen.

Von diesem Tag an lief mein Leben viel offener, authentischer und leichter. Ich wurde in meinem Dasein als Hexe absolut akzeptiert. Ich konnte mich zeigen und in der Energie leben, die ich bin. Das war eine einschneidende Erfahrung. Eine Woche später konnte ich meine jahrelange Flugangst überwinden und stieg in ein Flugzeug nach Berlin. Vorträge folgten und die Menschen wollten mehr und mehr über die Wahrheit der Hexe erfahren.

Hast du irgendwelche Ziele? Was möchtest du als Hexe noch erreichen?
Für die Zukunft der Gesellschaft liegt mir die Rehabilitation sehr am Herzen. Man sollte sagen dürfen, dass man eine Hexe ist, ohne gleich mit dunklen Mächten in Verbindung gebracht zu werden. Man sollte mehr darüber aufklären. Dies unterstützt alle Menschen darin, zu ihren spirituellen Begabungen zu stehen und diese auch zu leben.

Persönlich denke ich, ich habe durch meine Hexenschule-Homepage meinen Teil zur Rehabilitierung der Hexen beigetragen. Natürlich bin ich immer noch für Hilfesuchende da und habe eine neue Webseite mit Angeboten für sie erstellt. Nur habe ich einen neuen Begriff dafür: "Sound of Soul". Die Stimme deiner Seele eben. Denn darum geht es mir, ich bin gerne für die Menschen da, um ihnen zu helfen, ihre Seelenstimme mithilfe von Karten zu übersetzen, Baumlesungen, Ritualen, mit dem Jahreskreis oder eben dem Handfasting. Ich wünsche mir, dass diese neue Seite, die ich auch für meine Klienten in Irland auf Englisch übersetzt habe, ebenso großen Zuspruch erhalten wird wie jene der Hexenschule.

Sascha auf Twitter