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The Road to Nowhere Issue

Der neue Wilde Westen

Eine schwerbewaffnete Miliz besorgter US-Bürger hat sich bei einem Streit um Schürfrechte mit Goldgräbern gegen die US-Regierung zusammengetan. Die Sache könnte in einem Blutbad enden.

von James Pogue
30 Oktober 2015, 5:00am

Freiwillige kehren von einer Patrouille um die Sugar-Pine-Mine in der Nähe von Grants Pass, Oregon, zurück. Fotos von Shawn Records

Aus der The Road to Nowhere Issue 2015

An einem Freitagmorgen im April diesen Jahres versammelte sich eine Gruppe besorgter Bürger zu einer Pressekonferenz auf den Stufen des Gerichtsgebäudes von Josephine County in Grants Pass, Oregon. Grants Pass hat 35.000 Einwohner, liegt in einer ländlichen und für seine Gewalt berüchtigten Gegend Oregons und bekam dieses Jahr viel Aufmerksamkeit, als eine Gruppe namens Josephine County Oath Keepers unter der Führung von Joseph Rice in den bewaldeten Hügeln vor der Stadt eine „Sicherheitsoperation" durchführte.

Der genaue Hintergrund des Konflikts blieb selbst den meisten Unterstützern ein Rätsel, doch im Kern ging es darum, dass das Bureau of Land Management (BLM) behauptete, die zwei Besitzer der kleinen Goldmine Sugar Pine würden ihre Mine ohne bundesbehördliche Aufsicht betreiben, während die Männer behaupteten, sie seien gesetzlich davon ausgenommen. Rice und die Oath Keepers hatten Freiwillige aus den gesamten USA mobilisiert, um ein Eingreifen des BLM abzuwehren. Zu der Sicherheitsoperation gehörten ein Verteidigungsring um die Mine selbst, wo Dutzende schwerbewaffneter Männer und Frauen kampierten, und ein zwei Hektar großes logistisches Lager an der Autobahn, wo Vorräte abgeladen, Pläne geschmiedet und Freiwillige aufgenommen wurden.

Die Büros des örtlichen BLM und des Forest Service waren aus Sorge um die „Sicherheit der Angestellten" geschlossen worden. Einer der Bergleute hatte die Freiwilligen zu Zurückhaltung aufgefordert: „Bitte hört auf, das BLM anzurufen, und die Mitarbeiter zu bedrohen."

Etwa ein Dutzend Einheimische hatten sich vor dem Gerichtsgebäude eingestellt. Sie richteten ihre Worte hauptsächlich an Rice, einen stillen Mann mittlerer Statur mit ergrauendem Bart, dicken Armen und einer Oath-Keepers-Mütze. Ihre Botschaft an ihn war simpel: Sie wollten, dass er und seine Oath Keepers sich zurückzogen. Ein ehemaliger College-Dekan bat ihn, „dem Rechtsprozess, einem rationalen Diskurs und altmodischen Verhandlungen das Feld zu überlassen, zugunsten einer gewaltfreien Lösung, und zu unser aller Wohl". Manche meldeten sich mit mehr Nachdruck zu Wort. Ein ziemlich aufgebrachter Sportartikelverkäufer namens Dave Strahan aus Grants Pass stand auf und nannte die Oath Keepers „verrückte, sich aufspielende, bewaffnete Verbrecher".

Dann bat ein junger Aktivist namens Alex Budd um Pressefragen. Es gab kaum erwähnenswerte von den anwesenden Journalisten, doch Rice meldete sich von hinten. Selbst ohne seine deutlich sichtbare Handfeuerwaffe hätte er eine imposante Figur abgegeben. „Ich hab eine Frage", sagte er. „Hat jemand von euch schon mal mit den Bergleuten gesprochen?"

Er bezog sich auf Rick Barclay und George Backes, in deren Namen sich Rice und die Oath Keepers zusammengefunden hatten. Strahan, selbst auch keine unscheinbare Person, wandte sich Rice zu und bellte: „Ich bin nicht hier, um deine Fragen zu beantworten, Joseph!"

Rice wiederholte sich und trat ein paar Schritte auf die Sprecher zu. „Wenn ich das recht verstehe", sagte er, „habt ihr also nicht mit den Bergarbeitern gesprochen." Es sah aus, als würde vor den Kameras ein Kampf ausbrechen. Doch plötzlich wandten sich die Sprecher ab und flohen vor Rice in das Gerichtsgebäude.

Das Scheitern der politischen Kommunikation hätte nicht vollständiger sein können. Die Oath Keepers hatten ihre Operation gestartet, weil sie befürchteten, die Regierung könne Leute schicken, um die Ausrüstung der Bergleute und die Hütte, in der sie unterkamen, zu verbrennen, noch bevor sie Widerspruch einlegen konnten. Eine Sorge, die die an der Pressekonferenz beteiligten Anwohner und das BLM als unbegründet oder auch lächerlich empfanden. Der Nichteinhaltungsbescheid, der die ganze Sache ausgelöst hatte, sollte in 24 Stunden zugestellt werden, und niemand wusste, wie es ausgehen sollte.

Die Aussicht auf die Siskiyou Mountains vom Stadtzen­trum von Grants Pass

Konflikte wie der in Grants Pass kommen im Westen der USA immer häufiger vor. Alte Streitigkeiten über die Nutzung öffentlichen Landes in der Region suchen sich ein Ventil in der Patriot-Bewegung, einem losen Zusammenschluss von zum Teil bewaffneten Gruppen, die sich als Verteidiger der Verfassung bezeichnen.

Ihre Zahl hat seit der Wahl Barack Obamas massiv zugenommen, von etwa 150 Organisationen auf mehr als 1.000 im Jahr 2014. Sie haben eine neue Ära des bewaffneten zivilen Ungehorsams eingeläutet.

Letzten Oktober, Monate vor den Ereignissen in Oregon, veröffentlichte die High Country News (HCN), eine Zeitung aus Colorado, unter dem beschwörenden Titel „Defuse the West" eine Reihe von Berichten über die Konflikte um öffentliches Land. Die meisten US-Bürger kannten das Thema durch den Konflikt auf der Ranch von Cliven Bundy im vorangegangenen April.

Dort hatten sich Hunderte bewaffnete Freiwillige, viele von ihnen Oath Keepers, zu einem „Farmkrieg" mit dem BLM versammelt, und einen solchen auch fast bekommen: Vor unzähligen Reportern zielten die Bewaffneten direkt auf Angestellte des BLM und örtliche Polizeibeamte, bis die Behörde sich schließlich zurückzog. Keiner der Beteiligten wurde danach ernst­haft bestraft—schwer zu glauben, wenn man bedenkt, was einer schwarzen Person widerfahren würde, die in einer US-Großstadt ihre Ansichten über die Regierung mit einer auf Polizeibeamte gerichteten Waffe ausdrücken würde. Im folgenden Monat zogen bewaffnete Demonstranten, angeführt von Cliven Bundys Familie und einem sympathisierenden Landrat, auf ein vom BLM gesperrtes Stück Land am Recapture Canyon in der Nähe von Blanding im ländlichen Südosten Utahs.

Der Landrat, Phil Lyman, ist alles andere als ein Extremist und war an dem „Defuse the West"-Projekt der High Country News beteiligt. Berichten zufolge soll er gesagt haben: „Wenn sich nichts ändert, fallen bald Schüsse."

Die Dokumente, die die HCN vom Forest Service und BLM erhalten hat, enthalten 50 Vorfälle von 2010 bis 2014, die als „ernste Konfrontationen mit regierungsfeindlicher Stimmung" bezeichnet werden. Diese Dokumente sind sicher nicht vollständig, und einige der Vorfälle scheinen relativ harmlose Ausdrücke von Regierungsfeindlichkeit zu sein, wie der Mann in Colorado, der in einem gesperrten Gebiet beim Quad-Fahren erwischt wurde und einem Beamten unter Beschimpfungen gegen den Kopf schlug und versuchte, ihm in den Schritt zu fassen.

In anderen Fällen handelt es sich dagegen um politisch motivierte Mordversuche: 2013 wurde ein Mann in Arizona wegen versuchten Mordes in zwei Fällen angeklagt, der in der Nähe seines Hauses in Happy Camp Canyon auf zwei BLM-Beamte geschossen hatte. Nur ein paar Monate später wurden sieben Gewehrschüsse auf einen uniformierten Forstbeamten abgefeuert, als dieser in einem Truck durch den Tahoe National Forest in der Sierra Nevada fuhr. In Mount Hood, näher an Grants Pass, warf jemand eine Reihe Brandbomben auf Mitarbeiter in einem BLM-Camp. Diese Fälle vereint ein Muster: „Sie haben kein Recht, Straßen zu sperren", verkündete ein Besucher der Forststation im Payette National Forest in Idaho. „Das gibt Krieg, und wir werden schießen, wenn es so weitergeht."

Die US-Regierung verwaltet etwa 20 Prozent der US-amerikanischen Landschaft, hauptsächlich durch das BLM, den Forest Service und den Fish and Wildlife Service. Dieses Land liegt vor allem im Westen, sodass der Forest Service und das BLM gemeinsam 81 Prozent des Landes in Nevada, 67 Prozent von Utah, 62 Prozent von Idaho, 53 Prozent von Oregon und sogar 48 Prozent von Kalifornien verwalten—das ist mehr als ein Viertel aller westlichen Bundesstaaten. Ursprünglich war nicht vorgesehen, dass all dieses Land für immer öffentlich bleiben sollte: Das BLM ist nur eine von mehreren US-Behörden, die sich im Verlauf der Geschichte des Staates um unbeanspruchtes Land kümmern sollten, und in der Regel war es der Zweck der staatlichen Landverwaltung, die Verteilung der Grundstücke an Privatbesitzer und Firmen zu organisieren.

Nachdem Theodore Roosevelt 1905 den Forest Service gründete, wurde das Land, das unter staatlicher Kontrolle blieb, hauptsächlich deshalb ins System aufgenommen, weil niemand Anspruch darauf erhob, beziehungsweise aufgrund eines Zufalls der Geschichte: Der einzige Grund, warum etwa das BLM Land in Josephine County verwaltet, ist eine große Verschwörung, die 1904 aufflog. Der Bundesstaat hatte der Oregon and California Railroad gratis Land zugeteilt und weitere Flächen zum Zwecke der Ausbeutung von Holzressourcen auf betrügerische Weise aufgeteilt. Um der Verschwörung und dem Skandal endgültig ein Ende zu setzen und das öffentliche Vertrauen wiederherzustellen konfiszierte die Bundesregierung das Land.

Es hat immer wieder Versuche gegeben, die westlichen Ländereien den einzelnen Staaten zurückzugeben. Diese liefen ins Leere, weil man befürchtete, die Staaten seien der finanziellen Belastung nicht gewachsen. Stattdessen gründete der US-Kongress 1946 das BLM, um sie zu verwalten, woraus ein seltsames Vermächtnis entstand.


Joseph Rice hält eine Rede vor der Sugar-Pine-Mine.

Das BLM und der Forest Service erfüllen zwei scheinbar widersprüchliche Rollen: Sie sind keine Erhaltungsbehörden wie der Parks Service, und zu ihren Aufgaben gehören Viehwirtschaft, Bergarbeit und Holzgewinnung sowie die Sicherung der Umwelt und archäologischer Stätten. Gleichzeitig sind sie aber auch Gesetzeshüter.

1976 hob der Kongress den Homestead Act auf und ersetzte ihn mit dem Federal Land Policy and Management Act, der die Rolle des Forest Service und des BLM festlegte: die Sicherstellung des Zugangs zu öffentlichen Ländereien „zu diversen Zwecken". Das Gesetz machte deutlich, dass die Bundesregierung vorhatte, das Land im Westen für immer zu behalten.

Dies führte zu der sogenannten Sagebrush Rebellion, ursprünglich eine Reihe legislativer Bemühungen in westlichen Staaten, Land von der US-Regierung zurückzufordern und viele unbesiedelte Gebiete als unerschlossene Wildnis einzustufen. Die Bewegung brachte eine Kluft zum Ausdruck, die bis heute nicht wirklich geschlossen wurde: Viehwirtschaft, Bergarbeit und Holzgewinnung sichern im Westen noch immer vielen Menschen ihr Auskommen, und die Zehntausenden Regeln des Forest Service oder des BLM empfinden sie als Symbol einer überregulierten Gesellschaft, geleitet von einer Bundesregierung, die sich mehr für Kontrolle als für den Dialog mit ihren Bürgern interessiert.

All das hat zum Ergebnis, dass viele westliche US-Amerikaner die zwei Behörden ablehnen. Sie sind nicht einem Bürgermeister und einer Legislative unterstellt, sondern zwei Bundesbehörden (der Forest Service gehört zum Landwirtschaftsministerium, das BLM zum Innenministerium), die ihren Sitz in Washington haben und von nicht gewählten Beamten geleitet werden, die außerhalb jeglicher legislativen Prozesse rechtsgültige Regeln aufstellen, die für alle gelten. Außerdem haben diese Menschen ihre Ämter während der Präsidentschaft von Barack Obama erhalten—ein Präsident, den nur wenige der US-Bürger des ländlichen Westens gewählt haben und dem auch nur wenige vertrauen.

Zusätzlich haben diese Behörden die Regeln oft auf uneinheitliche und schwer nachvollziehbare Weise durchgesetzt. Es gibt glaubhafte Berichte aus der letzten Zeit, laut denen Bergarbeiterhütten in und um Grants Pass niedergebrannt wurden, ohne dass die Eigentümer innerhalb einer vernünftigen Frist vorgewarnt wurden. Viele Bergarbeiter halten das Abbrennen von Hütten für eine Taktik, die sie aus den Wäldern vertreiben soll. Fast jeder in der örtlichen Bergarbeitergemeinschaft kennt jemanden, dessen Eigentum seit den 1970ern niedergebrannt wurde.

Ein Artikel im San Francisco Chronicle von 1990 untersucht die Ausräucherung von Bergarbeitern im Klamath National Forest, unweit von Grants Pass. „Wir fingen an, mit Erlaubnis der Eigentümer die offensichtlich verlassenen Hütten abzubrennen, die ein Brandrisiko darstellten", wird darin ein Beamter des Forest Service zitiert. „Dann schienen die Leute vom Forest Service sich hochzuschaukeln. Wer kann mehr Hütten abbrennen? Es wurde zu einem Wettkampf", fuhr der Beamte fort. „Dann fingen wir an, es zu planen. Wir setzten Leute vor die Tür, damit wir die Hütten abbrennen konnten. Ich habe selbst mitgemacht. Es hat sich schrecklich angefühlt."

Die Sagebrush Rebellion wurde nie wirklich beendet, und heute hat sie eine sehr ähnliche Bewegung inspiriert, die sich von der Wut in den örtlichen Gemeinschaften nährt und die sogar eingesetzt wird, um die Legitimität und Handlungsfähigkeit des BLM und des Forest Service im Kongress zu untergraben. Mindestens zwei Gesetze wurden dieses Jahr dem Repräsentantenhaus vorgelegt, die forderten, öffentliches Land an die Staaten zu übertragen, in denen die an der Gesetzgebung beteiligten Politiker mit Viehwirtschaft, Bergarbeit und Öl- und Gasförderung sehr vertraut sind. Anwälte haben auf der Staatenebene den Groll auf die Politiker genutzt, um Gesetze des American Legislative Exchange Council durchzusetzen, einer Organisation, die eine Art Massenproduktionsfabrik für konservative Gesetze darstellt (Jedes Jahr werden etwa 200 Gesetze, die vom Council vorgeschlagen wurden, tatsächlich Realität). Unterstützt wird sie dabei von Firmen wie Exxon und Koch Industries, die Behörden in Sachen Bürokratie in nichts nachstehen, im Gegensatz zu diesen aber nicht rechenschaftspflichtig sind, und die ein großes Interesse daran haben, Umweltschutzgesetze auf Bundesebene aufzuweichen.

Diese Wut hat Gruppen wie den Oath Keepers Vorschub geleistet. Die Oath Keepers wurden 2009 von dem in Yale ausgebildeten Juristen Stewart Rhodes gegründet und behaupten, heute 30.000 Mitglieder zu haben (was vermutlich eine Übertreibung ist), hauptsächlich ehemalige Gesetzeshüter und Soldaten. Die behördenfeindlichen Absichten der Oath Keepers reichen von den düstersten und geistesgestörten Abgründen gewisser US-Ideologien bis hin zu Punkten, denen alle um Bürgerrechte und den wachsenden Einfluss großer Firmen besorgten Menschen vermutlich zustimmen würden. Liberale Überwachungsorganisationen nennen sie rechte Extremisten; sie selbst sehen sich als Verteidiger der Verfassung.

Der Streit in Grants Pass hatte mit bestimmten Regulierungen zu tun, aber auch mit einem über lange Zeit gewachsenen Misstrauen zwischen den Menschen, die auf dem öffentlichem Land leben und arbeiten, und den Leuten, die es verwalten. Im März erhielten zwei Bergarbeiter in Grants Pass Bescheide vom BLM, in denen stand, sie würden gewisse Vorschriften übertreten und müssten einen Betriebsplan für ihre Mine vorlegen, der Dinge wie die Abholzung von Bäumen, Beseitigung von Minenabfällen und den Bau von Behausungen für die Arbeiter abdeckte. Die Bergarbeiter brachten dagegen zwei Argumente vor: Erstens widerspräche das BLM seinen eigenen Beamten, die angeblich gesagt hätten, die Mine sei vom Surface Minerals Act von 1955 ausgenommen. Diese Behauptung wird aktuell vor dem Berufungsgericht des Innenministeriums geprüft.

Zweitens sagten sie, das BLM und der Forest Service hätten in der Vergangenheit schon oft zuerst gehandelt und danach Fragen gestellt. „So verhalten sich die Cops immer gegenüber Bergleuten", erzählte mir Rick Barclay. „Du bist für sie ein Bürger zweiter Klasse. Die wollen nur die Leute aus dem Wald bekommen." Barclay machte Rice und die Oath Keepers auf die Sache aufmerksam. Diese sichteten die Dokumente und kamen zu dem Schluss, es handle sich um ein verfassungsrechtliches Problem: Wenn das BLM käme und die Ausrüstung der Bergarbeiter verbrannte, bevor es überhaupt zu einer Anhörung kam, würden sie damit dem vierten Verfassungszusatz zuwiderhandeln, der unrechtmäßige Durchsuchung und Beschlagnahmung verbietet. Wenn die Behörde handelte, bevor die Bergarbeiter die Chance hatten, Widerspruch einzulegen, würden sie das im fünften Verfassungszusatz verankerte Recht auf einen ordentlichen Prozess verletzen. Und dann wurden die Waffen gezogen. „Der einzige Grund, warum mein Zeug noch steht", sagte Barclay, „ist, dass da Leute stehen, die sagen: ‚Wir erschießen euch, wenn ihr uns niederbrennt. Wenn dir deine Nase lieb ist, dann steck sie nicht in mein Geschäft.'"

Bergarbeiter David Everist in der Nähe des Standorts einer niedergebrannten Hütte

Das Schild für das gemeinsame Büro des BLM und Forest Service ist das erste, das man sieht, wenn man von der Autobahn abfährt, um nach Medford zu gelangen. Medford ist ein für Oregon typisches, graugrünes Dorf am Nordende der Siskiyou Mountains und eine der wenigen nennenswerten Ortschaften, die sich in dem riesigen, noch wilden Länderdreieck zwischen Eugene in Oregon, Sacramento in Kalifornien und Reno in Nevada befinden. Das Büro war mein erster Stopp, als ich einen Tag vor der „Together for Josephine"-Pressekonferenz im Süden Oregons ankam. An jenem regnerischen und grauen Donnerstag war es geschlossen und von etwa 100 Demonstranten umgeben, von denen immerhin nur manche bewaffnet waren. Joseph Rice hielt von der Ladefläche eines weißen Pick-up-Trucks eine flammende Rede. „Ich habe einen Eid geschworen, dass ich die Verfassung gegen Feinde aus dem In- und Ausland verteidigen werde", sagte er. „Und ein Feind im Inland ist jeder, der die Rechte verletzt, die diese Verfassung garantiert."

Nach den Reden stellte ich mich Rice vor. Er war ein ehemaliger Hubschrauberpilot der U.S. Army, mit dicken Muskeln und einem kaum merklichen Humpeln, und wie so viele Mitglieder des Militärs durch und durch höflich. Ich sah zu, wie er mit einem etwas wunderlichen, graubärtigen Freiwilligen ins Gespräch kam. Der Mann trat auf ihn zu und sagte, er würde „einfach alles tun, um zu helfen—ich will mich einfach nur beteiligen".

„Kannst du kochen?", fragte Rice ihn. Der Mann sagte, er könne es versuchen. „Und wenn es eine Chance auf ein bisschen, du weißt schon, taktischeres Training gibt, dann wäre ich dazu bereit", sagte er. Rice sagte, er würde es ihn wissen lassen. Ich stellte mich den Minenbesitzern Barclay und Backes sowie einem weiteren Bergarbeiter namens David Everist vor. Letzterer erzählte mir eine verwirrende Geschichte davon, wie er gesehen hatte, wie eine Hütte in Brand gesteckt wurde, und er verhaftet wurde, weil er sich weigerte, seine Goldwäscheerlaubnis für den nahegelegenen National Forest aufzugeben. Er sprach so lange und so ausufernd wirr über Bergbaugesetze und Details darin, dass ich einen Termin erfinden musste, um wegzukommen. Das sollte ich noch mehrmals erleben.

Die Demonstration endete, als der Regen zunahm. Ich rief meinen Ansprechpartner beim örtlichen BLM an, einen Öffentlichkeitsreferenten namens Jim Whittington. Er hatte mir ein persönliches Gespräch angeboten und nun schlug ich vor, uns direkt beim Büro des BLM zu treffen. Ich war bereits auf dem Parkplatz und hatte meinem Fotografen Shawn gesagt, er solle sich auch dort einfinden. Whittington war kurz still und sagte dann, das genau dieser Treffpunkt „äh ... ungünstig" sei. Er fragte, ob ich sonst einen guten Ort in der Gegend wisse und ich schlug einen nahegelegenen Starbucks vor.

Es nieselte noch immer und war kalt, doch im Starbucks ließ man uns nicht fotografieren, also positionierten wir uns unter einem Schirm an einem der Tische vor der Tür. Whittington, den ich erkannte, weil ich sein Foto auf einigen recht furchteinflößenden Anti-Regierungs-Blogs gesehen hatte, kam mit einem weiteren Mann auf uns zu. Wir entschuldigten uns für den Regen und die Kälte, doch Whittington winkte ab: „Nein, ich wollte ohnehin vorschlagen, dass wir hier draußen reden", sagte er. „Drinnen könnten die Leute Dinge hören, die ..." Er beendete den Satz nicht. Das Ganze fühlte sich an wie ein Drogendeal.

Sein Begleiter stellte sich als Tom Gorey vor, ein höherer Beamter für Öffentlichkeitsarbeit, der in aller Eile aus Washington geschickt worden war, um bei dem Konflikt um die Mine die Zügel in die Hand zu nehmen und die Lage besser unter Kontrolle zu bringen. Das schien vernünftig: Whittington hatte sich beide Male gehetzt und erschöpft angehört, als ich mit ihm gesprochen hatte.

Ich hatte ziemlich unangenheme und persönliche Ver­unglimpfungen Whittingtons gelesen ( „ist blm-sprecher jim whittington ein pathologischer lügner? braucht er professionelle hilfe?"), und ich würde noch weitere solche Einschätzungen über ihn und Gorey hören: Mal waren sie Handlanger, mal bösartige Manipulatoren. Doch auf mich wirkten sie freundlich und vernünftig. Allerdings repräsentierten sie eine Regierung, deren Legitimität ernsthaft infrage gestellt wurde, und konnten sich nicht mit uns in ihrem offiziellen Büro treffen, das nur einen Kilometer entfernt lag. Die Situation war mehr als absurd.

Die Medienzentrale der Oath Keepers

Sie wirkten resigniert: „Wir haben nichts weiter getan, als eine Nichteinhaltung festzustellen", sagte Gorey. Backes und Barclay hätten einen Betriebsplan einreichen oder ihre Hütte und Ausrüstung entfernen müssen. „Doch wenn sie, wie sie sagen, die Oberflächenrechte haben, können sie Widerspruch einlegen." Die Bergarbeiter hatten in der Tat genau das an jenem Tag getan, was bedeutete, dass ihr Fall vor den Widerspruchsausschuss für Grundbesitz des Innenministeriums (IBLA) kommen würde. „Den beiden wurde nie ein ordentliches Verfahren verweigert", sagte er. „Ihren Bauten wird nichts passieren."

Ich fragte, wie es dann zu dem Konflikt gekommen sei. „Die Version, die sie verbreiten, ist, dass das BLM vorhatte, die Hütte abzubrennen, bevor sie sich an das IBLA hätten wenden können", sagte Gorey. Die Oath Keepers und die Bergarbeiter sagten, sie wollten die Stellung halten und ihre Art von Schutz bieten, bis ein Richter eine Aussetzung verordnet habe, die ein Eingreifen des BLM verbiete. Und sie bereiteten sich noch immer für einen Showdown am 25. April vor, dem Tag, an dem der Nichteinhaltungsbescheid erwartet wurde. Bis dahin waren es zum Zeitpunkt unseres Gesprächs immerhin noch zwei Tage.

Ich fragte Whittington nach dem Abbrennen von Bauten. „Das ist in der Vergangenheit vorgekommen", sagte er. „In den 1970ern haben all diese Leute Hütten aufgestellt und gesagt, sie gehörten zu einer Mine. Sie versuchten so mehr oder weniger, das Land zu beanspruchen, indem sie es besiedelten." Das widersprach nicht unbedingt der vorherrschenden Theorie unter den Bergarbeitern, dass die Landverwalter auf Bundesebene sie aus den Wäldern vertreiben wollten. „Es gab sehr viele klapprige alte Hütten da draußen und ja, wir haben Hütten abgebrannt. In den letzten 15 Jahren war es vielleicht noch eine."

„Ihre Geschichte ist, dass das BLM sie drangsaliert und dass die Behörden ihre Schergen schicken, um ihre Rechte mit Füßen zu treten", sagte Gorey. „Aber diese Geschichte stimmt nicht."

Er wusste, dass die Ablehnung irgendwoher kommen musste, und war lange genug bei der Behörde gewesen, um zu wissen, wie weit sie gehen konnte: „Viele denken sich: ‚Hey, ihr sperrt das Land, wir können es nicht mehr so nutzen wie früher'", sagte er. „Wildniseinstufungen und der Erfolg der Umweltschutzbewegung haben zu Einschränkungen geführt, und deswegen hegen viele einen Groll. Dazu kommen weithergeholte Interpretationen der Verfassung. Das ist es, womit wir es hier zu tun haben."

Ich fragte, ob das BLM am 25. April womöglich mit Gewalt vorgehen würde. „Wir sind die Regierung", sagte Gorey. „Wir sind gut im Briefe versenden."

Ich fragte Gorey, wie die Behörde damit umging, eine Revolution zu riskieren, wann immer sie versuchte, einen Camper zum Recyclen seiner Bierflaschen anzuhalten. „Wenn die Milizenbewegung die Bundesregierung der USA‚ abschaffen will, kann ich nur sagen, viel Glück", sagte er. „Wir haben vielleicht die Schlacht von Bundyville verloren, aber wir werden den Krieg gewinnen."


Mary Emerick in dem Büro-Wohnwagen

In Merlin, eine Highway-Ausfahrt von Grants Pass entfernt, lag das logistische Zentrum der Oath Keepers: Männer mit Waffen standen am Tor und bedeuteten uns, langsamer zu fahren. Sie umringten den Geländewagen. Wir ließen das Fenster herunter und erklärten, weswegen wir da waren. Unsere Karosserie wurde tatsächlich mit einem an einem Ast befestigten Spiegel auf Bomben untersucht. Als wir ausstiegen, befahl uns ein grimmig dreinblickender Mann mit einer Pistole im Beinholster, nicht von seiner Seite zu weichen. Unser Aufpasser, der mindestens 60, aber groß, schlank und behände war, sagte zu Shawn: „Es wird nicht fotografiert. Verstanden?" Drei bärtige Männer in voller taktischer Ausrüstung und mit Gewehren in der Hand funkelten uns an, als seien wir betrunkene Studenten, die unangemeldet bei der Pyjamaparty ihrer minderjährigen und unschuldigen Töchter aufkreuzten.

Das einiges davon nur Show für leicht zu beeindruckende Journalisten war, wurde uns bald klar. Wir passierten die grimmigen Wachen und es fing an zu regnen. Unser Begleiter wandte sich Shawn zu. „Die Sache mit den Fotos", sagte er, und zeigte ein vorsichtiges, verschmitztes Lächeln. „War es dir einschüchternd genug?" Er führte uns zu einem mitgenommenen alten Wohnwagen, der den Oath Keepers als „Medienzentrale" diente, wie ein handgemaltes Pappschild mitteilte. Wir verbrachten etwa anderthalb Stunden darin, während es draußen ununterbrochen regnete und regnete. Unser Aufpasser ließ die Tür in keinem Moment aus den Augen. „Es wird nichts passieren", sagte Mary Emerick, die resolute Sprecherin der Gruppe und Rices rechte Hand, zuversichtlich als wir eintraten. „Aber falls doch etwas passiert, ist er hier."

Die Oath Keepers sind eine landesweite Organisation mit einem Vorstand aus prominenten Verfassungsaktivisten, von denen wir einem im Lager in Merlin begegneten, und lokalen Niederlassungen wie der in Josephine County, die sehr unabhängig agieren. Seit Rhodes die Gruppe nach der Wahl Barack Obamas gründete, ist sie rasant gewachsen, und ihre Öffentlichkeitsarbeit ist effektiver als die der Milizen der 1990er, mit denen sie oft assoziiert werden.

Sie behaupten zum Beispiel, nicht gegen die Bundesregierung in Washington zu sein. Sie organisieren sich stattdessen um das Versprechen, den von Gesetzeshütern und Mitgliedern des Militärs geschworenen Eid auf die Verfassung einzuhalten. Außerdem beschwören sie die Verweigerung von zehn hypothetischen Anweisungen, die die US-Regierung aussprechen könnte. Darunter das recht milde: „Wir werden keinen Befehlen gehorchen, ohne richterlichen Beschluss Durchsuchungen durchzuführen", bis hin zu Schwüren, die an die Ängste vor Rassenkrieg und vor schwarzen Regierungshubschraubern der alten Milizen erinnern, wie: „Wir werden keinen Anweisungen nachkommen, amerikanische Städte abzusperren und sie in riesige Konzentrationslager zu verwandeln."

Rhodes überwacht die öffentliche Botschaft der Gruppe streng, und versucht, rassistische Aussagen seitens der Mitglieder zu vermeiden. Die Bewegung präsentiert sich als apolitisch, obwohl sie die große konservative Konferenz CPAC gesponsert hat und bewaffnete Mitglieder bereits zwei Mal während der Unruhen auf den Straßen von Ferguson aufgetaucht sind, was viele Beobachter der Patriot-Bewegung als Provokation einschätzten. Doch die Gruppe hat sich sehr bemüht, sich als gemeinschaftsorientiert zu präsentieren, und zu zeigen, dass sie auf Konflikte reagiert, anstatt diese herauszufordern. Präsident Obama „hätte nichts lieber als einen Rassenkrieg", sagte Rhodes neulich einem Publikum, das er zur Beteiligung an Aktionen wie dieser animieren wollte. „Stellt euch Hurricane Katrina vor", fuhr er fort, „aber im ganzen Land."

Das Sammellager in Merlin war fast unheimlich still. Es gab eine große Feuerstelle, an der sich alle versammelten, ein paar Wohnwagen, die als Büros dienten, und einen chaotischen Küchenbereich aus Planen und Pfählen, Klapptischen mit Gaskochern und zusammengewürfeltem Essen: Hotdogs und eine Packung Browniemischung, drei Dosen Bohnen, eine Flasche Vitaminwasser.

Ein gekrümmter kleiner Mann mit gebräunter Haut und fettigem Haar kam aus der Küche und brachte Mary Emerick Bratkartoffeln. Es war der Nachmittag des 24. April, einen Tag vor dem erwarteten Nichteinhaltungsbescheid, und der erste von zwei Tagen, die wir fast komplett mit den Oath Keepers verbrachten. Die meisten Freiwilligen schienen in der Nähe der Mine zu warten.

Mary Emerick hat die Verschlechterung der Sicherheitslage in Josephine County in den letzten Jahren gut beobachten können, denn sie hatte für Gil Gilbertson, den ehemaligen County Sheriff, gearbeitet, dem wir an jenem Morgen begegnet waren, und dessen Polizeirevier unter dem Mangel an Geldern fast kollabierte.

Der Forest Service oder das BLM verwalten 60 Prozent von Josephine County. Die Bundesregierung zahlt für dieses Land keine Steuern und jahrzehntelang erhielt das County—wie auch heute im Westen üblich—eine Entschädigung für die entgangenen Gelder in Form von Gebühren aus dem Holzverkauf. Dadurch konnte eine Erhöhung der Grundsteuer für die Bürger vermieden werden. Doch BLM und Forest Service haben die Holzgewinnung nach und nach gedrosselt, und 2012 stellte die Regierung ihre Zahlungen an das County ein.

Infolgedessen musste das Gefängnis des Countys fast vollständig geschlossen werden, Diebstahlmeldungen in Grants Pass nahmen in nur einem Jahr um 80 Prozent zu und Verdächtige, die mit Diebesgut verhaftet wurden, bekamen manchmal lediglich ein Bußgeld, bevor man sie gehen ließ. Anträge auf die Erlaubnis zum versteckten Führen von Waffen nahmen um 49 Prozent zu, und viele Bürger nahmen die Polizeiarbeit selbst in die Hand, was die New York Times 2013 zu der Befürchtung veranlasste „balkanisierte Lager bewaffneter Bürger könnten [in dem County] zu neuen Spannungen führen".

Manche Freiwillige gaben vor ihrer Anreise Tausende Dollar für ihre Ausstattung aus.

Bei der Betrachtung des Zusammenbruchs von Josephine County könnte einem der Gedanke kommen, dass alles ganz anders gelaufen wäre, wenn örtliche und nicht Bundesbehörden das Land verwaltet hätten. Der ehemalige Sheriff Gilbertson sprach sich (vielleicht in einem Akt der Verzweiflung) sogar gegen eine Volksabstimmung aus, die Steuern zur Finanzierung seines eigenen Polizeireviers eingeführt hätte.

„Wir sind nicht gegen die Regierung oder gegen Gesetzeshüter", erklärte Emerick. „Aber die Leute verlangten Millionen von Dollar, und es ging einfach nicht auf." Nachdem Gilbertson die Wahl verlor, stürzte Emerick sich in ihre Arbeit mit den Oath Keepers. Als Rices rechte Hand stand sie nun regelmäßig in Kontakt mit Stewart Rhodes. „Selbst vor dieser Sache telefonierte Stewart wöchentlich mit Joseph. Er versucht, diese Gruppe zum landesweiten Vorbild zu machen."

Rice schlenderte herein. „Warum redest du mit diesen Typen?", fragte er scherzhaft. Nachdem ich ihn fast schon anbettelte, willigte er ein, uns am nächsten Tag, dem Tag des Bescheids, mit zur Mine zu nehmen. Ich sagte, ich hätte eine topografische Karte dabei und eine Route dorthin geplant, da Journalisten schon lange der Zugang versperrt war. Er sah mich ein wenig besorgt an. „Glaub mir, du wärst nicht sehr weit gekommen."

Sie hatten es mit einem gewaltigen Zustrom an Freiwilligen zu tun gehabt. „Ich kann dir aus taktischen Gründen keine Zahlen nennen", sagte Emerick, als ich fragte, wie viele seit Beginn des Konflikts angekommen seien. „Aber alle müssen Formulare ausfüllen—so halten wir uns die Spinner vom Leib."

Ich fragte, was sie täten, wenn sie nicht gerade eine militärische Operation betrieben, und Emerick erzählte mir von Gemeindeversammlungen und Freiwilligenarbeit.

„Es gab ein Projekt, bei dem ein Spielplatz für behinderte Kinder gebaut wurde", sagte sie. „Zwölf von den Oath Keepers kamen, es waren 39 Grad und dann brach ein Waldbrand aus, also atmeten sie Rauch, und dann regnete es. Dieser eine Typ, ein Army Ranger, arbeitete immer weiter, ohen Pause und ohne müde zu werden. Er sagte: ‚Wenigstens kühlt es jetzt ab.' Egal welches Problem es gibt, sie sind die Leute, die helfen."

Der Eindruck, den sie schilderte, ließ sich nur schwer mit dem eher schwierigen Bild vereinbaren, das man sonst von solchen Gruppen normalerweise hat. Wir verbrachten zwei Nachmittage im Sammellager, scherzten mit den Freiwilligen, aßen am Feuer und brachten ihnen Energieriegel und Cola. Sie kamen aus dem gesamten Westen, sogar aus Alaska, und waren allesamt Menschen auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe.

„Wir sind keine zahnlosen Rednecks. Wir machen auch nicht den arischen Scheiß—das ist das genaue Gegenteil von dem, was wir wollen", sagte mir ein junger Mann namens Matt aus einer Gruppe im Willamette Valley. „Das hat überhaupt nichts mit Freiheit und Gleichheit zu tun. Wir haben Kurse abgehalten, von Kleintierschlachtung bis Nähen. Bei uns geht es darum, einander zu helfen und anderen Menschen zu helfen."

Alle wehrten sich vehement gegen die Ansicht, sie seien gegen die Regierung. Wir trafen niemanden in den Milizen, der dieser Beschreibung zustimmte. Zu keinem Zeitpunkt fiel irgendwo der Name Barack Obama.

Ein paar Männer von einer Gruppe namens Idaho III% nahmen uns beiseite und unterhielten sich mit uns. Einer von ihnen erklärte, er sei Hispanic und sagte dann: „Mann, schreib nicht, dass wir gegen den Staat oder die Bundesregierung sind—wir glauben einfach an eine Regierung, bei der die Leute was zu melden haben. Wir haben hier Demokraten. Wir hatten sogar einen Typen in der Gruppe, der eine Geschlechtsumwandlung wollte. Und es gab Leute, die das nicht gut fanden. Also haben wir ein Gemeinschaftstreffen abgehalten, darüber geredet und ein paar Leute mussten am Schluss gehen. Wir sind immerhin eigentlich Verfassungsaktivisten, das ist uns wichtig, und was steht in der Verfassung schon über Geschlechtsumwandlungen?"

Ein Hunt vor der Sugar-Pine-Mine

Am Tag der Zustellung des Bescheids fuhren wir in Joseph Rices grünem Toyota Tacoma zur Mine. „Ich glaube nicht, dass sie hierherkommen werden. Das ist nicht in ihrem Interesse", sagte er, als wir das Sammellager verließen. „Aber heute läuft die Frist ab. Das hier ist eine Sicherheitsoperation, und wir werden tun, was wir tun müssen, um die Mine zu sichern."

Rice hatte so eine intensive Ausstrahlung, dass es anstrengend war, neben ihm zu sitzen, aber es war leicht verständlich, warum Hunderte junger Soldaten ihm folgten, nachdem sie ihn gerade erst kennengelernt hatten. Er sprach mit einer Bestimmtheit, die vermuten ließ, dass er Widerworte nicht gewöhnt war, und seine Selbstsicherheit wirkte, als hätte er sie sich über lange Zeit hart erarbeitet. Manchmal hielt er eine halbe Minute lang inne, während er nach Worten suchte. Offensichtlich war er jemand, der lieber nichts sagte, als etwas, wozu er nicht vollständig stand. Er war im San Fernando Valley bei Los Angeles aufgewachsen und als Teenager nach Massachusetts gezogen. Dort trat er nach der Highschool der Nationalgarde bei und flog sowohl Helikopter als auch Flugzeuge, bevor er in Hawaii, Florida, Montana und Alabama in der Luftfahrt, Such- und Rettungsdiensten und der Feuerbekämpfung arbeitete.

Dann war er drei Mal mit privaten Militärfirmen in Afghanistan. Dort wurde er im Gefecht verletzt und kann seitdem nicht mehr als Pilot arbeiten. „Ich habe mir an zwei Stellen den Knöchel gebrochen und mein Knie ruiniert. Das ist zwei Jahre her und ich versuche bis heute immer noch, endlich wieder an den Punkt zu gelangen, wo ich wieder fliegen kann."

Ich fragte Rice, wie er zur Politik gekommen war. „Ich war sehr beunruhigt von dem, was nach dem 11. September in diesem Land geschehen ist", sagte er. „Und ich denke, wenn das, was mit unseren Bürgerrechten passiert ist, über Nacht geschehen wäre, dann wäre es zu Ausschreitungen gekommen. Ich bin viel im Ausland gewesen", fuhr er fort, „und ich erkenne immer die Amerikaner, weil sie die einzigen sind, die am Flughafen ihre Schuhe ausziehen. Und wenn die Regierung anfängt, Amerikaner auszuspionieren, Telefonate abzuhören und Datenverkehr aufzuzeichnen; wenn Amerikaner grundlos überwacht werden, und es Abhörung ohne Genehmigung, geheime FISA-Gerichte und Hinrichtungen amerikanischer Bürger in Übersee ohne Prozess gibt—dann ist das nicht das, was ich geschworen habe zu verteidigen."

Ich wies ihn darauf hin, dass all diese Entwicklungen bereits vor der Obama-Regierung begonnen hatten. „Ich bin nicht politisch—ich beurteile die Welt als moralisch richtig oder moralisch falsch", sagte er. „Und diese Situation mit dem BLM ist älter als die aktuelle Regierung. Das ist unter George Bush passiert und unter Bill Clinton—wir sprechen hier von einem langfristigen kulturellen Problem." Wir bogen in eine weitere unbefestigte Straße und hielten, um ein verschlossenes Tor zu öffnen. Er funkte unsere Position. „Jetzt solltest du dich nicht abseilen", sagte er. „Du siehst uns nicht, aber wir sehen dich."

„Achtung, Achtung, alle Positionen, die Lunte brennt", sagte eine Stimme übers Funkgerät.

„Sie sprengen Zeug", sagte Rice. Er wollte nicht sagen, was sie sprengten, doch es waren keine BLM-Laster. Ich sah in alle Richtungen nur Wald.

„Gook lässt seine Ladung in die Luft gehen!", sagte die Funkstimme. „Gook" war der Rufname des Sicherheitschefs an der Mine, ein hünenhafter, freundlicher, halb-guamesischer Ex-Marine namens Brandon Rapolla, der schon bei der Bundy-Ranch dabei gewesen war. Wir fuhren weiter, unter Erdbeerbäumen und Weihrauchzedern. An einer Wegbiegung standen drei Männer mit Sturmgewehren und taktischer Ausrüstung bei einem Bulldozer, daneben wurde ein Schützenloch ausgegraben.

„Hey, es ist der Chef!", rief jemand. Sie bewegten den Bulldozer, ließen uns passieren und stellten ihn dann wieder in seine Position.

Wir kamen zu einer riesigen Lichtung inmitten von Kiefern, wo die Hütte von George Backes und Rick Barclay stand. Der unscheinbare Mineneingang befand sich am Ende einer steilen, schmalen Schneise, die in den Hügel geschlagen worden war. Etwa ein Dutzend Männer stand herum, die meisten bewaffnet und gut ausgerüstet. Aber das waren anscheinend nicht alle: „Die meisten der Leute hier oben siehst du nicht einmal", sagte uns Rapallo.

Backes, ein Mann mit indigener Abstammung und einem langen Vorstrafenregister, kam zu uns. Rice hatte eine riesige, von Unterstützern signierte Karte für die Freiwilligen an der Mine mitgebracht. Backes sah sie an. „Ich brauche eine Weile, um das alles zu lesen. Ich werde bestimmt furchtbar emotional", sagte er. „Ich würde ja was dazuschreiben, aber das könnte niemand lesen."

Wir verbrachten vier Stunden an der Mine, die, trotz all des Aufhebens, nichts weiter als ein kleines Loch war. Es war etwa 1,20 Meter mal 1,80 Meter groß und befand sich in einer steilen Felswand, in der Grünstein, ein wunderschöner dunkler Brocken Schlangenstein und Saprolith aufeinander­trafen. Merkliche Anspannung hatte sich aufgebaut, die deutlich nachließ, als wir aus dem Truck stiegen. Man muss es Rice hoch anrechnen, dass die Teilnehmer der Operation überhaupt irgendwelche Disziplin an den Tag legten. Es war schwer vorstellbar, dass das BLM versuchen würde, auch nur eine Brieftaube zur Mine zu schicken. Die Oath Keepers, ob sie nun eine Anti-Regierungs-Miliz sind oder nicht, hatten es tatsächlich geschafft, eine Zone einzurichten, in der keine Regierung etwas zu melden hatte. Ich war in Erwartung eines Showdowns erschienen, doch wenn das hier ein Wildwest-Duell war, dann eines, bei dem nur einer der Revolvermänner angetreten war.

George Backes liest eine Grußkarte von örtlichen Unterstützern

An meinem letzten Morgen traf ich mich mit Barclay, dem anderen Minenbesitzer. Er hatte einen dicken Bart und bestand selbst mit seinen 58 nahezu vollständig aus Muskeln. Wir setzten uns an einen Ecktisch im Gemischtwarenladen in der Nähe seines Hauses in der winzigen Ortschaft Applegate. „Hast du ein Navi?", fragte er vor dem Treffen. Ich bejahte. „Gut", sagte er. „Sonst verläufst du dich wie die ganzen anderen Touristen." Er erzählte mir, wie er überall im Westen aufgewachsen war, da sein Vater umherzog und Gasstreiks folgte—von Kansas nach Texas nach Utah und zurück—und wie er als Teenager in Josephine County gelandet war und die Bergarbeit entdeckt hatte. „Das erste Mal, als ich hartes Gestein machte, lag das Gold einfach auf den Steinen", sagte er.

Wir sprachen über den Frust, den alle Bergarbeiter in der Region zu teilen schienen. Letztendlich war es Wut, die die Waffen zum Vorschein kommen ließ, und der Mangel an politischer Kommunikation zwischen den Beteiligten—den Bergleuten, den Oath Keepers, den Unterstützern, den Bundesbeamten, den Aktivisten—war unglaublich. Sie redeten auf eine Art aneinander vorbei, die bei politischen Unruhen gang und gäbe ist und die man immer und immer wieder beobachten kann, egal ob in Nordirland oder im Irak. „Diese Leute sind Verbrecher", sagte er über das BLM und den Forest Service und verwendete damit genau das Wort, mit dem man bei der Pressekonferenz die Oath Keepers beschrieben hatte. „Es ist eine kulturelle Arroganz", sagte er. „Behördliche und bürokratische Entscheidungen stellen sie über unsere demokratischen Rechte."

Ein Jurist würde die behördlichen Entscheidungen des BLM zwar möglicherweise als Ausdruck weiter gefasster demokratischer Rechte beschreiben, da Behörden eingerichtet werden, um das Gemeinwohl zu sichern. Doch vielleicht haben liberale Beobachter angesichts der politischen Einschüchterung und potenziellen Gewalt, die diese Gruppen ausstrahlen, die Wut von Menschen wie Barclay vorschnell beiseite gewischt. Aufrührerische Politik entsteht aus einer Kluft zwischen den Regierenden und den Regierten, die aus welchem Grund auch immer den Eindruck haben, politischer Einfluss sei ohne eine Waffe in der Hand unmöglich. Etwas ist in den letzten 40 Jahren im amerikanischen Westen geschehen, dass gewissen Leuten dieses Gefühl gegeben hat—vor allem Menschen wie Barclay, deren Einkommen von ihrem Grund und Boden abhängt.

Gruppen wie die Oath Keepers haben es geschafft, Menschen das Gefühl zu geben, sie könnten ein Land zurückerobern, das so voller Regeln, Bürokratie, Überwachung und Kontrolle ist, dass man nicht zu einer Miliz gehören muss, um auf die Idee zu kommen, die grundlegende Vorstellung von Bürgerrechten habe sich gewandelt—und keine der beiden großen Parteien lässt jene, die darüber besorgt sind, wirklich zu Wort kommen.

Vielleicht denkst du wie ich, dass der Frust dieser Leute von einer von Konzernen gesteuerten Ideologie instrumentalisiert wird, die das Leben der Menschen nicht minder bestimmt als die Regierung. Vielleicht denkst du wie sie, dass positive Einstellungen gegenüber Umweltschutz und Sozialhilfe wie meine der Regierung als Ausrede dienen, um den Zugang zu öffentlichem Land abzuriegeln und Bürgerrechte einzuschränken. Doch in diesem Fall konnten wir all das wie vernünftige Menschen diskutieren. Es sind sehr viele Leute an Operationen wie an der Sugar-Pine-Mine beteiligt, die wirklich gefährlich zu sein scheinen, und wenn derartige Aktionen sich weiterhin häufen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand getötet wird. (Während ich dies schreibe, organisieren die Oath Keepers eine weitere Minen-Aktion, diesmal bei einem Konflikt zwischen Minenbesitzern in Lincoln, Montana, und dem Forest Service.) Es gibt keine einfache Antwort, aber es kann nicht schaden, diesen Gruppen ein wenig zuzuhören, ohne sie gleich alle als Spinner und Faschisten abzutun.

Rick Barclay in seinem Wohnort Applegate in Oregon

„Es gibt viele Leute, die denken, dass wir so eine Art Guerillakrieg anfangen sollten", sagte Barclay. „Und das ist sehr kontraproduktiv. Sie verschrecken die Leute."

Als ich mein Interview mit Barclay beendete, kam eine gutaussehende Frau mit grauen Haaren und kunstvollem Schmuck zu uns und stellte sich vor. Offensichtlich war Barclay zum Lokalhelden geworden. „Ich wollte euch nur viel Glück wünschen", sagte sie. „Ich habe früher mit meinem Dad in den Minen gearbeitet. Erinnerst du dich an die Lost Blue Empress?" Barclay sagte, er erinnere sich an die Mine. Sie drückte ihm die Hand.

Wir gingen zu seinem Truck, um ein paar Dokumente durchzusehen, als ein Mann in einem protzigen, höhergelegten Chevy neben uns hielt. „Kriege ich ein Autogramm?", fragte er Barclay scherzhaft. „Nein, ehrlich, du machst sie alle, Rick." Wir unterhielten uns eine Weile, lehnten an Barclays Truck und spielten mit seinem braunem Mischling, der Brown hieß. „Brown war in der Daily Mail in England!" staunte Barclay. „Stell dir das mal vor!"

Ich fragte ihn, wie es sich anfühlte, diesen ganzen Wahnsinn losgetreten zu haben, und erwähnte ein Video, das ein Aktivist gedreht hatte, nachdem er an der Bundy-Ranch gewesen war. Darin sprach der Mann stolz von den „ganz harten Jungs", die sich „einen Showdown" mit dem BLM lieferten. Es war schwer, das Video als etwas anderes als einen Aufruf zur Gewalt zu sehen. „Wir können das Gold nicht der chinesischen Regierung überlassen", fuhr er fort. „Es gehört dem Volk."

„Ach, da bin ich nicht so sicher", sagte Barclay lächelnd. „Das Gold gehört nicht dem Volk. Das Gold gehört mir."