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Ein LSD-Forscher erklärt uns, wie gefährlich LSD wirklich ist

Wir haben ihn nach den Risiken und Einsatzmöglichkeiten in der Psychotherapie gefragt und ob unsere Welt eine andere wäre, wenn jeder Mensch mal LSD nehmen würde.

von Sascha Britsko
13 November 2015, 11:00am

Foto: Surian Soosay

„Lasst die Finger von den Drogen!", trichtern uns Eltern, Lehrer und auch der Staat ständig ein. Drogenpräventionstage in der Schule sollen die zarten 16-Jährigen vor ihrer zukünftigen Drogendealer-Karriere bewahren und dann gibt es ja noch medizinisches Marihuana.

Und Forscher der Universität Basel haben sich vor einigen Jahrzehnten zusammengetan und beschlossen, die Auswirkungen von LSD auf das menschliche Gehirn genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ich habe Matthias Liechti, den Forschungsleiter der Forschungsgruppe für Psychopharmakologie am Universitätsspital Basel getroffen. Mit ihm habe ich über das Potenzial von LSD als Medikament und die Gefahren des LSD-Konsums in Form von Psychosen geredet.

VICE: Guten Tag Herr Liechti. Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, mit LSD zu forschen?
Matthias Liechti: In der Schweiz gab es einen Psychiater namens Peter Gasser, der LSD zur Behandlung seiner Patienten angewendet hat. Er führte aufwendige Forschungsstudien durch, bei denen er sterbenskranken Patienten LSD verabreichte. Er unterzog sie einer Psychotherapie und konnte in seiner Forschung aufzeigen, dass die Angst der Patienten nach der Verabreichung von LSD nachhaltig zurückgegangen ist. Ich habe seine Vorträge besucht und ihn kennengelernt. Da es zu LSD keine neuen Daten gab, haben wir entschieden, dieses Projekt anzugehen.

Haben Sie selbst schon einmal LSD konsumiert?
Es ist natürlich wünschenswert, dass—wenn man so eine Substanz untersucht—auch eigene Erfahrungen damit gemacht wurden. Deswegen habe ich an einer Studie teilgenommen und in deren Rahmen LSD konsumiert.

Foto von der Autorin

War diese Erfahrung für Sie positiv oder negativ?
Im Rahmen von Studien habe ich bereits Entaktogene (MDMA) und Halluzinogene eingenommen und diese Erfahrungen waren für mich persönlich grundsätzlich positiv. Es war auch durchaus eindrücklich zu sehen, wie man durch eine Substanz plötzlich intensive Gefühle entwickeln kann, ohne äußeren Anlass. Dass man mit einer chemischen Substanz einen komplett anderen Zustand auslösen kann, war bestimmt eines meiner Schlüsselerlebnisse.

Welche Risiken hat der LSD-Konsum?
Soweit ich das beurteilen kann, wurde LSD damals aufgrund von politischen und kulturellen Kontextaspekten verboten. Die kulturellen Gegenbewegungen wie beispielsweise die Hippie-Bewegung waren damals eine Bedrohung für gewisse politische Ziele. Deswegen hatten die Regierungen, vor allem in den USA, ein großes Interesse daran, diese Bewegungen zu unterbinden.

Das reicht aber noch nicht für ein Verbot.
Natürlich musste man als Begründung für das Verbot auch gesundheitliche Gründe ins Feld führen. Aufgrund einer Arbeit des Londoner Psychiaters David Nutt wissen wir heute aber, dass die gefährlichste Droge der Alkohol ist. Das Gleiche bestätigt Ihnen auch jedes Krankenhaus.

Interessanterweise waren Halluzinogene, zu denen LSD, psychedelische Pilze sowie teilweise MDMA gehören, zuhinterst in der Risikoeinschätzung. Das sind erstaunlich sichere Substanzen. Obwohl viele Regierungsgelder in die Untersuchung der Gefahren von LSD und MDMA flossen, gelang es schlussendlich nie, die konkrete Bedrohung dieser Substanzen nachzuweisen.

Was halten Sie von psycholytischer Psychotherapie mit Hilfe von LSD?
Es gibt natürlich mehr oder weniger seriöse Umsetzer dieser Therapien. Wissenschaftlich anerkannt gibt es heute substanzassistierte Therapien mit MDMA basierend auf klinischen Studien. Es gibt eine Gesellschaft, die sich MAPS (multidisziplinäre Assoziation für psychoaktive Substanzen) nennt, die MDMA assistierte Psychotherapie auf dem Markt zulassen möchte.

Dasselbe gibt es auch für LSD. In den USA gab es eine Studie, bei der man Psilocybin—was grundsätzlich gleich wie LSD wirkt—schwerkranken Patienten mit Angstzuständen verabreichte. Dadurch konnte man ihre Angst und Depressionen reduzieren.

Interessanterweise werden diese Substanzen lediglich ein- oder zweimal während einer Psychotherapie verabreicht. Es sind also psychoaktive Substanzen, die innerhalb weniger Male Wirkung zeigen, während andere Psychopharmaka wie Antidepressiva jeden Tag eingenommen werden müssen. Wenn man also wirklich den gleichen Effekt erzielen kann, dann sind die Nebenwirkungen beim Patienten mit der LSD-Behandlung natürlich auch wesentlich kleiner. Dieser Gedanke muss weiterverfolgt werden, keine Frage.

Hat der Konsum von Halluzinogenen denn Langzeitwirkungen?
Ja, es gibt eine. Es gab eine Studie eines Psychiaters in den USA, der Patienten mit Psilocybin—einer Substanz mit einer ähnlichen Wirkung wie LSD—behandelte. Ein Jahr nach der Studie konnte er zeigen, dass seine Patienten sich offener gegenüber anderen Haltungen politischer Art gezeigt haben. Es gibt aber keinen Bezug zu psychischen Krankheiten wie Schizophrenie oder Ähnlichem.
Natürlich gibt es Fälle, die eine Drogenpsychose zur Folge hatten. Ist eine Person psychisch labil oder hat sie eine Veranlagung für psychische Krankheiten, kann das eine Psychose bei Konsum natürlich begünstigen. Ohne Veranlagungen kann der Konsum von Halluzinogenen aber keine psychische Erkrankung auslösen.

Auch nicht, wenn man mit der falschen Einstellung an die Sache rangeht?
Es ist durchaus gefährlich, wenn man mit negativen Gefühlen eine solche Erfahrung angeht oder nicht betreut wird. Es gibt aber keine gefährlichen körperlichen Nebenwirkungen. Der Blutdruck, der Pulsschlag und die Körpertemperatur steigen ein wenig an. Schäden gibt es am Körper aber keine.

Kann LSD auch wie Alkohol oder Nikotin abhängig machen?
Nein, das kann man an Tieren sehr gut untersuchen. Gibt man einer Ratte LSD, dann würde sie es nicht freiwillig nochmal nehmen. Nikotin, Kokain und so weiter hingegen schon. In dem Sinn gibt es keine körperliche Abhängigkeit. Wenn jemand jedes Wochenende zum Feiern LSD einwirft, dann gilt das offiziell als Drogenmissbrauch, nicht aber als Sucht. Es macht aber keinen Sinn, LSD regelmäßig einzunehmen, denn bei zu häufigem Konsum lässt die Wirkung nach.

LSD hat eine halluzinogene Wirkung. Handelt es sich dabei um eine Sinneserweiterung oder nur um eine Illusion?
Unter LSD hat man eigentlich Illusionen. Man weiß aber, dass diese nicht real sind, sondern dass man diese Illusionen aufgrund der Substanz sieht. Typisch für den LSD-Rausch sind auch Vermischungen der Sinnesempfindungen, sogenannte Synästhesien. Man sieht Muster, die sich zusammen mit Ton bewegen oder hat Gefühle, die sich der Musik anpassen.

Foto: Barb Henry | Flickr | CC BY 2.0

Woher kommen diese Bilder, die Einsichten und die Gedanken?
Wir gehen davon aus, dass die Substanz etwas hervorruft oder verändert, das bereits in uns vorhanden ist. Das ist entweder eine Erinnerung oder ein Sinneseindruck der Umgebung. Wir wissen auch, dass die Seh-Hirnrinde bei geschlossenen Augen bei Einnahme von LSD aktiver ist als sonst. Wahrscheinlich funktioniert das Gehirn auch sonst anders. Es ist denkbar, dass unter LSD-Einfluss Erinnerungen eher abgerufen werden können und auch anders verarbeitet werden.

Was würde passieren, wenn jeder Mensch einmal in seinem Leben einen LSD-Trip machen würde?
Gar nichts.

Glauben Sie nicht, dass die Menschheit sich verändern würde?
Nein, das glaube ich nicht. Es ist sicher ein eindrückliches Erlebnis. Aber ob es auch so ein fundamentales Erlebnis ist, dass sich Menschen verändern würden, ist nicht sehr wahrscheinlich. Zum Teil können Meditationen einen ähnlichen Zustand auslösen. Ich glaube, sehr viele Leute haben schon psychische Grenzerfahrungen erlebt—aber ändert das etwas? Ich glaube, das gehört zum Leben. LSD verbessert die Welt nicht, aber es verschlechtert sie eben auch nicht.


Titelfoto: Surian Soosay | Flickr | CC BY 2.0