Interviews

Nach München: Eine Mutter, die ihre Tochter in Winnenden verlor, spricht

"Für uns Angehörige ist die Unterscheidung wichtig: Der Täter wollte sterben. Unsere Kinder wollten es nicht."

von Sofia Faltenbacher
02 August 2016, 7:20am

15 Menschen tötete der Amokläufer Tim K. 2009 in Winnenden. Gisela Mayers 24-jährige Tochter Nina war eines der Opfer. Nina war Referendarin an der Albertville-Realschule. Gisela Mayer war es wichtig, in der Öffentlichkeit ein Bild ihrer Tochter zu hinterlassen, das mehr ist als Foto und Alter in Boulevardzeitungen. Sie schrieb das Buch Die Kälte darf nicht siegen. Sie erzählt darin von ihrer Tochter, einer lebensfrohen jungen Frau, die durch eine Gewalttat aus dem Leben gerissen wurde. Gemeinsam mit anderen Opfer-Angehörigen gründete sie eine Stiftung gegen Gewalt an Schulen.

"Warum führen wir dieses Gespräch?", fragt Gisela Mayer zu Beginn. "Wir haben nach dem Amoklauf in München in der Redaktion überlegt, wie wir über den Täter und die Opfer und deren Angehörigen berichten sollen. Wir können uns nicht vorstellen, wie es ist, so etwas zu erleben", antworte ich. "Ja, natürlich nicht", sagt Mayer mit fester Stimme. Ich sage: "Sie wissen, wie es sich anfühlt, was sich Angehörige in dieser Situation wünschen." – "Fangen wir an", sagt sie.

Gisela Mayer | Foto: imago | Horst Galuschka

VICE: Wie haben Sie die Nachricht über den Amoklauf in München aufgenommen?
Gisela Mayer: Ich bin furchtbar erschrocken und dachte: Es ist wieder passiert. Dann kam der weitere Schreck. Der Täter war nicht in einer Schule, sondern mitten auf der Straße. Ich erinnerte mich an Gespräche mit Fachleuten nach den Taten von Anders Breivik in Norwegen. Wir haben gesagt: Es passiert nicht mehr nur in Schulen, sondern im öffentlichen Raum. Das ist sehr gefährlich, es erweitert den möglichen Tatort. Mein zweiter Gedanke war also: Oh Gott, wir hatten Recht.

Haben Sie Kontakt zu den Eltern der Opfer in München aufgenommen?
Ja, wir haben ihnen Unterstützung angeboten. Direkt gesprochen haben wir sie noch nicht. Viele der Angehörigen sind gerade in ihren Heimatländern, um die Toten zu begraben. Aber sie können sich an uns wenden, weil viele von uns vermutlich ähnliche Phasen erlebt haben und so helfen können. Menschlicher Kontakt und Gespräche sind wichtig.

"Wir wurden unfreiwillig zur Schicksalsgemeinschaft"

Haben Ihnen selbst die Gespräche mit anderen Angehörigen geholfen?
Ja, sehr. Wir wurden unfreiwillig zur Schicksalsgemeinschaft. Manche sprachen viel miteinander, einige engagieren sich wie ich nach wie vor in unserer Stiftung. Andere zogen sich zurück. Alles ist gleichermaßen verständlich: reden wollen oder lieber alleine trauern. Aber unser Gesprächsangebot für die Angehörigen der Münchner Opfer ist offen.

Zeitungen und Online-Medien veröffentlichten am Tag nach München Fotos der Opfer. Wie finden Sie das?
Zunächst: Die Angehörigen müssen über die Veröffentlichung informiert werden und einverstanden sein. Wir waren es damals nicht. Ich fand also ein riesiges Bild meiner Tochter in einer Boulevardzeitung, ohne es je erlaubt zu haben. Damit musste ich dann umgehen.

Sollten Medien überhaupt Bilder der Verstorbenen veröffentlichen?
Die Darstellung der Opfer ist richtig und wichtig für uns. Die Biografie darf aber nicht auf ein Foto und den Namen verkürzt werden, sondern es soll der Mensch gezeichnet werden, wie er im Alltag war, in all seinen Facetten. Ein Gespräch von Journalisten mit Angehörigen kann nicht in den ersten zehn Minuten stattfinden. Da hat man den Tod—gerade bei so einer Gewalttat—noch gar nicht begriffen.

"Die Ersten wollten mich interviewen, direkt als ich aus der Halle trat, in der wir die Nachricht erhalten hatten"

Wann sollten Journalisten Angehörige um Interviews bitten?
Ein sinnvolles Gespräch ist erst möglich, nachdem die Toten bestattet wurden. Ich wurde damals nach Winnenden schon zwei Stunden nach der Tat nach einem Interview gefragt—nein, eigentlich schon direkt nachdem ich aus der Halle trat, in der wir die Nachricht erhalten hatten. Zum Glück war ich zumindest klar genug, um zu sagen, dass ich mit niemandem über gar nichts spreche. Ich stand unter Schock.

Wir können dieses Gespräch jederzeit beenden, wenn es Ihnen zu viel wird.
Ja, natürlich, das würde ich sagen.

Wie nach Winnenden gab es nach München Gedenkfeiern, Schweigeminuten, Trauerbekundungen von Politikern. Wie fühlt sich das als Angehöriger an?
Es ist wichtig. Es hat uns zwar damals nicht geholfen, aber es tat gut, die Anteilnahme zu spüren. Die Welt ist aus den Fugen, und dass das registriert wird, stabilisiert und tröstet. Die Aufmerksamkeit spiegelt den Ausnahmezustand wider und das ist gut. Ich wünsche mir, dass wir Amokläufe nie als unvermeidlich hinnehmen. In den USA ist das passiert, dort reagieren die Menschen mit einem gewissen Gleichmut, als wären es Randerscheinungen des menschlichen Zusammenlebens. Aussagen wie "Gewaltexzesse wird es immer geben" will ich nicht hören. Nein, das dürfen wir nicht hinnehmen.

Was wollen Eltern der Opfer der Öffentlichkeit mitteilen?
Manche haben den Wunsch, Erinnerungen zu erzählen, um ein Bild entstehen zu lassen, das eben mehr ist als ein Foto in der Zeitung. Besonders wichtig ist, dass ein lebensfroher Mensch ermordet wurde, der nicht vorhatte zu sterben—im Gegensatz zum Täter. Zeitungen zitieren die Familie des Täters, die auch um ihr totes Kind trauern. Für uns Angehörige ist aber wichtig zu unterscheiden, dass er sterben wollte. Unsere Kinder wollten es nicht. Der zweite Wunsch ist, dass gesehen wird, dass es keine Naturkatastrophe war, sondern ein Mensch einen anderen ermordet hat. Es muss nach den Motiven gefragt werden und alles getan werden, dass so etwas nicht noch einmal passiert.

"Alles vermeiden, was in irgendeiner Weise als PR-Maßnahme für den Täter geeignet sein kann"

Wie soll Ihrer Meinung nach über den Täter berichtet werden?
Das Wichtigste—und das kommt nicht von mir, sondern von Kriminologen—ist: Kein Foto und der Name darf nicht ausgeschrieben werden. Medien sollten alles vermeiden, was in irgendeiner Weise als PR-Maßnahme für den Täter geeignet sein kann, ihn als Krieger oder Kämpfer dastehen lässt. Es gehört nichts dazu, mit einer Präzisionswaffe auf Jugendliche zu schießen, die gerade im McDonald's sitzen und essen. Das ist nur hinterlistig und feige und so sollte es in den Medien auch dargestellt werden. Amoktäter sehen sich als Nachahmer anderer Heroen—früherer Amoktäter—, als Rächer in einer als ungerecht empfundenen Welt. Aber dazu gehört kein Mut, sie sind keine Rächer, das ist nur hinterlistig.

Nach Winnenden | Foto: imago | Werner Otto

In Ihrem Buch Die Kälte darf nicht siegen fordern Sie bessere Prävention. Ist bisher nicht genug getan worden, um Amokläufe zu verhindern?
Nach München sind die Versprechungen wieder groß, viele von ihnen werden nicht eingehalten werden. Die größte Verantwortung liegt bei den Schulen, es ist nun mal der Ort, an dem junge Leute sich die meiste Zeit aufhalten. Bislang kam wenig von der Politik. Ich wünsche mir, dass Politiker den gesetzlichen Rahmen für Prävention schaffen und sich dabei am Stand der Wissenschaft orientieren. Es gab nach den Amokläufen in Erfurt und Winnenden Untersuchungen zu solcher "hochexpressiven Gewalt"—das ist ein Ausdruck für Terror und Amok, und genau das war es. Ich möchte, dass das gewonnene Wissen nutzbar gemacht wird, ohne Aktionismus, sondern vernunftbestimmt.

Frau Mayer, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.

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