Hier leben 1.300 Flüchtlinge in "Boxen"
Alle Fotos: Grey Hutton

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Hier leben 1.300 Flüchtlinge in "Boxen"

Innenansichten aus Berlins größtem Flüchtlingslager im Flughafen Tempelhof, wo sich bis zu 12 Menschen eine 25 Quadratmeter große Wohnkabine teilen.
23.5.16

Haidar wartet jetzt sechs Monaten in einer 25 Quadratmeter großen Wohnkabine, die er sich mit drei anderen Menschen teilt. Haidar hatte Glück, manche Menschen müssen sich die gleiche Fläche mit 11 anderen teilen, andere Kabinen sind wiederum nur 12 Quadratmeter groß. Wir befinden uns in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof—einem Gebäude, das 1927 gebaut worden und dann von den Nazis in den 30er Jahren dramatisch vergrößert worden ist. Berühmt ist Tempelhof für seine eindringliche Architektur, die enorme Größe und seine lebenswichtige Rolle für die Menschen in Westberlin während der Luftbrücke. Heute sind dort (laut der Organisation Tamaja, die die Unterkunft in Tempelhof betreibt) 1.300 Menschen untergebracht, die auf einen dauerhaften Bleibeort und eine Eingliederung in die Gesellschaft warten. Es ist laut Tamaja die größte Flüchtlingsunterkunft in Berlin und rein theoretisch nur als temporäre Zwischenstation gedacht, an der Menschen nicht länger als sechs Wochen bleiben sollten. Da freier Wohnraum momentan allerdings knapp ist, leben viele, mit denen wir gesprochen haben, schon seit mehr als sechs Monaten dort.

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Die Luft in den Hallen ist drückend und warm und das Sicherheitspersonal beobachtet uns aufmerksam von allen Ausgängen aus, während wir die Gänge zwischen den Stellwänden entlanggehen—vorbei an Reinigungspersonal, das Schmutzwäsche einsammelt, und spielenden Kindern. Auch wenn sie ein gigantisches Dach über dem Kopf haben, drei Mahlzeiten pro Tag bekommen und über vernünftige Waschmöglichkeiten verfügen, so löst der Mangel an Platz und Integrationsmöglichkeiten bei den Bewohnern ein Gefühl der Unsicherheit aus. Ich wollte einen Einblick in diese Wohnzellen (oder "Boxen", wie die Bewohner sie wenig optimistisch bezeichnen) bieten und zeigen, was es bedeutet, unter diesen einzigartigen Umständen zu leben.

Übersetzung aus dem Arabischen von Jose Féghali.

Issa, 25, Bagdad, Irak

Ich bin seit November 2015 in Tempelhof. Ich lebe hier mit zwei Freunden aus Bagdad. In meinem Fall haben wir großes Glück gehabt, weil wir nur zu dritt in dieser "Box" leben, andere haben mehr Mitbewohner. Ich kann mich also nicht wirklich beschweren, trotzdem ist das hier immer noch eine "Box". Der Hauptunterschied zwischen dem Leben hier und dem Leben zu Hause ist der, dass ich mich in Bagdad in meinem Zuhause sehr wohl gefühlt habe, aber sobald ich aus meinem Haus ging, fühlte ich mich unsicher. Hier ist es genau andersrum. In meinem Wohnraum fühle ich mich nicht wohl, aber wenn ich raus gehe, fühle ich mich sicherer.

Sayed, 37, Masar-e Scharif, Afghanistan

Wir sind sofort hier nach Tempelhof gekommen. Wir sind jetzt seit etwas mehr als vier Monaten hier. Ich habe keine Ahnung, was als Nächstes passiert oder wie lange ich hier noch leben werde. Ich habe kein gutes Gefühl hier. Mein Geisteszustand verschlimmert sich ständig. Es gibt keine Neuigkeiten über unsere Zukunft und mir gefällt das Verhalten einiger Menschen hier nicht. Diesen Morgen hatten wir ein großes Problem mit ein paar von den Sicherheitsleuten. Mit der Integration ist es hier auch problematisch. Von einem Integrationskurs war hier noch nicht wirklich was zu hören. Ich lebe mit zwei anderen Familien in meiner Zelle. Wir sind insgesamt 12 Leute. Ich muss mich mit ihnen abfinden—mir bleibt nichts anderes übrig.

Hamza, 28, Quneitra, Syrien & Akram, 16, Quneitra, Syrien

Wir leben seit sechseinhalb Monaten in Tempelhof. Das hier fühlt sich nicht wie ein richtiges Leben an. Unsere Brüder kämpfen in Syrien und wir kämpfen hier. Das Schwierigste ist der Raum zum Leben und wie wir behandelt werden. Man behandelt uns als Flüchtlinge, nicht als menschliche Wesen. Das Gute daran ist, dass wir inzwischen an beschissene Lebensbedingungen gewöhnt sind. Alle acht von uns, die in diesem Raum leben, haben sich auf dem Weg nach Deutschland kennengelernt. Jeder nennt das hier eine "Box". Was glaubst du, wie es sich anfühlt, in so einem Raum zu leben? Wir können auch nicht unser eigenes Essen oder Milch mit in das Gebäude bringen. Wir dachten, dass uns ein Land wie Deutschland bessere Räume zum Leben bereitstellen würde, deswegen haben wir das Risiko auf uns genommen, hierherzukommen.

Abdulrahman, 19, Damaskus, Syrien

Ich bin seit fünfeinhalb Monaten in Tempelhof. Ich lebe mit meiner Schwester und meinem Onkel hier und es gibt noch einen anderen Typen aus Damaskus, der mit uns hier wohnt. Ich finde die Lebensbedingungen hier sehr schlecht und es ist bestimmt nicht gesund, mit so vielen Menschen auf so kleinem Raum zu leben. Aber wir haben jetzt eine Gruppe von guten Freunden, die meisten aus Syrien und Palästina, gefunden und außerdem haben wir auch ein paar Freunde, die außerhalb des Lagers leben, also hängen wir manchmal bei denen ab. Der Unterschied zwischen den Häusern, in denen meine Freunde wohnen, und der Halle hier ist riesig. Bei denen ist es viel sauberer, sie haben ihre eigene Elektrizität, sie haben einen Kühlschrank, in dem sie Essen und Getränke aufbewahren können, und sie haben Gas zum Kochen. Ich finde, die Auswahl der Menschen, die eine Wohnung bekommen, läuft ziemlich unfair ab. Es gab schon Leute, die nach uns hierhergekommen und vor uns wieder gegangen sind. Sie sagen immer, dass Familien ein Vorrecht haben, aber ich finde, dass wir auch eine Familie sind. Ich bin hier mit meiner Schwester und meinem Onkel. Meine Seele ist nicht glücklich, aber ich versuche, einfach weiter zu lächeln.

Ahmed, 31, Al-Hasaka, Syrien

Ich bin jetzt seit etwa sechs Monaten mit meinem 12 Jahre alten Cousin hier. Ich war gerade dabei, einen Master in Agrarökonomie zu machen, als wir Syrien verlassen haben. Wir haben in einem Land von Milizionären gelebt, in dem es keinen Staat oder irgendetwas in der Richtung gibt. Er hat viel von der Gewalt mitbekommen und wir haben uns Sorgen um sein Trauma gemacht. Als Kind ist es leichter für ihn, mit diesem kleinen Raum klarzukommen, aber er vermisst seine Eltern sehr und die emotionale Verbundenheit zu den Orten seiner Heimat. Ich habe die Leute, mit denen wir jetzt zusammenleben, vorher nicht gekannt, obwohl wir aus der gleichen Stadt stammen. Ich werde bald meinen Kurs an der TU beginnen und ich mache mir Sorgen, wo ich lernen kann, wenn er dann anfängt. Ich werde meinen Raum und Privatsphäre brauchen. Ich weiß nicht, wie ich damit klarkommen soll.

Nadia, 37, Lugar (Provinz), Afghanistan

Ich lebe jetzt seit vier Monaten hier mit meinem Mann und unseren vier Kindern. Hier zu sein, ist sehr schwer. Am allerschlimmsten ist wahrscheinlich der ständige Lärm. Meine Tochter ist psychisch krank und wenn es laut ist, wird es schlimmer. Meine Kinder können hier nach der Schule nicht lernen, aber sie lernen Deutsch und ich freue mich wirklich für sie. Mein Sohn will nie zum Spielen nach draußen gehen, ich muss ihn regelrecht dazu zwingen. Er hat Probleme, bei den anderen Kindern hier Anschluss und neue Freunde zu finden. Mein Traum ist es, dass meine Kinder hier studieren und ihre Ziele erreichen können.

Omar, 20, Damaskus, Syrien

Ich bin seit Oktober 2015 hier in Tempelhof und Deutschland. Ich lebe mit sieben anderen Menschen zusammen, die ich hier kennengelernt habe, und wir kommen richtig gut miteinander klar. Als Single ist es OK hier. Aber wenn ich verheiratet wäre oder eine Familie hätte, würde ich davon abraten, hierherzukommen. Die Lebensumstände hier sind nämlich nicht gut. Wir sind nur Männer in unserer "Box" und es ist ein bisschen wie beim Wehrdienst hier. Das Essen ist nicht gut, aber die meisten von uns waren auch beim Militär, also sind wir das gewohnt—die Toiletten waren bei der Armee allerdings sauberer. Um 6 Uhr morgens machen sie hier das Licht an und um 22 Uhr schalten sie es aus [Laut den Betreibern ist das Licht von 7:30 Uhr bis 23:00 Uhr an]. Und wenn du zu spät zum Essen kommst, gibt es nichts für dich.

Mohamad, 18, Al-Mayadin, Syrien & Khaled, 19, Mosul, Irak & Sherko, 25, Kirkuk, Irak

Wir haben uns in Tempelhof kennengelernt und leben zu sechst in diesem Zimmer. Wir kommen alle ganz gut miteinander aus, aber manchmal fehlt es an Privatsphäre. Es fühlt sich aber wie eine große Familie an und das ist schön. Wir versuchen sehr, uns in das Leben außerhalb des Lagers zu integrieren, mit Jungs und Mädchen, und wir sind auch sehr dankbar für ihre Gastfreundschaft. Wir haben allerdings auch das Gefühl, dass sie uns etwas ablehnend gegenüberstehen, was unserer Meinung nach auf Angst begründet ist. Um Weihnachten herum sind wir relativ oft zum Alexanderplatz gefahren und einmal haben ich und ein Freund uns laut unterhalten, als zwei Mädchen vor uns sich plötzlich umgedreht haben. Sie schauten uns an, versteckten ihre Taschen und gingen schnell von uns weg.

Haidar, 24, Kirkuk, Irak

Ich bin seit sechs Monaten in Tempelhof. Wir leben hier zu viert. Ich stamme aus einer Familie der oberen Mittelschicht und als ich von Gelegenheiten in Deutschland hörte, habe ich nicht das hier erwartet. Die Lebensumstände hier sind kein Vergleich zu dem, wie ich vorher gelebt habe. Ich würde gerne zurück nach Hause gehen, aber die Situation im Irak wird jeden Tag schlimmer. Ich muss das hier also fürs Erste aushalten. Ich befürchte fast, dass ich in zwei Jahren immer noch in Tempelhof leben werde. Es ist jetzt schon schwer für Deutsche eine Wohnung in Berlin zu finden, von uns mal ganz abgesehen. Es kommt aber auch einfach drauf an, wie man seine Situation hier wahrnimmt. Für mich ist die "Box" mein Lernzimmer, meine Bibliothek.

Michaela, 19, Eritrea & Futsum, 19, Eritrea

Wir leben hier seit sechs Monaten und sind Freunde aus Eritrea, die zusammen hierhergereist sind. Wir leben hier zu viert und stammen alle aus Eritrea. Wir sind die Christen hier im Lager, aber der größte Teil sind Muslime. Es gibt aber keine Probleme. Wir wollen einfach nur Arbeit in Deutschland finden und wären wirklich froh über alles.