eine illustration von einem mann und einem penis
Alle Illustrationen: Alex Jenkins

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Sex

Die wissenschaftlichen und persönlichen Vorteile der Abstinenz

Ich hatte mit Absicht drei Wochen keinen Orgasmus und habe anschließend einen Professor zu den Gefühlen befragt, die ich verspürte.
13.5.15

Keuschheit ist für mich nichts Neues. Ich war schon häufiger in Beziehungen, in denen meine Partnerin und ich total darauf standen, aus sexuellen Gründen eine Zeit lang auf Sex zu verzichten, und wir uns deshalb zur Abstinenz zwangen.

Am längsten hielt ich es dabei drei Wochen lang ohne Sex und ohne Masturbation (und dementsprechend auch ohne Orgasmus) aus—das sind 21 Tage. Das Ganze veränderte mein Leben jedoch zum Positiven: Ich war richtig produktiv, hielt meinen Haushalt sauber und beendete endlich persönliche Projekte, die ich aufgrund meiner Prokrastination immer vor mir hergeschoben hatte. Mir wurde klar, dass eine selbstauferlegte Samenstau-Periode eigentlich viel besser für den Geist, den Körper und die Seele ist, als ich zuerst angenommen hatte.

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Allerdings muss ich euch hier wohl auch kaum erzählen, dass es ebenfalls sehr gesund ist, ab und an mal Hand bei sich selbst anzulegen. Auch richtige Professoren ermutigen uns zu diesem Akt, zum Beispiel erzählte mir Jim Pfaus, ein Neurowissenschafts-Professor an der Concordia University von Montreal, Folgendes:

„Masturbation ist eine gute Möglichkeit, um Stress abzubauen. Uns liegen Studien vor, die bewiesen haben, dass Sex oder Selbstbefriedigung unseren Ruhepuls bis zu 12 Stunden lang verlangsamt. Dazu ist es für unser Sexleben noch ein richtig großer Vorteil, wenn wir über unseren sexuellen Rhythmus Bescheid wissen. Durch die Masturbation bauen wir eine Verbindung zu den Handlungen auf, die wir in erotischem oder pornografischem Anregungsmaterial sehen. Das fördert unsere sexuellen Fantasien, was wiederum eine Bereicherung für unseren kreativen Denkprozess ist."

Es steht also außer Frage, dass Selbstbefriedung extrem wichtig ist—ein paar Wochen Abstinenz haben jedoch ebenfalls ihre Vorteile. Und genau diese Vorteile werde ich euch nun näher bringen und ich belege das Ganze sogar noch mit wissenschaftlichen Fakten, die mir Professor Pfaus verraten hat.

OHNE MASTURBATION VERWANDELST DU DICH IN EINE VIEL PRODUKTIVERE VERSION DEINER SELBST

In den drei Wochen meiner Abstinenz habe ich 20 Artikel geschrieben, ein Bett gebaut, angefangen, ein Buch zu schreiben, und endlich mal Salat gegessen (so wie es jeder vernünftige und funktionierende Erwachsene tun sollte, dem die Gesundheit seines Herzens wichtig ist). Aber kaum hatte ich meinen Penis wieder in die Hand genommen, entwich diese ganze Produktivität quasi wieder aus meinem Körper—ein langer, milchiger Bogen an verlorenem Potenzial.

Auf diesem Gebiet habe ich nur wenig bis gar keine Ahnung, aber irgendeine Art wissenschaftlicher Zusammenhang muss da doch einfach bestehen. Da Samen Testosteron enthält, sollte man ja eigentlich auch mehr „Drive" haben, wenn man dieses Testosteron nicht in Taschentücher schießt, sondern es wie eine Art Sperma-Geizhals in sich drin behält, oder? Irgendwie ist das schon richtig.

„Samen im Körper zu behalten, erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwelche Bestandteile davon zurück ins Blut gelangen", erklärt mir Professor Pfaus. „Allerdings bedeutet dieser Akt gleichzeitig, dass man keinen Sex hat oder masturbiert, was die Erregung der Erwartungshaltung im Bezug auf Sex intensivieren könnte. Ich glaube, dass das die ‚Energie' ist, von der die Verfechter des tantrischen Sex immer reden. Wenn man eine Erektion aufrecht erhält, ohne dabei zu ejakulieren, fühlt sich der Orgasmus letztendlich viel intensiver an. Diese Tatsache trifft auf Menschen und auf Ratten zu. Dieser ‚Energie'-Schub ist also eher durch Psychologie und die eigene Einstellung bedingt."

Genau das ist der Energie-Schub, den auch ich bekam. Nachdem ich es quasi zu meiner persönlichen Herausforderung gemacht hatte, nicht zu masturbieren, fand ich schnell heraus, dass ich mich zur Ablenkung stattdessen mit anderen Dingen beschäftigen musste. Und womit kann man sich denn besser ablenken als mit dem Aufbau eines IKEA-Betts, das eigentlich nur erfunden wurde, um langjährige Beziehungen zu zerstören?

DU WIRST ZUM ERSTEN MAL IN DEINEM ERWACHSENENLEBEN AUFWACHEN UND NICHT DIREKT LOSHEULEN WOLLEN

Vor geschätzten tausend Jahren gab es mal eine Zeit, in der ich morgens aufgewacht bin und mir die ganze Welt wie eine fröhliche und aufregende Spielwiese vorkam, bei der mir alle Türen offen standen. Inzwischen bin ich ein erwachsener Mann und meine tägliche Morgenroutine scheint nur noch aus folgenden Dingen zu bestehen: Schmerzen, 20 ungelesenen E-Mails noch vor dem Zähneputzen und einem Typen, der am Bankautomaten aus unerklärlichen Gründen eine halbe Ewigkeit braucht.

Während meiner dreiwöchigen Abstinenz habe ich jedoch ein Licht am Ende meines Horror-Tunnels gesehen. Irgendwie fühlte sich jeder neue Tag immer weniger beschissen an. Es hatte eine gewisse Leichtigkeit, ja fast schon eine Reinlichkeit an sich, nicht zu masturbieren. „Einige Männer verspüren nach dem Masturbieren extreme Schuldgefühle", meint Professor Pfaus. „Andere versuchen wiederum wie besessen, mehrmals am Tag zum Höhepunkt zu kommen. Es gibt jedoch auch Männer, auf die beides zutrifft. Die obsessive und triebhafte Natur lässt sie regelmäßig masturbieren—vielleicht zu regelmäßig, denn das Ganze führt dann nur zu einer Art chronischem Kontrollverlust über den Penis und den Ejakulations-Mechanismus."

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Im Grunde ist es ein ziemlich schlimmes Gefühl, wenn man die Kontrolle über seinen Schwanz verliert—oder man es sich zumindest einbildet. Man wird quasi von dem Körperteil entmannt, das einen erst zum Mann macht. Wenn man sich die Kontrolle von seinem Penis zurückholt, wird man auch direkt aus der Welt herauskatapultiert, in der man ständig nach ein paar kurzen Momenten Ausschau hält, in denen man schnell einen von der Palme wedeln kann. Und egal, wo man dann auch landet, dort ist es rein objektiv betrachtet einfach schöner.

MAN IST IM GRUNDE DAUERSTEIF

Diese Tatsache ist eigentlich selbsterklärend und auch gar nicht mal so positiv. Man muss mit diesem körperlichen Umstand einfach leben können. Abstinenz kann wirklich gut tun, denn man fühlt sich dadurch vielleicht wacher, reiner und voller Tatendrang. Allerdings läuft man auch ständig mit einer Latte durch die Gegend, selbst wenn man nur mit seinem Vater telefoniert. Professor Pfaus erklärt diese Tatsache folgendermaßen:

„Eine Erektion setzt sowohl beim Mann als auch bei der Frau voraus, dass die sympathischen und die parasympathischen Teile des autonomen Nervensystem koordiniert aktiviert werden. Zuerst muss das Herz mehr Blut in das Gewebe pumpen. Wenn sich das Blut dann in der Spongiosa—also dem schwammartigen Gewebe, aus dem die Schwellkörper des Penis und der Klitoris bestehen, den Schamlippen und dem anderen Schwellgewebe—verteilt hat, übernimmt das parasympathische Nervensystem die Kontrolle und verengt die Adern, damit das Blut in den Genitalien (und den Nippeln und dem anderen Schwellgewebe) bleibt. Dann gibt es einen Mechanismus im Rückenmark der unteren Lumbar-Region, der vom parasympathischen zum sympathischen Nervensystem übergeht. Das wiederum führt zum Orgasmus (und bei Männern auch zur Ejakulation). Im erigierten Zustand ist dieser Umschaltmechanismus (unter Anderem) durch herunterkommendes Serotonin blockiert.

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Wenn man also häufig masturbiert, erlebt man diese Art des Kontrollverlustes, was ebenfalls das eben erwähnte System des herunterkommenden Serotonins aktiviert. Jetzt allerdings verlangsamt oder verhindert es den Blutfluss in die Genitalien, denn das parasympathische Nervensystem bestimmt weiterhin die Abläufe (wodurch die Adern zusammengezogen werden). Wenn man also für 24 bis 48 Stunden nicht masturbiert, spürt man womöglich, wie die Erektion danach viel härter und intensiver ausfällt. Allerdings ist das bei jedem Menschen anders—was für die eine Person optimal ist, kann für die andere Person vielleicht eher störend wirken. Das Optimum muss von einem selbst und unter verschiedenen Umständen herausgefunden werden."

Du willst abstinent sein? Dann musst du die richtige Dauer deiner Abstinenz herausfinden. Und wenn du es wirklich lange durchhalten willst, aber gleichzeitig nicht so erpicht darauf bist, in der U-Bahn angestarrt zu werden, dann kann ich dir nur Paketklebeband ans Herz legen—immerhin leben wir um 21. Jahrhundert und Klebemittel sind in der Lage, deinen Penis an deinem Bein zu befestigen. Das solltest du dir zu Nutze machen!

Illustration zweier Penisse neben einer person in einem Kleid

Alle Illustrationen: Alex Jenkins

OHNE WICHSEN WIRST DU WOMÖGLICH EINEN ANFLUG SEXUELLER FRUSTRATION VERSPÜREN

Wir sind jetzt beim scheußlichen, grotesken und peinlichen Abschnitt der Abstinenz angekommen. Und dabei handelt es sich definitiv nicht um einen Vorteil. Die meisten Männer verwandeln sich in dumme, anzüglich grinsende und affenartige Wesen, wenn sie länger als 48 Stunden keine sexuellen Handlungen durchführen können. Das ist katastrophal, denn es gibt quasi nichts Schlimmeres, als sich wie ein dummes, anzüglich grinsendes und affenartiges Wesen zu verhalten.

Die Ablenkung, die einem Arbeit und Hobbys bringen, ist dabei sehr hilfreich und wenn diese Ablenkung nicht abreißt, dann geht es einem vielleicht doch ganz gut. Allerdings ist es auch klar, dass die sexuellen Triebe verstärkt werden, wenn man sich nicht selbst befriedigt. Genau deswegen ist es meiner Erfahrung nach am schönsten, wenn man (paradoxerweise) zusammen mit dem Beziehungspartner keusch bleibt. Wenn man die ganze Sache allerdings alleine durchzieht—entweder als sadistische Herausforderung oder für die vermeintlichen Vorteile—und sich schließlich dabei erwischt, wie man andere Menschen anstarrt, dann sollte man sein „Experiment" sofort abbrechen. Immerhin ist Masturbation nichts, wofür man sich schämen müsste. Eigentlich eher genau das Gegenteil: Selbstbefriedigung ist ein ganz natürlicher Teil unserer sexuellen Ausdrucksform.

„Es bringt uns nicht um, das Masturbieren sein zu lassen", sagt Professor Pfaus zum Abschluss. „Dadurch bleiben uns jedoch wichtige Selbsterkenntnisse verwehrt. Und wir wissen auch, dass jegliche sexuelle Abstinenz oft von Leuten vorgeschrieben wird, die wie besessen von ‚Reinheit' und ‚moralisch korrektem Verhalten' sind. Kurz gesagt sind das Leute, die ihren Mitmenschen kein Vergnügen gönnen."