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Ich habe Wahrsager darum gebeten, meine nicht-existierende, tote Schwester zu kontaktieren

Die vier Frauen, mit denen ich geredet habe, konnten viele interessante Dinge über einen Menschen erzählen, den es nie gegeben hat.

von Jackie Hong
09 Juni 2015, 4:00am

Foto: Eli Christman | Flickr | CC BY 2.0

Ich war 13 Jahre alt, als meine Mutter mich und meinen Bruder zu einem „Medium" geschleppt hat. Wir haben unsere Familie in Malaysia besucht und irgendwo zwischen mehreren Palmöl-Plantagen befand sich das Haus einer alten Frau, die behauptete, dass Buddha durch sie sprechen würde. Während der stundenlangen Prozedur war meine Mutter richtig begeistert, obwohl die alte Dame eigentlich nur ihre Augen so stark nach oben rollte, dass man nur noch das Weiße sehen konnte, und dabei mit tiefer Stimme absolut banale Aussagen machte, die auf jeden Menschen dieser Welt hätten zutreffen können (Beispiele: Vor unserem Haus gibt es Ameisen oder unsere Großmutter ist alt und gebrechlich). Weil ich dazu noch total auf Harry Houdini stand (der die letzten Jahre seines Lebens damit zugebracht hat, Hellseher und menschliche Medien zu entlarven) und meine Teenager-Angst mich alles hassen ließ, was meine Eltern mochten, brachte mich diese Erfahrung zu der Überzeugung, dass solche Menschen einfach nur Betrüger sind, die verletzlichen und verzweifelten Leuten mit schlechter Schauspielerei das Geld aus der Tasche ziehen.

Meine Einstellung gegenüber diesen Wahrsagern hat sich seitdem eigentlich nicht viel geändert, aber ich halte mich auch für einen offenen Menschen und lasse mich gerne mal vom Gegenteil meiner Ansichten überzeugen, wenn mir schlüssige Argumente und genügend Beweise vorgebracht werden. Was, wenn an dem ganzen Thema des übernatürlichen Mediums doch etwas dran ist? Vielleicht hat meine Mutter nur eine schlechte Vertreterin dieser Berufsgruppe ausgewählt. Was, wenn sie einfach nur die falschen Fragen gestellt hat? Was, wenn einfach nur Wahrsager aus Malaysia ziemlich zweifelhaft sind? Ich meine, so viele Leute haben sich jetzt schon so lange an menschliche Medien gewandt, da muss doch einfach irgendwas dran sein, oder?

Diese Fragen schwirrten mir schon eine Zeit lang im Kopf herum, aber erst jetzt habe ich mich dann wirklich dazu entschieden, Antworten zu suchen. Inspiriert von Houdini erstellte ich einen einfachen Test, den ich ein paar Mal anwenden konnte, um so herauszufinden, ob irgendjemand wirklich im Einklang mit den Wahrheiten des Universums steht: Wenn ich eine tote Schwester erfinde und dann einige Wahrsager darum bitte, Kontakt mit ihr aufzunehmen, wie viele werden dann gleich erkennen, dass ich da eigentlich nur Blödsinn rede?

Ich habe keine Schwester und bin das älteste Kind meiner Eltern. Deshalb dachte ich mir, dass die Erfindung einer großen Schwester jegliche Energien, oder was auch immer diese Leute spüren, gar nicht erst zulassen würde. Und schon war „Emily" geboren—ihr Geburtstag war am 31. Januar 1990, sie starb am 2. Juni 2014 bei einem Autounfall und ihr Freund, der das Auto gefahren hat, ist dabei ebenfalls ums Leben gekommen.

Eine schnelle Internet-Suche lieferte mir eine ellenlange Liste an Hellsehern und Medien in meiner Nähe und vier davon antworteten direkt auf meine Anfrage. Es konnte losgehen.

Meine erste Sitzung fand am Telefon statt—in der Werbung stand, dass eine erste kurze Probe-Beratung nichts kosten würde. Die Frau am anderen Ende der Leitung fragte mich nach meinem vollen Namen, meinem Geburtsdatum und dem Geburtsdatum von Emily. Ich gab ihr alle Informationen durch und fast sofort im Anschluss erzählte sie mir, dass Emily mir Folgendes mitteilen wollte: Sie befindet sich an einem schönen Ort und passt auf unsere Familie auf. Sie will, dass ich ebenfalls glücklich bin. Meine Zufriedenheit scheint jedoch nur temporär zu sein ( Anmerkung: Sind nicht alle Emotionen nur temporär?).

Ob mir das Medium sagen könnte, wie ich glücklich werde? Oder zumindest, was zwischen mir und echter Zufriedenheit steht?

Nein, aber sie kann auf jeden Fall erkennen, wie mich eine zufriedenheitszerstörende Dunkelheit umgibt.

Und wie geht es Emily?

Ihr geht es gut. Sie will nicht, dass ich mich um sie sorge. Aber hier ist doch irgendetwas los. Wie steht es um mein Liebesleben?

„Nicht so gut", antwortete ich ehrlich.

Könnte es bei mir in Sachen Liebe, Zufriedenheit und Erfolg besser laufen?

„Na ja, eigentlich schon, oder?"

Anscheinend bin ich dazu bestimmt, reich und erfolgreich zu sein, aber egal was ich auch mache, irgendetwas lenkt mich immer in die falsche Richtung. Für 250 Dollar plus die Kosten für zwei Kerzen und einen Kristall könnte sie einen Schutzring um mich legen—und ich würde innerhalb von drei bis sieben Tagen Fortschritte merken.

Das Gespräch war kurz danach zu Ende.

Munchies: Würz' dich in ein anderes Universum

Die zweite Beratung war ebenfalls kostenlos und lief per Mail ab. Ich wusste nicht mal, dass so etwas überhaupt möglich ist. Zehn Minuten nach meiner Anfrage inklusive Angabe meines Namens, des Namens meiner „Schwester" und ihrer Todesursache, erreichte mich die Antwort-Mail. Obwohl wir jetzt auf anderem Wege kommunizierten, ging es Emily noch immer gut—eigentlich sogar mehr als gut:

„Auf der anderen Seite ist es ein wenig anders als erwartet, aber sie ist trotzdem ziemlich glücklich und sieht die Dinge jetzt mit ganz anderen Augen. Ich spüre, dass sie doch zu der eher ‚wilderen' Sorte Mensch gehörte", schrieb mir Medium Nummer Zwei. Sie meinte weiter, dass Emily etwas von Kleidungsstücken erwähnen würde und ich erzählte ihr daraufhin, dass sie und ich mal Halsketten ausgetauscht hätten.

„Sie meint, dass du dich nicht um sie sorgen brauchst, ihr geht es gut. Sie ist immer bei dir. Sie will, dass du dein Leben lebst und dabei glücklich bist", hieß es in der Antwort.

Obwohl diese Aussagen immer noch ziemlich vage ausfielen, war das doch die bisher detaillierteste Beschreibung von Emily. Der Houdini in mir machte Luftsprünge. Zwei von zwei.

Um es für mich schwieriger und für die menschlichen Medien einfacher zu machen (es ist eine Sache, am Telefon oder per Mail zu flunkern, aber eine ganze andere, einer Person direkt ins Gesicht zu lügen), entschied ich mich dazu, die nächsten Vertreter persönlich zu treffen—wer weiß, vielleicht ist es bei Mail-Sitzungen einfach nur nicht möglich, eine ausreichend starke spirituelle Verbindung aufzubauen oder genügend Hinweise auf meine Lüge auszumachen. Dieses Mal suchte ich auch nach Leuten, die für die Sitzungen Geld verlangten (vielleicht sind die ja besser?), und landete schließlich bei einem Medium für 20 Dollar und einem Medium für 40 Dollar. Beide wiesen mich an, ein Foto von Emily mitzubringen. Dafür nahm ich einfach das Facebook-Profilfoto einer (quicklebendigen) Freundin und schon ging es—bewaffnet mit Emilys Lebensgeschichte und ein paar Jahren Schultheater-Erfahrung—zur dritten übernatürlichen Sitzung des Tages. Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon fast darauf gehofft, dass ich auffliege, denn die ganze Sache war irgendwie viel zu einfach.

Das Studio von Medium Nummer Drei befand sich in einem kleinen Einkaufszentrum eines Vororts und war vollgestopft mit dem klassischen übernatürlichen Deko-Kram, der in Grafikdesignern Selbstmordgedanken aufkommen lässt—Schilder in stechendem Lila mit komplett großgeschriebenem Text in Gelb und neonfarbene Kristallkugeln. Ich lief eine hellrote Treppe hinauf und betrat einen lila Raum (die gleiche Farbe wie die der Schilder), wo eine Tanktop- und Jogginghose-tragende Frau lächelnd an einem kleinen Tisch saß. Ich setzte mich ihr gegenüber hin und ließ erst einmal die verrückte Mischung aus verschiedenen Kunstwerken auf mich wirken: Ein kleiner Wandteppich mit Jesus und seinen Jüngern als Motiv und dazu mehrere Buddha-Statuen.

Sie bat mich um Emilys Foto und ich gab ihr daraufhin mein Handy. Sie blickte auf den Bildschirm und wies mich an, Emilys vollen Namen und Geburtsdatum zu nennen. Danach schaute sie mir in die Augen. Mir rutschte das Herz in die Hose. Hatte mich mein Gesichtsausdruck verraten? Gleich darauf war allerdings alles wieder in Butter, denn das Medium erzählte mir, dass sie Emilys Anwesenheit spüren könnte und dass meine „Schwester" glücklich wäre. Emily hat sich „weiterentwickelt" und ist jetzt mein Schutzengel.

Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um nicht lauthals loszulachen. Mit aller Anstrengung behielt ich meinen ernsten Gesichtsausdruck und fragte mit trauriger Stimme, ob Emily wütend über ihren Tod sei.

Nein, meinte das Medium, denn ihre Zeit war gekommen. Während der achtminütigen Sitzung wiederholte sie mehrmals, dass Emilys Tod so kommen musste. Emily war traurig darüber, mich zurückgelassen zu haben, aber sie befindet sich jetzt an einem schönen Ort und ist auch der Grund dafür, warum ich bei mir zu Hause etwas Übernatürliches spüren kann (sie wacht ja über mich und ich soll versuchen, mit ihr zu reden). Ich weiß jetzt auch, dass die Seele nach dem Tod noch sechs Wochen lang auf der Erde herumhängt. Deswegen habe ich nach Emilys Unfall noch so oft von ihr geträumt.


Das vierte und letzte Medium kam zu unserem Treffen bei sich zu Hause direkt mal 30 Minuten zu spät, weil die Frau nicht mit so viel Verkehr gerechnet hat (eigentlich hätte ich schon hier den Braten riechen sollen). Sie verlangte für die Sitzung zwar das meiste Geld, aber dafür bekam ich auch eine 45-minütige Beratung—sowohl zu Emily als auch zu meiner Zukunft. Und diese Beratung sollte in Sachen Erfahrung und Entertainment noch mal in einer ganz anderen Liga als meine vorherigen Begegnungen mit Wahrsagern spielen.

Medium Nummer Vier kam sehr mütterlich daher, nannte mich ständig „Liebste" und beteuerte immer wieder, wie sehr ihr mein Verlust Leid tun würde. Den Kontakt zu Emily stellte sie mit einer Mischung aus Gebeten und Kaffeesatz-Lesungen her. Sie bereitete mir eine kleine Tasse türkischen Kaffee zu und nachdem ich ausgetrunken hatte, platzierte sie den Unterteller auf der Tasse. Das Ganze musste ich dann festhalten und meine Arme dreimal im Kreis bewegen. Danach drehte ich das Geschirr auf den Kopf und stellte es auf den Tisch. Daraufhin platzierte das Medium einen blauen Glaswürfel mit weißen Kreisen auf allen sechs Seiten auf der umgedrehten Tasse und wies mich an, meinen Finger auf den Würfel zu legen und mir etwas zu wünschen. Das tat ich und sie bat mich um das Foto von Emily. Ich reichte ihr mein Handy und sie stellte eine kleine Statue eines türkischen Philosophen und eine Engel-Schneekugel vor mich. Diese beiden Dinge sollte ich festhalten und dabei beten, während sie ihren Laptop anschaltete und komische Reverb-lastige New-Age-Musik abspielte (dabei sprachen ein Mann und eine Frau davon, liebestrunken zu sein—leider jedoch nicht im Beyonce-Style). Anschließend bat sie Emily darum, sich mir zu zeigen.

Nachdem ich zehn Minuten lang mit gesenktem Kopf versuchte, nicht zu lachen, hörte die Musik wieder auf.

Meine übernatürliche Beraterin hatte ihre Hand die Ganze Zeit auf meinem Handy-Display abgelegt und meinte, dass sie spüren konnte, wie das Telefon vibriert hat, und dass das wahrscheinlich ein Zeichen von Emilys Anwesenheit war (eine Freundin hat mir um diese Zeit herum zwei Nachrichten geschickt). Sie fügte noch hinzu, dass auch sie gebetet und geweint hätte (zu dieser Zeit kurierte ich eine Erkältung aus und schniefte deswegen ein paar Mal, damit mir die Rotze nicht aus der Nase lief). Sie nahm die Statue, schloss ihre Augen und murmelte 30 Sekunden lang etwas vor sich hin. Danach entfernte sie den Würfel von der Tasse und hob diese hoch. Der Kaffeesatz hatte auf dem Unterteller einen mit gutem Willen herzförmigen Fleck hinterlassen.

„Liebe! In deiner Zukunft wird es Liebe geben! Und Tränen", sagte sie und schüttelte dabei noch ein paar Tropfen Kaffee aus der Tasse.

Hier nun einen kurze Zusammenfassung der Vorhersagen für meine Zukunft: Zwei Männer werden um mich buhlen, ich werde mich für einen von ihnen entscheiden, 2016 verlobt sein, 2017 heiraten und sofort danach zwei Kinder (einen Jungen und ein Mädchen) haben. Meine Mutter, die Emilys Tod sehr getroffen hat, wird den Schmerz vergessen haben, wenn ihre Enkel auf die Welt kommen. Emily ist mein Schutzengel und sie bewahrt mich vor allen schlechten Dingen. Sie ist so jung gestorben, weil Gott sie so sehr liebt und sie bei sich haben wollte. Sie ist komplett in Weiß gekleidet und tanzt mit ihrem Freund durch den Himmel. Ich habe jedoch ein langes Leben vor mir. Diesen Sommer kann ich es locker angehen lassen, denn im September wird mir ein Vollzeit-Job angeboten (ich arbeite bereits Vollzeit), der sogar noch gut bezahlt ist. Dazu bin ich dort dann nicht nur irgendeine unwichtige Mitarbeiterin, sondern steige gleich ziemlich weit oben ein.

Emily will, dass ich glücklich bin, braucht aber jetzt selbst ein wenig Ruhe. Es ist wichtig, an sie zu denken und mit ihr zu reden. Allerdings sollte man sich nicht weiter mit ihrem Tod beschäftigen, denn das schadet der Gesundheit. Zum ersten Mal konnte ich ansatzweise verstehen, wie es manchen Leute helfen kann, zu einem Medium zu gehen. Meine Beraterin umarmte mich noch ein paar Mal und als ich gerade am Gehen war, sagte sie abschließend zu mir: „Das Leben ist ein Geschenk."

Motherboard: Forscher beweisen den Glauben an Übernatürliches

So sehr ich Medium Nummer Vier auch sympathisch fand, sie war trotzdem die vierte Person von vier, die angeblich Kontakt zu einer nicht-existierenden Emily hergestellt hat. Mein 13-jähriges Ich fühlte sich bestätigt. Houdini wäre stolz auf mich gewesen.

Ich konnte immer noch nicht wirklich glauben, dass ich vier Wahrsagern erfolgreich einen Bären aufgebunden hatte. Ich entschied mich dazu, allen vier Frauen eine Nachricht zu schicken, in der ich alles gestehe. Ich wollte wissen, wie sie auf die Tatsache reagieren würden, dass sie vorgegeben hatten, den Kontakt zu einer nicht-existenten Person hergestellt zu haben.

Medium Nummer Eins: „Es gibt ein übernatürliches Wesen, das dir etwas mitteilen will. Aber warum machst du sowas überhaupt?"

Medium Nummer Zwei meinte nur, dass meine Lüge bei der Halsketten-Geschichte ziemlich offensichtlich wurde.

Medium Nummer Drei rief mich kurz nach dem Abschicken der Nachricht an. Sie sagte, dass sie das Foto las und mir einfach nur mitteilte, was sie von dem Bild erfahren hatte: Die abgebildete Person ist glücklich. Das bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass sie dachte, dass das junge Frau auf dem Bild Emily war. Auch als ich mich noch nach dem Teil mit dem Schutzengel und der Weiterentwicklung erkundigte, hielt sie an ihrer Meinung fest.

„Das Lesen eines Bildes zeigt mir, was in einem vergangen Leben los war und was in diesem Leben los ist. Wenn mir also gesagt wird, dass sie irgendwann dein Schutzengel war, dann war sie auch ein Schutzengel", meinte sie. Anschließend fügte sie noch hinzu, dass unsere Sitzung sowieso nur ungenau war, weil ich es ja von Anfang an nicht ernst meinte. Ich bin mit einer Energie reingekommen, die meine Schwester betraf, und genau das konnte sie spüren. Mein Verhalten war nicht anständig und sie ruft jetzt auch andere Wahrsager an, um sie vor mir zu warnen. Zum Abschluss erzählte sie mir noch davon, wie sie den Test von anderen Skeptikern bestanden hätte, und bot mir noch eine weitere Sitzung an, bei der sie Geheimnisse ans Tageslicht bringen würde, von denen noch nicht mal meine engsten Freunde wissen. Ich lehnte dankend ab.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Medium Nummer Vier mein Geständnis wirklich verstanden hat: „Nun, meine Liebste, du hast eine Schwester und sie beschützt dich! Und natürlich liebt sie dich auch ... Pass auf dich auf und meditiere. Und noch mal: Dein Verlust tut mir schrecklich leid."

Ich glaube nicht, dass mich irgendeine dieser Frauen absichtlich in die Pfanne gehauen hat. Ich bin mir sicher, dass sie wirklich daran glauben, die Fähigkeit zu besitzen, mit toten Menschen zu kommunizieren und das Leben ihrer Kunden zu beeinflussen. Aber trotzdem hat von vier Wahrsagerinnen—also Leute, die behaupten, übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen und irgendwelche höheren Wahrheiten zu kennen—niemand gemerkt, dass ich sie mit einer erlogenen Geschichte konfrontiert habe. Vielleicht liegt das daran, dass ich mir die günstigsten ausgesucht habe, die ich nach einer kurzen Internet-Suche gefunden habe. Vielleicht bin ich auch eine so gute Lügnerin, dass (wie auch Medium Nummer Drei schon meinte) ich es geschafft habe, genügend spirituelle Energie zu erzeugen, um Emily wirklich lebendig zu machen. Es gibt wohl auch noch die Erklärung, dass alle wussten, was abging—ihnen das Ganze aber einfach egal war (ich habe sie ja schließlich trotzdem bezahlt). Vielleicht gibt es sowas wie übernatürliche Fähigkeiten aber auch gar nicht.

Mir wurde bei meinem Experiment nicht nur gezeigt, dass ich eine gute Lügnerin bin und das Ganze öfters machen sollte, sondern dazu auch noch ein Einblick in die Arbeitsweise von übernatürlichen Medien gewährt. Diese Menschen sind sehr talentiert darin, Emotionen aus einem herauszuquetschen und allgemeine Aussagen zu treffen, bei denen man die Lücken selbst füllt—man täuscht sich quasi selbst. Hier ein Beispiel: Das Medium sagt, dass ein weiblicher Geist über einen wacht, und daraufhin denkt man sich: „Scheiße, meine Tante/Oma/Mutter/Freundin/Cousine/Schwester/Lehrerin ist vor Kurzem gestorben, das kann ja nur sie sein!" Ich glaube, dass sich viele Menschen einfach nur an ein Medium wenden, weil es ihnen dabei hilft, mit der Angst vor dem Unbekannten (also dem Tod) klarzukommen und den scheinbar unfairen und zufälligen Ereignissen in unserem chaotischen Universum einen Sinn und eine Bedeutung zu geben. Für mich ist das reine Ausbeutung emotional schwacher und verletzlicher Menschen, aber wenn man an ein Leben nach dem Tod und an übernatürliche Kräfte glaubt, dann kann ich auch verstehen, wie einem eine solche Erfahrung Trost spenden und Halt geben kann. Ich meine, wer will denn nicht gerne wissen, ob es einem geliebten Familienmitglied—egal ob nun tot oder lebendig—gut geht?

Das war also mein erster (und wahrscheinlich auch letzter) Vorstoß in die Welt der Wahrsagerei. Ich werde hier jetzt niemanden anweisen, solche Dienste nicht in Anspruch zu nehmen. Wenn dich so etwas glücklich macht und du das nötige Kleingeld besitzt, dann nur zu. Egal ob man jetzt an übernatürliche Fähigkeiten glaubt oder nicht, am Ende gewinnen sowieso immer die Wahrsager, denn sie streichen ja auch die Kohle ein. Und wer weiß, vielleicht habe ich ja auch eine Schwester, von der ich nichts weiß und deren Geburts- und Todesdaten ich genau richtig geraten habe. In diesem Fall sollte ich vielleicht selber als Medium arbeiten. Ich bin mir sicher, dass Emily da nichts dagegen hätte.