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Eine geheime Aktennotiz im Herzen der Finanzkrise

Eine vertrauliche Notiz zwischen der US-Notenbank und einigen profitgierigen Bankern offenbart die geheimen Absprachen, die die Weltwirtschaft ins Chaos gestürzt haben.
26.8.13

Als mir ein Vogel die Endspiel-Notiz ins Fenster warf, konnte ich kaum fassen, was ich da las. So brisant, krank und schlichtweg übel war der Inhalt. Die Notiz bestätigt die Fantasie eines jeden Verschwörungstheoretikers: In den späten 1990ern spielten hohe Beamte des US-Finanzministeriums in einer Intrige führender Banker mit, in der es um die Verhinderung weltweiter Finanzregulationen ging. Wenn du dich mit der 26,3-prozentigen Arbeitslosigkeit in Spanien, der Verzweiflung und der Suchtepidemie in Griechenland, den Ausschreitungen in Indonesien oder dem Bankrott in Detroit beschäftigst, schau dir nochmal die Endspiel-Notiz an, den Ursprung von all dem Blut und den Tränen. Der Name des Finanzbeamten, der in den Komplott der Banker einstieg, ist Larry Summers. Heute ist Summers Barack Obamas erste Wahl für den Vorsitzenden der U.S. Federal Reserve, der Zentralband der Welt. Wenn die vertrauliche Aktennotiz echt ist, dann sollte er nicht in der Zentralbank arbeiten, sondern vielmehr in einem Kerker schuften, der für die unzurechnungsfähigen Kriminellen der Finanzwelt reserviert ist. Die Notiz ist echt. Um die Bestätigung zu bekommen, musste ich nach Genf fliegen und mir ein Treffen mit Pascal Lamy, dem Generalsekretär der Welthandelsorganisation (WTO), organisieren. Lamy, der Generalissimo der Globalisierung, sagte zu mir: „Die WTO ist keine geheime Verbindung von Multis, die heimlich Intrigen gegen das Volk schmieden. Wir führen hier keine Verhandlungen mit Zigarren rauchenden, reichen und verrückten Bankern.“ Dann zeigte ich ihm die Notiz. Alles begann mit Larry Summers Lakai Timothy Geithner, der seinen Chef daran erinnerte, die Vorstandsvorsitzenden in der Bank anzurufen und diese ihre Lobbyisten-Armee in Gang setzen zu lassen. „Da wir gerade in die Endphase der Verhandlungen um die WTO-Finanzdienstleistungen treten, wäre es, glaube ich, eine gute Idee, wenn Sie dich mal mit den CEOs in Verbindung setzen …“ Um zu umgehen, dass Summers für die entsprechenden Telefonnummern in seinem Büro anrufen musste (die nach US-Recht öffentlich vermerkt werden müssten), führte Geitner die Nummern von Privatleitungen der fünf zu diesem Zeitpunkt mächtigsten CEOs der Welt auf. Dabei handelt es sich um die folgenden Männer: Goldman Sachs: John Corzine (212)902-8281 Merrill Lynch: David Kamanski (212)449-6868 Bank of America: David Coulter (415)622-2255 Citibank: John Reed (212)559-2732 Chase Manhattan: Walter Shipley (212)270-1380 Lamy hatte Recht: Diese Männer rauchen keine Zigarren. Ruf sie ruhig mal an. Ich habe es getan und wurde von Reeds mit einem fröhlichen "Hallo" begrüßt—es war so lange fröhlich, bis ich zu erkennen gab, dass ich nicht Larry Summers war. (Anmerkung: Die anderen Nummern waren rasch vom Netz genommen. Und Corzine kann während seines Strafantrags nicht erreicht werden.)   Es ist nicht die kleine Verschwörung zwischen Summers und den Bankern, die so beunruhigend ist. Das Entsetzliche ist die Absicht des „Endspiels“ selbst. Lass mich diesen Punkt ausführen: Man schrieb das Jahr 1997. Der US-Finanzsekretär Robert Rubin setzte sich mit allen Kräften für die Deregulierung von Banken ein. Dies erforderte zum einen die Abschaffung des Glass-Steagall-Acts, um die Grenze zwischen Geschäftsbanken und Investmentbanken aufzulösen. Es war, als würde man Banktresore durch Roulettekessel ersetzen. Zum anderen wollten die Banken ein neues, hochriskantes Spiel spielen: Es nennt sich „Termingeschäft“. Allein J.P. Morgan verbuchte hierdurch 88 Billionen Dollar hohe Pseudo-Sicherheiten als „Vermögen“.    Der stellvertretende Finanzminister Summers (der Rubin bald als Sekretär ersetzen sollte) blockierte alle Bestreben, die darauf abzielten, Derivate zu kontrollieren. Doch was nützte es, US-Banken in Derivat-Spielhallen zu verwandeln, wenn das Geld letztlich in Staaten mit sichereren Bankgesetzen floh? Die Antwort der fünf großen Banken war: das Abschaffen der Bankkontrollen in jeder Nation der Welt—und zwar in einem Streich. Die Idee war ebenso brillant wie irrsinnig gefährlich. Wie ließ sich diese wahnwitzige Eskapade umsetzen? Der Schachzug von Summers und den Bankern war, sich das Financial Services Agreement (FSA), ein abstruser und harmloser Zusatz zu den von der WTO beaufsichtigten internationalen Handelsabkommen, zunutze zu machen. Bis die Banker ihr Spiel begannen, richteten sich die WTO-Abkommen auf den Warenhandel—das heißt den Tausch von meinen Autos für deine Bananen. Unter den neu entworfenen Regeln von Summers und den Banken mussten nun alle Nationen den Handel mit „bösen“ Waren akzeptieren—dazu zählen giftige Wertpapiere wie Finanzderivate. Bis zur Erneuerung des FSA durch die Banker kontrollierte jedes Land seine Banken innerhalb der eigenen Grenzen. Die neuen Spielregeln zwangen die Nationen nun dazu, die eigenen Märkte für die Citibank, J.P. Morgan und deren Derivate zu öffnen. Alle 156 Mitgliedsländer der WTO mussten ihre Trennungen zwischen Geschäfts- und Sparkassen und mit Derivaten zockenden Investmentbanken über den Haufen werfen. Die Aufgabe, die FSA zum Rammbock der Banker zu machen, wurde Geithner übertragen, der zudem zum Botschafter der Welthandelsorganisation ernannt wurde.

Banker drehen durch Warum in aller Welt würde ein Land zustimmen, sein Bankensystem von Finanzpiraten wie J.P. Morgan entern und erobern zu lassen? Im Fall von Ecuador ist die Antwort bescheuert. Ecuador war wahrhaft eine Bananenrepublik. Das gelbe Obst war die Lebensversicherung des Landes für harte Währung. Hätte Ecuador sich geweigert, das neue FSA zu unterzeichnen, hätten sie ihre Bananen gleich an die Affen verfüttern können und zurück in den Bankrott gehen können. Ecuador hat allerdings unterzeichnet. Und so weiter—bis jedes einzelne Land gezwungen war zu unterzeichnen. Jedes Land außer eins, sollte ich sagen. Brasiliens neuer Präsident Inacio Lula da Silva weigerte sich. Aus Vergeltung wurde Brasilien mit einem tatsächliches Embargo auf alle Produkte vom Handelskommissar der Europäischen Union, einem gewissen Peter Mandelson, gedroht. Das erfuhr ich aus einer weiteren vertraulichen Notiz, die mir zur Verfügung stand. Aber Lulas verweigernde Haltung zahlte sich für Brasilien aus, das während der Bankenkrise zwischen 2007 und 2009 neben anderen westlichen Nationen überlebte. China hat unterzeichnet—aber hat auch gnadenlose Forderungen gestellt. Es hat seinen Bankensektor einen Spalt weit geöffnet, um im Gegenzug Zugang und Kontrolle über den amerikanischen Autoteilemarkt und andere Märkte zu haben. (Prompt gingen zwei Millionen US-Jobs nach China.) Das neue FSA hat den Deckel der Büchse der Pandora des weltweiten Terminhandels geöffnet. Unter den verrufenen Geschäftshandlungen, die legalisiert wurden, war auch ein geheimer Euroderivate-Swap zwischen Goldman Sachs und Griechenland, der das Land letztendlich ruinierte. (US-Finanzminister Rubin war übrigens ebenfalls im Vorstand von Goldman Sachs.) In Ecuador, dessen eigener Bankensektor dereguliert und zerschlagen war, kam es zu Aufständen. Argentinien war gezwungen, seine Ölfirmen (an Spanien) und seine Wassersysteme (an Enron) zu verkaufen, während die Lehrer im Land in Mülleimern nach Essen suchten. Dann sind die Banker in der Eurozone in das Becken voller Derivate gesprungen, ohne zu wissen, wie man schwimmt—und heute wird der gesamte Kontinent in kleinen Häppchen an Deutschland verkauft. Natürlich waren es nicht nur Drohungen, die das FSA ausmachten, es war auch die Versuchung. Schließlich fängt alles Böse mit einem Biss von einem Apfel an, den eine Schlange anbietet. Der Apfel: der schimmernde Haufen Gewinn für lokale Eliten versteckt im FSA. Die Schlange hieß Larry Summers. Stammt all das Böse und der Schmerz nur von einer einzigen Notiz? Natürlich nicht: Das Böse war das Spiel selbst, wie es von der Bankerclique gespielt wurde. Die Notiz hat nur ihren Spielplan zum Schachmatt enthüllt. Und die Notiz deckt eine Menge über Summers und Obama auf. Während noch immer Milliarden bemitleidenswerter Seelen unter dem weltweiten Desaster der Banker leiden, erging es Rubin und Summers nicht all zu schlecht. Rubins Deregulierung der Banken erlaubte die Schöpfung einer Finanzmonstrosität namens „Citigroup“. Innerhalb weniger Wochen nach seinem Rücktritt war Rubin Verwaltungsmitglied, dann Vorsitzender der Citigroup—die zwar auch bankrott ging, aber es immerhin noch schaffte, Rubin insgesamt 95 Millionen Euro zu zahlen. Danach übernahm Rubin einen anderen Posten: als Hauptsponsor eines jungen Staatssenators namens Barack Obama. Nur Tage nach seiner Wahl zum Präsidenten gab Obama, nach Rubins Beharren, Summers den seltsamen Posten des US-„Wirtschaftszars“. Timothy Geithner wurde seine Zarin (als Finanzminister). Summers legte sein königliches Zepter 2010 nieder. Er ging zurück als Unternehmensberater zur Citigroup und anderen Geschöpfen der Bankenderegulierung, dessen Zahlungen Summers seit der Endspiel-Notiz ein Eigenkapital von 23 Millionen Euro beschert haben. Dass Obama nun, nach Forderung von Robert Rubin, Summers ausgewählt hat, den Vorstand der Federal Reserve zu leiten, heißt leider, dass wir noch immer weit entfernt sind vom Ende des Spiels.

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