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Alles, was ich über meine Abtreibung erzählen kann

"Für mich war es nie eine Frage, ob ich abtreibe. Es war nur eine Frage, wie schnell es geht."

von Molly Crabapple
09 April 2013, 10:45am

Illustration von Molly Crabapple

1971 wurde das „Manifest der 343“ in Frankreich veröffentlicht, als Abtreibungen noch illegal waren. 343 Frauen unterschrieben das Geständnis, dass sie eine Abtreibung hatten, und das zu einer Zeit, als es schon strafbar war, nur darüber zu reden. Mit auf der Listen waren die Schauspielerin Catherine Deneuve und die Autorinen Marguerite Duras, Francoise Sagan, Simone de Beauvoir und Jeanne Moreau. So ziemlich jede an Zigaretten saugende französische Sexikone war dabei. Die Zeitungen nannten sie die „343 Schlampen“. 1974 wurden Abtreibungen dann legal in Frankreich. Dank den 343 Schlampen.

Aber überlassen wir es nicht nur den Französinnen, Abtreibung glamourös zu machen.

Das Manifest inspirierte nämlich im gleichen Jahr die Aktion „Wir haben abgetrieben!“ in Deutschland. Unter den insgesamt 374 Frauen, die im Stern ihre Abtreibung öffentlich machten, waren unter anderem Senta Berger, Romy Schneider und Alice Schwarzer. Genau wie in Frankreich war sogar das öffentliche Bekenntnis illegal. Und auch heute ist nicht alles eitel Sonnenschein mit der Rechtslage. Auch in Deutschland. Noch immer müssen Frauen viel zu viele Kriterien erfüllen, um nicht für eine Abtreibung strafrechtlich verfolgt zu werden.

Heute sind Abtreibungen im Westen jedoch offiziell legal—sogar in den USA, in denen ich lebe. Aber kaum eine berühmte Frau würde hier zu Lande so ein Geständnis unterschreiben.

Wenn jemand das Recht einer Frau, sich für oder gegen das Kind zu entscheiden, unterstützt, werden meistens Sonderfälle hervorgehoben: Vergewaltigungsopfer, lebengefährliche Schwangerschaften oder Teenager, die nicht wissen, wie man Babys macht. Diese Argumente lassen es manchmal so aussehen, als wären Abtreibungen etwas, das nur „anderen“ Frauen passiert. Frauen, die nicht wie wir sind. Was, trotz aller Aufklärung, genau das war, was ich dachte, als ich mit 20 feststellte, dass ein Embryo in mir heranwächst.

Mit einem Mal war die Andere ich.

Es gibt so viele Gründe, aus denen Frauen abtreiben müssen. Diese Gründe haben oft etwas mit Geld zu tun. Manche Frauen, die sie sich lange ein Kind gewünscht haben müssen aus Krankheitsgründen Schwangerschaften abbrechen. Abtreibungen bedeuten manchmal Trauma, manchmal Enttäuschung, manchmal Erleichterung. Es gibt Millionen von Abtreibungsgeschichten, genauso wie es Millionen Geschichten von Ficken, Kinder kriegen und Krieg gibt. Keine davon sind representativ. Das hier ist meine.

Für mich war es nie eine Frage ob ich abtreibe. Es war nur eine Frage, wie schnell es geht. Ich hatte noch nie mütterliche Instinkte. Und ich war pleite. Meine größte Errungenschaft war die Tatsache, dass ich nicht in einem Zimmer lebte, durch das jemand durch muss, wenn er aufs Klo will. Ich schlief auf einer Matratze auf dem Boden und arbeitete als Nacktmodell für Amateurfotografen—ein Job, von dem ich annahm, dass er mit meinem zerhackten Körper in einem Müllcontainer enden würde. Ich war in einem Kunststudiengang immatrikuliert.

Ein Baby hätte das Ende von allem, was ich bis dahin erreicht hatte, bedeutet. Selbst schwanger zu sein hat, mich erkennen lassen, warum Frauen sich vor Roe v. Wade Stricknadeln in den Gebärmutterhals stießen. Abstrakte Argumente waren weit weg, als ich einmal pro Stunde über dem Klo hing, mich übergeben musste und nur wieder so sein wollte, wie vorher.

Die Schwangerschaft fühlte sich an wie eine Mischung aus Magen-Darm-Entzündung, klinischer Depression und einem nasses grauen Handtuch, das jemand um mein Gehirn gewickelt hatte. Wenn ich morgens mit Fieber auf dem Weg zur Uni auf dem kalten Bahnsteig stand, stellte ich mir vor, dass ich mich gleich auf die Gleise werfen würde.

So sehr ich Angst vor der OP hatte, war ich militante Befürworterin für das Recht auf Abtreibung. Und weil ich genau das dachte, tat ich so, als wäre meine eigene Abtreibung, keine große Sache.

Am Tag meiner Abtreibung posierte ich noch nackt für eine Pin-Up-Skateboard-Linie. Mit den anderen Models saß ich in dem höhlenartigen weißen Studio und schob mir einen Minzkaugummi nach dem anderen rein. Zu dem Zeitpunkt war das das Einzige, was mich nicht zum Kotzen brachte. Stylisten bauschten meine Haare auf, malten meinen Mund an und bogen meinen Rücken in die schmerzhafte gewölbte Position, die Gil Elvgren immer gezeichnet hat. Es war ein schwieriges Shooting, aber ich war über die rosarote Künstlichkeit froh. Ich nahm mir vor, tough und gutgelaunt zu sein. Rücken gerade. Schultern zurück. Willenskraft über Biologie. Ich würde mich gegen meinen eigenen Körper durchsetzen.

Vor dem Krankenhaus standen zwei alte Männer, die ein Schild mit einem verblassten, zerteilten Fötus darauf hochhielten. Ich konnte nicht sagen, was ramponierter war, die Männer oder das Schild. Sie waren zwei traurige Vertreter der Protestarmee gegen Abtreibung. Genussvoll streckten mein Freund und ich ihnen unsere Mittelfinger entgegen.

Alles, was mit dieser Klinik nicht stimmte, machte mich wütend auf das Land, das sie in den Ausnahmezustand versetzte. Ich hatte mir fest vorgenommen, nett und freundlich zu sein. Die Leute am Empfang waren vielleicht schlecht gelaunt, als wir ihnen unsere 350 Dollar in die Hand gedrückt haben.

Mein Freund bezahlte und ging. Danach kamen sieben Stunden lang Bluttests und Ultraschalluntersuchungen. Und vor allem warten. Es sind keine Freunde oder Verwandten erlaubt, die dich begleiten. Du wartest allein auf deine Abtreibung.

Ungewollte Schwangerschaften sind Frausein von seiner schlimmsten und kuhartigsten Seite—die versteckte Zuchtstute in der Sexbombe. Du bist schon noch du selbst, voller Scharfsinn, Träumen und Abenteuerlust. Aber die Biologie hat sich gegen dich verschworen, lockt dich in die Falle und macht dich krank. Individuen sind der Natur egal.

Nach sieben Stunden habe ich endlich mit einer Beraterin gesprochen. Sie musste sicher gehen, dass ich nicht wegen einem Mann, der mich missbraucht, abtreibe. Während sie die Fragen auf ihrer Checkliste abarbeitete, brach ich in Tränen aus. Sie war die erste Person in dieser Klinik, die sich um mich gekümmert hat.

Ich zog mich aus und schlüpfte in mein Papierkleid. Ziemlich bald nach meiner Abtreibung begann ich, mir Tattoos stechen zu lassen. Das war meine Art, meinen Körper als meinen eigenen zu markieren. Selbst nackt, selbst krank, selbst wenn mich jemand erschießen würde und zwischen einem Haufen anderer Leichen liegen lassen würde, mein Körper wäre nicht mehr anonym.

„Ich lasse meine Schuhe an!“, sagte eine Frau auf der anderen Seite meiner Umkleidekabine.

„Dann bekommen sie ihr Baby auf ihre Schuhe“, antwortete die Schwester.

Ich legte mich auf den OP-Tisch, meine Beine in die Gynäkologensteigbügel. Der Arzt fragte mich nach meinem Job. Es kam mir so trivial vor, dieses Geplänkel, was mich irgendwie menschlicher machen sollte. Ich weiß, dass es die Patientinnen von den Schmerzen ablenken soll. Die Schwester hörte nicht auf, mit einer Nadelspitze auf meine Handrücken einzustechen. Ich zuckte weg. Sie machte mich an, ich solle still halten. Das ist das letzte, woran ich mich erinnere, bevor die Narkose wirkte. Später habe ich den Moment mit halluzinatorischer Klarheit wieder und wieder vor meinem inneren Auge abgespielt. Ich hatte doch so unbedingt stark sein wollen.

Ich erinnere mich, wie ich von einer Krankenhaustrage runterkroch und und mich in einen Stuhl setzte, neben mir eine Frau, die langsam wieder wach wurde. Das Personal gab uns Aspirin und einen Keks. Die Frau fing an, zu reden. Sie war eine junge, hübsche Mutter. Die Väter ihrer beiden Kinder waren im Knast. Der Mann, der sie mit ihrem gerade abgetriebenen Kind schwängerte, wollte, dass sie es behält. Sie sagte mir, dass sie nicht mehr daran glaubte, dass Männer sich noch um ihre Kinder kümmern. Sie hatte zwei Jobs und wollte eine gute Mutter für ihre beiden Kinder sein.

Dieses Gefühl, das wir beide hatten, als wir da saßen und an unseren Keksen knabberten, würde ich später wieder erkennen. Es ist das gleiche Gefühl, wie wenn man mit anderen Demonstanten in einer Gefängniszelle sitzt. Ein Gefühl der Solidarität.

Mein Freund holte mich ab und brachte mich nach Hause. Mein bester Freund kaufte mir Blumen.

Das graue Schwangerschaftshandtuch war weg. Die flüchtenden Hormone, kombiniert mit der Narkose, waren wie ein Schlag in die Magengegend. In dieser Nacht hatte ich Halluzinationen von der brüllenden Schwester. OPs haben ihren eigenen Horror. Du bist ein Individuum. Sie machen dich zu Fleisch.

Ich war zu traumatisiert, um zu meiner Nachbehandlung zu gehen. Ich hätte hingehen sollen. Ich verbrachte den Großteil des folgenden Monats mit Fieber im Bett. Es war Winter. Die alten Männer, die Anatomiekurse gaben, hatten kein Verständnis dafür, dass ich aus Krankheitsgründen nicht zur Uni kam. Ich hörte auch auf zu studieren. Es war die richtige Entscheidung, aber Krankheit war der Grund.

Zwischen Modelaufträgen lag ich tagelang im Bett, Berge ungewaschener Wäsche auf dem Boden neben mir. Brav habe ich weiter Kunst produziert. „Arbeite, wenn auch talentfrei“, sagte ich mir immer wieder, um weiter zu zeichnen, zu lächeln, meine Beine zu bewegen und mich zum nächsten Job tragen lassen.

Ich fing an, zwanghaft nach Abtreibungsberichten im Internet zu suchen. Frauen, denen es nichts bedeutet hatte. Frauen, denen es alles bedeutet hatte. Am meisten Frauen, die es nicht bereuten. Für das rechte Lager hieß Genesung immer, dass man Reue zeigte. Für die Linken solltest du gar nicht heilen müssen. Bei Abtreibungen war es anders als bei Fehlgeburten. Bei Frauen mit Fehlgeburten war das tragisch. Wir waren schlechte Menschen. Wenn du eine Abtreibung hattest, schleppst du dich am nächsten Morgen zur Arbeit. Niemand schuldet dir Mitleid. Sei doch froh, dass du überhaupt eine Abtreibung bekommen konntest.

In der Regel ist der Besuch in der Abtreibungsklinik der einzige Moment, in dem Mädchen aus bürgerlichen Verhältnissen einmal mit der schroffen, schmerzvollen Realität der amerikanischen Unterklasse in Berührung kommen. Die, die Geld haben, gehen zu Privatkliniken. Dort ist es viel persönlicher und weniger öffentlich. Ordentliche Schmerzmittel, keine Demonstranten in der Nähe und daneben dein Mann, der dir die Hand hält.

Meine Abtreibung war der Moment, in dem meine politischen Einstellungen plötzlich mich selbst betrafen. Natürlich kann man zu einer Demo gegen den Irakkrieg gehen. Aber es geht sehr viel tiefer, wenn du weißt, dass alte, vermoderte Politiker dich dazu zwingen können, ein Kind zu gebären. Dass sie dich, dich als Person, vor 50 Jahren noch einen schmerzhaften Tod hätten sterben lassen.

Für Frauen ist die Möglichkeit, abtreiben zu lassen, genauso wichtig wie das Wahlrecht. Es schafft die Basis dafür, dass fruchtbare Frauen ein gleichberechtigtes Leben führen können.

Was mich aus der Depression herausgeholt hat, war, dass ich nicht die Klappe gehalten habe. Ich redete mit meinen Freundinnen über meine Abtreibung. Mit Bekanntschaften. Oft mit einer Schonungslosigkeit, die vielen wahrscheinlich ziemlich unangenehm und lästig war. Dabei fand ich heraus, dass fast jede Frau, mit der ich sprach, auch schon eine hatte. Hinter unseren schönen Gesichtern, guten Noten und tollen Job, teilten wir den gleichen Schmerz und die Erinnerung.

Ich habe noch nie in der Öffentlichkeit über meine Abtreibung gesprochen. Es ist Angst einflößend. Man erwartet Todesdrohungen, oder dass jemand einen „Baby-Killer“ nennt. Unsere Gesellschaft bringt uns bei, stilvoll zu sein, das Private zu verstecken und so zu tun, als wäre man nur für Andere politisch aktiv.

Erzähle niemals deine eigene Geschichte, nie.

Dabei gehört unser Schweigen auch zu den Gründen, dass Abtreibung oft eine politische Zielscheibe ist, gerade in den USA. Geschichten retten Leben.

Ich hatte eine Abtreibung. Ich bereue es nicht. Ich habe keine Angst.

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