Der Mann, der ständig betrunken ist, da sein Körper Alkohol produziert

Eine menschliche Brauerei zu sein ist grausamer, als es sich erstmal anhört. Wenn Matthew Zucker oder Kohlenhydrate aufnimmt, werden sie in seinem Körper zu Ethanol verwandelt, wodurch er entweder angetrunken oder verkatert ist.

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Feb. 11 2014, 5:06pm

Titelfoto: Matthew Hogg bei einem Glas Wasser mit einem Freund

Stell dir vor, dein Körper könnte selbstständig Alkohol produzieren. Du wärst durchgehend beschwipst und müsstest nie wieder an einer Bar anstehen. Andererseits wärst du wahrscheinlich auch in unangemessenen Situationen betrunken und vor allem durchgehend verkatert. Das sogenannte „Eigenbrauer-Syndrom", bei dem Hefeexzesse im Dünndarm puren Alkohol produzieren, der direkt in den Blutkreislauf gelangt, gibt es tatsächlich, doch die Wirkung scheint leider eher dem zweiten Szenario zu gleichen.

Matthew Hogg lebt seit fast 20 Jahren mit dem Syndrom. Wenn er Zucker oder Kohlenhydrate aufnimmt, werden sie in seinem Körper zu Ethanol verwandelt, wodurch er entweder angetrunken oder verkatert ist. Ich habe ihn angerufen, um herauszufinden, wie es sich anfühlt, eine Art wandelnde Brauerei zu sein.

Matthew als Kind im Krankenbett, bevor das Syndrom diagnostiziert wurde

VICE: Hi Matthew. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass dein Darm eigenen Alkohol produziert?
Matthew Hogg: Ich habe meine ganze Kindheit lang unter Verdauungsstörungen gelitten. Anfangs wurde mir ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert, aber als Teenager haben sich meine Symptome stark verschlimmert. Nach den Mahlzeiten hatte ich so starke Blähungen, ich konnte den Gärungsprozess in meinem Unterleib spüren. Noch schlimmer war allerdings, dass neue, ziemlich beängstigende Symptome dazukamen. Ich fühlte mich betrunken und litt an chronischer Müdigkeit, Muskelschmerzen, chronischen Kopfschmerzen, geistigen Beeinträchtigungen, Stimmungsschwankungen und so weiter.

Hast du dich auch verkatert gefühlt?
Ja, als älterer Jugendlicher hatte ich schlimme Kater, am schlimmsten war es meistens morgens, wenn ich eine Mahlzeit mit vielen Kohlenhydraten gegessen hatte. Ich hatte stechende Kopfschmerzen und Übelkeit, gelegentlich musste ich mich übergeben. Ich war dehydriert, hatte einen trockenen Mund, kalten Schweiß und zitternde Hände. Es war, als hätte ich die letzte Nacht durchgemacht und die Bar leer getrunken, aber ich hatte gar keinen Alkohol zu mir genommen.  

Das klingt furchtbar. Wann wurde das Eigenbrauer-Syndrom bei dir diagnostiziert?
Irgendwann wurde ich an einen Spezialisten in London verwiesen, den verstorbenen Dr. Keith Eaton. Sein Test bestätigte, dass durch Hefebakterien große Mengen Ethanol in meinem Darm produziert werden. Durch die Stoffwechsel weiterer Bakterien entstanden außerdem große Mengen anderer Alkoholika. Dr. Eaton diagnostizierte das Eigenbrauer-Syndrom bei mir, und seine Diagnose wurde von anderen Ärzten bestätigt, die sich auf ungewöhnliche und unerkannte chronische Krankheiten spezialisiert hatten.

Welche Auswirkungen hatte die Diagnose auf dein Leben?
Sie hatte enorme und verheerende Auswirkungen auf mein Leben. Bis 16 hatte ich in der Schule nur Einsen und fand den Unterricht angenehm und bereichernd. Ich war ein eifriger Athlet und Sportler und hatte ein tolles Sozialleben. All das änderte sich, als sich das Eigenbrauer-Syndrom bemerkbar machte. Ich hatte große Schwierigkeiten in der Schule, obwohl ich wusste, dass ich sie eigentlich nicht haben sollte. Ich musste mit dem Sport aufhören, weil ich schon nach einem leichten Lauf erschöpft war. Ich hatte Angst, weil ich nicht wusste, was mit mir los war, und war zugleich frustriert und wütend, dass ich nicht mehr auf dem gewohnten Niveau funktionierte. Mein Sozialleben litt stark. Ich fühlte mich einsam und mir fehlte die Energie und die Motivation, mich an Dingen zu beteiligen.

Was hast du dann gemacht?
Mit 18 habe ich es geschafft, auf die Sheffield University zu kommen und Informatik zu studieren. Letztlich war es aber egal, denn der Auszug von zu Hause, das Studium und das Kennenlernen neuer Leute war zu viel für meinen vergifteten Körper. Ich habe weniger als zwei Semester durchgehalten. Ich bin nach Hause gekommen und habe einen Job gesucht, aber auch das war zu viel für mich. Ich habe eingesehen, dass ich eine staatliche Unterstützung beantragen musste. Mit dem Eigenbrauer-Syndrom allein wäre sie mir nicht gewährt worden, weil es staatlich und medizinisch nicht anerkannt war.  Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber auch schon das Reizdarmsymptom, das chronische Erschöpfungssyndrom, Depression und Angst angesammelt, deshalb wurde mein Antrag bewilligt.

Wann war das?  
Ich habe von 1999 bis 2008 von staatlichen und familiären Hilfeleistungen gelebt. Dann brachte meine Webseite über kaum erforschte chronische Erbkrankheiten—The Environmental Illness Resource—durch Werbung ein ausreichendes Einkommen ein und ich konnte mich selbstständig machen. Das ging aber nur bis 2012. Jetzt werde ich von meinen Eltern und meiner wundervollen Freundin Mandy unterstützt, mit der ich jetzt zusammenlebe. An der Environmental Illness Resource arbeite ich so gut ich kann weiter, denn die Informationen helfen vielen Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.

Was würdest du machen, wenn du nicht vom Selbstbrauer-Syndrom betroffen wärest?   
Ich hatte Ambitionen, Akademiker zu werden, professioneller Athlet, Wissenschaftler, Ingenieur oder Flugzeugpilot. Nun bin ich fast 35 und habe meine Tage, von denen jeder einzelne ein Kampf war, zu Hause verbracht. Aber ich gebe mein Bestes, um positiv zu bleiben und Freundschaften zu pflegen. Ich glaube, dass ich meine Gesundheit eines Tages wiedergewinne. Ich will nur meinen Lebensunterhalt verdienen, eine Familie und Hobbys haben und unter Leute kommen.

Wie oft fühlst du dich betrunken oder verkatert? Jeden Tag?
Wenn ich mich normal durch Getreide, Obst und industriell verarbeitete Lebensmitteln mit zusätzlichem Zucker ernähren würde, hätte ich die Symptome jeden Tag. Aber ich habe gelernt, meine Ernährung so anzupassen, dass die Gärungsprozesse in meinem Darm minimiert werden. Ich habe jahrelang eine Art Mittelalter-Ernährung mit Fleisch, Gemüse, Nüssen und Samen gemacht. Aber die Ursachen meiner Beschwerden verschwanden trotzdem nicht. Ich leide also noch immer unter chronischen Symptomen wie Müdigkeit, Schmerzen, Stress- und Belastungsintoleranz und kognitiven Störungen, aber nicht mehr unter den Symptomen eines akuten und schlimmen Katers.

Es ist wahrscheinlich das Letzte, worauf du Lust hast, aber hast du schonmal extra viele zuckerhaltige Lebensmittel gegessen, um betrunken zu werden?   
Ehrlich gesagt kommt es in sozialen Situationen immer wieder vor, dass ich gezwungen bin, süße und stärkehaltige Lebensmittel zu essen, und ich habe es auch freiwillig getan. Generell halte ich mich aber lieber an die Low-Carb-Diät, weil die negativen Folgen den Moment des Genusses überschatten. Es war immer so, dass ich mich mehr verkatert als betrunken gefühlt habe. Manche Leute nehmen an, dass mein Leiden ein billiger Weg zum Rausch ist, aber das ist leider nicht die Realität.

Aber du kannst dir durch das Essen von Zucker und Kohlenhydraten einen Rausch verschaffen.
Ja. Besonders in meiner späten Schulzeit gab es oft Momente, in denen ich mich betrunken fühlte, ohne Alkohol getrunken zu haben. Anstelle von Momenten müsste ich eigentlich eher von Phasen sprechen, weil es einige Stunden gedauert hat. Diese Phasen des Rausches folgten auf eine Mahlzeit. Nach ein paar Stunden ließ die Wirkung wieder nach und ich merkte, wie ich wieder zu normalem Bewusstsein kam.

Meine Haupterinnerung an diese Zeit ist aber meine Frustration, dass mein Gehirn nicht auf dem gewohnten Niveau funktionierte. Ich habe mir Gleichungen angesehen und wusste, dass ich eigentlich kein Problem haben sollte, sie zu verstehen und zu lösen, aber in dem Moment sahen sie wie Kauderwelsch aus. Es gab auch Phasen, in denen ich nicht ich selbst war. Normalerweise war ich in der Schule mit allen befreundet. Manchmal habe ich Leute mit ungewöhnlichem Verhalten verärgert—wie ein Betrunkener, der Ärger provoziert oder dem Sätze rausrutschen, die er im nüchternen Zustand nicht gesagt hätte.

Das klingt ja nicht so cool. Wie haben die Leute reagiert, wenn du ihnen erzählt hast, dass dein Körper eigenen Alkohol braut?
Die Reaktionen variieren sehr stark—von sturem Unglauben bis hin zu Hilfsbereitschaft. Ich bin immer noch mit vielen engen Freunde aus der Schule in Kontakt. Sie sind so verständnisvoll, wie man nur sein kann, wenn man selbst nicht von den Beschwerden betroffen ist.

Ist der Umgang mit dem Syndrom schwieriger, weil es so unbekannt ist?  
Auf jeden Fall. Ich bekomme ständig Nachrichten von den Besuchern meiner Webseite, die auch daran leiden und erzählen, dass ihr Arzt, ihr Chef, ihre Kollegen und sogar ihre Freunde, Familienangehörige und Partner es einfach nicht nachvollziehen können. Die Leute denken oft, dass wir uns die Beschwerden einbilden.

Was rätst du anderen Menschen, die unter dem Eigenbrauer-Syndrom leiden?
Ich möchte die Leser, die vielleicht auch von von dem Eigenbrauer-Syndrom betroffen sind, gerne wissen lassen, dass es wirkungsvolle Behandlungsmöglichkeiten gibt, besonders, wenn die Beschwerden frühzeitig erkannt werden. Als ich krank wurde, war das Syndrom komplett unbekannt und ich habe zehn Jahre lang falsche Dinge getan, mit denen ich die Situation nur verschlimmert habe. Ich hoffe, dass meine Geschichte den Leuten hilft, die Symptome bei sich selbst oder ihren Freunden zu erkennen, und sie sich so bald wie möglich Hilfe und Beratung einholen.

Danke, Matthew.

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