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Beelzebubs Tochter

Wie Zeena Schreck der Church of Satan entkam.

Archivbilder mit freundlicher Genehmigung von Zeena Schreck


Zeena am Ufer des Grunewaldsees in Berlin

Sogar gemessen an den New-Age- und sektenfreundlichen Verhältnissen in L.A. wuchs Zeena Schreck unter bizarren und traumatischen Verhältnissen auf: Sie wurde von Eltern erzogen, die den Teufel berühmter machten, als er es je zuvor war. Zeena ist die Tochter der Church-of-Satan-Gründer Anton LaVey and Diane Hegarty und die Empfängerin der ersten Taufe durch diese Sekte. Mit 13 Jahren war sie von der CoS vollständig indoktriniert, erhielt regelmäßig Todesdrohungen und erwartete ein Kind. Später wurde sie zur Hohepriesterin der CoS geweiht und deren Sprecherin zu einer Zeit, als Yuppies der Reagan-Ära gerade wegen der Geschichten über Kinder, die angeblich von ihrer Sekte im Wald geopfert wurden, total ausflippten. Allen Umständen zum Trotz gelang es Zeena, sich gegen die egozentrischen Fanatiker, die sie aufgezogen hatten, aufzulehnen. 1990 trat sie zusammen mit ihrem Mann Nikolas Schreck aus der Sekte aus. 2002 gründete das Paar eine religiöse Körperschaft, the Sethian Liberation Movement, die es Menschen ermöglicht, Magie zu erlernen und auszuüben, ohne einer unterdrückerischen Sekte beitreten zu müssen, und die ehemaligen Sektenanhängern dabei hilft, sich von ihrer traumatischen Vergangenheit zu befreien. Irgendwie ist es ihr gelungen, ihr chaotisches Leben in ein spirituelles, friedliches Dasein zu verwandeln, und obwohl ich nicht bezeugen kann, ob sie über magische Kräfte verfügt, scheint sie doch einige Male während des Interviews genau vorhergesehen zu haben, was ich sie fragen würde.

VICE: Erinnerst du dich an die ersten Tage des Satanismus, oder war das vor deiner Zeit?
Zeena Schreck:
Mein Vater probierte Verschiedenes aus: Er hielt Freitagnacht-Vorlesungen, die er „magische Zirkel“ nannte, und veranstaltete Burlesque-Shows mit Strippern, die als Hexen und Vampire verkleidet waren, aber nichts, was man „satanisch“ hätte nennen können.

Er hatte einen zahmen Löwen, mit dem er durch die Straßen San Franciscos spazierte. Er tat also alles, um sich vor Ort zu vermarkten. Erst als ein Publizist eine Geschichte über ihn schrieb, in der er als der „erste Priester Satans“ bezeichnet wurde, kam er auf die Idee, seine eigene Religion zu gründen. So ähnlich war es, als L. Ron Hubbard Scientology gründete, und genauso entstehen alle anderen Sekten in Kalifornien. Meine Mutter war entsetzt, denn sie wollte einfach nur wie die Addams Family sein; aber das Ganze entwickelte sich so schnell, dass er die Kontrolle verlor.

Hattest du mit seinen ersten Anhängern zu tun? Wie waren die?
Er hatte Anhänger, die alles sehr ernst nahmen und wirklich an das Dasein Satans glaubten und weniger an Anton LaVeys Vorstellung von Satanismus. Es stellt sich heraus, dass er kaum Ahnung auf dem Gebiet hatte und erst im Laufe der Zeit eine im Grunde postmoderne Version des Satanismus entwickelte. Eine Manifestation seines Egos.

War ihm eigentlich klar, worauf er sich einließ?
Er war ziemlich konfus, und die Erben seiner Sekte sind es daher auch. Man warf ihm vor, er sei ein Betrüger—was richtig ist—aber er war kein sehr guter. Er war faul, plante nie voraus und kümmerte sich nie um seine Familie, denn das ist der Kern des LaVey’schen Satanismus: Nimm, was du kriegen kannst, lebe nur im Hier und Jetzt, kümmere dich nur um dich selbst und sorge dafür, dass andere Menschen sich um dich kümmern. Etwas für große Kinder.

Wie war es, mit jemandem unter einem Dach zu leben, der eine landesweite Satanismus-Hysterie ausgelöst hatte?
In der Nachbarschaft waren wir nicht beliebt, da unsere Anwesenheit für erhebliche Unruhe sorgte. Er zog jede Menge Psychopathen an, die bedrohliche Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterließen, die wir uns Tag und Nacht anhören mussten. Ich habe die meisten meiner Kindheitstraumata überwunden, wie etwa die Botschaften, die ich als Elfjährige für das San Francisco Police Department transkribieren musste. Darin wurde oft ausführlich beschrieben, wie ich getötet und vergewaltigt würde. Ich war auch darauf trainiert, die Nummernschilder von jedem Auto abzuschrauben, das zu lange vor dem Haus parkte, denn Vandalen warfen regelmäßig Eier und Bomben auf unser Haus oder schossen darauf. Motorengeräusche jagen mir heute noch einen Schrecken ein—das Geräusch, das immer einen Angriff ankündigte. Satanismus war nicht gerade beliebt.

Hatten deine Eltern dir erklärt, dass du als ihr Kind zweifellos Probleme haben würdest?
Ich musste mich selbst verteidigen, denn meine Eltern kamen nicht aus dem Bett, um mich zu beschützen. Sie überließen es anderen Leuten, sich um mich zu kümmern. Sie waren viel zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und stritten sich ständig. Diese Mentalität sowie unsere dysfunktionalen Beziehungen und die Gewalttätigkeit, Angst und Paranoia meines Vaters waren die Grundlage seiner Lehren.


Die dreijährige Zeena bei ihrer satanischen Taufe im Jahr 1967.

Was hat dich dazu veranlasst, Sprecherin der CoS zu werden?
In den 1980er Jahren begannen christliche Fundamentalisten, die Sekte als Sündenbock zu benutzen, auf den man mit dem Finger zeigen und den man für alles Mögliche verantwortlich machen konnte, wie etwa für heimliche Viehverstümmelungen, Kindesentführungen und verrückte, staatsfeindliche Verschwörungstheorien, von denen sie in den Nachrichten hörten. Ich geriet in Panik, es war, als würden sie meine Religion und meinen Vater angreifen. Also kontaktierte ich ihn und fragte ihn, wie er vorhatte, mit der Situation umzugehen. Ich erfuhr, dass er keine Pläne hatte, da es niemanden mehr gab, der ihm half und die Church of Satan eigentlich nicht mehr existierte. Die Mitglieder aus den 1960er und 1970er Jahren waren alle nicht mehr dabei; sie waren nur noch Namen auf einer Adressenliste. Ich beschloss daher, für eine begrenzte Zeit Sprecherin der CoS zu sein, ich wollte allen zeigen, dass wir wirklich existierten. Aus einem Jahr wurden dann irgendwie fünf, und durch mein Engagement bekam die Sekte sogar neue Mitglieder.

Mein Eindruck beim Lesen der alten Interviews: Du hattest alles im Griff.
Mein Vater, der immer zu gebrechlich und ängstlich war, um eigene PR zu machen, war glücklich, dass ich die Dinge in die Hand genommen hatte, aber er und die verbliebenen Mitglieder der Sekte waren mir keine Hilfe, als ich sie brauchte. Er lebte in einer Traumwelt, in der gesellschaftliche Fragen überhaupt kein Thema waren. Wir waren die Zielscheibe einer landesweiten Hexenjagd, und er wollte nur, dass ich über Marilyn Monroe und Jayne Mansfield sprach.

Der LaVey’sche Satanismus basiert eigentlich nicht auf Spiritualität, deshalb finde ich es interessant, dass du dich der schwarzen Magie zugewandt hast. Hat sie dir etwas gegeben, das dir die CoS nicht geben konnte?
Ich hatte immer schon eine natürliche Neigung zur Magie. Viele Menschen, die sich von der Sekte angezogen fühlten, hielten sich für Hexen und Zauberer im traditionellen Sinne, und ich habe viel von ihnen gelernt. Als ich mit 13 schwanger wurde, lernte ich Meditation, weil ich einen Weg finden musste, um die Wehen zu überstehen; ich musste während des Kaiserschnitts wach sein. Der Geist triumphiert über die Materie, und ich betrachtete das als eine Form von Magie. Hätte ich diese Erfahrung von Angst und Willenskraft nicht in so jungen Jahren gemacht, hätte ich mich nie bemüht, meine spirituelle Seite weiter zu ergründen.

Gab es einen bestimmten Moment, der dich erkennen ließ, dass alles, was dein Vater lehrte, Lügen waren, oder war das eher ein Erkenntnisprozess?
Das war viel später, wahrscheinlich durch eine Intervention des Gottes Seth. Er erwacht durch brutale Desillusionierung, Bitterkeit oder den Zusammenbruch all dessen, was du für real gehalten hast und das dir nun entrissen wird. Ich dachte: „Wie konnten meine Eltern mir das so lange antun, glaubten sie etwa, ich würde es nie herausfinden? Wie konnten sie mich über meine Identität und Religion belügen, die Dinge, um die ich für sie gegen die öffentliche Meinung ankämpfte, und mich dadurch als Idiotin dastehen lassen?“

Viele CoS-Mitglieder, auch dein Mann Nikolas, verließen die Sekte mit deinem Rücktritt vom Amt der Hohepriesterin. Basierte dein Rücktritt auf ideologischen Differenzen mit den Lehren der Sekte?
Ich denke, man sollte alles lernen können, ohne einer Organisation beitreten zu müssen. Also habe ich angefangen, schwarze Magie unabhängig von der Sekte zu lehren. Und viele Menschen, die ich unterrichtete und die Mitglieder der CoS waren, sahen auch, was sich hinter den Kulissen abspielte und waren genau wie ich desillusioniert.


Zeenas letzte Begegnung mit ihrem Vater Anton LaVey, kurz bevor sie 1990 von ihrem Amt als Hohepriesterin der Church of Satan zurücktrat. Foto von A. Wyatt Mann


Zeena entspannt sich daheim in Hollywood auf ihrem Sarg/Bett,1988. Foto von Max Kobal

Gab es Gegenreaktionen der verbliebenen Sektenanhänger?
Ihre Schikanen waren ein Grund für mich, die Sekte zu verlassen. Wie in den meisten Sekten, für die es am wichtigsten ist, das Image ihres Gründers zu schützen, bemühten sie sich jeden anzugreifen, der sich negativ über ihre Ansichten äußerte und die Wahrheit über sie preisgab. Nachdem wir ausgetreten waren, verließen wir die USA und zogen nach Europa, um uns auf kreative Tätigkeiten zu konzentrieren wie etwa [die Experimentalband] Radio Werewolf, die zum Werwolf-Orden gehörte, einer eher ökologisch orientierten magischen Gruppe.

Und danach wurdest du Mitglied des Temple of Set [ToS]. Warst du es nicht leid, einer Organisation anzugehören, selbst wenn sie offener war als die CoS?
Ich ließ mir Zeit und wechselte nicht von einer Gruppe zur nächsten. Als ich in Wien lebte, besuchte ich ein Museum, in dem ein Seth-Altar steht. Dort machte ich eine tief greifende Erfahrung, die mir half, meinen Weg für die Zukunft klar zu erkennen. Ich dachte aber immer noch: „Ich bin kein Herdentyp.“ Ich hätte wirklich auf meine innere Stimme hören sollen, aber ich habe es trotzdem gemacht. Ich schrieb einen Versöhnungsbrief an den Gründer Michael Aquino, ein ehemaliges CoS-Mitglied, da ich annahm, er habe eine ähnliche religiöse Erfahrung mit dem wahren Wesen Seth gemacht, bevor er die Gruppe gründete. Erst als ich die Gruppe besser kennenlernte, erkannte ich, dass sie ein Anton-LaVey-Fanclub war. Aquino wusste nichts über Religionskomparatistik, konnte weder über Theologie noch ägyptische Kosmologie diskutieren. Ich dachte immer: „Vielleicht ist er zurückhaltend; irgendwann wird er uns in seine Geheimnisse einweihen.“ Und genau das passierte nie. Es war das Erbe meines Vaters, eine weitere Missbrauch ausübende, korrumpierte Gruppe. Überhaupt nicht das, wonach ich suchte.

Es mag offensichtlich sein, aber was meinst du, mit all deinen Erfahrungen: Warum fühlen sich so viele Menschen von diesen pseudo-okkulten Gruppen angezogen?
Heutzutage sind die Menschen ziemlich hilflos und suchen nach Orientierung, daher darf man sich keinesfalls auf gut Glück auf den Okkultismus einlassen. Du solltest dich fragen: „Sind die ehrlich und wissen die, wovon sie reden? Und wenn sie nicht alle Fragen beantworten können, versuchen sie dann, Antworten zu finden oder schicken sie dich zu jemandem, der sie kennt?“ Doch unglücklicherweise führt das Bedürfnis nach Unterhaltung die Leute dazu, dass sie sich unterbewusst auf diese gefährlichen Gruppen einlassen—man möchte am Montag auf der Arbeit ja etwas Interessantes berichten können.

Als du und Nikolas den ToS verließen, habt ihr The Sethian Liberation Movement gegründet. Was ist der Hauptunterschied zwischen SLM und den Gruppen, die du verlassen hast?
SLM existiert zum Zweck der persönlichen Erleuchtung; die Bewegung ist ihrem Wesen nach tantrisch und basiert auf Meditation sowie Praktiken mit Seth. Wir kamen aus einem sektenähnlichen hierarchischen System, um jetzt organisch diese neue Einheit zu formen. Wir bemerkten dann, dass viele ehemalige ToS-Mitglieder niederen Ranges aufgrund der verschiedenen Misshandlungen, die ihnen angetan wurden, Probleme mit unbewältigtem Zorn und Feindseligkeit hatten. So entstand SLM zusammen mit einer Abteilung namens Phoenix, in der Menschen geholfen wird, schmerzhafte Erfahrungen durch Meditation und spirituelle Führung zu überwinden.

Was für schmerzhafte Erfahrungen?
Ich unterrichte weltweit Menschen unabhängig von ihrem Glauben oder Hintergrund: Drogensüchtige, Kinderstars, religionsorientierte Sektenanhänger der Scientology, Zeugen Jehovas, Mitglieder iranischer marxistischer Gruppen. Ich wollte Menschen helfen, die ein kurzfristiges Bedürfnis nach spiritueller Unterstützung haben, und die Techniken, die ich sie lehre, können ihnen bei der Lösung ihrer Probleme genauso helfen, wie sie mir halfen. Wenn ich dazu beitragen kann, die Saat zu säen, können meine Lehren ihnen auch später im Leben weiterhelfen, und auch wenn sie schließlich woanders nach Anleitung suchen, ist das OK.

Porträt von Florian Büttner