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Berlin, immer noch wütend

Bei der diesjährigen Silvio Meier-Demo gab es neben fünf verletzten Polizisten auch mindestens einen blutenden Nazi.

Am Samstag fand in Berlin Friedrichshain die jährliche Silvio Meier-Demonstration statt. Die „Döner-Morde“ und ungeheuerlichen Verstrickungen des Verfassungsschutzes sind omnipräsent. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf erschienen rund 3.000 Menschen zu der Demo, um dem Toten Respekt zu zollen und gegen Faschismus, Neo-Nazis und Kapitalismus zu protestieren. Ein starkes Gemeinschaftsbewusstsein war in der Gruppe deutlich zu spüren. Ich hatte daher große Hoffnung, dass ich ein ehrwürdiges Spektakel miterleben würde …

Der Typ vorne tat das einzig Richtige, als sich herausstellte, dass der nachmittägliche Marsch länger dauern würde als erwartet.

Sechs der neun eindringlichen Porträts der Opfer der „Döner-Morde“ wurden in Vorbereitung auf den langen, kalten Marsch aufgereiht. Zusammen mit den vielen Schwarzgekleideten war es eher düster. Der bärtige Typ in Pink war daher eine wunderbare Abwechslung.

Von einem Meer schwarzer Kondome umgeben sieht der Typ so aus, als würde er es echt ernst meinen.

Unter den Demonstranten herrschte wegen der Kameras unglaublich große Paranoia. Die meisten hatten sich ganz in Schwarz gehüllt, Kapuzen oder Mützen aufgesetzt, dunkle Sonnenbrillen im Gesicht, vereinigten sie sich zu einer Horde vermummter Kämpfer. Aber versuch mal, die Kamera auf einen einzelnen von ihnen zu richten. Dann musst du wirklich vorsichtig sein! Als Fotograf beging ich diesen Fehler. Das Resultat war, dass ich bepöbelt und bedrängt wurde. Ein Riese packte mich am Arm und brüllte mir ins Ohr: „Lösch diese scheiß Fotos!“, woraufhin ich mit „nein“ anwortete. Das ging eine Weile so weiter und das bärtige Biest wurde immer aggressiver. Doch irgendwann eilte Rettung herbei: ein Mädchen mit dem Gesicht eines Engels und einer durchdringlichen Stimme. Ich überlies ihn ihr und verschwand in der Menge.

Nachdem wir eine halbe Stunde lang planlos herumgestanden hatten, machten wir uns endlich auf den sorgfältig geplanten Weg. Wir marschierten zum Klang von bekannten Antifaschismus-Liedern, die aus den Lautsprechern auf dem Dach eines Vans kamen, der von einigen engagierten Individuen unermüdlich vorwärts getrieben wurde. Die Stimmung war aufgeheizt und optimistisch, als die Leute in den Refrain verschiedener, bekannter antifaschistischer Rufe einstimmten. „Alerta, Alerta, Antifascista“.

Inzwischen war es dunkel geworden und als wir um die Ecke bogen, wurden wir von roten Leuchtsignalen und Feuerwerken begrüßt, die eine Gruppe Flaggen schwingender Silhouetten auf dem Dach eines nahestehenden Hauses angezündet hatte. Das lange Warten schien sich endlich gelohnt zu haben. Die ganze Straße und der Himmel wurde in einen roten Nebel gehüllt, die Menge feierte und bejubelte das mit ekstatischer Anerkennung. Ich dachte, die Polizei würde auf sie losgehen wie Fliegen auf die Scheiße, aber es schien ihnen nichts auszumachen.

Vor dem schnellen und zeitigen Abgang ein letzter Feuerwerkskörper und eine letzte wehende Fahne.

Ich hätte noch ewig durch die Straßen von Friedrichshain ziehen können, aber die Stimmung schien umzuschlagen. Die Spannung fachte nach diesem Spektakel allmählich ab und ich bekam das deutliche Gefühl, dass der aufregendste Teil der Demonstration nun vorbei war. Die Rufe erklangen langsam unregelmäßiger und leiser, schwächer und ermüdeter, aber wir marschierten zu den gedämpften Klängen hunderter New Balance weiter.

Auf beiden Seiten der Straße standen Menschen auf ihren Balkonen und gafften aus den Fenstern, während ein paar Tausend Menschen an ihnen vorbeiliefen.

Von nun an wurde es verdammt langweilig. So langweilig, dass die interessanteste Sache innerhalb mehrere Stunden zwei parkende Busse schien. Sie standen in einem Winkel, der mich an eine riesige Eieruhr erinnerte. Aus einem unbekannten Grund erweckte das einen kuriosen, unterbewussten menschlichen Instinkt, der die Leute dazu animierte, sich durch die Lücke zu quetschen, obwohl auf der Straße massig Platz war.

Oben versammelte sich eine Gruppe an einem großen Stahltor. Alle brüllten erbitterte Beleidigungen und mittendrin ein Skinhead, der aus mehreren verschiedenen Wunden im Gesicht blutete. Ich kann nur vermuten, dass er eine Flasche an den Kopf bekommen hatte—aber was hatte er denn erwartet, wenn er gegen eine massive Schar Nazi-Hasser antritt?

Das sind die Überbleibsel des hirnlosen Skinheads.

Als wir uns dem Ende näherten, wurde die Polizeipräsenz enorm. Polizisten dominierten beide Straßenseiten und sperrten alle anderen Straßen ab, die nicht zur vorher gesehenen Route gehörten. Polizeihunde lauerten im Dunkeln. Die Herren an ihrer Seite sahen aus, als wären sie allzeit bereit, die Hunde loszulassen. Die offizielle Demo wurde für beendet erklärt und Verwirrung machte sich breit. Als sich die Menge verzweifelt aufspaltete und versuchte, die Protestaktion am Laufen zu halten, brach Chaos aus. Aber die Polizei war gut vorbereitet. Ihre Organisation und ihre Taktik funktionierten gut: Sie schnappten sich kleine Grüppchen, um die Menge zu zerstreuen. Leute liefen mit verlorenem Blick bis acht Uhr abends ziemlich ziellos umher, bis sie endlich entschieden, Feierabend zu machen. Naziblut war vergossen worden und sie hatten ihre Argumente vorgetragen.