Sex

Warum viele Frauen die Pille absetzen – und andere sie weiter nehmen

Viele fühlen sich durch das Absetzen der Pille befreit und verteufeln im selben Atemzug hormonelle Verhütung im Allgemeinen. Ein Plädoyer für mehr Information, Entscheidungsfreiheit und Offenheit.

von Verena Bogner
19 Juni 2018, 4:00am

Pille: imago | Blickwinkel || Faust: Pixabay | OpenClipart-Vectors | CC0 || Collage: VICE

Als sich Berichte von glücklichen Frauen, die die Pille abgesetzt haben, in meiner Timeline häuften, dachte ich zuerst noch an selektive Wahrnehmung. Bis das Thema auch in meinem Bekanntenkreis, unter meinen Freundinnen und in Medien, die ich regelmäßig konsumiere, verstärkt auftauchte. Dabei fallen blumige Phrasen wie "sich endlich wieder selbst spüren" oder "den Zyklus erleben". Es ist die Rede davon, wie intensiv sie den Eisprung wahrnehmen und dass die höllischen Regelschmerzen durch die ständigen Gefühlsexplosionen und die generell bessere Verfassung allemal wettgemacht werden.

Der österreichische Verhütungsreport aus dem Jahr 2015 deutet auf diese Entwicklung hin: Zwischen den Jahren 2012 und 2015 ging der Prozentsatz der Frauen, die in Österreich mit der Pille verhüten, um sieben Prozent zurück – ein Grund dafür ist die Skepsis gegenüber hormonellen Verhütungsmethoden. Über zwölf Prozent verhüten aus diesem Grund nicht oder weniger effektiv.

Weil ich selbst seit vielen Jahren die Pille nehme, bringen mich Geschichten wie diese natürlich zum Nachdenken. Sollte ich meine tägliche Medikamentennutzung vielleicht auch überdenken, obwohl es mir damit gut geht? Das Argument, das auf diese Frage oft folgt, lautet: Aber woher weißt du, dass es dir wirklich gut geht? Kann es nicht sein, dass du dich einfach schon so sehr an die Pille und ihre Auswirkungen gewöhnt hast, dass dir ihre negativen Seiten gar nicht mehr auffallen? Natürlich kann das sein.


Auch bei VICE:


In ihrem Buch Freiheit von der Pille beschreibt die Autorin Sabine Kray das Leben mit der Pille als Leben bei "19 Grad mit leichter Bewölkung" – es gebe weder Höhen noch Tiefen. Mit Selbstbestimmung will die Autorin die Pille nicht verbunden sehen, auch wenn das Medikament in den 60er Jahren als Befreiungsschlag und sexuelle Revolution gefeiert wurde.

Schließlich wüssten Frauen viel zu wenig über die Nebenwirkungen abseits von Thrombosen, die durch Skandalberichte omnipräsent sind. Da wären zum Beispiel der Verlust der Libido, Antriebs- und Lustlosigkeit, die auch durch Studien belegt sind, oder Depressionen. Kray schreibt, die Pille bestimme über Frauen und Konsumentinnen würden ein "chemisch manipuliertes" Leben führen.

Auch in den Medien stehen die Vorteile, die das Absetzen der Pille mit sich bringt, derzeit im Fokus: In emotionalen Berichten schildern Frauen, wie gut es ihnen gehe, und erklären aus ihrer subjektiven Sicht, warum die Pille generell schlecht sei. In vielen Medienberichten zum Thema werden zum Beispiel die Vorteile der Pille – der größte davon die sehr zuverlässige Schwangerschaftsverhütung – nicht einmal erwähnt.

"Eigentlich bin ich jetzt zum ersten Mal seit so vielen Jahren vollständig ich selbst, ohne Hormone, die meine Empfindungen beeinflussen."

Die allgemeine Skepsis gegenüber hormonellen Verhütungsmitteln zeichnet sich auch in zahlreichen Berichten von Leserinnen ab, die VICE Österreich auf einen Aufruf zum Thema erhalten hat. Die meisten von ihnen haben positive Erfahrungen gemacht, nachdem sie die Pille abgesetzt haben, und sind der Pille gegenüber skeptisch. Susanne* – eine österreichische Leserin, die anonym bleiben möchte – schreibt via Facebook:

"Ich hab wie fast alle anderen mit 16 die Pille verschrieben bekommen und sie dann zehn Jahre lang durchgehend genommen. Durch eine Trennung habe ich beschlossen, eine Pause zu machen, und ich fühle mich seitdem so viel besser. Nicht nur sind meine Kopfschmerzen fast vollständig verschwunden, auch meine Libido ist wieder zurückgekehrt. Außerdem habe ich das Gefühl, nicht ganz so emotional und unsicher zu sein. Eigentlich bin ich jetzt zum ersten Mal seit so vielen Jahren vollständig ich selbst, ohne Hormone, die meine Empfindungen beeinflussen."

Ähnliches schildert Karin*:

“Ich habe die Pille abgesetzt, weil ich anscheinend durch das Reiferwerden ein besseres Körpergefühl entwickelt habe und mich in meiner Haut nicht wohl gefühlt habe. Mein Instinkt hat mir gesagt, dass es an der Pille liegt. Danach habe ich mit Absprache meines Freundes die Pille abgesetzt und ich habe mich bereits nach zwei Wochen wie ein neuer Mensch gefühlt. Meine Libido war zurück. Im Nachhinein betrachtet war mein Zyklus tot und ich mag es, dass ich mittlerweile spüre, wann ich meinen Eisprung habe und wenn ich meine Tage bekomme. Es ist einfach ein gutes Gefühl, zu wissen und zu spüren, dass meine Gebärmutter funktioniert und am Leben ist. Was meine Periode betrifft, diese ist nicht stärker, sie fühlt sich anders an. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, es fühlt sich an, als würde es tiefer gehen, als wäre es echter.“

Eine andere Leserin, die die Pille abgesetzt hat, beschreibt von den üblichen Nebenwirkungen:

“Ich hatte keine Lust auf Sex, was sehr schädlich für eine Beziehung sein kann. Häufiger schlechte Laune, was schädlich für alles sein kann. Während ich die Pille genommen habe, haben sich meine Haare verändert. Ich hatte früher sehr starke Locken, aber seit der Pille wachsen sie nur noch gerade. Meine Frauenärztin hat jedoch abgestritten, dass es von der Pille kommt.“

Christian Fiala, der in Wien das weltweit einzige Museum für Schwangerschaftsabbruch und Verhütung betreibt, ist für seine starke Meinung zu den Themen Verhütung, Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch bekannt. Er ist der Herausgeber des Verhütungsreports, demzufolge die Pille mit 38 Prozent noch immer das beliebteste Verhütungsmittel der Österreicherinnen ist. In Deutschland sind es mit über 50 Prozent noch mehr Frauen, die die Pille nehmen.

Im Gespräch mit VICE erklärt Fiala den aktuellen Trend so: "Die Einführung der Pille ist lange her. Unter den jungen Frauen gibt es fast niemanden mehr, der die Zeit der natürlichen Fruchtbarkeit selbst erlebt hat." Noch unsere Mütter würden etwa Familien mit acht Kindern kennen – und damit wissen, dass es wichtig ist, ihre Fruchtbarkeit zu kontrollieren.

Junge Frauen wachsen heutzutage in einer Welt auf, in der die meisten Familien nur ein bis zwei Kinder haben. Diese privilegierte Welt verwechselten sie mit dem "Normalzustand", so Fiala. Und seien daher weniger vorsichtig bei der Wahl der Verhütungsmethoden. "Aus dieser Illusion wacht man spätestens auf, wenn man ungewollt schwanger wird", sagt er weiter.

Für die Gynäkologin Eva Lehner-Rothe ist der aktuelle Hype hingegen tatsächlich Normalzustand – und vor allem Teil ihres Alltags. Sie erzählt im Interview mit VICE Österreich, dass sie in ihrer Praxis viele Frauen behandelt, die die Pille hinterfragen und über hormonfreie Alternativen nachdenken. "Ich versuche dann, aufzuklären, dass Hormone nicht grundlegend schlecht und einfach sicher sind. Junge Frauen sind extrem fruchtbar und wenn man die Pille danach nicht als Dauerlösung erleben möchte, muss man überlegen, was man möchte. Wenn man keine Hormone will, bleibt nur die Kupferspirale übrig. Ein Kondom geht natürlich auch, aber bei der Fruchtbarkeit von jungen Frauen ist Kondomverhütung schlecht und unsicher", so Lehner-Rothe. Tatsächlich hat das Kondom laut der Beratungsstelle pro familia einen Pearl Index von 2 bis 12. Das bedeutet, das bei 12-monatiger Nutzung unter 100 Frauen zwei bis zwölf ungewollt schwanger wurden. Bei Kondomen hängt das oft mit einer falschen Anwendung zusammen.

"Auf mich wirkt die Debatte verklärt und nicht fair denen gegenüber, denen es mit der Pille gut geht."

Derzeit würde die Ärztin viele Kupferspiralen einsetzen – aber erst nach sehr ausführlicher Beratung. "Alle, die keine Hormone mehr wollen, kläre ich natürlich auch sehr exakt darüber auf, dass sie dann eine stärkere, schmerzhaftere Regel oder Hautprobleme bekommen können", sagt Lehner-Rothe.

Nicht für jede ihrer Patientinnen sei eine hormonfreie Verhütung besser, weiß die Frauenärztin: "Nimmt man die Pille, befindet man sich in einem hormonellen Steady State." Generell wisse man ja, was die Pille macht – sie unterdrückt zyklusabhängige hormonelle Schwankungen, sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht. Das mag für die eine Frau toll sein, weil ihre Libido zurückkehrt, für die andere Frau, die nach dem Absetzen der Pille an starkem PMS leidet, eher weniger, wie die Ärztin anschaulich erklärt. "Auf mich wirkt die Debatte verklärt und nicht fair denen gegenüber, denen es mit der Pille gut geht."

Viele der Frauen, die mit diesen Themen zu ihr kommen, hätten selbst keine Probleme mit der Pille und erleben persönlich auch keine Nebenwirkungen. Vielmehr hätten sie ein schlechtes Gewissen, weil sie von vielen Seiten zu hören bekämen, dass die Pille schlecht sei. Da helfe laut Lehner-Rothe nur individuelle Beratung.

Auch Christian Fiala sieht die Beratung gefragt, um einen wissenschaftlichen Gegenpol zum emotionalen Diskurs zu bilden. "Wir müssen jungen Menschen Erfahrungen nahe bringen – nicht nur mechanische Informationen", sagt er zur Situation in Österreich. "Die meisten Fachkräfte hängen im letzten Jahrhundert fest und erklären immer noch, wie man ein Kondom aufrollt. Leider gibt es aber keine Kampagne und kaum Bemühungen, dem aktuellen Hype etwas entgegenzusetzen."

Hormone sind nicht nur schlecht

Generell hält er den aktuellen Diskurs vor allem für manipulativ. Natürlich solle sich jede Person eine Verhütungsmethode suchen, die ihr auch gut tut – allerdings solle man Hormone nicht pauschal verteufeln. Auch er erwähnt die Kupferspirale als einzig wirksame Methode ohne Hormone. "Aber der Zyklus hat nur eine Funktion: dass eine Frau schwanger wird."

Wie man Frauen, die ihre Entscheidung getroffen haben, weiter informieren kann, ist eine Frage, über die sich Christian Fiala viele Gedanken macht. Denn bei den Frauen, die dem aktuellen Trend folgen, handle es sich überwiegend um solche mit hohem Bildungsniveau, die sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hätten.

"Die einzelne Frau muss mehr bestärkt werden, das zu tun, was ihr gut tut. Frauen sollen alleine über ihre Fruchtbarkeit entscheiden und alle Möglichkeiten sollen ihnen offen stehen. 'Den Körper spüren' ist jedoch kein Zukunftskonzept für den Rest des fruchtbaren Lebens", so Fiala abschließend.

Was in dieser ganzen Debatte viel zu häufig der Polarisierung zum Opfer fällt, scheint zu sein, dass beide Seiten ihre Berechtigung haben. Frauen, die sich mit der Pille nicht wohl fühlen, sollen sie selbstverständlich absetzen – und von ihren Ärztinnen und Ärzten ausreichend über positive und negative Auswirkungen und wirksame Alternativen beraten werden.

"Frauen, die sich mit der Pille wohlfühlen, sollten durch den emotionalisierten Diskurs nicht unter Druck gesetzt und verunsichert werden."

Damit ist die Beratung aber noch lange nicht erledigt: Schon junge Mädchen sollten ausführlich über die Pille und ihre Auswirkungen beraten werden, wenn sie ihnen verschrieben wird. Laut einiger Erfahrungsberichte der österreichischen Leserinnen ist eben das nicht der Fall. "Ich finde es unverantwortlich, die Pille wie Bonbons in so jungen Jahren zu verschreiben", schreibt eine Betroffene.

Gleichzeitig sollten Frauen, die sich mit der Pille wohlfühlen, durch den emotionalisierten Diskurs aber auch nicht unter Druck gesetzt und verunsichert werden. Eine der für mich zentralsten Fragen in diesem Diskurs: Warum soll ich mein subjektives Wohlbefinden für ein hypothetisches Konstrukt aus vielen Was-wäre-wenns aufgeben?

Der aktuelle Trend sollte nicht nur so weit gehen, die Pille einfach nur grundsätzlich anzuprangern, sondern sollte viel mehr Augenmerk darauf legen, Frauen klar zu machen, dass sie ihre Entscheidungen individuell, informiert und für sich selbst treffen sollten. "Auf den eigenen Körper hören" sollte nicht bedeuten, nur dann auf ihn zu hören, wenn er uns sagt, die Pille tue ihm nicht gut. Man sollte den eigenen Körper auch hören dürfen, wenn er gut mit der Pille leben kann. Und so soll jede Frau für sich selbst entscheiden, was gut für sie ist.

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