Modellbauhersteller verkaufte Nazi-Ufos und behauptete, es habe sie wirklich gegeben

Verschwörungstheoretiker dürften sich über den Bausatz freuen.

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Juni 18 2018, 9:39am

Collage bestehend auf: Verpackung: Revell | Luftaufnahme: Wikimedia | Public Domain

Ein Modellbausatz des nordrhein-westfälischen Herstellers Revell kann äußerst frustrierend sein. Manche Sets erfordern die feinmotorische Begabung einer Fabergé-Ei-Restauratorin. Andernfalls kann es passieren, dass man nach kurzer Zeit entnervt einen verklebten Klumpen Plastikschrott in die Mülltonne kickt. Es gibt aber noch gravierendere Gründe, warum manche Produkte der Firma eher nichts für Kinder sind.

Mit einem neuen Bausatz verbreitet der Hersteller den alten Mythos von Nazis im Weltraum. Die "Flying Saucer Haunebu II" soll laut Revell der detailgetreue Nachbau eines Nazi-Ufos sein, auch "Reichsflugscheibe" genannt. Die Wixfantasie für Neonazis im Maßstab 1:72 hat es in der Realität aber niemals gegeben, auch wenn ein Text auf der Verpackung eine andere Geschichte erzählt:

"1934 begannen die Arbeiten an den Rundflugzeugen. Ihr Antrieb und die Neutralisierung der Fliehkräfte im Innenraum erfolgten über Vril-Energiefelder. Flugfähige Exemplare der bis zu 6000 km/h schnellen Haunebu II starteten Mitte 1943, kamen aber kriegsbedingt über die Erprobungsphase nicht heraus."

Das ist vollkommener Unsinn. Um wirklich als "erstes weltraumfähiges Objekt der Welt" zu gelten, wie der Hersteller auf der Verpackung und seiner Website schreibt, hätte es erst mal existieren müssen. Der Historiker Jens Wehner vom Militärhistorischen Museum in Dresden bestätigte gegenüber NDR Info aber, dass die Nazis nie an diesem Objekt gearbeitet haben.


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Problematisch ist nicht nur, dass Revell so tut, als wären die Nazis technische Genies gewesen. Der Bausatz wird auch Verschwörungstheoretiker abheben lassen. Besonders die geistigen Erben des verstorbenen Neonazi-Ufologen Dr. Axel Stoll behaupten, Nazis, womöglich auch Hitler, hätten sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nach "Neuschwabenland" abgesetzt. Die fiktive Ufobasis in der Antarktis ist Teil einer alternativen Geschichtsschreibung, in der Nazis in Reichsflugscheiben durch die Lüfte eiern. Diese Theorien wurden in den 1970er Jahren vor allem durch die esoterische Neonazi-Bewegung "Schwarze Sonne" vertreten und durch das Buch UFO’s: Nazi Secret Weapon noch weiter verbreitet. Wenn jetzt ein etablierter Deutscher Hersteller ein Modell dieses "Düsendiskus" verkauft, muss also was dran sein, könnten viele Verschwörungstheoretiker denken.

Auch die Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes, Cordula Lasner-Tietze, kritisierte Revell gegenüber NDR Info. Sie lehne grundsätzlich Spielzeug ab, das zu einer Ideologisierung führen könne. Dazu muss man sagen, dass es in dieser Hinsicht bei Revell sicher noch weitere Baustellen gäbe. Vom "Panzerkampfwagen VI Tiger" (für Kinder ab zehn) bis hin zum Jagdpanzer "Elefant", inklusive kleiner Wehrmachtssoldaten (für Kinder ab zwölf), verkauft der Hersteller zahlreiche Modellversionen aus Hitlers Vernichtungskriegsmaschinerie. Revell hat die "Flying Saucer Haunebu II" mittlerweile von seiner Website genommen. Der Hersteller hatte sie für Kinder ab 14 Jahren beworben. Das ist verwirrend, denn in einer Stellungnahme gegenüber NDR Info bedauert die Firma nicht nur die falsche Beschreibung, sie erklärt auch, der Bausatz sei gar nicht für Kinder: "Dieses Modell ist nur für erfahrene, erwachsene Modellbauer geeignet und nicht für Kinder gedacht."

Man muss Revell in diesem Fall recht geben: Ja, Geschichtsrevisionismus ist auch in Plastikform nichts für Kinder. Dafür könnte sich der Bausatz aber umso mehr für Neonazis, Verschwörungstheoretiker und andere Einzeller eignen: als extrem frustrierende Beschäftigungstherapie. Sollte es einem dieser Leute dennoch gelingen, den Bausatz zu vollenden, empfehlen wir, ihn als Frisbee zu benutzen. Die deutsche Wundertechnologie aus Neuschwabenland hält das ganz bestimmt aus.

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Update: Inzwischen hat der Hersteller bekanntgegeben, das Modell nicht weiter herzustellen und aus dem eigenen Vertrieb nehmen zu wollen.

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