häusliche Gewalt

"Bin kein Frauenschläger": Daniele Negroni und die vielleicht dümmste "Entschuldigung" des Jahres

Hätte er seine Ex-Freundin, die Influencerin Tina Neumann, wirklich geschlagen, sagt der Sänger, "wäre sie ausgeknockt gewesen".

von Thomas Vorreyer
26 Juni 2018, 1:59pm

Der Sänger Daniele Negroni | Foto: imago | STAR-MEDIA (bearbeitet) 

Alle 4 Minuten und 54 Sekunden wird eine Frau in Deutschland Opfer von häuslicher Gewalt. Gefühlt tickt die Uhr sogar noch schneller, denn nicht jedes Opfer stellt Strafanzeige oder ruft die Polizei. Anders als bei dem Einsatz, zu dem Berliner Polizisten in der Nacht zum vergangenen Freitag ausrückten. Auf dem Zimmer eines Berliner Hotels stritten sich die Teenie-Stars Daniele Negroni und Tina Neumann derart heftig, dass es zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen sein soll. Der 22-jährige Sänger und die 16-jährige Influencerin sollen dabei unter Alkoholeinfluss gestanden haben.

Die beiden waren erst seit wenigen Wochen öffentlich ein Paar. Negroni ist als Zweitplatzierter einer bereits weit zurückliegenden DSDS-Staffel bekannt geworden, im Frühjahr schlürfte er im Dschungelcamp angebrütete Enteneier. Neumann unterhält mit Tanz- und Playbackvideos regelmäßig 2,5 Millionen Abonnenten auf der App Musical.ly. Wenige Stunden nachdem sie Strafanzeige wegen Körperverletzung erstattet hatte, schrieb Neumann in einer Insta-Story: "Ich hoffe, alle Frauenschläger dieser Welt bekommen das Karma, das sie verdient haben".

Ein Sprecher der Polizei Berlin hat VICE den Einsatz bestätigt. Negroni hat demnach seinerseits eine Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen seine Ex-Freundin nachgeschoben. Am Dienstag legte er gegenüber einem Reporter der Bild-Zeitung nach. Und der Erklärungsversuch des mutmaßlichen Schlägers ist an Dämlichkeit und Verharmlosung kaum zu überbieten.


Aus dem VICE-Videonetzwerk: Der qualvolle Kampf gegen Rachepornos


Er und Neumann seien beide betrunken gewesen, erklärte er im Interview, sie habe ihn vor dem Hotel geohrfeigt. An den Grund des Streits will sich Negroni nicht mehr erinnern können, wohl aber daran, dass er Neumann in Runde #2 – mittlerweile auf dem Hotelzimmer angelangt – "einmal leicht weggestoßen" habe, woraufhin sie "unglücklich" gegen eine Wand des Badezimmers gefallen sei. "Sie hat nur noch geschrien, ich würde sie schlagen", fuhr er fort. Auf gar keinen Fall, sagte Negroni der Bild, sei er aber ein "Frauenschläger".

Häusliche Gewalt ist nicht immer sichtbar. Wenn allerdings Blutergüsse im Gesicht zu Tage treten, muss ein Alibi her. Das Opfer sei in der Dusche ausgerutscht oder die Treppe heruntergefallen, heißt es dann oft. Die Opfer behaupten das aus Angst oder Scham, die Täter, um ihre Tat zu vertuschen. Negronis Aussagen erinnern unweigerlich daran.

Auf ihrem Instagram-Account zeigt Tina Neumann das gleiche Zahnpasta-Lächeln wie in den Wochen zuvor. Bislang hat sie nicht öffentlich geschildert, was in der Nacht aus ihrer Sicht vorgefallen sein soll.

Statt Gewalt generell zu verurteilen, versucht Negroni sicherzustellen, dass niemand seine Männlichkeit in Frage stellt

Online-Medien wie T-Online und Focus.de haben Negronis Äußerungen gegenüber Bild unkommentiert übernommen. Die Klatschseite Promiflash hebt in ihrem Artikel einen Satz durch Fettung ganz besonders hervor: "Eines wolle er aber unbedingt klarstellen: Er sei kein Frauenschläger!"

Der Begriff "Frauenschläger" steht für ein Weltbild, in dem Anstand mit "ritterlicher Männlichkeit" und Menschenrechte mit "Ehre" verwechselt werden: Nicht das Gesetz regelt, wer wann Gewalt anwenden darf, sondern Männer klären das "unter sich". Schläge und Tritte sind demnach ein probates Mittel, um Streitigkeiten zu lösen – sofern der Gegner keine Gegnerin ist und dem vermeintlich schwächeren Geschlecht angehört. Das ist derart zeitgemäß, als würde man sich statt über WhatsApp noch per Reitboten austauschen und jeden Tag Jauchegruben statt lachender Scheiße-Emojis sehen.

Dass Daniele Negroni ziemlich viel von seiner Manneskraft hält, zeigt sich noch in einem anderen Satz, mit dem die Bild ihn zitiert: "Hätte ich das wirklich getan", sprich: sie geschlagen, "wäre sie ausgeknockt gewesen".

Statt sich bei Tina Neumann in aller Form zu entschuldigen, formuliert Daniel Negroni so sein ganz persönliches Ich-bin-ja-kein-Schläger-aber.

Statt Gewalt generell zu verurteilen, versucht er sicherzustellen, dass niemand seine Männlichkeit in Frage stellt.

Und statt jungen Männern mit Aggressionspotenzial und smartphoneglas-dünner Selbstbeherrschung ins Gewissen zu reden, zeigt er jungen Frauen und Mädchen: Auch vor einem schlacksigen, dauergrinsenden Typen mit Haarfarbe "Papagei" sind sie nicht sicher. Vielleicht sind sie sogar noch selbst schuld daran, wenn sie Gewalt erfahren müssen.

Negroni führt nämlich noch einen weiteren Umstand zu einer Verteidigung an, die so wasserfest wie eine zerrissene Jeans ist: Ihm zufolge hätten er und Neumann "die ganze Zeit Wodka Red Bull getrunken". Dementsprechend seien sie "sehr betrunken und sicher beide schuld an dem Streit" gewesen. "Tina verträgt mit 16 natürlich nicht viel", fügte der 22-Jährige hinzu.

Gemäß Jugendschutzgesetz dürfen Unter-18-Jährige in Deutschland keinen harten Alkohol konsumieren. Warum er als Volljähriger stillschweigend dabei zugesehen haben will, wie sich die Minderjährige betrunken haben soll, sagt Negroni nicht.

Am kommenden Wochenende sollte der Sänger eigentlich in Wilhelmshaven im Rahmen der "Toggo-Tour" für den Sender Super RTL auftreten. Der Termin finde allerdings "ohne Beteiligung von Daniele Negroni" statt, wie ein Unternehmenssprecher auf Anfrage von VICE mitteilte. Die "offizielle Fanseite" Negronis auf Facebook listet den Auftritt weiterhin.

"Toggo" ist das Kinder-Format des TV-Senders. Prä-Teens können hier entscheiden, welche Barbie-Frisur ihnen am besten gefällt, und mit den Drachenreitern aus der Serie Dragons über die animierte Insel Berk fliegen. Die Fans im Grundschul- und Vorstufen-Alter hätten Negroni wohl keine kritischen Fragen zum schmerzhaften Ende seiner jüngsten Beziehung gestellt.

VICE hat Super RTL zudem gefragt, ob Daniele Negroni überhaupt noch ein geeignetes Vorbild für die Zielgruppe sei. Der Sender ließ die Frage unbeantwortet.

Update vom 26. Juni, 16:57: Wir haben den Artikel um die Antwort von Super RTL auf einen Teil unserer Fragen ergänzt.

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