Abbas Hamady | Foto: 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company / Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

Was wir von '4 Blocks' über Männlichkeit lernen können

Auch in der zweiten Staffel der Gangster-Serie scheitern selbsternannte "Löwen" am Anspruch, alles alleine schaffen zu müssen.

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Okt. 11 2018, 1:08pm

Abbas Hamady | Foto: 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company / Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

"Mädchen, Casinos, Koks, Schutzgeld", so fasste Undercover-Cop Vince (Frederick Lau) das Geschäftsmodell der Hamadys in der ersten Staffel von 4 Blocks zusammen. Das hat sich auch in der zweiten Staffel der preisgekrönten Serie über kriminelle Clans in Berlin-Neukölln nicht geändert, die ab dem 11. Oktober auf TNT Serie und Sky zu sehen ist.

Hauptfigur Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) hat damit abgeschlossen, der "deutscheste Deutsche" überhaupt sein zu wollen, und möchte mit seinen Drogengeschäften jetzt ganz Berlin kontrollieren. Das bringt ihm nicht nur wieder Ärger mit der Polizei ein, sondern missfällt auch dem el-Saafi-Clan. Deren Oberhaupt Mohammad (Ahmed Hefiane) versucht nun, Toni und seinen inhaftierten Bruder Abbas (Veysel Gelin) aus dem Weg zu räumen. Intrigen, konkurrierende Geschäftsinteressen, jede Menge Drama: 4 Blocks ist das Alles was zählt der neuen deutschen Serienoffensive, nur eben mit Kokain statt Schlittschuhen, größtenteils überzeugenden Schauspielern und einer sehr gut erzählten Geschichte.

Gleichzeitig ist 4 Blocks eine Art Safe Space für Menschen, die nach wie vor glauben, dass Geschäfte nur unter Männern abgewickelt werden sollten. Und verrät einiges darüber, was es auch heutzutage noch für viele bedeutet, ein "echter Mann" zu sein.


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Tiervergleiche sind der Gipfel souverän-maskuliner Gesprächsführung

4 Blocks lebt von Überzeichnung und permanenter Selbstüberhöhung aller Beteiligten. Schließlich wäre auch Scarface nicht so ein popkulturelles Phänomen geworden, wenn Tony Montana sich in seinen koksbefeuerten Allmachtsfantasien ab und an mal kritisch hinterfragt hätte. Berliner Gangster kaufen sich allerdings keine Tiger für den heimischen Garten, sie sehen sich lieber selbst als Raubkatzen (Löwen), die die Konkurrenz (alles Schafe) reißen und die Überläufer und Verräter (Ratten) aus den eigenen Reihen vernichten.

Mohammad al-Saafi schafft es, einen ehemaligen Mitstreiter von Toni Hamady zur Ratte zu machen, indem er ihm eine sehr lange Tierfabel erzählt, an deren Ende die Aussage steht: Junge, auch du bist ein Löwe. Du musst nur aufhören, mit den Schafen rumzuhängen. Das klingt ziemlich albern, ist aber eigentlich kein schlechter Vergleich. Männer SIND tatsächlich ein bisschen wie Löwen. Löwenmännchen sind nämlich ziemlich faul, sonnen sich den ganzen Tag in der Steppe und greifen trotzdem sämtlichen Hype für ihre Tierart ab, während die Weibchen jagen gehen und sich um den Nachwuchs kümmern. Auch deshalb ist 4 Blocks eine der authentischsten Serien, die aktuell in Deutschland zu sehen sind.

Toni Hamady bestraft eine "Ratte" – aber gerecht | Foto: 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company / Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

Männer belügen sich permanent selbst

"Wir töten keine Menschen", drohte Toni Hamady seinem Bruder Abbas noch in der ersten Staffel. Seiner Frau Kalila (Maryam Zaree) versprach er, seine kriminelle Karriere an den Nagel zu hängen, wenn er nur erst seinen deutschen Pass bekäme. Jetzt ist der deutsche Pass da – und Toni tiefer in kriminelle Machenschaften verwickelt als je zuvor. Als Abbas zu Beginn der zweiten Staffel verkündet, aus dem Knast zu wollen, antwortet Toni konsterniert: "Wie soll das gehen? Du bist ein Mörder." Abbas antwortet: "Du bist auch ein Mörder, aber in Freiheit!" Und damit hat er das zentrale Problem von Tonis Charakter auf den Punkt gebracht.

Der glaubt nämlich nach wie vor, nur das Beste für alle im Sinn zu haben. Er muss eben nur manchmal unbequeme Entscheidungen treffen. In seinen Augen ist er ein liebender Ehemann, ein guter Vater, jemand, der sich für Gerechtigkeit einsetzt. Stolz verkündet er beim Elternabend, die Kosten für alle Mitschülerinnen und Mitschüler seiner Tochter übernehmen zu wollen, deren Eltern sich die geplante Klassenfahrt nicht leisten können. Er ist großzügig, nachsichtig, vergießt nur Blut, wenn es unbedingt sein muss. Und hat sich damit eine absurde Parallelwelt aufgebaut, in der er auch die brutalsten Entscheidungen rechtfertigen kann und nie die Verantwortung für seine Taten übernehmen muss. Nicht er ist schuld, wenn seine Familie zerbricht oder seine engsten Verbündeten getötet werden. Es sind immer die anderen.

Besonders deutlich wird das, als ihn seine Frau konfrontiert. Kalila hat Angst und will wissen, warum die Polizei auch hinter ihr her ist. Toni lügt sie so überzeugend an, dass es scheint, als würde er selbst glauben, was er da sagt. Er wisse auch nicht, warum seine Polizei-Nemesis Hagen Kutscha (Oliver Masucci) ihn "fertigmachen" wolle. "Wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns auseinanderbringen. Wir gehören zusammen. Wir sind eine Familie", sagt Toni beschwörend. Sie reagiert fassungslos: "Du hast uns auseinandergebracht. Nicht die Polizei."

Ehre ist wichtig, auch wenn niemand so richtig weiß, was das bedeutet

Es gibt viele Buzzwords, die in 4 Blocks beinahe mantraartig wiederholt werden. Loyalität zum Beispiel, Familie, immer wieder aber auch: Ehre. Wenn jemand "ehrenlos" ist, kann man mit ihm nicht arbeiten, man kann ihm nicht trauen. Erklärt wird allerdings nicht, woran genau festgemacht wird, wer denn nun Ehre hat und wer nicht. Mohammad al-Saafi, Tonis Gegenspieler, hat keine Ehre. Sagt zumindest Toni. Dabei macht dessen Clan eigentlich nichts anderes als die Hamadys.

Auch die al-Saafis sind in illegale Drogengeschäfte verwickelt, töten Menschen, die ihren Zielen im Weg stehen, und schließen Allianzen mit anderen kriminellen Gruppen. Der größte Unterschied: Mohammad al-Saafi wirkt optisch und von seinem Habitus her wie jemand, der teure Taschenuhren vertickt – und hat es als ultimative passiv-aggressive Dominanzgeste etabliert, seinen Gesprächspartnern Baklava anzubieten. Macht ihn das zu jemandem ohne Ehre? Unklar. Vielleicht ist der Vorwurf der "Ehrenlosigkeit" aber auch nichts anderes als der dramatisch hingeworfene Fehdehandschuh des 21. Jahrhunderts. Irgendwie albern, hat sich aber eben etabliert.

Latif und Amara | Foto: 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company / Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

Frauen sind die einzige Schwäche eines Mannes

Männlich zu sein, heißt bei 4 Blocks, stark zu sein, autark, ehrlich und sich nach einem gescheiterten Attentat erstmal scheinbar entspannt eine Zigarette anzuzünden. Denn Männer rauchen sehr viel, während sie eindringlich mit anderen Männern sprechen, die nicht rauchen, weil sie eben nicht ganz so männlich sind. Wenn diese männlichen Männer Emotionen zeigen oder sich angreifbar machen, dann nur gegenüber ihren Frauen. Das macht die Partnerinnen zu emotionalen Ankern, führt dem Mann gleichzeitig aber immer wieder vor Augen, wie hilflos er hinter der ganzen demonstrativen Dominanz eigentlich ist.

Die ganz großen Ereignisse in der zweiten Staffel werden nicht durch männliche Familienoberhäupter und Drogenpaten losgetreten, sondern von deren Partnerinnen. Sie sehen den Wahnsinn in den Taten ihrer Männer und konfrontieren sie damit. Sie sind realistisch, weil sie sich nicht hinter einem idealisierten Wunschbild ihrer selbst verstecken. Die spannendsten Situationen in 4 Blocks sind nicht immer die, in denen Waffen an Köpfe gehalten und Koks von schrammelligen Couchtischen gezogen wird. Es sind die, in denen die realen Auswirkungen und die menschliche Wahrheit hinter den Clan-Geschäften gezeigt werden. Und das passiert nicht durch Toni, Abbas oder Latif (Massiv) – sondern durch Kalila, Ewa (Karolina Lodyga) und Amara (Almila Bagriacik).

Toni Hamady mit seinem einzigen ständigen Begleiter, seinem Handy | Foto: 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company / Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

Männer zerbrechen an dem Druck, alles allein schaffen zu müssen

Einer der interessantesten Widersprüche in 4 Blocks ist der: Auch wenn die Wichtigkeit der Familie (sprich: des ganzen Clans) und des Zusammenhalts immer und immer wieder betont wird, am Schluss sind die Hauptfiguren mit ihren Problemen komplett alleingelassen. Sich Hilfe zu suchen und somit zuzugeben, dass man überfordert ist, wäre unmännlich. Die "Familie" bietet keine Unterstützung, sie ist vielmehr Druckmittel und Rechtfertigung in einem, um bestimmte Dinge zu tun.

Als Toni seinem Bruder Abbas nahelegt, im Knast ein paar "Jungs" um sich zu scharen, um sich vor Angriffen zu schützen, fühlt der sich in seiner Ehre gekränkt. Toni hingegen schluckt täglich Schmerzmittel und spült sie mit Wodka runter, weil der Druck auf ihn als Familienoberhaupt immer größer wird und er für diese selbstaufgeladene Verantwortung kein Ventil hat. Seine Frau lügt er an. Alles läuft gut, alles OK, niemandem wird etwas passieren, er regelt das.

Die Männer in 4 Blocks glauben, dass es an ihnen liegt, für alles eine Lösung zu finden. Sie müssen ihre kriminellen Machenschaften geheimhalten, gleichzeitig ihren Einflussbereich erweitern und sich gegen konkurrierende Clans zur Wehr setzen; allem voran müssen sie aber ihre Familien beschützen. Natürlich bricht man da irgendwann zusammen. "Papa, versprichst du mir, dass du immer auf uns aufpasst?", fragt Tonis Tochter Serin (Dunja Ramadan), als er sie ins Bett bringt. Toni verspricht es. Dann geht er in das Fitnessstudio seiner neuen Villa und nimmt tiefe Schlucke aus einer Wodkaflasche.

Am Ende ist 4 Blocks also gar nicht die Idealisierung eines Männertypus, der eigentlich keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft hat. Es ist das Spiegelbild eines Selbstverständnisses, das Männer nachweislich krank macht. Ein besonders dramatisch inszenierter Kommentar zu toxischer Männlichkeit, wenn man so will. Vor allem aber ist 4 Blocks die vielleicht beste Serie, die Deutschland in den letzten Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten produziert hat. Oder wie es Ricky Gervais auf Twitter formulierte: "Es ist ein verdammtes Meisterwerk." Und auch das hat sich in der zweiten Staffel nicht geändert.

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