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Wir sollten aufhören, Diven als "Zicken" abzustempeln

Göttin oder Egozentrikerin mit absurden Sonderwünschen? Stars wie Mariah Carey und Rihanna spalten unsere Gesellschaft.

von Christina Newland
12 März 2018, 6:54am

Mariah Carey || Foto: imago | UPI photo

"Ich bin eine arbeitende Frau. Ich zwinge andere nicht, sich für mich ein Bein auszureißen. So ein Verhalten mag ich nicht. Ich bin definitiv keine Diva", sagte Dolly Parton mal in einem Interview. Dolly Parton wird oft als die große Diva der Country-Musik bezeichnet, wehrt sich aber schon immer gegen die Bezeichnung. Und das aus gutem Grund.

Das Wort "Diva" war lange fast ausschließlich negativ gemeint und ruft sofort Assoziationen wach: Eine Diva ist ein verwöhntes Miststück. Wenig überraschend gibt es wie bei dem Wort "Schlampe" keine männliche Entsprechung für diese Bezeichnung. Allem voran ist sie dafür bekannt, dramatisch zu sein und nur an sich selbst zu denken. Ihr Talent steht an zweiter Stelle.

Dabei bezeichnete "Diva" ursprünglich eine große Opernsängerin. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "Göttin". Die erste Nicht-Sängerin, die als Diva galt, war die italienische Stummfilmschauspielerin Lyda Borelli. Die dunkelhaarige Schönheit war eine Ikone der 1910er-Jahre. Heute kann jede berühmte Frau eine Diva sein, hauptsächlich ist die Bezeichnung aber weiterhin Sängerinnen vorbehalten.

Es fasziniert uns, wie erfolgreiche Frauen ihre Macht dazu nutzen, komplett beknackte Dinge einzufordern.

Barbra Streisand kommt wie Dolly Parton aus der Arbeiterklasse und wuchs als Jüdin in der Bronx auf. Ihr wurde nichts geschenkt, ihr Imperium baute sie aus dem Nichts auf – und schrieb Musikgeschichte. Das Label der Diva lässt sie trotzdem als verwöhnte, weltfremde Ikone wirken, nicht als Künstlerin, die sich hochgearbeitet hat. Selbst Rihanna, eine barbadische Immigrantin mit drogenabhängigem Vater, wird selten aus der "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Perspektive gesehen.

Beyoncé versuchte 2008 auf ihrem Album I Am... Sasha Fierce das Wort zu reclaimen, indem sie "a Diva is a female version of a hustler" sang. Für Al Horner, den Chefredakteur des Musikmagazins FACT, ein klarer Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Diva. "Diese Zeile ist keine Selbstkritik, sondern Selbstlob", sagt er. "Sie fasst den Wandel gut zusammen."

Tatsächlich geht es bei dem Wort Diva gar nicht um die Person und ihr eigentliches Verhalten. Es geht um eine Figur, die man öffentlich mit ihr in Verbindung bringt – und bringen möchte. Hat Streisand wirklich ihren Hund zweimal klonen lassen? Verlangt RiRi wirklich eine Privat-Tanzfläche, wo immer sie hingeht? Ließ Mariah Carey bei der Geburt ihrer Zwillinge wirklich ihren Song "Fantasy" abspielen, damit die Babys zum Klang ihrer Stimme zur Welt kommen konnten? Wir verschlingen die Geschichten über gigantische Selbstporträts, pfirsichfarbenes Toilettenpapier und Backstage-Rider, auf denen die Künstlerin genau 15 weiße Katzenbabys verlangt. Es fasziniert uns, wie erfolgreiche Frauen ihre Macht dazu nutzen, komplett beknackte Dinge einzufordern.


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"Für Fans von Mariah Carey macht ihr Diva-Sein einen riesigen Teil ihres Mythos aus, sie feiern das", erklärt Horner Broadly. "Sie ist eine Frau afrovenezulanisch-irischer Abstammung in einer Männerdomäne, die verrückte Forderung stellt, weil sie so talentiert ist, dass sie es sich leisten kann." Viele Fans würden darin ein Zeichen von Stärke sehen, eine Weigerung, fügsam und in erster Linie dekorativ zu sein.

Unzählige Frauen wurden im Laufe der Jahrzehnte als "Diva" bezeichnet, darunter stimmgewaltige Sängerinnen wie Aretha Franklin und die Musical-Größe Patti LuPone. Die Diven der 70er-Jahre stammten aus allen Genres: Donna Summer, Cher, Grace Jones und natürlich Parton. Selbstverständlich wäre keine Diven-Liste vollständig ohne Madonna, die einst sagte: "Ich fand schon immer, dass man mich wie einen Star behandeln sollte." Dass sie das ernst meinte, erkennt man unschwer in der Backstage-Doku Madonna: Truth or Dare.

"Die Popkultur hat aufgehört, das Wort als Beleidigung gegen Frauen aufzufassen."

Die Ästhetik der Diva kann man mit dem Wort "besonders" zusammenfassen. Übergroße Fächer aus künstlichen Wimpern, Pelzstolen in Babyrosa, orangefarbene Kaftane mit passendem Turban, oder mit Glitzersteinen besetzte, bauchfreie Tops – alles echte Outfits von Streisand, Madonna, Beyoncé und Parton.

"Es ist gut, dass ich als Mädchen zur Welt kam", sagte Parton mal, "sonst wäre ich Drag Queen geworden." Partons Stil ist tatsächlich derart auffällig und stereotyp feminin, dass er viele Drag-Tribute inspiriert hat. Sie war immer bekannt für ihre strassverzierte Kleidung und ihre blonden Perücken, Streisand dagegen für ihren Leo-Print und ultralange Fingernägel. Zsa Zsa Gabor, Teilzeitschauspielerin und Vollzeit-Glamour-Ikone des klassischen Hollywood, trug weite, fließende Stoffe und absurd viele Diamanten. Wie Bethan Holt in Gabors Nachruf für den Telegraph schrieb, wäre die Ungarin "ein Geschenk für das Instagram-Zeitalter" gewesen.

Rihannas Swarovski-verziertes, durchsichtiges Adam-Selman-Kleid von 2014 ist ein Outfit, das förmlich "Diva" schreit. Noch Diva-mäßiger ist allerdings ihre Angewohnheit, Events frühzeitig zu verlassen und dabei noch Weingläser zu klauen. Ein Akt, der ihre Stellung als unangreifbare Musikikone (und "Diva") noch mehr zementiert als die glamouröseste Robe. Sie nimmt die Gläser sicher nicht mit, um Geld zu sparen – sie tut es, weil sie es kann.

Das Wort "Diva" zu reclaimen, ist eine Herausforderung, doch sie ist wichtig. Wer als Star – und gerade als weiblicher Star – nicht ein bisschen bescheiden und bodenständig wirkt, verliert schnell Sympathiepunkte. Aber hat es nicht auch etwas Radikales, dass Diven sich weigern, bescheiden, höflich und nicht zu auffällig zu sein? An der ursprünglichen Bedeutung des Worts ist was dran. Eine Diva ist eine Art Göttin, ganz anders als wir Normalsterblichen. Ob wir eine Diva als etwas Positives oder Negatives werten, hängt vielleicht davon ab, ob wir ihr diesen Status gönnen.

"Die Popkultur hat aufgehört, das Wort als Beleidigung gegen Frauen aufzufassen", sagt Horner. Stattdessen habe man heute die politische Ebene der Bezeichnung erkannt. Egal, wie viele Geschichten über Wutanfälle, extravagante Wünschen und Badewannen aus purem Gold durch die Klatschpress geistern – wir lieben Diven. Weil sie ihre eigenen Regeln aufstellen und sich nichts vorschreiben lassen.

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