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Warum Nordkorea in Afrika riesige Denkmäler für Diktatoren baut

Zwangsarbeiter im Ausland finanzieren den nordkoreanischen Staat. Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt erstmals, wie eng die Beziehungen zwischen Nordkorea und afrikanischen Diktatoren sind.

von Tycho van der Hoog
06 Februar 2018, 2:15pm

Die Statue des unbekannten Soldaten auf dem National Heroes' Acre in Namibia. Das Denkmal wurde von der nordkoreanischen Firma Mansudae Overseas Project gebaut | Bild: Tycho van der Hoog   

Nordkorea schickt Arbeiter ins Ausland, damit sie Devisen erwirtschaften und so den isolierten Staat finanzieren. Sie fahren Holz in Russland , schweißen Stahlteile in Polen und errichten Prachtbauten in afrikanischen Staaten. Am Dienstag, den 6. Februar, veröffentlicht der renommierte Nordkorea-Experte Remco Breuker zusammen mit weiteren Wissenschaftlern in Amsterdam seine neueste wissenschaftliche Recherche zu dem System nordkoreanischer Zwangsarbeiter.

Ein Kapitel des englischsprachigen Reports deckt die enge Verbindung des nordkoreanischen Regimes zu verschiedenen afrikanischen Staaten auf. Es beschreibt, wie die nordkoreanische Firma Mansudae Overseas Projects Denkmäler in Ländern wie Simbabwe errichtet. Der niederländische Historiker Tycho van der Hoog hat den Report geschrieben. Er arbeitet am Zentrum für Afrikastudien in Leiden, beschäftigt sich hauptsächlich mit der Beziehung zwischen Nordkorea und afrikanischen Staaten und forscht dafür intensiv in Namibia, Simbabwe, Südafrika und Sambia.

An dieser Stelle veröffentlichen wir eine gekürzte und übersetzte Version dieses Kapitels, das im Original "Uncovering North Korean forced labour in Africa: Towards a research framework" heißt. Die vollständige Version erscheint in wenigen Tagen auf der Homepage der Universität Leiden.

Dieser Text ist Teil unseres Themenschwerpunkts über nordkoreanische Zwangsarbeiter.

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Nordkorea hat enge Verbindungen zu vielen afrikanischen Staaten, die größtenteils während des Kalten Krieges entstanden sind, beispielsweise zu Namibia, Mosambik oder Simbabwe. Diese Beziehungen sind theoretisch sogar für jeden sichtbar, denn über den afrikanischen Kontinent verteilt stehen zahlreiche öffentliche Bauten, die von einer nordkoreanischen Firma entworfen und gebaut wurden. Museen, Friedhöfe und Denkmäler, errichtet von nordkoreanischen Zwangsarbeitern. Die prestigeträchtigen Bauwerke sind mächtige Symbole des afrikanischen Nationalismus und greifen gleichzeitig den realsozialistischen Stil auf, der auch in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang vorherrscht. Weniger sichtbar als die Prestigebauten bleibt jedoch die Zwangsarbeit, die der Eröffnung eines neuen Museums oder Denkmals vorausgehen.

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Nordkoreaner errichten Monumentalbauten in mindestens 15 afrikanischen Ländern

Ungefähr zwanzig Regierungsgebäude in Afrika wurden von der Firma Mansudae Overseas Projects gebaut, die zum Mansudae Kunststudio gehört. Das Atelier in Pjöngjang wurde 1959 gegründet und untersteht der nordkoreanischen Regierung. Angeblich arbeiten rund 3.700 Mitarbeiter für das Atelier, das fast alle Denkmäler in der nordkoreanischen Hauptstadt erschaffen hat. Dazu zählen Wahrzeichen wie das Monument der Chuch’e-Ideologie, der Triumphbogen und das Großmonument Mansudae.

Mindestens 15 afrikanische Staaten haben Projekte von Mansudae durchführen lassen. Viele dieser Projekte haben öffentliches Interesse erweckt, weil es sich dabei um Prestigebauten der jeweiligen Länder handelt. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind diese öffentlich gut sichtbaren Projekte nur die Spitze des Eisbergs. Bei unseren früheren Recherchen in Polen sind wir auf zahlreiche Unternehmen gestoßen, die größtenteils unbemerkt agieren, vor allem im Schiff- und Gebäudebau. Es ist wahrscheinlich, dass es in Afrika noch weitaus mehr Fälle von nordkoreanischer Zwangsarbeit gibt, als wir bisher wissen. Schließlich ist die staatliche Regulierung in afrikanischen Staaten generell schwächer als in der EU und es gibt starke Verbindungen zwischen dem afrikanischen Kontinent und Nordkorea, die auf die Zeiten des Kalten Krieges zurückzuführen sind.

Der National Heroes' Acre in Simbabwe hat die Form von zwei AK-47 Sturmgewehren, die Rücken an Rücken liegen | Bild: Tycho van der Hoog

Nordkorea und Simbabwe verbinden Freundschaft, Militärtraining und Bauprojekte

Die historisch gewachsene Beziehung zwischen Nordkorea und Simbabwe ist in vieler Hinsicht exemplarisch für die tiefe Verbindung zwischen Nordkorea und vielen afrikanischen Staaten. In diesem Fallbeispiel werden die drei Hauptbereiche dieser Beziehung dargestellt: die diplomatischen Verbindungen, die militärische Zusammenarbeit und Baumaßnahmen.

Die Freundschaft zwischen Nordkorea und Simbabwe entwickelte sich während des Kalten Krieges. Zu dieser Zeit suchte Nordkorea in Afrika nach potenziellen Verbündeten. So unterstützte Nordkorea in den 1970er die Zimbabwe African National Union (ZANU), die Partei des späteren Diktators Robert Mugabe. Auch nachdem Simbabwe 1980 seine Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft erreichte, pflegten viele simbabwische Regierungsmitglieder weiterhin enge Verbindungen zu Nordkorea.

Nordkorea trainierte eine Spezialeinheit für Robert Mugabe

1981 trafen etwa 100 nordkoreanische Militärberater in Simbabwe ein. Sie sollten eine Spezialeinheit der Nationalarmee trainieren: die berüchtigte Fünfte Brigade. Die restlichen Truppen wurden vom britischen Militär ausgebildet und überwacht, doch Mugabe war es wichtig, eine separate Militäreinheit zu bilden, die nur ihm gehorchte und von Nordkorea trainiert und ausgestattet wurde.

Die Fünfte Brigade wurde unter anderem in einer brutalen Mission in Matabeleland eingesetzt, einer Region, in der sich viele Gegner von Mugabe aufhielten. Bei dem Einsatz wurden 1983 etwa 20.000 Menschen getötet, außerdem wurde von zahlreichen Vergewaltigungen und Plünderungen berichtet. Im August 1983 hatten die meisten Nordkoreaner Simbabwe wieder verlassen. Nur ein paar militärische Berater blieben damals zurück, um Schusswaffen- und Panzeroperationen zu unterstützen.

1982, zwei Jahre nachdem Simbabwe die Unabhängigkeit erlangt hatte, wurde der National Heroes' Acre fertiggestellt. Das Denkmal, das von der nordkoreanischen Firma Mansudae Overseas Projects entworfen und erbaut wurde, dient als letzte Ruhestätte für Simbabwes Nationalhelden, die größtenteils während der Unabhängigkeitskämpfe gefallen waren. Die Gedenkstätte liegt einige Kilometer außerhalb der Hauptstadt Harare. Sie hat große Ähnlichkeit mit einem Heldendenkmal in Pjöngjang. Auf dem riesigen Gelände können Zeremonien und Feierlichkeiten mit bis zu 5.000 Teilnehmern stattfinden. Die Gedenkstätte besteht aus etwa 170 Gräbern, verziert mit Wandgemälden, die die Geschichte Simbabwes erzählen, Bronzestatuen von Soldaten, dem Grab der unbekannten Soldaten und einem großen schwarzen Obelisken. Die Form der Gedenkstätte erinnert an zwei AK-47, die Sturmgewehre, die während der Befreiungskämpfe benutzt wurden.

Das Grab der unbekannten Soldaten auf dem National Heroes' Acre in Simbabwe | Bild: Tycho van der Hoog

Ein aktuelleres Beispiel von Mansudaes Arbeit in Simbabwe ist die Statue von Joshua Nkomo. Der Politiker war eine wichtige Figur im Unabhängigkeitskampf und langjähriger Rivale von Mugabe. Obwohl seine Statue bereits 2010 fertiggestellt wurde, fand man lange keinen geeigneten Standort, weil Nkomos Anhänger sich gegen die Errichtung wehrten. Sie sahen es als Beleidigung, dass die Statue von Nkomo ausgerechnet von seinem Gegner Mugabe in Auftrag gegeben wurde. Schließlich wurde die Statue in Bulawayo aufgestellt: Sie steht nun mitten in Matabeleland, wo drei Jahrzehnte zuvor zahlreiche Anhänger Nkomos von Mugabes Fünfter Brigade ermordet wurden.

Insgesamt zeigt das Beispiel von Simbabwe die drei wesentlichen Aspekte, die für die Beziehungen zwischen Nordkorea und afrikanischen Staaten typisch sind. Die Grundlage ist eine herzliche Freundschaft, die während des nationalistischen Unabhängigkeitskampfes entstanden ist. Daraus hat sich ein diplomatischer Austausch entwickelt, eine Kooperation im Militärtraining und der Bau von Monumenten wie dem National Heroes' Acre oder der Statue von Joshua Nkomo. Auch nach dem Machtwechsel in Simbabwe 2017 sind weiterhin Personen an der Macht, die persönliche Verbindungen zu Nordkorea pflegen.

Scheinfirmen verbergen die Spuren der nordkoreanischen Zwangsarbeiter

Aus einem UN-Bericht geht hervor, dass über 50.000 Nordkoreaner von ihrer Regierung als Zwangsarbeiter ins Ausland geschickt werden – für Nordkorea eine ungemein wichtige Einnahmequelle. Inwiefern Zwangsarbeiter bei den Projekten in Afrika involviert waren, ist bisher unklar und muss weiter untersucht werden. Dazu müssen die verzweigten Netzwerke von Unternehmen aufgedeckt werden, die die Zwangsarbeit in Afrika ermöglichen. Dabei stößt man schnell auf zwei Namen: Mansudae Overseas Projects und die nordkoreanische Rüstungsfirma KOMID.

In Angola hat Mansudae das Agostinho Neto Mausoleum und Statuen im Peace Park und Praia Park errichtet. Benin gab eine Statue des früheren Königs Béhanzin in Auftrag, der heute noch eine große symbolische Bedeutung hat. Botswana ließ das Denkmal der Drei Dikgosi errichten, die Republik Kongo gab ein Unabhängigkeitsdenkmal und die Statue des früheren Präsidenten Joseph Kasavubu in Auftrag und die Demokratische Republik Kongo bestellte Statuen der politischen Führer Patrice Lumumba und Laurent-Désiré Kabila.


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In Äquatorialguinea hat Mansudae ein Stadion und ein Konferenzgebäude errichtet, in Äthiopien das Tiglachin Denkmal. Mali ließ die Bronzestatue von General Abdoulaye Soumaré erbauen, Mosambik setzte dem ersten Präsidenten von Mosambik, Samora Machel, ein Denkmal. Madagaskar erbaute Regierungsgebäude mit der Hilfe Nordkoreas. In Namibia baute Mansudae den National Heroes' Acre, das State House, das Unabhängigkeitsmuseum und das Militärmuseum. Im Senegal errichteten die Nordkoreaner das Monument der afrikanischen Renaissance, in Simbabwe den National Heroes' Acre und eine Statue von Joshua Nkomo.

Diese Bauprojekte von Mansudae sind für jeden gut sichtbar. Die weitaus größere Herausforderung ist es jedoch, die Unzahl an kleinen Firmen zu identifizieren und zu untersuchen, die im Hintergrund agieren. Oft wird der Kontakt zwischen afrikanischen Regierungen und Unternehmen über staatliche nordkoreanische Firmen hergestellt, die versuchen, ihre Geschäfte durch eine Reihe von Scheinfirmen zu verbergen.

Auch wenn nicht viele Informationen aus Nordkorea nach außen dringen, können Forscher auf viele Quellen in anderen Ländern zurückgreifen, um nordkoreanische Aktivitäten zu untersuchen. Forschung vor Ort ist daher ein Schlüssel. Eins können wir jetzt schon mit großer Sicherheit sagen: dass die gut sichtbaren Denkmäler, die von Mansudae Overseas Projects gebaut wurden, nur die Spitze des Eisbergs sind. Es ist sehr gut möglich, dass nordkoreanische Zwangsarbeiter in einer ganzen Reihe illegaler Aktivitäten involviert sind, die fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit stattfinden. Wir hoffen, dass diese Praktiken in naher Zukunft aufgedeckt werden können.

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Das geheime System nordkoreanischer Zwangsarbeiter