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Neue Dancehall Welle

"Nicht nur Girls, Ganja und Guns" – Stereo Luchs beweist, dass Dancehall mehr kann

Du brauchst definitiv keine Rastas, um seine neue Platte 'Lince' zu feiern.

von Julian Riegel
10 November 2017, 11:43am

Alle Fotos: Jojo Schulmeister

Donnerstagabend, ausverkauftes Exil, Trettmann auf der Bühne. Als der deutsche Dancehall-Rapper dann Stereo Luchs auf die Bühne holte, um ihren gemeinsamen Song "Alles OK" zu performen, drehte der gesamte Club völlig am Rad. Ein paar Stunden später fand ich mich an einer Party im Longstreet wieder – dort das gleiche Phänomen: Die Gäste im vollen Club an der Langstrasse gingen zu "Ufe", der ebenfalls auf Stereo Luchs neuer Platte Lince vertreten ist, dermassen ab, dass der DJ nach Prontos Part gleich auf Repeat drückte. Mehr Beweis braucht es wohl nicht, dass Dancehall einen Hype hat und dass dabei Stereo Luchs für die Schweiz eine tragende Rolle spielen wird.

Lange habe ich gedacht, dass Dancehall und Reggae auf Schweizerdeutsch nicht so gut funktioniert. Allgemein konnte ich persönlich vor allem nie etwas mit der Mischung zwischen Mundart und Patois-Nachahme anfangen, die praktisch jeder bekannte Künstler in diesen Genres zu imitieren versucht. Ausserdem sind die meisten von ihnen auf dem ewig währenden Roots-Trip hängengeblieben. Auch Stereo Luchs fiel mit seinem Debütalbum Stepp usem Reservat in Grossteilen in die Kategorie, steppte jedoch immer mal wieder mit schrägen synthetischen Produktionen und textlich aus der Reihe. Spätestens seit er seine erste Single "Ufe" mit Pronto releaste, war die neue Linie des Zürchers klar: "Ich hab mich sowieso immer eher auf der elektronischen Plastik-Synthie-Seite gesehen – für mich war der 808 immer näher als das Rootsband-Ding. Ich wollte mich auch immer von den Reggae-Klischées distanzieren: Rasta, Kiffen, Strand, Palmen", sagt der 36-Jährige als wir uns auf einen Kaffee in der Zürcher Innenstadt treffen.

So unterwandern Stereo Luchs und seine beheimateten Genres gerade im deutschsprachigen Raum geschickt die HipHop-Szene. Mit dem passenden Titel "Zieh den Rucksack aus" wagten sich zuletzt sogar Kollegah und Farid Bang auf einen Afrobeat. Auch Stereo Luchs schaut der Entwicklung positiv entgegen: Dass die Anfeindungen in der Szene – "Backpack-Rap-vs-dies-oder-das" – mehrheitlich Geschichte sind und so HipHop und Dancehall von der Soundästhetik näher aneinander wachsen. "Während früher jeder seinen Turf verteidigt hat, kommt es heute für die Kids gar nicht mehr darauf an, was du für einen Beat auf deinem Album hast – Hauptsache der Vibe stimmt", sagt Silvio Brunner, so Stereo Luchs bürgerlich. Dies gibt nun auch ihm die Möglichkeit, aus einer sehr überschaubaren Schweizer Szene – er redet von einer Handvoll Künstlern – auszubrechen: "Die Szene war so klein, dass dir irgendwo auch die Referenz fehlt. Wenn du so wie ich alleine in einem Vakuum schwebst, ist es extrem schwierig einzuschätzen, was du eigentlich machst. Darum wurde ich wohl auch sehr lange nicht wirklich wahrgenommen. Mit dem neuen Kontext, beachten mich jetzt auch plötzlich Rapper und geben mir coole Feedbacks." Heute wird Stereo Luchs im Radio hoch und runter gespielt.

Den Ton bei dieser neuen Bewegung im deutschsprachigen Raum gibt vor allem das Produktions-Kollektiv KitschKrieg an, die für Trettmann, Haiyti, Joey Bargeld, Megaloh und eben Stereo Luchs immer wieder im Studio sitzen. Besonders die Verbindung zwischen Trettmann und Stereo Luchs ist dabei spannend. Beide bewegen sich in einem ähnlichen Dancehall-Reggae-HipHop-Kosmos, beide wurden von KitschKrieg produziert, beide releasen innerhalb von knapp eineinhalb Monaten ihre Platte, die das Genre in ihren Ländern wahrscheinlich definieren werden, beide erobern gleichzeitig die Herzen der HipHop-Kids ihres Landes. "Es ist Zufall, dass es bei uns beiden ähnlich verlaufen ist. Auch wenn wir immer Kontakt hatten, steckt da kein Masterplan dahinter", sagt Stereo Luchs. Er habe lange seinen Weg gesucht und sei nicht zufrieden gewesen, wo er war. Er selbst auf der anderen Seite hätte einen superlangsamen Pace. Auch KitschKrieg sei aus ähnlichen Biographien entstanden. "Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was ich als nächstes machen soll. Ich habe dann Fizzle (Anm. d. Red. ein Teil von KitschKrieg) vor zwei Jahren, und bevor es KitschKireg überhaupt gab, bei Trettmann in der Wohnung kennengelernt. Wir waren alle gerade ziemlich down. Zwei Trettmann-KitschKrieg-EPs später und nach einer Show in Zürich hingen wir bei mir zuhause ab. Fizzle meinte: 'Schick doch mal Musik rüber.' Das war wie ein Startschuss." Bis dahin produzierte Stereo Luchs seine Songs vor allem alleine. "Ich war ein wenig stuck auf sechs, sieben Demos, die zu 80 Prozent fertig waren. KitschKrieg hatten gerade einen Lauf – 40, 50 Songs letztes Jahr – dass es für sie kein Problem war, die Songs noch fertig zu machen."



Abgesehen von einem Trettmann-Featuring auf Lince hören dann aber die Parallelen auf; Stereo Luchs als Schweizer Trettmann zu bezeichnen, wäre zu kurz gegriffen. Weil der Zürcher Sänger selbst noch massgeblich an seinen Tracks mitproduziert hat, sind seine Dancehall-Reggae-Roots in den Song-Strukturen stark zu hören. Auf "Sie seit" beispielsweise mischen Stereo Luchs und KitschKrieg Up- und Down-Tempo-Beats mit klassischen Reggae-Keys zu einem modernen Hit – referenzieren statt kopieren. "Ich wollte auf keinen Fall etwas krampfhaft Neues versuchen – nur weil Trap jetzt angesagt ist, mach ich jetzt nicht Trap. Für mich ist die Suche nach meinem Sound aufgegangen und auch natürlich entstanden. Die Roots und Dancehall-Elemente sind drin, aber man kann sagen, dass das Album nach 2017 klingt und versucht, nach vorne zu schauen." Gleichzeitig habe er sich einerseits immer am Sound von Overseas orientiert – auch weil es in der Schweiz zu wenige ähnliche Künstler gebe. Andererseits lasse er sich auch von vielen anderen Genres inspirieren – Soul, RnB und Rap fallen immer wieder in unserem Gespräch. "Jan Delay hat dazu mal etwas Schönes gesagt: 'Rapper, die nur Rap hören, begehen Inzest.'"

Textlich bewegt sich Stereo Luchs immer auf einer sehr reflektierten, klugen oder sensiblen Ebene. Eine zerbrochene Freundschaft besingt er in "Frenemy" als abgebrannte Brücke – "Aus Brudi wird Brutus". "Ufe" habe ich selbst als Kifferhymne interpretiert, für Stereo Luchs steht der Text viel mehr für ein "sich aus dem Sumpf ziehen". Den Entertainmentwahn unserer Gesellschaft vergleicht er in "WWF" mit dem Phänomen der vorgescripteten Wrestling-Shows. Zu dieser Tiefe haben bei ihm diverse Überlegungen geführt, sagt Stereo Luchs im Interview:

"Ich habe mich selbst lange gefragt, wie es mit Dancehall textlich weitergeht. Die Hardcoreform von jamaikanischem Dancehall sind ja drei Topics: Girls, Ganja und Guns. Auf meinem Debütalbum hatte ich schon so zwei, drei Girls-, Palmen- und Clubs-Songs, weil ich das ausprobieren wollte und auch gelebt habe. Die letzten zwei Jahre bin ich aber wie in einer anderen Lebensphase gewesen – privat in einer Krise, Freundin, zu viel Ausgang, Neuorientierung, was ich im Leben überhaupt machen will. Ich hätte gar nicht gewusst, was für Songs ich für ein reines Dancehall-Album hätte schreiben sollen und hatte auch einfach keinen Bock auf Dancehall-Partysongs. Dann kommt auch das Musikalische hinzu: Mit so Stampf-Beats schreibst du keine super reflektieren Songs. Also habe ich einen Soundteppich gesucht, der andere Themen zulässt."

Mit dieser durchdachten und reflektierten Heransgehensweise ist aus Lince eine Platte geworden, die mit starken Produktionen und klugen Texten besticht. Gleichzeitig erscheint sie zu einem günstigen Zeitpunkt: Die Ohren sind offen für tropischen Sound – nicht nur Justin Bieber macht auf Tropical House, die grossen Radiostationen haben "Ufe" bereits in die Rotation aufgenommen. Plus kann Stereo Luchs mit seinem Album aus seiner kleinen Szene herausbrechen und findet sichtlich Anklang bei einer jungen HipHop-Hörerschaft: Nicht nur Trettmann lässt sich im ausverkauften Exil zu recht feiern – Stereo Luchs’ Plattentaufe ist ebenfalls nach einer Woche bereits ausverkauft.



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