#metoo

Männer erzählen, warum sie zugelassen haben, dass Frauen belästigt werden

"Wir lachten alle und sagten, sie sei eine 'Schlampe' und eine 'Nutte'."

von Sam Nichols
25 Oktober 2017, 3:47am

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Die #metoo-Kampagne, bei der Frauen auf der ganzen Welt öffentlich machen, dass sie Opfer von sexueller Belästigung oder Übergriffen geworden sind, hat neben viel Lob und Zuspruch auch einige Kritik erfahren. Natürlich gab es diejenigen, die den ganzen Sinn der Aktion partout nicht verstanden haben oder verstehen wollen (#NotAllMen) und die obligatorischen Versuche, das Thema zu relativieren oder in andere Bahnen zu lenken (#MenToo). Aber es gab auch durchaus berechtigte Kritik an der Kampagne. Warum konzentriert sie sich so sehr auf die Opfer, wenn doch das Verhalten der Täter das Problem ist? Und überhaupt: Was tun Männer eigentlich, um solche Belästigungen zu verhindern? Oder gar grundlegend eine Veränderung in der Gesellschaft voranzutreiben? Stellen sie andere Männer im Alltag zur Rede oder – wie wir es vielfach im Fall Harvey Weinstein gesehen haben – bleiben sie einfach stumm und schauen weg?

Um darauf ein paar Antworten zu bekommen, haben wir ein paar stinknormale Männer im australischen Melbourne gefragt, was sie tun oder getan haben, wenn sie Belästigungen mitbekommen.


Aus dem VICE-Netzwerk: Rose McGowan über Sexismus in Hollywood


Rowan, 26

Er war oft dabei, wenn seine Freunde Frauen hinterhergepfiffen haben, und hat nichts gesagt.

VICE: Hey Rowan, erzähl mir doch mal, warum du nie etwas gesagt hast, wenn deine Freunde Frauen hinterhergepfiffen haben.
Rowan: Das ist irgendwie eine ganz normale Alltagssituation. Das eine Mal hingen wir zum Beispiel einfach nur ab und ein attraktives Mädchen kam vorbeigelaufen. Einer der Jungs hat dann "Hey, Lady!" zu ihr rüber gerufen und gepfiffen.

Warum glaubst du, hat er das getan?
Meiner Meinung nach ging es ihm darum, eine Reaktion zu bekommen. Entweder von der Person, der er hinterhergerufen hat, oder von uns Jungs.

Wie hast du reagiert?
Ich habe versucht, es einfach abzutun. Ich wollte da nicht zu viel Aufmerksamkeit drauf verschwenden oder der Person sogar Genugtuung für ihr Verhalten geben.

Du hast also nichts gesagt?
Ich habe nicht explizit etwas zu ihm gesagt oder es direkt angesprochen. Aber ich habe das Gefühl, dass er weiß, wie ich darüber denke und warum so etwas nicht OK ist. Um das richtig anzusprechen, braucht es meiner Meinung nach die richtige Zeit und den richtigen Ort.

Und was ist deiner Meinung nach die "richtige Zeit und der richtige Ort"?
Für mich wäre das unter vier Augen. Ich fände es nicht richtig, das vor einer großen Gruppe anzusprechen. Wenn ich das vor der Gruppe anspreche, könnte das dem Freund peinlich sein. Und ich will meine Freunde nicht bloßstellen.

Wilson, 27

In der High School haben Freunde von ihm gemeinsam ein Mädchen vergewaltigt. Er hat nichts getan.

Was ist passiert?
Wilson: Meine Mutter war Vertrauensperson an meiner High School und betreute dieses Mädchen. Nach der Vergewaltigung erzählte sie meiner Mutter davon und die ist dann natürlich sofort zur Polizei gegangen. Aus irgendeinem Grund hat das Mädchen aber nach ein paar Wochen die Anzeige wieder zurückgezogen und den Typen ist nichts passiert.

Wie eng warst du mit ihnen befreundet?
Das waren meine besten Kumpels. Ich habe nie im Detail mit ihnen darüber gesprochen, weil sie nicht wussten, dass ich es wusste. Ich wusste es ja nur durch meine Mutter. Ich weiß, dass ein paar der Jungs wegen der ganzen Geschichte ziemlich durch den Wind waren. Die hatten nicht mitgemacht, aber waren dabei, als es passiert ist.

Und du hast deine Freunde nie damit konfrontiert?
Nein, habe ich nicht. Das lag aber auch daran, dass das ein wirklich angsteinflößender Haufen war. Ich hatte richtig Schiss, dass die mich zusammenschlagen oder anderweitig fertigmachen, wenn ich die Sache anspreche. Ein Typ, der zugeschaut hatte, wurde von ihnen vermöbelt, weil er aussagen wollte. Aber dann wurde die Anzeige zurückgezogen und alle machten einfach weiter, als ob nichts passiert wäre.

Was hättest du damals lieber anders gemacht?
Ich wünschte, ich hätte dem Mädchen irgendwie helfen können. Ich kannte sie nicht und wusste davon nur durch meine Mutter, aber ich wünschte, ich hätte ihr gesagt, dass sie die Anzeige nicht zurückziehen soll. Ich wünschte, ich hätte vor Gericht aussagen und ihr rechtliche Unterstützung geben können. Ich wünschte, ich hätte ihr gesagt, dass das, was sie durchmacht, kein isolierter Einzelfall ist.

Hat der Vorfall dein heutiges Denken und Verhalten beeinflusst?
Ich glaube nicht, dass er meine Ansichten verändert hat. Er hat sie aber definitiv gestärkt. Als jemand in einer Führungsposition tue ich mein Möglichstes, um allen und jedem so viel Schutz wie möglich zu bieten. Ich arbeite in einer Bar, in der sich Leute oft beschissen gegenüber Frauen verhalten. Ich versuche deutlich zu machen, dass so etwas dort nicht toleriert wird.

Levi, 24

In der Schule hat er eine Frau damit aufgezogen, dass sie Sex hatte.

Hey Levi, was hast du für Erfahrungen gemacht?
Levi: Ich habe nicht aktiv in irgendeiner Form Frauen missbraucht oder belästigt. Meine Mutter war alleinerziehend mit drei Kindern. Mir wurde also beigebracht, Frauen mit Respekt zu behandeln. Als ich allerdings jünger war und noch zur Schule ging, habe ich, weil ich dazugehören wollte, nichts dagegen getan, wenn Frauen bloßgestellt wurden.

Gab es einen Moment, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Einer meiner Freunde hatte mit diesem Mädchen geschlafen und gab vor uns allen damit an. Er ging sehr ins Detail. Wir lachten alle und sagten, sie sei eine "Schlampe" und eine "Nutte". Ich sah das persönlich zwar nicht so, aber ich wollte deswegen auch niemanden anprangern. Später haben wir uns dann offen über das Mädchen lustig gemacht und es vor ihren Freunden bloßgestellt – wir hielten das bloß für einen großen Spaß. Ich fand nicht gut, was ich da tat, aber ich hatte auch tierische Angst, etwas dagegen zu sagen. Sonst hätten sie sich wahrscheinlich alle auf mich eingeschossen.

Was würdest du heute tun?
Ich würde das nicht mehr geschehen lassen. Wenn das heute passieren würde, würde ich sie darauf ansprechen und aus meinem Freundeskreis entfernen. Ich schätze mich glücklich, dass ich so viele Menschen in meinem Leben habe, Männer und Frauen, die sich nicht so verhalten.

Kennst du noch Leute, die sich so verhalten?
Ich kenne gewisse Menschen in- und außerhalb meines Freundeskreises. Ich höre manchmal von solchen Geschichten, aber zum Glück nicht so regelmäßig wie früher.

Hast du sie darauf angesprochen?
In manchen Fällen habe ich das, in anderen nicht. Wenn ich das nicht getan habe, dann eigentlich immer aus dem gleichen Grund wie damals, als ich noch jünger war. Ich habe einfach Angst, von der Gruppe dafür verurteilt zu werden. Ich habe den Eindruck, dass es immer noch sehr problematisch ist, so etwas anzusprechen.

Tim, 27*

Tim hat mehrmals Frauen hinterhergepfiffen.

Hey Tim, erzähl mir, wie du Frauen hinterhergepfiffen hast.
Tim: Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals sexuell gewalttätig gegenüber irgendjemandem gewesen zu sein, aber ich bin in einem kleinen Ort in New South Wales aufgewachsen und Hinterherpfeifen gehörte einfach zur Kultur. Alle haben das getan, also haben ich und meine Freunde auch mitgemacht. Uns wurde es nicht gerade beigebracht und wir haben uns auch nie groß Gedanken darüber gemacht, was der richtige und falsche Umgang mit Frauen ist. Erst als ich aus dieser Kleinstadtwelt weggezogen bin, habe ich langsam den größeren Zusammenhang verstanden.

OK, und wie fühlst du dich jetzt, da du aus diesem Umfeld raus bist?
Ich würde das nie wieder gegenüber einer Frau machen. Wenn du dieses Umfeld verlässt, wirst du erwachsener und lässt die Kleinstadtmentalität hinter dir. Ich will damit nicht entschuldigen, wie ich Frauen in der Vergangenheit behandelt habe. Ich übernehme volle Verantwortung dafür. Ich schäme mich dafür. Jetzt denke ich nicht mehr im Traum daran, so etwas zu machen.

OK, was würdest denn jetzt tun, wenn jemand in deiner Nähe einer Frau hinterherpfeift?
Wenn es ein Freund oder Kollege wäre, würde ich definitiv etwas sagen. Bei Fremden bin ich mir aber nicht so sicher.

Was hält dich davon ab, Fremde zur Rede zu stellen?
Ich bin mir gar nicht so sicher. Ich darüber nachgedacht, ob ich in bestimmten Situationen körperlich einschreiten würde, aber ich glaube nicht, dass sich Gewalt mit Gewalt lösen lässt. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht ganz sicher, wie man damit am besten umgeht. Ich weiß nicht, wie man es am besten anspricht.

Kannst du dich an einen Vorfall erinnern, bei dem du versucht hast, jemanden darauf anzusprechen?
Es gab einen Vorfall, als Freunde von mir richtig hart rassistisch beleidigt wurden. Ich stand einfach unter Schock, als das passierte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich in dem Augenblick irgendetwas sagen oder tun konnte, damit es nicht passiert.

*Name auf Wunsch des Befragten geändert.

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